Joachim Gemmert, 59, ist Erster Kriminalhauptkommissar bei der Polizeidirektion Freiburg. Schon seit 1992 arbeitet er dort für die Kriminalinspektion 3 (K3), die sich mit der Wirtschaftskriminalität befasst. Im Gespräch mit chilli-Autor Dominik Bloedner spricht Gemmert über Veruntreuer und Betrüger, angebliche Erben und die kriminelle Energie in Südbaden.

Kripokommissar Joachim Gemmert: »Sehr viele Betrügereien mit falschen Gewinnversprechen.«

 

chilli: Herr Gemmert, was genau macht ein Kriminalhauptkommissar, der in Sachen Wirtschaftskriminalität ermittelt?
Gemmert: Unser Team von der K3 kümmert sich um Straftaten im Zusammenhang mit Insolvenzen, dort insbesondere auch um Bankrottstraftaten. Weitere Schwerpunkte sind Untreuehandlungen im Geschäftsverkehr, Betrügereien bei Kapitalanlagen, Geldwäsche oder auch Falschgelddelikte. Ein weiteres heißes Thema ist das Skimming, also das Online-Ausspähen von Bank- oder Kreditkartendaten.

 

chilli: Bei Wirtschaftskriminalität denkt man gerne an Fälle wie den von FlowTex. Das Nordbadener Unternehmen von Manfred Schmider hat in den Neunziger Jahren munter und erfolgreich horizontale Tunnelbohrmaschinen verkauft – die es gar nicht gab. Es entstand ein Schaden von damals rund fünf Milliarden D-Mark. Wie stark ist die kriminelle Energie in Südbaden? Freiburg gilt als kriminellste Stadt in Baden-Württemberg.
Gemmert: Solch spektakuläre Fälle hatten wir bislang nicht. Derzeit steht ein Buchhalter eines mittelständischen Betriebs im Verdacht, Gelder auf sein Privatkonto umgeleitet zu haben. Der Schaden beträgt rund 400.000 Euro. Weiter wird der Geschäftsführer einer Gesellschaft beschuldigt, innerhalb von fünf Jahren 1,5 Millionen Euro veruntreut zu haben. Und leider haben wir im Alltagsgeschäft sehr viele Betrügereien mit falschen Gewinnversprechen oder Erbschaftsankündigungen. Die betrogenen Personen sind dazu gebracht worden, finanzielle Vorleistungen zu erbringen – von dem Erbe oder dem Gewinn haben sie natürlich nie etwas gesehen.

 

chilli: Spielt die geographische Lage von Südbaden im Dreiländereck eine besondere Rolle?
Gemmert: Nein, nicht erkennbar.

 

chilli: Wie viele Fälle bearbeiten Sie im Polizeipräsidium Freiburg pro Jahr? Wie hoch ist die Schadenssumme?
Gemmert: 2014 hatten wir 619 Fälle, das war ein Rückgang um 6,2 Prozent verglichen mit 2013. Die Schadenssumme lag 2014 bei etwas über 100 Millionen Euro. Als landesweiter Trend im Bereich Wirtschaftskriminalität ist zu erkennen, dass die Fallzahlen zwar zurückgehen, die Schadenssumme aber steigt. Je nach Umfang der abgeschlossenen Verfahren kann die Schadenssumme im Jahresvergleich schwanken. 2013 betrug sie deshalb nur knapp 25 Millionen Euro. Auch war 2014 kein repräsentatives Jahr: Viel Personal, auch von der K3, musste längere Zeit in Sonderkommissionen und Ermittlungsgruppen Dienst verrichten, etwa im Mordfall Armani. Viele Fälle werden daher erst 2015 in die Statistik einfließen.

Wirtschaftskriminalität: Interview mit Kommisar Joachim Gemmert

 

chilli: Wie hoch ist die Dunkelziffer? Vor allem Firmen gehen etwa bei Industriespionage ja nicht so gerne zur Polizei oder an die Öffentlichkeit – zu hoch die Angst vor dem Imageverlust.
Gemmert: Hinweise diesbezüglich können wir nicht angeben. Beim Landeskriminalamt können jedoch anonym Anzeigen über das »anonyme Hinweisgebersystem BKMS« erstattet werden. Dies kann eine mögliche Hemmschwelle minimieren.

 

chilli: Welche anderen Inspektionen bitten Sie um Amtshilfe?
Gemmert: Eine enge Zusammenarbeit besteht insbesondere im Bereich der K7 mit den Kollegen der Finanzermittlung sowie im Bereich der K5 Cybercrime. Beide Inspektionen sind in vielen Fällen von Anfang an involviert und unterstützen auch bei Durchsuchungsmaßnahmen und Auswertungen.

 

chilli: Das Thema Datenschutz steht bei mittelständischen Unternehmen ganz oben auf der Agenda, die Sensibilität fürs Thema Wirtschaftskriminalität hat deutlich zugenommen. Betreiben Sie auch Prävention und klären Firmen auf, wie sie sich besser schützen könnten?
Gemmert: Prävention vor Ort wird von hier aus nicht durchgeführt. Das Landeskriminalamt steht jedoch mit Banken, Unternehmen, der IHK und anderen Verbänden diesbezüglich in Verbindung.

 

chilli: Herr Gemmert, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Fotos: Polizei, denisismagilov/fotolia.com