Das Interesse an Literatur mit der Lust am Radfahren zu verbinden, das steckt hinter dem ausgezeichneten Projekt „Per Pedal zur Poesie“ – initiiert von Thomas Schmidt, der am Literaturarchiv Marbach (ALIM) die Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten leitet. Zehn Radwege sind bereits fertig, sie machen das Literaturland Baden-Württemberg buchstäblich neu er-fahrbar. Jetzt ist ein neuer in Planung, der die Verbindung literarisch bedeutender Schauplätze zwischen Freiburg und Basel herstellen soll. cultur.zeit-Autorin Cornelia Frenkel hat sie schon mal besucht.

Marie Luise Kaschnitz: Die Herzkammer der Heimat schlägt in Staufen.

 

Für Marie Luise Kaschnitz (1901–1974), eine der wichtigen deutschen Autorinnen des 20. Jahrhunderts, wurde kürzlich im Rathaus Bollschweil eine neue Dauerausstellung eingerichtet: Herzkammer der Heimat – Marie Luise Kaschnitz in Bollschweil und andernorts. Im Zentrum ein Schreibtisch der Dichterin, der jetzt auch als Trautisch dient; an einer Wand großformatige Fotos, gegenüber Vitrinen und Schubladen mit Büchern und Manuskripten. Im Fokus der Ausstellung stehen Orte, die Kaschnitz’ Werk markiert haben – insbesondere Rom, Frankfurt und Bollschweil: „Ich lebe sehr stark in meiner Umgebung, alles, was in mir vorgeht, spiegelt die äußere Welt. Darum gibt es bei mir so wenig Verfremdung“, sagte sie einst.

 

Kaschnitz war in Deutschland nach 1945 eine wichtige Stimme, man denke nur an ihre Lyrik „Totentanz und Gedichte zur Zeit“. Sie wohnte den Frankfurter Auschwitz-Prozessen (1963–65) bei und stand mit wichtigen Intellektuellen wie Sternberger, Adorno, Celan, Bachmann und Huchel in freundschaftlichem Austausch. 1955 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis. Aufgewachsen war sie in Berlin und Potsdam, mit drei Geschwistern in der Offiziersfamilie des Freiherrn Max von Holzing-Berstett, die am Ende des Ersten Weltkriegs auf den ererbten Gutshof nach Bollschweil zog. Nach der Ausbildung zur Buchhändlerin arbeitete sie in München und traf dort den Archäologen Guido Kasch-nitz von Weinberg, ihren späteren Mann. Sie reiste viel, kehrte aber oft nach Bollschweil zurück. In „Beschreibung eines Dorfes“ (1966) befasst sie sich mit dieser Ortschaft, in der sie auch beerdigt ist. Eine Medienstation bieten dem Besucher Aufnahmen von Lesungen sowie Film-Ausschnitte

Erhart Kästner hier mit Hermann Kesten in Britzingen: Lebensläufe voller Widersprüche.

 

Von Bollschweil nach Staufen
Schon 2013 eröffnete in Staufen eine literarische Dauerausstellung zu Leben und Werk der Schriftsteller Peter Huchel (1903–1981) und Erhart Kästner (1904–1974) – im denkmalgeschützten Stubenhaus, in dem seit dreißig Jahren jährlich der Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik verliehen wird. Warum Huchel und Kästner zusammen? Sie verbrachten ihre letzten Lebensjahre in Staufen und waren befreundet. Beide hatten im Literaturbetrieb des geteilten Deutschland nach 1945 zentrale Positionen inne: Huchel leitete in der sowjetischen Besatzungszone den Berliner Rundfunk und war von 1949 bis 1962 Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er geriet in die Kritik, wurde kaltgestellt und überwacht; sein Haus blieb aber Treffpunkt für Regimekritiker, darunter Wolf Biermann und Reiner Kunze, auch Böll besuchte ihn. 1971 durfte Huchel endlich ausreisen und fand in Staufen eine „Notherberge“.

 

Kästner war im Westen als Juror und Direktor der renommierten Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel tätig, von ihm ist etwa eine Schriftrolle seines Buches „Aufstand der Dinge“ ausgestellt. Der Autor ist nicht unumstritten: In der Nazizeit ging er nach Griechenland, schwärmte für die Antike, überging aber den Terror der NS-Besatzung. Die ansprechend gestaltete Ausstellung beinhaltet viel Stoff zum Thema widersprüchlicher Lebensläufe in der Extremsituation 20. Jahrhundert.

René Schickele: Der Rhein trennt nicht, er vereint.

 

Von Staufen nach Müllheim
Im Mai 2014 hat das Markgräfler Museum eine literaturgeschichtliche Ausstellung eröffnet, die nicht einzelne Literaten behandelt, die dort geboren oder eingewandert sind, sondern die ganze Region seit dem 18. Jahrhundert in den Blick nimmt. Unter drei Aspekten: Entwicklung einer literarischen Öffentlichkeit, Situation an der Dreiländer-Grenze und Reiz der Landschaft für die Literatur. Das Konzept hat Museumsleiter Jan Merk mit dem Literaturhistoriker Manfred Bosch erarbeitet, beteiligt ist auch hier Thomas Schmidt vom ALIM. Über Wendeltreppen steigt man zum Dachspitz des Museums und trifft auf ein klares Präsentationssystem. An der West- und Ostseite laufen fotografierte Panoramen von Schwarzwald und Vogesen, die aus einer Dachluke teils auch in natura sichtbar sind. An der Südseite des Raums ein Gemälde, an der Nordseite ein Buchobjekt – mit einem Aquarell von Emil Bizer und einem berühmten Zitat seines Freundes René Schickele, der im Elsass geborene Schriftsteller, der sich 1923 in Badenweiler niedergelassen hatte und Frankreich und Deutschland versöhnen wollte:

 

„Das Land der Vogesen und das Land des Schwarzwaldes sind wie zwei Seiten eines aufgeschlagenen Buches – ich sehe deutlich vor mir, wie der Rhein sie nicht trennt, sondern vereint, indem er sie mit seinem festen Falz zusammenhält.“

 

Neun Vitrinen strukturieren den Raum, eine Medienstation ermöglicht Recherchen. Mit Johann Peter Hebel (1760–1826), dem guten Geist Badens und des alemannischen Sprachraums, beginnt die Schau, seine „Alemannischen Gedichte“ fanden ein überregionales Echo, wurden von Goethe, Jean Paul, Kafka verehrt. 1789 riefen sodann Müllheimer Bürger eine Lesegesellschaft ins Leben.

 

Von Müllheim nach Badenweiler
Der nah gelegene Kurort Badenweiler hat beim Übergang ins 20. Jahrhundert eine Sonderstellung: mit Anton Tschechow, Stephen Crane und Hermann Hesse zieht ein Stück Welt ein. Das wird im Literarischen Museum „Tschechow Salon“ eigens dargestellt. Tschechow kam 1904 in den Thermalkurort, erlag aber bereits nach wenigen Wochen seiner Lungenerkrankung. Das Museum öffnet aber auch den Blick auf Crane (der 1900 in Badenweiler starb) und Hesse (der hier kurte) sowie auf Annette Kolb und René Schickele, die lange in Badenweiler lebten.

Verewigt im Shakespeare-Fresko: Dietrich Schwanitz.

 

Von Badenweiler nach Hartheim
Und schließlich nach Hartheim ins Historische Gasthaus & Schwanitz-Haus „Zum Salmen“, das der Publizist und Bildungskritiker Dietrich Schwanitz (1940–2004) im Jahr 2001 erworben hatte und in dem neben dem Schankraum mit Piano auch ein Theatersaal seine Herberge hat. Schwanitz, der auch an der Freiburger Universität gelehrt, 1995 den Schlüsselroman „Der Campus“ und 1999 seinen Bestseller „Bildung. Alles, was man wissen muss“ veröffentlicht hatte, wertete das Haus durch ein großformatiges Shakespeare-Fresko im Theatersaal auf, bevor er überraschend starb. Hernach gründete sich ein Förderverein, der den Salmen weiter restauriert hat und ein regelmäßiges Kulturprogramm auf die Bühne bringt. In einem Raum wird hier nun mit der Unterstützung aus Marbach eine Schwanitz-Gedenkstätte eingerichtet – mit Fotos, Zeichnungen, Schriftstücken, Plakaten, Büchern und Objekten, die seine Biografie erhellen.

 

Das Literaturland Baden-Württemberg, das von Stuttgart über Tübingen bis zum Bodensee bereits viele literarische Gedenkstätten pflegt, würde mit diesem literarischen Radweg in Südbaden bald noch um eine Attraktion reicher sein.

 

Text: Cornelia Frenkel / Fotos: Deutsches Literaturarchiv Marbach, Markgräfler Museum Müllheim, Eddy Weeger