Wer den Oberrhein mit dem Fahrrad erkunden will, hat die Qual der Wahl: Der Rheinradweg ist sowohl links- als auch rechtsrheinisch lückenlos ausgebaut, und an beiden Ufern locken urwüchsige Auenlandschaften, malerische Städtchen und Kulturdenkmäler. Wer sich nicht entscheiden kann, greift deshalb zur dritten Alternative: gelegentliche Seitenwechsel.

Ausflugstipp_1
Rechts oder links? Rhein oder rhin? Deutschland oder Frankreich? Diese Frage stellt sich schon kurz hinter Basel ein erstes Mal. Im Grenzstädtchen Weil am Rhein spannt sich die weltweit längste freitragende Fußgänger- und Radfahrerbrücke über den Strom: Die Dreiländerbrücke verbindet Weil mit der französischen Partnerstadt Huningue. Die ‚petite camargue‘ auf der elsässischen Seite des Rheins verführt zum ersten Flussübergang. Dort spazieren die Ausflügler über Stege und Brücken, an Bachläufen, Teichen und Vogelbeobachtungsposten vorbei auf gewundenen Pfaden durch den von Besuchern, Vögeln und Insekten stimmungsvoll beschallten Auenwald. In den historischen Gebäuden der ehemaligen kaiserlichen Fischzucht inmitten des Reservats informieren Ausstellungen über die Geschichte des Rheins und der Lachszucht.

Ein gelungener Auftakt für die 230 Kilometer lange Wegstrecke von Basel nach Karlsruhe. Unser Fahrradtacho wird allerdings am Ende deutlich mehr anzeigen, immerhin queren wir den Rhein noch einige Male. Die elsässische Route führt meist etwas abseits des Rheins auf geteerten Radwegen an Kanälen entlang durch Fachwerkdörfer und Maisfelder. Der rechtsrheinische Radweg schmiegt sich meist eng an den Rhein an, häufig verläuft er direkt auf dem feinschottrigen Damm, wie auf der Strecke von Neuenburg nach Breisach. Als Breisach Ende des 17. Jahrhunderts dem deutschen Kaiserreich zugesprochen worden war, schuf der Festungsbaumeister Vauban im damals neu gegründeten Neuf-Brisach auf der anderen Rheinseite ein Stadtbild von eigentümlicher Schönheit. Sein Meisterwerk zählt seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ein achteckiger Stern aus Mauern, baumbewachsenen Zwischenstreifen und Türmen umgibt das kleine Städtchen, das seit seiner Gründung in dieser Form verharrt. Neuf-Brisach bietet Radfahrern aber noch ein zweites Highlight. Auf dem „Camping Vauban“ am östlichen Stadttor können Radreisende statt im eigenen Zelt für einen geringen Aufpreis auch im campingplatzeigenen ‚bivouac‘ übernachten: eine Art Hochbett mit Zeltdach, ausgestattet mit Matratzen und Leselampe, darunter befindet sich in Stehhöhe eine Sitzgelegenheit und Abstellplatz für zwei Räder. Für uns Luxus pur: Das eigene Zelt bleibt im Sack, und wir genießen vor dem Einschlafen von unserer hohen Warte den Blick auf Baumsilhouetten und Sternenhimmel.

Ausflugstipp_3
Am nächsten Morgen wechseln wir nach 20 Kilometern wieder die Seiten. Hinter der Maginot-Denkmalstätte in Marckolsheim lockt Sasbach auf der deutschen Seite mit der Burgruine Limburg und den Resten eines keltischen Walls. Nach weiteren 20 Kilometern, kurz vor dem verwunschenen Urwaldgebiet Taubergießen, formieren sich abstrakte Gebilde in der Ferne: die Achterbahnen des Europaparks. Wer ein außergewöhnliches Nachtlager sucht, wird hier fündig: Blockhaus, Tipizelt und Planwagen sind rustikale Alternativen zum Pensions- oder Hotelzimmer.

An einer Weggablung stehen zwei Schweizer Radler, die Köpfe über den Radwanderführer gebeugt. Ein Sturm hat das Schild gedreht. Noch gibt es auf der Strecke keine einheitliche Beschilderung. Das soll sich ändern: Der Rheinradweg gehört seit Kurzem zum offiziellen europäischen Radroutennetz „Eurovelo“. In absehbarer Zeit wird das blaue Logo mit der Nummer 15 die Radfahrer von der Quelle im Gotthardmassiv bis zur Mündung in Hoek van Holland begleiten. Während die Schweizer auf der deutschen Seite weiterfahren, nehmen wir den nächsten Rheinübergang in Angriff – wie könnten wir auch die elsässische Hauptstadt links liegen lassen? Die grenzüberschreitende Landesgartenschau im Jahr 2004 hat den Bewohnern und Besuchern der Städte Kehl und Straßburg nicht nur zwei großzügige Parkgelände auf beiden Seiten des Rheins hinterlassen, sondern auch die Fußgänger- und Radfahrerbrücke ‚Passerelle des deux Rives‘. So gelangen wir zum kulinarischen Tageshöhepunkt: Im Straßburger Gerberviertel Petite France gibt es Flammekueche und den Bäckereintopf Baeckeoffe.

Ausflugstipp_4
Bis kurz vor Karlsruhe bleiben wir linksrheinisch. Das Finale wird, wie schon der Auftakt, musikalisch von Fröschen und Vogelstimmen eingerahmt: Der Radweg führt mitten durch das Naturschutzgebiet Sauerdelta. Störche stapfen auf den überschwemmten Wiesen, eine Schar Wildgänse hat sich wie als Abschiedskomitee am Rheinufer versammelt: à bientôt am Rhein!

Text & Fotos: Nicole Kemper

Info

Radreiseführer mit Detailkarten (1:75000)
Rhein-Radweg, Teil 2, Esterbauer, 2013, 13,90 Euro
(sowohl links- als auch rechts-rheinische Streckenführung)

Rhein-Radweg von Basel nach Mainz
Bruckmann 2011, 9,99 Euro (folgt meist der Alternativroute durch Rebland und Städtchen auf dem Rheintal-Weg)

www.rheinradweg.eu