Zerknüllte Lebenswelten

Zabü, Zapa, Tatü, Wami und Mütü steht auf dem quadratischen weißen Blatt mit der unterstrichenen Überschrift „DM“. Für die zufällige Finderin dieser fragmentarischen Notizen handelt es sich jedoch nicht einfach um einen vergessenen oder unachtsam weggeworfenen Einkaufszettel mit Drogerieartikeln.

Fussrubbelding
Sie sieht darin vielmehr ein ergreifendes Lautgedicht, dessen Autor sein Leben den schönen Künsten gewidmet hat. Und der im Alltag so viel Inspiration findet, dass er nicht nur kleine Landschaften aus übrig gebliebenem Kartoffelpüree knetet, sondern auch die seltene Begabung besitzt, banale Einkaufshilfen durch treffsichere Verkürzelung in Dadagedichte zu verwandeln. Sie vermutet gar, dass die Nachbarn allabendlich die wunderbare Gelegenheit haben, ihn lauthals aus seinen Dichtungen deklamieren zu hören.

Seit zehn Jahren sammelt die Kunsthistorikerin Sandra Danicke derlei liegen gebliebene Alltagswerke, die sie in Einkaufswagen, Rinnsteinen und Papierkörben vor Supermärkten oder in Altpapiercontainern findet. Anhand der zerknüllten Papiere spinnt sie Psychogramme, philosophiert über emotionale Zustände, ergründet Vorlieben oder Familien- und Kontostände der jeweiligen Verfasser. Das tut sie umwerfend komisch – aber auch so spitzfindig, dass man künftig seinen Einkaufszettel lieber aufisst als irgendwo vergisst.

Fußrubbelding – Einkaufszettel erzählen vom Leben
von Sandra Danicke
Verlag: Fischer Taschenbuch, 2013
Seitenzahl:
160, broschiert
Preis: 8,99 Euro


Text: Erika Weisser