Sie sammeln und horten, bis die Wohnung im Chaos versinkt: In Deutschland leben Schätzungen zufolge zwischen 300.000 und 2,5 Millionen Messies – eine zuverlässige Zahl gibt es nicht. In der Gesellschaft gelten sie oft als verwahrlost, schmutzig, zu faul zum Aufräumen. Zu Unrecht, weiß die Freiburger Therapeutin Veronika Schröter. Sie hat sich auf die Behandlung von Menschen mit Messie-Syndrom spezialisiert. Von Menschen mit einer seelischen Störung, bei denen das äußere Chaos das innere widerspiegelt.

Chaos  als Hilfeschrei

 

Ihre Patienten kennen sie als ordentliche und gut organisierte Logopädin – der Schreibtisch ist stets aufgeräumt, die Praxis blitzblank, die Kleidung sauber und gebügelt. Was sie nicht wissen und nie ahnen würden: Anna Schusterer* ist ein Messie.

In jedem Zimmer ihrer Wohnung, in der sie mit ihrem Mann und ihrer 15-jährigen Tochter lebt, stapelt sich Papier. Freunde oder Verwandte einzuladen ist unmöglich, der Besuch des Schornsteinfegers wird zur Nervenprobe – zu groß sind die Scham und die Angst vor den Reaktionen, die von Unverständnis bis hin zu Ekel reichen.

„Das Messie-Syndrom wird oft als Vermüllungssyndrom missverstanden. Messies, das sind die Menschen, in deren Wohnungen es krabbelt, schimmelt und riecht“, fasst Therapeutin Schröter die gängigsten Vorurteile zusammen. Aber das sei weit gefehlt: Der typische Messie ist nicht der arbeitslose Jogginghosenträger mit fettigen Haaren, sondern der Geschäftsmann mit dem gebügelten Anzug und dem schicken Wagen in der Garage. „Viele meiner Klienten sind aus der Mittel- oder Oberschicht, beruflich erfolgreich und sehen wie aus dem Ei gepellt aus“, erzählt die 52-Jährige.

Es ist Mittagszeit. Schusterer steht am Herd. Die Tochter kommt gleich aus der Schule, es gibt Buchweizen mit Zucchini, Mais und Sojabällchen. Die alte Holzküche ist blitzblank, die Fliesen glänzen, vor dem Fenster blühen Geranien. Sauberkeit ist der berufstätigen Mutter sehr wichtig, sie sei da „päpstlicher als der Papst“. Doch wenn man aus der Küche kommt, steht man in einem Wohnzimmer, in dem sich alte Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und alte Briefe bis zur Decke stapeln. Die drei Schreibtische der Familie quellen über, Pappe und Holz liegen vor dem Ofen verstreut, auf dem Boden steht ein Käfig mit Meerschweinchen. Lediglich ein schmaler Gang führt durch das Chaos.

Schusterer ist kein fauler Mensch: Neben ihrem Beruf engagiert sie sich ehrenamtlich, setzt sich für den Umweltschutz ein, sorgt für ihre Familie und ihre Haustiere. Die 54-Jährige ist auch nicht schlampiger als andere Menschen: Sie leidet unter einer „psycho-emotionalen Befindlichkeitsstörung“, wie es im Fachjargon heißt: Sie kann sich einfach nicht entscheiden, was nützlich ist – und was nicht. Der gelesenen Zeitung wird der gleiche Wert beigemessen wie einem wichtigen Dokument. Während ein gesunder Mensch das eine in den Mülleimer wirft und das andere abheftet, sammelt und hortet der Messie beides.

Dabei haben sich die Betroffenen oft ein eigenes Ordnungssystem geschaffen, wie sie in ihrem Chaos zurechtkommen, berichtet Schröter, die nach 13 Jahren als Messie-Therapeutin hunderte solcher Wohnungen kennt. Etwa die Bude eines Studenten mit Messie-Syndrom, der sein Schlafzimmer bis unter die Decke mit Möbelstücken vollgestellt hat und sich an einem Seil nach oben zieht, um die obersten zu erreichen. Oder die Wohnung, in der sich so viel angesammelt hat, dass der Vermieter sie zwangsräumen will, weil er Angst hat, dass die Decke durchbricht.

Messie-Therapeutin Veronika Schröter: „Da stecken Wut und Trauer dahinter.“

 

Was hinter der Sammelwut steckt, ist in Deutschland kaum erforscht. Schröter hat daher acht Jahre lang einzelne Forschungsarbeiten zusammengetragen, um die Ursachen herauszufinden. Ihr Ergebnis: „Die meisten Betroffenen haben schon früh in ihrem Leben die Erfahrung gemacht, dass nicht ihre Bedürfnisse zählen, sondern dass sie sich dem Willen der Erziehungsberechtigten unterzuordnen haben.“ Ein Wille, der oft mit körperlicher oder psychischer Gewalt durchgesetzt wurde.

Eine weitere Ursache kann der frühe Tod eines Elternteils sein, der nicht verarbeitet wurde. „Die Wohnungen sind ein einziger Hilfeschrei“, so Schröter, „da stecken meist eine unglaubliche Enttäuschung, Trauer und Wut dahinter.“ Bei Schusterer sind die Ursachen ihres Messie-Problems nicht sofort zu erkennen – auf den ersten Blick scheint sie eine perfekte Kindheit in einer wohlhabenden Familie gehabt zu haben. Doch während die Eltern nach außen hin bemüht waren, den Schein der glücklichen Familie zu wahren, zerbrach die Familie. Der Vater war untreu und schwängerte eine Angestellte, die Mutter, die selbst jahrelang keine Kinder bekommen konnte, dachte an Selbstmord. Die Eltern nahmen das uneheliche Kind bei sich auf, drei eigene Kinder folgten unerwartet.

Als Schusterer elf Jahre alt ist, stirbt der Vater, die Mutter ist mit vier Kindern überfordert und lässt keinen Raum für Trauer zu. Für Schusterer ist das der Zeitpunkt, ab dem ihre Messie-Probleme begannen. Mittlerweile hat sie dreieinhalb Jahre Psychotherapie hinter sich. Wirklich geholfen hat sie ihr nicht. Auf Drängen ihrer Tochter besucht die 52-Jährige dann im vergangenen April einen Vortrag von Veronika Schröter – und ist begeistert: „Da stand eine Frau und hat mir mein Leben erklärt. Mir war gleich klar: Das ist der Mensch, auf den ich gewartet habe.“ Schusterer überwindet ihre Scham und meldet sich für eine von Schröters Gruppen an, die sich ein Jahr lang regelmäßig trifft.

Den Weg aus dem Chaos weist die Therapeutin hier mit einem selbst entwickelten Konzept, das stark auf der Gestalttherapie basiert: über Probleme wird nicht nur geredet, ihnen wird körperlich nachgespürt. Schröter steht auf und legt ein gelbes und ein orangefarbenes Blatt Papier auf den Parkettboden ihres hellen Praxisraums – sie stehen für Mutter und Vater. Nun sollen die Patienten eine der Figuren wählen, die auf der Fensterbank stehen. „So etwas bekomme ich dann typischerweise zu sehen“, sagt die Therapeutin und stellt eine hölzerne Kriegerstatue auf den Platz des Vaters und eine kleine, weiche Puppe auf den der Mutter.

„Dann bitte ich den Klienten, sich selbst als Kind in dem Raum zu platzieren“, fährt sie fort und wählt einen Plüschhund aus einem Haufen Stofftiere. In der den Eltern entgegengesetzten Ecke des Raumes setzt sie den Hund ab – unter einem Tisch mit dem Gesicht zur Wand. Es braucht kein Psychologiestudium, um zu verstehen, welche Kindheit ein Mensch, der solch eine Wahl trifft, gehabt hat.

Und es wird auch deutlich, warum es nicht hilft, einfach in die Wohnung zu spazieren und aufzuräumen. Über Fernsehshows, bei denen ein Entrümplungsteam einem Messie die Wohnung ausräumt und neu einrichtet, kann Schröter nur den Kopf schütteln: „Das ist zu kurz gedacht.“ Anstatt die Symptome zu behandeln, müsse man die Krankheit bei der Wurzel packen. Und auch dann erfolgt die Besserung nur in kleinen Schritten.

Schusterer besucht nun seit einem halben Jahr die Gruppentherapie. Vor Kurzem wanderte der erste Zeitungsstapel in den Müll. Wertvoller als die Ordnung in ihrer Wohnung sind ihr jedoch die inneren Veränderungen, die die Gruppe bei ihr bewirkt: „Die Umwelt erwartet, dass sich schnell was verändert. Doch wichtiger ist, dass ich durch die Gruppe die Liebe zu mir selbst gefunden habe. Das gibt mir die Kraft, zu sagen: Das schmeiß ich jetzt weg.“

*Name von der Redaktion geändert

Text: Tanja Bruckert / Fotos: iStock, Tanja Bruckert

 

 

Nützliche Links

www.veronika-schroeter.de
www.treffpunkt-freiburg.de/shg_messies
www.deutsche-messie-selbsthilfe.de
www.messiehilfe.ch