Bloß kein „Fun“!

Ein neues Album, eine anstehende Tour in den größten Hallen, eine erfolgreiche 25-jährige Bandkarriere: Die Fantastischen Vier haben gerade einiges zu feiern. Doch Geschenke wollen sie keine – im Gegenteil. Sie zeigen sich selbst in Geberlaune und beschenken ihre alten und neuen Fans mit einer neuen Platte – die neunte in einer Laufbahn, die Thomas D nicht ganz ohne Stolz als tatsächlich „Rekord“-verdächtig bezeichnet. Wahrscheinlich auch weil seine Band-Kollegen Smudo und Michi Beck momentan als Juroren bei „The Voice of Germany“ im Einsatz sind, gibt der 45-Jährige bereitwillig Auskunft über „Rekord“. Im Interview spricht der Rapper aber nicht nur über den neuen Longplayer, sondern plaudert auch noch ein paar spannende Anekdoten aus der Bandgeschichte aus.

 

chilli: Ihre neue Platte heißt „Rekord“. Damit ist wohl Ihr 25-jähriges Band-Jubiläum gemeint, oder?
Thomas D: Ja, auch – zumal wir tatsächlich einen Rekord aufgestellt haben, denn es gibt selbst international keine HipHop-Band, die seit 25 Jahren aktiv Musik macht und regelmäßig Platten veröffentlicht. Zudem ist „Rekord“ unser neuntes Album, was einen temporären Rekord im Sinne veröffentlichter Platten für uns als Band darstellt. „Rekord“ steht aber auch für den Knopf am Kassettenrekorder, mit dem wir in unserer Jugend noch Songs aus dem Radio aufgenommen haben. Und nicht zuletzt für die Langspielplatte – englisch: Record -, die ja ein wichtiger Bestandteil des DJings und damit von HipHop ist.

 

chilli: In dem Stück „Der Mann den nichts bewegt“ gibt es die Zeile: „Was bleibt übrig aus einem Vierteljahrhundert Rap?“ Wie lautet Ihre Antwort auf diese Frage?
Thomas D: Die Fantastischen Vier.

 

chilli: Knackige Antwort.
Thomas D: Gut, ne? (lacht) Letztlich ist es zwar so, dass natürlich eine ganze Menge übrig bleibt, man gleichzeitig aber auch mit jeder neuen Platte wieder bei Null anfängt. Man muss bei jedem neuen Album einen Grund finden, der die Existenz einer neuen Platte und auch die weitere Existenz als Band legitimiert.

 

chilli: Diesen Grund haben Sie offensichtlich gefunden.
Thomas D: Ja, aber die Suche danach ist immer ein immenser Aufwand, der an die Substanz geht. Aber schon allein, weil wir gerne live spielen, brauchen wir immer neue Songs, weil wir von unseren alten schnell gelangweilt sind, wenn wir sie eine Tour lang jeden Abend performen.

 

chilli: Sie wohnen alle in anderen Städten, in Köln, Berlin, Hamburg und Stuttgart. Gibt es die Band deshalb noch, weil Sie sich zwischen den Touren und Plattenaufnahmen genug Raum lassen?
Thomas D: Smudo würde an dieser Stelle sagen: „Das Geheimnis einer guten Ehe besteht in getrennten Schlafzimmern“ – obwohl er mit seiner Frau im selben Bett schläft, so weit ich weiß! (lacht) Aber der persönliche Freiraum, sich eigene Leben und auch eigene Karrieren aufzubauen, führte sicherlich dazu, dass wir innerhalb der Band entspannter sind und effektiver arbeiten, wenn wir uns dann treffen.

"Rekord"-Halter: Seit 25 Jahren sind Die Fantastischen Vier bereits ohne Unterbrechung im Geschäft - so lange wie keine andere HipHop-Band.

 

chilli: Stimmt es eigentlich, dass Smudo seine Parts immer als Letzter abgibt?
Thomas D: Ja, absolut. Dieses Mal war es wieder ganz extrem. Smudo zerfleischt sich in den Monaten und Jahren vor den Aufnahmen regelrecht, weil ihm nichts einfällt. Das macht ihn wahnsinnig. Ich nenne ihn daher auch gerne liebevoll Smudo „Schreibblockade“ Schmidt. Wir anderen sind mittlerweile aber entspannt, weil wir wissen, dass Smudo vier Wochen vor Schluss eben doch wieder mit den Hammertexten um die Ecke kommt, wenn der Knoten erst geplatzt ist.

 

chilli: Gab es Phasen, in denen Sie keinen Bock mehr aufeinander hatten?
Thomas D: Zwei, drei Mal erklärten wir die Band schon für aufgelöst – aber immer nur für ein Wochenende. (lacht) Aber Michi, der hauptberuflich Pessimist ist, denkt eigentlich seit 1995, dass es bald aus ist. Dieser Gedanke ans Aufhören ist für ihn scheinbar der einzige Ausweg, um aus der kreativen Drucksituation während einer Plattenproduktionsphase herauszukommen. Hinzu kommt: Er ist ein wahnsinniger Perfektionist. Jedes neue Album muss die jeweilige Krönung der Fantas sein. Aber wenn man das geschafft hat, kommt gleich wieder die Angst: „Wie soll man das beim nächsten Mal denn noch toppen?“

 

chilli: Gab es in der 25-jährigen Bandgeschichte so etwas wie einen Tiefpunkt?
Thomas D: Wenn ich einen nennen müsste, dann wohl den, als wir mit „Die da“ durch die Decke gingen – denn das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Wir wollten ja alle reich und berühmt werden, aber als sich die Popularität dann lediglich auf zwei Worte namens „Die da“ begrenzte, waren wir ein wenig konsterniert. Plötzlich gab es solche Sachen wie eine Radiowerbung von Hohes C, in der Kinder sangen: „Ist es die da mit dem Calcium? Oder die da mit dem Multivitamin?“ Mein Gott – das war auf jeden Fall ein Tiefpunkt! (lacht)

 

chilli: Und welches waren die absoluten Höhepunkte?
Thomas D: Einer war sicherlich unser „MTV Unplugged“ in der Balver Höhle – das war ein Ritterschlag. Es gab ja Zeiten, in denen Leute ernsthaft darüber diskutierten, ob wir überhaupt Musiker sind, weil wir ja nur auf irgendwelche Computerknöpfe drücken. Aber mit diesem Konzert überzeugten wir auch die letzten Zweifler und waren damit offiziell anerkannte Musiker. Aber auch unser Jubiläumskonzert 2009 auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart vor 60.000 Leuten, die alle wegen uns kamen, war unglaublich. Ich kriege direkt Gänsehaut, wenn ich daran denke.

 

chilli: Haben Sie so etwas wie einen Fanta-4-Lieblingssong?
Thomas D: Als Band würden wir wohl „MfG“ als unser bestes Stück bezeichnen. Das ist einfach genial. So etwas schreibst du nur einmal, und das kann auch niemand mehr nach dir machen. Diese Abkürzungen, die beim ersten Hören scheinbar keinen Sinn machen, in denen aber durchaus Sinn steckt. Die FAZ hat den Song mal zur „Hymne des ausgehenden Jahrtausends“ erkoren. Dem kann ich eigentlich nichts mehr hinzufügen.

Ein "Gänsehaut"-Moment laut Thomas D (zweiter von links): 2009 spielten Die Fantastischen Vier vor 60.000 Menschen auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart.

 

chilli: Ein Song auf dem Album heißt „Typisch Ich“. Welche typischen Eigenschaften zeichnen Die Fantastischen Vier im Einzelnen aus?
Thomas D: Smudo ist wahnsinnig eloquent und führt, während er seine Schreibblockade hat, sämtliche Vertragsverhandlungen. Er macht das ganze Booklet, korrigiert Texte und kümmert sich um alles Geschäftliche. Und er ist natürlich der Mann mit den tausend Hobbys – sicherlich auch ein Fluchtmechanismus, um dem kreativen Druck zu entkommen. Andy hingegen ist der stille Fels in der Brandung, der aber bloß deshalb so still ist, weil wir ihn nie zu Wort kommen lassen. (lacht) Michi ist der pessimistische Styler und Perfektionist, der stets jedem Detail hinterherjagt und sogar Dinge wie das Grün in der Reflexion vom Lautsprecher auf der Cover-Rückseite geändert haben will.

 

chilli: Und Sie?
Thomas: Ich bin ganz gut im Erfinden von etwas Neuem, während der Michi sehr gut im Ausfeilen dieser Ideen ist und so lange daran schleift, bis es perfekt ist. Außerdem bin ich wohl der Hauptverantwortliche für den philosophischen, spirituellen Inhalt, der unserem Werk eine Seele verleiht und dafür sorgt, dass die Musik nicht nur oberflächlich berührt.

 

chilli: Gab es eigentlich mal Ärger mit dem Comicverlag Marvel, weil Sie sich nach deren Superheldengruppe „Die Fantastischen Vier“ benannt haben?
Thomas D: Nein. Wir telefonierten bereits früh mit dem deutschen Ableger des Verlags und sagten: „Wir sind die Fantastischen Vier und machen Musik, ihr habt die Fantastischen Vier, und die retten die Welt – aber solange wir nicht auf die Idee kommen, die Welt zu retten, haben wir doch eigentlich kein Problem, oder?“ Und das haben die Herren auch so gesehen. Ich weiß aber noch, dass wir bereits früh auf mögliche rechtliche Probleme angesprochen wurden und jemand den Vorschlag machte, wir sollten uns doch Die Funtastischen Vier nennen – mit diesem furchtbaren „Fun“-Wortspiel. Gott sei Dank haben wir das nicht gemacht, denn dann hätten wir uns schon allein des Namens wegen auflösen müssen.

 

chilli: Stimmt es, dass eine der ersten Fanta-4-Zeilen folgendermaßen lautete: „Ich sag eins und zwei und drei und vier / Auf dem Klo gibt’s nicht nur Wasser / Ja, da gibt es auch Papier“?
Thomas D: (lacht) Ja, das kann wohl sein. An dieser Stelle möchte ich aber betonen: Das war, bevor ich zur Band gestoßen bin! Wobei: Viel besser wurde es danach auch nicht. (lacht)

 

Die Fantastischen Vier auf Deutschland-Tournee:

15.12., Braunschweig, Volkswagen Halle
16.12., Bremen, ÖVB Arena
17.12., Hamburg, O2 World
19.12., Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyerhalle
20.12., Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyerhalle
21.12., Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyerhalle
10.01.2015, München, Olympiahalle
12.01.2015, Nürnberg, Arena
13.01.2015, München, Olympiahalle
16.01.2015, Lingen (Ems), Emsland Arena
17.01.2015, Mannheim, SAP Arena
18.01.2015, Köln, Lanxess Arena
19.01.2015, Freiburg, Rothaus Arena
21.01.2015, Saarbrücken, Saarlandhalle
22.01.2015, Frankfurt, Festhalle
23.01.2015, Oberhausen, König-Pilsner-Arena
24.01.2015, Chemnitz, Arena
26.01.2015, Berlin, O2 World

 

Text: Daniel Schieferdecker / Fotos: © Andreas “Bär” Läsker / Sony; Robert Grischek / Sony; Boris Breuer / Sony
Quelle: teleschau – der mediendienst