Cabo Verde – Eine Rundreise über fünf unterschiedliche Inseln

Vor dem Flughafen von Sao Vicente steht sie als Statue, die große Dame der Kapverden, Cesária Évora. Der kapverdische Premierminister José Maria Neves hatte nach dem Tod der berühmtesten Inseltochter eine 48-stündige Staatstrauer angeordnet. Nur sechs Tage nach ihrem Tod im Dezember 2011 wurde der International Airport nach der barfüßigen Diva benannt. Aber auch heute ist sie überall lebendig: in Bars und Restaurants summen und singen die vielen Jungen (das Durchschnittsalter lag im Jahr 2000 nur bei 17,7 Jahren) und die wenigen Alten etwa „Sodade“ mit, das Lied, das wohl am besten die Stimmungslage auf den Kapverden ausdrückt: dunkle Wehmut, sanfte Melancholie vor hintergründigem Meeresrauschen. Die noch wichtigere Ikone aber ist Almicar Cabral, der 1973 in der guineischen Hauptstadt Conakry unter bis heute ungeklärten Umständen ermordete Freiheitskämpfer für die Kapverden und Guinea Bissau. Ohne den charismatischen Führer der PAIGC (Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit Guineas und der Kapverden) wäre 1975 – ein knappes Jahr nach der Nelkenrevolution gegen das Salazar-Regime in Portugal – sicher nicht die unabhängige Republik ausgerufen worden. Fünfzehn Inseln zählt der Archipel der Antagonismen – nur neun sind bewohnt. Eine Rundreise – 500 Kilometer westlich von Dakar im Zentralatlantik.

 

Wir landen kurz vor Weihnachten auf der Insel Sal, wo der Tourismus schon sehr deutliche Spuren hinterlassen hat. Vor allem rund um Santa Maria und der Ponta Preta, eine der weltweit besten Locations für Surfer und Kitesurfer. Es gibt zwar auch hier Häuser mit 2000 Betten, aber keine Betonburgen, und in Strandnähe schießen sie auch nicht in die Höhe, sondern stehen in weitläufigen Anlagen.

Sie sind auf dem Weg in die Zukunft, die kapverdischen Inseln. Der Tourismus wuchs 2011 um 27,4 Prozent auf 428.000 Urlauber, fast 90 Prozent der Gäste buchen einfach Strandurlaube auf Sal oder Boavista, wo es sauberstes Wasser vor weißen Stränden gibt, gegen die unaufhörlich die Atlantikwellen schwappen. Auf Sal lohnt sich ein Abstecher nach Buracona, wo das blaue Auge das am meisten fotografierte Motiv der Insel ist. Hier hingegen knallen die Wellen mit so viel Wucht in die Bucht, dass Neugierige auf den Vulkangesteinformationen auch zehn Meter über dem Meeresspiegel noch in Gefahr sind. Bei unserem Besuch hätte es um ein Haar einen ebenso schaulustigen wie unvorsichtigen Touristen das Leben gekostet. Zudem ist der – im Durchmesser einen Kilometer große – Salzkrater an der Ostküste ein Muss. Früher war das weiße Gold ein wichtiger Industriezweig, heute verdient ein italienischer Geschäftsmann das Geld mit den Touristen, die sich hier – wie im Toten Meer – ins salzige Nass setzen und Salz- und Schlammkuren über sich ergehen lassen können. Ansonsten aber geizen Sal und Boavista mit Reizen.

 

Dem frustrierten Hamburger etwa, der nach drei Wochen Sal im Fünf-Sterne-Haus Riu Funana nur noch nach Hause wollte, mussten wir unser Beileid aussprechen. Wer sich nicht auf den Weg zu den anderen Inseln macht, erfährt von der Ursprünglichkeit etwa von Santo Antao, Fogo oder Sao Vicente nichts. Der kann die Kapverden, die Vielfalt der kreolischen Kultur, nicht kapieren. „Jede Insel hat ihre eigene Identität. Und die Menschen sogar ihre genetische Besonderheit“, sagt unser Guide Tutu: „Auf Fogo siehst du viele Leute mit helleren Haaren und blauen Augen, auf Santiago und Brava haben sie hellere Haut.“ Auf Fogo hatte sich im 19. Jahrhundert der französische Graf Armand Montrond niedergelassen und dem war offenbar äußerst selten langweilig: Der Montrond-Clan zählt viele hundert Nachfahren, auch unser Bergführer trägt seinen Namen.

Mit einem Flieger der TACV geht es rüber nach Santiago, wo mehr als die Hälfte der zu rund 80 Prozent katholischen 520.000 Kapverdier lebt. Santiago ist die afrikanischste der Inseln, mit der umtriebigen Hauptstadt Praia und mit den hier lebenden 2000 Rebelados – der personifizierte Widerstand gegen die katholische Kolonialisierung. Sie versuchen heute noch ohne die Errungenschaften der Moderne zu leben, wie unser One-World-Reiseleiter Robert Hedrich erzählt. Und der weiß, was er sagt, denn der gebürtige Lörracher arbeitete zwei Jahre auf den Kapverden. Cidade Velha ist die älteste Stadt des Archipels. Hier steht mit der Igreja Nossa Senhora do Rosario auch die älteste Kirche (gebaut 1495). 30 Jahre zuvor hatten sich hier die ersten portugiesischen Siedler niedergelassen. Die alte Stadt war im 16. und noch Anfang des 17. Jahrhunderts die Drehscheibe des transatlantischen Sklavenhandels: An einem Pranger (Pelourinho) wurden die gefesselten Sklaven wie Kleider über einen Haken gehängt und von den Käufern hernach ausgesucht. Wer Zeugnisse ähnlich menschenverachtender Zeiten in jüngerer Vergangenheit sehen möchte, dem sei das für politisch Andersdenkende gebaute Lager Tarrafal (Campo do Tarrafal) empfohlen. In der Hauptstadt Praia residiert Kap-Verde-Präsident Jorge Carlos Fonseca, der sich in einem grünen 7er BMW älteren Baujahrs chauffieren lässt. Tutu ist Fan vom ersten Mann im Staate: „Er ist ein sehr intelligenter Mann, er trifft die richtigen Entscheidungen.“ Tutus Vater ist Polizeichef auf Santiago. Und der hat – auf einer Inselgruppe, die mit drei Küstenwachbooten neun bewohnte Inseln bewachen soll, natürlich auch Probleme mit dem Drogenschmuggel. Erst neulich haben die Einsatzkräfte einen Dealer mit 550 Kilo Koks hochgehen lassen. Das Zeug kam aus Brasilien.

 

Von Santiago geht es auf die Feuerinsel, nach Fogo. Der Pico de Fogo ist mit 2829 Metern (nach dem Teide auf Teneriffa mit 3718) der zweithöchste Berg im Atlantik. Der jüngste Ausbruch war 1995, knapp 200 Menschen wurden obdachlos. Wer den durchaus anspruchsvollen Aufstieg angehen will, sollte bereits am Vortag auf der Hochebene Cha de Caldeira ankommen und etwa in der Casa Marisa beim Deutsch-Türken Mustafa übernachten. Es gibt hier oben meistens Strom, zuweilen auch warmes Wasser. Am nächsten Morgen geht es dann früh und mit Grubenlampe am Hirn auf den Kraterrand. Eine atemberaubende Aussicht und ein sensationeller Abstieg (Skifahrer würden Abfahrt sagen) über ein Aschefeld belohnen die Anstrengungen. Oben auf der Caldeira wachsen in 1900 bis 2000 Metern Wein oder Granatäpfel – grüne Pflanzen trotzen der rabenschwarzen Vulkanasche. Der Weißwein aus Fogo ist übrigens ein köstliches Gewächs. Besonders sehenswert ist auch die Hauptstadt Sao Filipe mit ihren pastellfarbenen Kolonialstilbauten.

Mit dem Flieger – Schiffsreisen zwischen den Inseln sind wegen des Wellengangs nicht jedem zu empfehlen – geht es weiter nach São Vicente, wo der Salz- und Kohlehandel (für die Dampfschifffahrt) den großen Hafen von Mindelo bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem florierenden machte. Am Yachthafen gibt es eine Marina mit einer kleinen Bar – ein schwimmender Ort der Ruhe abseits des Trubels in der Kulturhauptstadt, die eine eigene Geschichte wert wäre – und Ohrenzeugen zufolge nahezu nie schläft. Der Club Nautico an der Promenade ist geschichtenreich: Wer tagsüber leger Fisch essen und ein Bierchen trinken will, ist hier ebenso richtig wie der Segler, der abends noch eine Begleitung braucht. Zudem sollte ein Abstecher nach Calhau eingeplant werden.

 

Mit dem Schiff geht es rüber nach Santo Antao. Eine sehr eigentümliche Insel, die im Süden von schroffen Felsen dominiert wird und dann – nach der Überquerung einer Berggruppe, plötzlich immer mehr an einen Regenwald erinnert. Hier oben, an der Engstelle Delgadim zwischen dem Bergdörfchen Corda und Ribeira Grande, symbolisieren sich die Gegensätze auf engstem Raum: War der Kleinbus eben noch durch völlig karge Felsformationen und steppenhaftes Gelände gefahren, schweift das Auge nur ein paar Minuten später über üppigste Vegetation, fruchtbare Felder. Kein Vergleich mit dem Süden der Insel, kein Vergleich mit Fogo im Süden oder den Sandinseln im Osten. Santo Antao ist die Wanderinsel der Kapverden, touristenscheue Bergbewohner – auch in dieser Beziehung das komplette Gegenteil von Sal –, gigantische Ausblicke im Paúl-Tal, Drachenbäume, Mango, Zuckerrohr – es ist die grünste Insel der Kapverden und sie versorgt Sao Vicente gleich mit. Der Besitzer im Hotel Blue Bell im Küstenort Ponta do Sol war 40 Jahre lang in Holland, hatte dort Koch gelernt. Unser Busfahrer war 16 Jahre in Rotterdam, hat jetzt eine Bar in den Bergen und fährt nebenher Touristen über die Insel. Aus diesem Stoff sind die typischen Biographien der Kapverdier. Wenn sie im Ausland genug Geld verdient haben, kehren sie zurück, bauen ihre schon angefangenen Häuser zu Ende und verbringen ihren Lebensabend in der Heimat.

 

In europäischen Medien liest man selten etwas über den Inselstaat, wenn sich die Kapverden nicht gerade als kleinstes Land aller Zeiten für den Afrika-Cup qualifiziert haben und dort sensationell sogar das Viertelfinale erreichen – der größte sportliche Erfolg überhaupt. Dabei gibt es nicht einmal einen echten Rasenplatz in dem Land. Wer mag, kann auch das als Gegensatz begreifen.

 

Politik & Wirtschaft
Der Tourismus trägt ein gutes Fünftel des Bruttoinlandsprodukts in Höhe von rund 300 Millionen Euro (Deutschland: 2,6 Billionen). Ein weiteres Fünftel kommt von Emigranten, die das im Ausland verdiente Geld an ihre Familien schicken. Und noch eines aus der Textil- und Schuhproduktion sowie der Fischverarbeitung. Nur ein Zehntel hingegen aus der Landwirtschaft. Ein paar Bauern auf Sal schaffen es übrigens, mit nur einem Regen im Jahr Kartoffeln und Mais zu ernten. Weil es so wenig regnet, müssen rund 90 Prozent der Lebensmittel importiert werden, aus Brasilien, Portugal, aus dem Senegal. Exportiert werden Fogo-Wein, Kaffee, Bananen, Zuckerrohrschnaps, Langusten und Thunfisch (ein Kilo kostet auf Brava keine 2,50 Euro).

 

Mit Botswana haben die Kapverden die stabilste Demokratie in Afrika, und diese beiden Länder sind auch am wenigsten korrupt: Nach dem „Corruption Perceptions Index 2012 von Transparency International – the gobal coalition against corruption“ liegen Botswana als 30. und die Kapverden als 39. (von 174) weit vor etwa Brasilien oder Angola (157.). Vor acht Jahren stieg Cabo Verde in der Uno-Klassifikation aus der Gruppe der ärmsten Entwicklungsländer in die mittlere Gehaltskategorie auf. Obwohl ein Taxifahrer mit 250 Euro (un-)zufrieden sein muss, gibt es Gastarbeiter aus Guinea-Bissau und dem Senegal, die für fünf Euro am Tag im Straßenbau arbeiten. Viele Straßen werden von Chinesen bezahlt. Sie bauen auch Staudämme oder Schulen – aus Kalkül: Im Gegenzug führen sie ihre Erzeugnisse zollfrei ein, mieten sich an jeder dritten Straßenecke Läden und haben weitreichende Fischrechte.

Tipps:
An-/Ein-/Rundreise: Ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass und ein Visum (www.embassy-capeverde.de) sind nötig. Die meisten Flüge gehen mit der TAP Portugal über Lissabon auf die Kapverden. TUI fliegt etwa von Frankfurt aus auch über die Kanaren. Es ist zu empfehlen, Rundreisen vorher zu buchen, weil die Organisation der Flüge, Transfers und Schiffsfahrten sonst zu viel teure Zeit raubt. Der Veranstalter ONE WORLD – Reisen mit Sinnen (www.reisenmitsinnen.de) steht für fairen, nachhaltigen Tourismus in Europa, Asien und Afrika und bietet auch auf den Kapverden mit der eigenen Agentur www.vista-verde.com eine Vielzahl interessanter Rundreisen an (www.kapverdischeinseln.de). Agenturchef Kai Pardon hat selber einige Monate auf den Kapverden verbracht.

Text: Lars Bargmann / Fotos: Michaela Moser