Italien im Herzen

Der Treffpunkt für das Gespräch mit Chiara Schoras ist gut gewählt: ein Lokal in München, das Spezialitäten aus Südtirol anbietet. Denn nach Bozen, in die Hauptstadt der nördlichsten Provinz Italiens, verschlägt es Kommissarin Sonja Schwarz, die neue Rolle von Chiara Schoras. Im Film „Kripo Bozen: Wer ohne Spuren geht“ hat Frau Commissario Schwarz allerdings nur wenig Zeit, sich den kulinarischen Genüssen ihrer neuen Heimat zu widmen, denn auch im verschlafenen Bozen lauert das Böse immer und überall. Die Halbitalienerin und Wahlberlinerin Schoras (39) ist die perfekte Besetzung für die Hauptrolle des Formats „Kripo Bozen“ – aus dem, wenn die Quoten stimmen, eine Reihe werden soll. Im Gespräch merkt man Schoras nicht nur die Begeisterung für ihre neue Rolle an – auch die Italienerin, die in ihr schlummert, erweckt sie wild gestikulierend und laut lachend zum Leben.

Als Kommissarin Sonja Schwarz muss Chiara Schoras den Kampf gegen das Verbrechen in Südtirol aufnehmen.

 

chilli: Krimi-Reihen gibt es viele im deutschen Fernsehen. Was macht „Kripo Bozen“ einzigartig?
Chiara Schoras: Da ist natürlich einerseits die wunderschöne Landschaft in Südtirol: Bozen, das Pustertal … Mir gefällt an „Kripo Bozen“ aber vor allem, dass die Reihe eine sehr mystische Grundstimmung hat. Da ist eine Frau, die in eine für sie komplett fremde Welt kommt und sofort ins kalte Wasser geworfen wird. Sie ist noch gar nicht richtig in Südtirol angekommen und hat schon ihren ersten Fall zu lösen. Jede Rolle trägt ein Geheimnis in sich. Und Kommissarin Sonja Schwarz, die ich spiele, kann sich nie irgendjemandem anvertrauen, kommt nirgendwo an. Sie erlebt emotionale Höhen und Tiefen und hat es nicht leicht mit ihrer Familie, für die sie ja alles stehen und liegen gelassen hat.

 

chilli: Kommissarin Schwarz gibt ihre Karriere in Deutschland auf und zieht ihrem Mann zuliebe nach Südtirol, wo sie noch einmal von vorne beginnen muss. Das klingt nicht sonderlich emanzipiert.
Schoras: Was bedeutet emanzipiert? Es kann natürlich auch emanzipiert sein, der Liebe wegen so einen Schritt zu machen, für einen geliebten Mann und die Familie alles zu tun. Dann ist es auch groß und mutig, alles stehen und liegen zu lassen für jemanden und neu anzufangen.

 

chilli: Haben Sie aus Liebe schon einmal einen solchen Schritt unternommen?
Schoras: Als ich schwanger war, zog ich für meinen damaligen Freund nach Köln. Da war mir egal, wo ich lebe, meinen Beruf konnte ich überall ausüben. Aber wir waren nicht lange in Köln, sondern sind dann bald in meine Heimat gezogen! (lacht)

Selbst im malerischen Bozen schläft das Verbrechen nicht, wie Sonja Schwarz (Chiara Schoras) kurz nach ihrer Ankunft in Südtirol feststellen muss.

 

chilli: Ihre Mutter ist Italienerin, ihr Vater Deutscher. Da ist die Rolle einer deutschen Kommissarin, die nach Italien geht, ja eigentlich perfekt für Sie!
Schoras: Eigentlich ist Sonja Schwarz ja das genaue Gegenteil einer Italienerin. Sie spricht ja noch nicht einmal Italienisch, als sie nach Südtirol geht. Sie muss es erst lernen!

 

chilli: Sie selbst hingegen sprechen fließend Italienisch.
Schoras: Ja, und das hat am beim Dreh oft zu lustigen Situationen geführt. Ich musste meinen Kollegen am Set immer sagen, wie man manche Wörter richtig ausspricht – aber gleichzeitig immer darauf achten, dass ich in meiner Rolle schlecht Italienisch spreche. Da musste ich meine Kollegen fragen, ob mein Italienisch deutsch genug klingt! (lacht)

 

chilli: Sie leben die meiste Zeit in Deutschland. Wann kommt bei Ihnen die Italienerin durch?
Schoras: Ich bin so oft wie möglich in Italien. Ich habe dort Familie und Freunde und liebe das Land sehr! Die Italienerin in mir kommt immer dann durch, wenn ich zu streiten anfange. Dann werde ich lauter, temperamentvoller, gestikuliere wild herum. Oder wenn ich sehr begeistert bin. Dann bin ich sehr emotional und leidenschaftlich, benutze Hände und Füße, um mich auszudrücken.

Kann ein gefundenes Amulett Kommissarin Schwarz (Chiara Schoras) bei der Aufklärung eines Gewaltverbrechens helfen?

 

chilli: In welcher Sprache träumen Sie?
Schoras: Ich bin zwar zweisprachig aufgewachsen, aber habe immer auf Deutsch geträumt. Außer einmal: Als ich aber mit 18 nach Italien gezogen bin, habe ich dort drei Jahre gelebt, und nach einem Dreiviertel Jahr fing ich an, auf Italienisch zu träumen. Da hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein.

 

chilli: Schon in der RTL-Serie „Countdown – Die Jagd beginnt“ spielten sie eine Kommissarin. Was reizt Sie an der Polizistinnenrolle?
Schoras: Ich wollte eigentlich nie eine Polizistin spielen! Häufig sind die Kommissare in Serien die am wenigsten spannenden Charaktere. Die Täter, die Opfer – die haben etwas zu erzählen, das sind hochemotionale Geschichten. Als Polizist musst du vor allem Informationstext loswerden und fragen: „Wo waren Sie gestern um halb sieben?“ Richtig spannend ist das nicht. Aber es macht natürlich Spaß, mit einer Waffe herumzulaufen und so eine Körperlichkeit in die Rolle zu bringen. Ich liebe es, Verfolgungsjagden zu drehen oder auch mal herumballern zu können. Das sind Sachen, die man im Privatleben sonst nicht machen darf. Bei „Kripo Bozen“ sind es aber vor allem die persönlichen Konflikte meiner Rolle, die ich spannend fand.

 

chilli: In der ersten Folge von „Kripo Bozen“ geht es um das Schicksal syrischer Flüchtlinge …
Schoras: Das Schicksal dieser Menschen geht der Kommissarin sehr nahe – und mir auch! Als Deutsch-Italienerin verstehe ich auch den Streit innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten gut. So viele Flüchtlinge kommen in Italien an, dabei hat das Land wirtschaftliche Schwierigkeiten. Ich denke aber generell, dass wir in Europa die Möglichkeit und die Pflicht haben, Menschen aufzunehmen. Wir gehören alle zusammen, egal woher wir kommen, unabhängig von Kultur und Religion. Wir müssen füreinander da sein und uns gegenseitig auffangen. Deswegen sollte Europa auch offen sein – im Idealfall mit einer guten Planung für die Zukunft.

Für das ZDF drehte Chiara Schoras in Budapest "Ein Sommer in Ungarn".

 

chilli: Warum spielen Sie nie in italienischen Produktionen?
Schoras: Ich habe in Italien meine Karriere begonnen. Anfangs drehte ich Werbespots, dann einen Kinofilm. Und dann kam schon das erste Angebot für eine Produktion in Deutschland, obwohl ich eigentlich noch gerne in Italien geblieben wäre. Mein Mittelpunkt ist aber heute Deutschland. Ich habe eine Tochter, die hier zur Schule geht. Früher kam sie immer mit, wenn ich drehte. Jetzt bleibt sei während dieser Zeit bei ihrem Vater in Berlin, und ich versuche immer, nicht länger als zwei Wochen weg zu sein. Aber noch ist das Kapitel „Italien“ für mich nicht abgeschlossen, ich habe große Lust, wieder einmal in Italien vor der Kamera zu stehen. Es hat einen großen Reiz, in einer anderen Sprache zu drehen.

 

chilli: Im deutschen Fernsehen werden zunehmend Rollen mit Frauen Ihrer Generation besetzt. Merken Sie das auch an der Anzahl der Rollen, die Sie angeboten bekommen?
Schoras: Als ich jung war, habe ich sehr viel gearbeitet. Damals gab es eine Tendenz, junge Geschichten zu erzählen. Dann gab es auch eine Zeit, in der ich weniger arbeitete. Aber jetzt kann ich mich nicht beklagen, ich bekomme viele Rollenangebote. Es stimmt, es gibt diese Tendenz, Geschichten von Frauen in meinem Alter zu erzählen. Ich habe auch das Gefühl, dass Frauenrollen ganz allgemein stärker werden. In Filmen treten starke Frauen auf, als Kommissarinnen oder Richterinnen oder in anderen gehobenen Positionen. Das ist auch richtig, weil das die gesellschaftlichen Entwicklungen widerspiegelt.

 

chilli: Zieht es sie jetzt, da der Winter kommt, wieder nach Italien?
Schoras: Ja, aber dort, wo meine Familie lebt – in Umbrien, anderthalb Stunden von Rom entfernt, in einem kleinen Dorf – ist es im Winter auch kalt, auch dort schneit es. Das Dorf liegt auf 500 Metern Höhe. Noch im April liegt da oben Schnee!

 

chilli: Kommendes Jahr werden Sie 40. Wie wollen Sie feiern?
Schoras: Das wird groß gefeiert! Ich feiere gerne und habe dabei meine Liebsten um mich. Konkrete Pläne habe ich aber noch nicht. Aber es soll auf jeden Fall ein Rückblick auf mein bisheriges Leben werden!

 

 

Text: Sven Hauberg / Fotos: © ARD Degeto / Marco Nagel; ZDF / Hans-Joachim Pfeiffer
Quelle: teleschau – der mediendienst