Zu dumm für Rebellion?

Wir schreiben das Jahr 2031. Genau 17 Jahre ist es her, dass sich die Menschheit dazu entschlossen hat, ein Kältemittel in die Atmosphäre zu schießen, um der globalen Erderwärmung entgegenzuwirken. Doch leider ging das Experiment schief: Alles Leben auf dem blauen Planeten fiel innerhalb kürzester Zeit einer neuen Eiszeit zum Opfer. Einzige Überlebende sind die Passagiere einer futuristischen Eisenbahn – ein Perpetuum mobile, das innerhalb von 365 Tagen die Erde umrundet. Willkommen in Bong Joon-hos neuestem Film „Snowpiercer“, einem faszinierenden Science-Fiction-Drama, das wie ein wahrgewordener Albtraum erscheint.

In 365 Tagen um die postapokalyptische Welt: Der Snowpiercer bahnt sich seinen Weg durch die menschenleere Eiswüste.

 

„Snowpiercer“ ist der Name jener perfekt funktionierenden Maschine, die Jacques Lob und Jean-Marc Rochette 1982 in ihrer Graphic Novel „Schneekreuzer“ vorstellten. Entwickelt wurde der Hochgeschwindigkeitszug von einem ominösen Mann namens Wilford (Ed Harris), der sich für eine Art Halbgott hält.

Jenen Wilford haben die Passagiere der dritten Klasse, die unter menschenunwürdigen Bedingungen im hermetisch abgeriegelten hinteren Teil des Zuges ihr Dasein fristen, noch nie zu Gesicht bekommen. Stattdessen schickt das Genie seine völlig durchgeknallte Assistentin Mason (kaum wiederzuerkennen: Tilda Swinton) aus dem luxuriösen vorderen Abteil, um die unzufriedenen Menschen dritter Klasse immer wieder auf Kurs zu bringen – und grausam zu bestrafen. Dennoch braut sich unter den Unterdrückten nach Jahren mal wieder eine Rebellion zusammen. Angeführt wird der Aufstand von dem schwer traumatisierten Curtis („Captain America“-Darsteller Chris Evans), dem jungen Edgar (Jamie Bell) und dem Unterschichtenchef Gilliam (John Hurt). Ihr Ziel: Die Spitze der stählernen Arche Noah zu erreichen, wo sie Wilford umbringen und „die Maschine“ unter Kontrolle bringen wollen.

Brutale Szenen dienen bei Regisseur Bong Joon-ho nie dem Selbstzweck: Auch Revolutionsführer Curtis (Chris Evans) ist durchaus zu großer menschlicher Grausamkeit fähig.

 

Wie in einem intelligenten Computerspiel lauern auf die Revolutionäre und die Zuschauer in jedem Zugabteil völlig unerwartbare Überraschungen. Einzig die mit hellseherischen Fähigkeiten „gesegnete“ Yona (Ko Asung), kann manchmal erahnen, welch groteske Szenarien sich hinter den Zugtüren verbergen.

So viel sei den Zuschauern vorab über dieses faszinierende Endzeitszenario verraten: Der Bodycount bei den ungewöhnlichen Kampfszenen in einzelnen Abteilen ist hoch, das Entsetzen über gehirngewaschene Mitmenschen in dieser streng geregelten Gesellschaft noch größer. Und wer sich auf die alte Blockbuster-Regel verlässt, dass Sympathieträger nicht urplötzlich abkratzen, der wird schwer desillusioniert.

Einen Gewächshauswagen hat das in sich geschlossene System natürlich auch zu bieten: Mason (Tilda Swinton) geht in Ketten voran, gefolgt von Curtis (Chris Evans).

 

Absurde Fußnote dieser 40 Millionen Dollar schlanken Filmproduktion: Der auch als „Harvey mit den Scherenhänden“ bekannte Filmmogul Harvey Weinstein hielt das US-Publikum nicht für intelligent genug, um diesem ungewöhnlichen Film zu folgen. Deshalb wollte er mit aller Macht 25 Minuten aus dem bereits in Korea, Japan und Frankreich angelaufenen Film herauskürzen oder ihn aber gar nicht in die Kinos bringen. Folglich stand „Snowpiercer“ einige Zeit auf dem Abstellgleis. Nachdem das Endzeit-Drama zu Jahresbeginn auch erfolgreich bei der diesjährigen Berlinale lief, wird es nun doch ungeschnitten veröffentlicht.

„Kontrolliere die Maschine, kontrolliere die Welt“ – dieser metaphorische Spruch, der Machthabern jeglicher Couleur sicher nicht fremd ist, kann wohl letztlich doch noch von intelligenten Menschen unterwandert werden …

Text: Gabriele Summen / Fotos: © MFA+
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Snowpiercer
Genre: Science Fiction
Freigabealter: 16
Verleih: MFA
Laufzeit: 126 Min.