Bloß kein Neid

In Großbritannien ist Gary Barlow ein Superstar. Da scheint es nur angemessen, dass er Interviews lieber im gepflegten Rahmen eines Londoner Clubs gibt, zu dem nur Mitglieder Zutritt haben, um dort nachmittags ganz unter sich ein ruhiges Kaffeekränzchen veranstalten zu können. Der 43-jährige Take-That-Sänger und -Songwriter („Back For Good“) strahlt nicht nur übers ganze Gesicht, er sieht dabei auch richtig gut aus. Dank straffem Diätprogramm und wohl auch dank des Erfolgs der letzten drei Jahre: Als Juror der Casting-Show „The X Factor“ wurde er zum Liebling der Nation, als Organisator des „Jubilee“-Konzerts für die Queen zum Liebling der Königin, und als Solokünstler hat er nun auch wieder einen Lauf: Sein drittes Album „Since I Saw You Last“ wurde jüngst in seiner Heimat mit Platin veredelt. Kein Wunder also, dass Barlow entspannt über musikalische Freunde und den Rückhalt durch seine Familie Auskunft gibt.

Gary Barlow schreibt gerne massentaugliche Popsongs: "Ich mache Musik, damit sie Leuten etwas bedeutet und sie eine Verbindung dazu aufbauen können."

 

chilli: Als Take That 2011 zuletzt mit Robbie Williams durch Deutschland tourten, stand er klar im Vordergrund. Stört Sie das eigentlich?
Gary Barlow: Nicht im Geringsten! Robbie ist so groß in Deutschland – Ihr liebt ihn einfach! Ich bin immer froh, wenn ich an etwas teilhaben kann und habe kein Problem damit, am Rockzipfel von jemandem zu hängen. Ich sage immer zu den anderen Jungs in der Band, dass Take That fünf Leute sind. So fingen wir an, und so wird es für den Rest unseres Lebens sein. Wir sind wie fünf Brüder! Und wenn Robbie oder ich außerhalb der Band erfolgreich sind, ist es dem großen Ganzen, das Take That ist, nur zuträglich.

 

chilli: Dann waren Sie beide in den letzten Monaten für Take That sehr zuträglich: Auch Ihr Solo-Album verkaufte sich in Großbritannien bestens …
Barlow: Stimmt. Was zugegebenermaßen lustig ist, denn ich sagte in den letzten Jahren immer in Interviews, ich würde nie wieder eine Soloplatte veröffentlichen, weil der Flop des letzten Albums vor 14 Jahren große Narben bei mir hinterlassen hatte. Von aller Welt verspottet zu werden und zusehen zu müssen, wie Robbie Karriere macht und Witze über mich reißt, war damals alles andere als einfach. Ich hatte mir dann vorgemacht, dass es mir reichen würde, für andere Leute als Songschreiber tätig zu sein – aber damit hatte ich mich selbst belogen.

 

chilli: Gibt es Personen, die damals zu Ihnen hielten?
Barlow: Vielleicht drei, vier Leute! Neben meiner Frau war das vor allem Elton John. Er lud mich weiterhin zu sich nach Hause ein oder rief mich spontan an. Das bedeutete mir damals wahnsinnig viel. Das tut es heute noch. Deshalb war er auch der Erste, den ich anrief, als ich mich nach meiner ersten Solotour durch Großbritannien Anfang 2013 durchgerungen hatte, doch noch mal eine Soloplatte zu machen. Elton sagte sofort ja. Für mich wurde damit ein großer Traum wahr. Denn Elton ist schon seit Kindheitstagen mein Idol.

 

chilli: Wollen Sie der nächste Elton John werden?
Barlow: Ich eiferte ihm schon immer nach! Meine Mum legte seine Platten immer bei uns zu Hause auf. Elton ist der Grund, warum ich Musiker geworden bin und mich als Heranwachsender überhaupt hinter ein Klavier setzte: Ich wollte seinen Sound hören, also übte ich wie verrückt an dem Instrument.

Kennt keinen Neid: "Wenn Robbie oder ich außerhalb der Band erfolgreich sind, ist es dem großen Ganzen, das Take That ist, nur zuträglich", sagt Gary Barlow.

 

chilli: Ihnen scheint momentan eh alles zu gelingen. Sie schafften es sogar, die scheue Agnetha Fältskog von ABBA dazu zu bringen, mit Ihnen bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung ein Duett zu singen.
Barlow: Das war nicht so einfach, wie es am Ende aussah. Ich rief sie ein halbes Jahr lang wirklich jede Woche an, um sie zu diesem Auftritt zu überreden. Denn als ich sie zum ersten Mal traf, nachdem unser Duett auf ihrer Platte erschienen war, wollte sie nie wieder zurück auf die Bühne. Als es dann im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung doch passierte, kam ihr natürliches Talent sofort wieder zum Vorschein. Sie strahlte wie in den Achtzigern. Niemand wird so groß und vergisst, wie es geht. Es ist wie ein Licht, das eingeschaltet wird. Es war interessant, das zu sehen.

 

chilli: Wenn es also doch noch zu einer ABBA-Reunion kommt, haben wir die Ihnen zu verdanken?
Barlow: Es wäre mir auf jeden Fall eine Ehre, einen kleinen Beitrag dazu geleistet zu haben!

 

chilli: Das neue Album ist im Großen und Ganzen recht flott. Wollen Sie eigentlich weg von ihrem Balladen-Image?
Barlow: Ich war beim Schreiben glücklich und unbeschwert. Das soll das Album repräsentieren. Sonst gab es keinen Masterplan. Ich spiele auf dem Album mit den Tempi. Und ich bin froh, dass es nicht zu viele Balladen geworden sind.

 

chilli: Manche halten Sie deshalb ja für langweilig …
Barlow: Mir ist immer wichtig, dass die Musik massentauglich ist. Ich möchte, dass meine Lieder in den Häusern der Menschen gespielt werden. Denn ich liebe es, wenn Leute mir sagen, dass ein Song von mir an ihrem Hochzeitstag gespielt wurde. Oder auch bei einer Beerdigung. Ich mache Musik, damit sie Leuten etwas bedeutet und sie eine Verbindung dazu aufbauen können. Wenn das langweilig ist, ist das ok.

Gary Barlow ist froh, sich nicht jeden Tag um Haushalt und Kinder kümmern zu müssen: "Vor Kurzem war ich für eine ganze Woche Strohwitwer. Da wurde mir klar, dass es 50 Mal härter ist, Hausmann zu sein als Popstar!".

 

chilli: Vor einem halben Jahr reisten Sie zu den stationierten britischen Soldaten ins Camp Bastion nach Afghanistan, wo Sie eine TV-Dokumentation drehten. Passierte das auch, um einen besonderen Moment zu erschaffen?
Barlow: Schon. Ich machte mit den Soldaten Musik, aber es ging mir auch darum, darauf aufmerksam zu machen, dass diese Menschen die Köpfe für uns hinhalten. Es war das vermutlich emotionalste Konzert, das ich jemals gab – mal abgesehen davon, dass alle Personen um mich herum Waffen trugen und wir sofort hätten abbrechen müssen, wenn der Alarm losgegangen wäre. So was ist gut, um sich zu vergegenwärtigen, was für ein bequemes Leben man doch führt. Ich würde so was gerne noch öfter machen.

 

chilli: Von vielen Frauen werden Sie angehimmelt. Können Sie da immer gut widerstehen?
Barlow: Ach, so viele sind es gar nicht. Nein, ernsthaft: Für mich ist Musik ein Full-Time-Job. Ich frage mich immer, woher all diese Leute, die nebenbei Affären haben und ihre Partner betrügen, die Zeit hernehmen. Denn wenn ich fertig bin mit dem Showbiz, will ich nur noch nach Hause!

 

chilli: Zu Ihrer Frau Dawn und Ihren drei Kindern …
Barlow: Ich bin froh, dass ich sie bei allen Ups and Downs an meiner Seite hatte und habe! Dawn war früher Tänzerin bei Take That. Und sie ist unglaublich tolerant, was mein Arbeitspensum angeht. Es ist bis heute eine extrem glückliche Beziehung. Wir haben wunderschöne Kinder, und wir sind im wahrsten Sinne des Wortes durch Dick und Dünn gegangen.

 

chilli: Als Pop-Prominenz haben Sie bestimmt Butler und Kindermädchen, oder?
Barlow: Nein, so was brauchen wir nicht. Meine Frau rockt den Haushalt. Obwohl ich oftmals, wenn ich morgens um neun Uhr das Haus verlasse, zu ihr rüberschaue und ein wenig Mitleid habe. Überall liegt Müsli auf dem Boden verstreut, die Kids weinen und streiten sich. In solchen Momenten weiß ich: Ich bin so glücklich, dass ich zur Arbeit gehen kann!

Seit 2000 ist Gary Barlow mit seiner Frau Dawn glücklich verheiratet: "Es ist bis heute eine extrem glückliche Beziehung. Wir haben wunderschöne Kinder, und wir sind im wahrsten Sinne des Wortes durch Dick und Dünn gegangen."

 

chilli: Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?
Barlow: Das ist für mich wie in Urlaub fahren! Vor Kurzem war ich für eine ganze Woche Strohwitwer. Da wurde mir klar, dass es 50 Mal härter ist, Hausmann zu sein als Popstar!

 

chilli: Ihr Bruder führt immer noch ein sehr bürgerliches Leben!
Barlow: Er arbeitet als Bauarbeiter. Er würde mein Leben nicht führen wollen, denn er hasst Aufmerksamkeit. Er ist das genaue Gegenteil von mir! Und wissen Sie was? Er ist unglaublich glücklich! Manchmal ertappe ich mich dabei, zu ihm rüberzuschielen und zu denken: Ich bin eigentlich ziemlich neidisch auf ihn!

 

chilli: Das meinen Sie doch nicht ernst …
Barlow: Natürlich weiß ich, dass ich absolut privilegiert bin und unglaubliches Glück hatte. Aber das bringt auch mit sich, dass mein Leben nie wieder so sein kann, wie es mal war. Denn ich weiß, wie großartig es sich anfühlt, wenn man gerade eine Nummer eins in den Charts hat. Aber wenn du das Gefühl gar nicht kennst, willst du die Nummer eins auch nicht. Und so ist das bei meinem Bruder. Er ist absolut zufrieden. Und damit wohl der beste Beweis dafür, dass Geld allein auch nicht glücklich macht.

 

Text: Katja Schwemmers / Fotos: © Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst