Sie hatten einmal Hühnchen mit Reis und Beilagensalat. Dazu ein kleines Mineralwasser – das macht zusammen genau … einen Monatslohn.“ Der Gast am Tisch zückt unbeeindruckt seine Brieftasche und zählt die paar Scheine ab. Nur für einen kurzen Augenblick schielt Carlos neidisch hinüber zu dem zahlenden Touristen. Dann zeichnet sich ein breites Schmunzeln in seinem faltigen Gesicht ab. Jetzt ist er an der Reihe, mit seiner musikalischen Darbietung sein Geschäft mit dem Tourismus zu machen.

Trinidad

 

Natürlich hat der Ober den Satz so nie gesagt. Tatsächlich aber entspricht der durchschnittliche Monatslohn eines Kubaners mit 13 Dollar dem Preis einer einzigen Mahlzeit im touristischen Restaurant. Wer da nicht so klug ist wie Carlos, kommt als Kubaner nicht weit. Eine Handvoll Güter des alltäglichen Bedarfs steht ihm zwar darüber hinaus zu wie jedem Haushalt gleichermaßen. So viel konnte Fidels Bruder und Nachfolger als Präsident Kubas, Raúl Castro, für seine Landsleute erringen. Doch das mit Abstand bedeutendste Potential steckt in den Geldbörsen der Touristen. Und diese werden auf Kuba auf sorgsamste Weise gehegt, gepflegt und – sanft gemolken.

Von schlitzohrigem Ausnehmen kann jedoch keine Rede sein. Ein freundlicher, unaufdringlicher Umgang erhebt den Gast stets und überall auf Kuba zum König. Doch lauern sie auf Schritt und Tritt in jedem Straßenwinkel der Altstadt Havannas, in der Hotelhochburg Varadero oder anderen touristischen Anziehungsorten: die liebenswerten Überfälle des kleinen Mannes, der mit Charme und Einfallsreichtum den Kontakt zum Fremden sucht. Alles, um ein paar Krümel Trinkgeld abzubekommen, die keinen Touristen arm machen, aber das Leben auf Kuba ein wenig erträglicher. So spielt Carlos voll Inbrunst auf seiner altgedienten Klampfe und singt dazu einen Ohrwurm nach dem anderen: Von „Guantanamera“ über „Ven devórame otra vez“ bis zu den Dauerbrennern des Buena Vista Social Clubs. Kein Herz kann so hart sein, dass es davon unberührt bleibt. Und das Konzept setzt sich wie ein nie enden wollendes Lauffeuer quer durch das Land fort: Keine Ecke, aus der nicht zu irgendeinem Zeitpunkt tags oder nachts Live-Musik erklingt.

Auf den Lebensstandard auf Kuba reagiert zwar jeder Reisende unterschiedlich – einige Abstriche vom gewohnten Lebensstil zu Hause muss man machen, wenn man auch im Urlaub einigermaßen mit dem Geld haushalten will. Wer aber damit klarkommt, hat den Kopf frei für die Schönheiten der riesigen Insel. Und davon gibt es unzählige. Genau genommen ist die gesamte Insel mit allem, was es darauf gibt, ein einziges, schützenswertes Weltkulturerbe.

Kapitol von Havanna

 

Taxi – Rikscha – Pferdekutsche? Für die Beförderung ihrer anspruchsvollen Besucher lassen sich die Bewohner Havannas einiges einfallen. Ob die Rundfahrt durch die Altstadt auf dem Drahtesel abgestrampelt wird, in einem der zitronengelben „motorisierten Überraschungseier“ oder im Fond eines mit extravaganten Kotflügeln und Kühlerfigur ausgestatteten Oldtimers stattfindet – La Habana Vieja ist ein Muss für jeden Reisenden. Angefangen bei der Plaza de Armas zwischen Kastell und Stadtmuseumspalast über die belebte Plaza de la Catedral mit der großen Kathedrale aus Muschelkalk und den beliebten Treffpunkten „El Patio Colonial“ und – gleich ums Eck liegend – „La Bodeguita del Medio“ (Hemingway trank hier regelmäßig seinen Mojito) bis hinüber zum Capitol findet jeder sein persönliches Highlight.

Beförderungsarten gibt es auf Kuba viele.

 

„Wie alt ist denn diese Kutsche?“, fragen wir den Pferdekutscher, der uns ein Stück durch die Altstadt chauffiert. „Nun, dieser Teil hier ist neu“, erwidert der Angesprochene und tippt auf die Verkleidung am Obergestell. Dann ergänzt er stolz: „Jener 17 Jahre alt, und das Fahrgestell mit den Blattfedern kommt aus Frankreich von anno dazumal …“ Holpernd und hupend setzen wir die Fahrt in einem der Oldtimer-Taxis fort. Am Ende mündet jeder Ausflug in den Malecón, Havannas Rennstrecke entlang der Küste. Von der befestigten Fortaleza genießen wir den Sonnenuntergang über der Bucht. Wenn im Abenddämmerlicht die Wellen hoch gegen die Mauern und Felsen anbranden, hat auch der schönste Tag sein Ende. Die Nacht kann beginnen – und mit ihr erwacht der Lebenspuls in der Millionenstadt.

Sonnenuntergang über der Bucht

 

Am Strand und auf der Landzunge von Varadero zeigt sich uns eine völlig andere Seite Kubas. Ein Bild, das karibische Inselträume für harte Dollars erfüllt. Eine endlose Oase der unbeschwerten Genüsse. Ein Ort, an dem aller Luxus geboten wird – nur: das reale Leben bleibt vor den Toren zurück. Es muss wie das Land selbst auf Ausflügen ins Umland entdeckt werden. Angebote gibt es reichlich – allesamt sind sie nicht gerade billig, aber sehr empfehlenswert. Ob mit dem Aerotaxi nach Cayo Largo zum Schnorcheln und Leguane beobachten oder mit dem Katamaran zum Plantschen mit den Delfinen. Ob Trinidad, Dschungelsafari, Krokodilfarm oder Pinar del Rio mit den berühmten Mogotes-Kalkfelsen … Kuba ist zu groß und vielseitig, um den Urlaub allein am Strand zu verbringen. Nur sollte man wissen, dass gegen Geschenke-Austausch und Prostitution von der Regierung hart vorgegangen wird. Vorsicht also beim vermeintlich harmlosen Flirten oder gut gemeinten Beschenken armer Menschen. Der Tourist ist überall König und Freund – aber nur, solange er seine Rolle als Urlauber und Kapitalist akzeptiert.

Text: Reinhold Wagner / Fotos: iStock; Anagoria/Wikimedia Commons; Reinhold Wagner

 

 

Reise-Tipps Kuba

Beste Reisezeit: November bis April während der Trockenzeit; selbst im kältesten Monat Januar beträgt die Durchschnittstemperatur immer noch gut 22 Grad.
An- / Ausreise: Zum Beispiel mit Condor, Air Berlin oder Cubana ab Frankfurt. Der Freiburger Reiseveranstalter Aventoura unterhält in Havanna ein eigenes Büro. Zur Einreise sind ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass, die Touristenkarte vom Reiseveranstalter und ein Krankenversicherungsschutz vorzuweisen. Bei der Ausreise sind 25,- Pesos Convertibles je Person am Flughafen zu zahlen. Währung auf Kuba ist der Peso Convertible – US-Dollar werden nicht akzeptiert. Die kubanische Währung darf weder ein- noch ausgeführt werden. Neben Travellerschecks werden alle Kreditkarten akzeptiert, außer American Express, Diners und alle von US-Finanzunternehmen herausgegebenen Kreditkarten. Spezielle Impfungen sind nicht nötig.