Wenn ein Sprayer so richtig loslegt, verliert alles andere an Bedeutung. „Dann zählt nur noch das Kunstwerk“, sagt Ana Montenegro und schildert die Geschichte eines  jungen Mannes, der sich so über eine jungfräuliche Mauer freute, dass er sie stundenlang ohne Pause besprühte. „Als er sich irgendwann umdrehte, standen 20 Polizisten hinter ihm – ihm war gar nicht aufgefallen, dass er sich an einer Polizeiwache zu schaffen machte.“

 

Was anderswo wahrscheinlich sofort zur Verhaftung geführt hätte, wurde in Buenos Aires auf die lokale Art gelöst. „Nachdem der Mann die Wand mit weißer Farbe übermalt hatte, war die Sache vergessen“, sagt die 27-Jährige und genießt die verblüfften Gesichter ihrer Zuhörer. Diese sind aus Nordamerika und Europa angereist, um in die Streetart-Szene der argentinischen Hauptstadt einzutauchen – fernab der auf Hochglanz polierten Touristen-Routen. So auch Elina Fleischmann aus Zürich. „Ich wollte die Stadt einfach mal von einer anderen Seite sehen“, sagt die 31-Jährige.

 

Graffiti-Tour in Buenos Aires

 

Die Tour führt durch Viertel, die kein regulärer Reiseführer empfehlen würde. Sie erzählt von aufstrebenden Künstlern, ökonomischen Krisen und dem ungezähmten Drang zur Meinungsäußerung. Die Anschauungsobjekte: Hunderte von bemalten, besprühten, bepinselten Wänden in Buenos Aires.  „Rein vom Gesetz her sind Graffiti auch in Argentinien illegal“, sagt Montenegro. Das kümmere aber niemanden. „In der Praxis haben wir hier ein ganz anderes Verhältnis zu diesen Kunstwerken. Sie werden überall toleriert.“

 

Warum das so ist, erklärt die gelernte Journalistin anhand eines verblichenen Sprühbildes. Es zeigt ein Comic-Männchen im Taucheranzug, genannt „El Eternauta“. Die Figur ist in Argentinien ungefähr so bekannt wie Asterix in Frankreich. Sie verkörpert einen Helden, der sich in einer post-apokalyptischen Welt durchschlagen muss. „In der realen Welt musste der Autor dafür mit seinem Leben bezahlen“, sagt Montenegro. Weil die Comics der Militär-Diktatur zu kritisch waren, wurde er 1977 verhaftet und tauchte nie wieder auf. Als Wiedergutmachung erlaubte der spätere Präsident Néstor Kirchner die freie Vervielfältigung der Figur – die Geburtsstunde der argentinischen Graffiti-Bewegung.

 

Ana-Montenegro-in-Aktion-(Foto--Steve-Przybilla)-(9)

 

Am nächsten Haus ist von historischer Demut nichts mehr zu spüren. Mit roter Farbe hat jemand dutzendfach seinen Namen auf bröckelnden Putz geschmiert, daneben Liebesschwüre für die Angebetete. Die alternative Stadtführerin grinst: „Der kannte wohl noch kein Facebook.“ Aber selbst hier können die Teilnehmer – hauptsächlich junge Leute – noch etwas lernen: „Das Schöne“, sagt Ana Montenegro, „ist die Toleranz auch innerhalb der Community. In New York kannst du erschossen werden, wenn du in der falschen Gegend sprühst. Hier gibt es eher eine humorvolle Konkurrenz zwischen den Künstlern.“

 

Von New York haben die Organisatoren wohl auch die Idee der Streetart-Präsentation übernommen. In amerikanischen Großstädten gibt es schon lange Graffiti-Touren, die europäischen Metropolen London und Berlin zogen nach. Selbst die kolumbianische Hauptstadt Bogotá kann man anhand ihrer Farbkleckse kennenlernen. In Buenos Aires heißen die beiden Hauptakteure „Street Art Tours“ und „Graffitimundo“ – eine lose Gruppe aus Studierenden, Künstlern und Medienschaffenden, für die auch Ana Montenegro arbeitet. Obwohl Graffitimundo erst seit drei Jahren existiert, hat sich das Projekt schon herumgesprochen. „Die Führungen sind ausgebucht“, freut sich Montenegro.

 

Graffiti-Tour-(Foto--Steve-Przybilla)-(14)

 

Ob Telefonzelle, Garagentor oder Spielplatzzaun: Alles, was ohne großen Aufwand bemalt oder besprüht werden kann, dient in Buenos Aires als Leinwand. Und als ökonomisches Anschauungsmaterial gleich mit: „Nach dem Zusammenbruch unserer Wirtschaft im Jahre 2001 ging es vielen so schlecht, dass sie sich nicht mal mehr hochwertige Spraydosen leisten konnten“, erzählt Montenegro. Mit Baumarktfarbe hätten die Menschen dann ihre Botschaften verbreitet.

 

Einige haben sich von dem Sturz nie wieder erholt, was auch bei der Tour deutlich wird. Immer wieder sieht man Obdachlose, die zwischen den bunten Häuserfronten ihr Lager aufgeschlagen haben. Hin und wieder biegt ein vollbeladener cartonero um die Ecke. Die Männer durchwühlen die Mülleimer der Stadt nach Verwertbarem und verkaufen es an Recyclingfirmen. „Klar, dass sich solche Verhältnisse auch in der Streetart-Szene niederschlagen“, sagt Montenegro.

 

Graffiti-Tour-(Foto--Steve-Przybilla)-(12)

 

Nach so vielen trübseligen Anekdoten gibt es dann aber noch eine gute Nachricht: „Viele lokale Künstler sind inzwischen so bekannt, dass sie zu Ausstellungen in aller Welt eingeladen werden“, berichtet Montenegro. „Die wenigsten können allerdings wirklich davon leben, weshalb sie sich über die Hilfe unserer Organisation freuen.“ Hinter einem offen stehenden Garagentor entdecken die Tour-Teilnehmer, wie es einem Street-Art-Künstler im täglichen Leben ergeht.  In einer spärlich beleuchteten Halle riecht es nach Farbe, Schweiß und Verdünnung – das Gemeinschaftsatelier dreier Künstler, die es in Buenos Aires bis ganz nach oben geschafft haben.

 

Ein junger Mann tritt zu der Gruppe:  „Hi, ich bin Nico, aber auf der Straße kennen mich alle nur unter dem Pseudonym Ever.“ Der 27-Jährige, der im bürgerlichen Leben auf den Namen Nicolas Romero hört, malt am liebsten riesige Mao-Köpfe, aus denen bunte Farbtupfer quellen. „Schaut mal hier“, sagt er auf Englisch und gibt ein Tablet in die Runde. Zu sehen ist ein zehngeschossiges Wohnhaus in Puerto Rico, bemalt mit einer übergroßen Frau. „Das hab ich in acht Tagen gemacht“, sagt „Ever“, sichtlich stolz über die vollbrachte Leistung. Nur Mao sei als Motiv diesmal weggefallen: „Das war schließlich eine Auftragsarbeit. Und in den USA ist der chinesische Nationalheld nicht so gefragt.“

 

Graffiti-Tour-(Foto--Steve-Przybilla)-(8)

 

Auftragsarbeiten und Straßenkunst: Passt das überhaupt zusammen? „Das machen in Buenos Aires viele Politiker“, sagt Ana Montenegro. „Aber die Leute wollen keine Propaganda und übersprühen das schnell wieder.“ Doch bleibt die Frage, wie authentisch die Tour selbst ist –  ein Erlebnis, bei dem die Öffentlichkeit schließlich genau diejenigen kennenlernt, die normalerwiese am liebsten im Verborgenen werkeln. Schon möglich, dass Angebote wie „Graffitimundo“ die Straßenkunst damit ein wenig aus der Schmuddelecke holen. Oder sie entzaubern. Doch darüber wird in der knapp bemessenen Zeit nicht gesprochen.

 

Text & Fotos: Steve Przybilla

 

 

Info

Anreise: Zum Beispiel ab Frankfurt

mit KLM oder Air France, hin und zurück ab 700 Euro

 

Unterkunft: Das Eco Pampa Hostel (Guatemala 4778)

liegt mitten im Szeneviertel Palermo und bietet eine einfache, ökologisch orientierte Übernachtungsmöglichkeit, DZ ab 60 Euro, www.hostelpampa.com.ar

 

Buchen: Die Touren müssen im Internet reserviert werden,

der Treffpunkt wird dann per E-Mail gesendet.

 

Kosten: 20 Euro pro Person; http://graffitimundo.com