Wenn Sie am Ufer des zweitgrößten Naturhafens der Welt sitzen, fast die Hälfte der Inselfläche unter Naturschutz stehen, jedes Jahr Ende Juni plötzlich Tausende aus dem In- und Ausland in ein kleines Städtchen, also nach Ciutadella strömen und ansonsten auf Wanderungen immer wieder auf türkisblaue Buchten und schroffe Küsten stoßen, dann sind Sie auf Menorca – sicher der ursprünglichsten der bewohnten balearischen Inseln.

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„Du bist in ein Verhältnis von eins zu eins mit allem geraten, du und das Meer, du und die Bäume, du und die Felsen.“ Wer es in Bezug auf Menorca weniger existentialistisch mag als der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, der könnte auch formulieren: „Herrliche Natur, lecker Fisch, tolle Buchten.“ Wanderlustige, die auf eine tatsächlich malerische, oft unberührte Natur treffen, suchen allerdings die eine große Herausforderung vergeblich: Die höchste Erhebung (manche nennen sie tatsächlich Berg) ist der Monte Toro, dessen Gipfel allerdings schon bei 357 Metern erreicht ist. Spötter könnten sagen: „Das ist so platt, da kann ich auch hochfahren.“

Mountainbiken ist eine echte Alternative. Für bequemere Zeitgenossen ist indes eine 125er (ab 20 Euro/Tag) das perfekte Fortbewegungsmittel, weil sich auf dem Roller an einem Tag viele Ziele ansteuern lassen und weil man als Tourist dann gar nicht mehr auffällt – vorausgesetzt, die Kamera baumelt nicht noch um den Hals.

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Die Kamera muss aber zwingend dabei sein, wenn man eine unerlässliche Rundfahrt im Hafen der Hauptstadt Mahòn (oder Maó) unternimmt, durch die alte Kapitale Ciutadella streift, den Nationalpark vor dem pittoresken Dorf Es Grau besucht oder in Fornells am Rande der Bucht in einem Restaurant sitzt und den königlichen Langusteneintopf (Caldereta de Llagosta) vor sich hat, der allerdings dem Geldbeutel ganz schön ans Leder rückt.

Von den zahlreichen Buchten sei die Cala Morell im Nordwesten empfohlen, die Cala en Turqueta im Südwesten, die Punta Prima im Südosten, Es Grau im Nordosten oder, lebhafter und mit touristischer Infrastruktur, die Cala Macarella. Wer zur Cala Morell fährt, auch ein feiner Ort zum Schnorcheln übrigens, sollte nicht versäumen, in einer unscheinbaren Kurve anzuhalten und die Coves prehistòriques zu besuchen. Hier löffelten schon 1500 v. Chr. Einheimische ein gutes Dutzend Höhlen in Hügel, um sie als Begräbnisstätten, aber offenbar auch als Wohnhöhlen zu nutzen. Sie hämmerten sogar Löcher in den Gneis und trotzten dem Felsen Fensteröffnungen ab. Von Cala Morell gibt es auch eine zumeist gut ausgeschilderte Wanderung nach Cala del Pilar mit immerhin gut 500 Höhenmetern, schroffer Steilküste, weichen Dünen und dem milden Küstental La Vall. Ein schöner halber Tag.

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Ein anderer schöner halber oder auch ganzer Tag wartet auf dem Camí de Cavalls, dem herrlichen, 179 Kilometer langen Küstenwanderweg, der im Jahr 2010 wieder freigelegt wurde und zuweilen eine rustikale Natur hat. Spektakulär etwa das Teilstück vom Leuchtturm Far d’Artrutx im Südwesten bis zur Cala Galdana. Anders als wir Ahnungslosen sollte man hier aufs Mountainbike verzichten, es sei denn, man mag Gassigehen mit Zweirad: Fahren könnte hier vielleicht die südbadische Olympiasiegerin Sabine Spitz. Danach dürfte lange nichts kommen.

Sehr viele kommen jedes Jahr allein wegen des San-Joan-Fests nach Menorca. Wer sich von diesem aberwitzigen Treiben ein Bild machen möchte, der könnte bei Youtube fündig werden. Die Menorquiner schlugen sich übrigens – anders als die Nachbarinseln Mallorca, Ibiza und Formentera – im Spanischen Bürgerkrieg auf die Seite der demokratischen Republikaner und damit gegen Franco. Menorca musste sich erst 1939 als letztes spanisches Gebiet überhaupt den Nationalsozialisten ergeben. Der Diktator hasste Menorca und ließ hernach die Festung Isabell II. zu einem Gefängnis für politische Gegner ausbauen. Spanische Mütter sollen ihrem Nachwuchs lange Jahre immer wieder eingetrichtert haben: „Sei brav oder du kommst nach Menorca.“ Heute könnten Sie das Gegenteil sagen.

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Einwohner: 95.000 // Größe: 694 km
Anreise: Vom EuroAirport Basel-Mulhouse-Freiburg fliegt TUI jeden Sonntag um 17.45 Uhr nach Mahòn. Parken (P5) am EAP kostet für sieben Tage 49 Euro.
Hoteltipps:
In Mahòn: Gediegen: Capri Le Petit Spa (www.hotelcaprilepetitspamahon.com), einfacher: Hostal Posada Orsi (www.posadaorsi.es)
In Ciutadella: Gediegen: Port Ciutadella (www.sethotels.com/es), einfacher, aber auch in spektakulärer Lage: Hostal Sa Prensa (www.saprensa.com/en)
Generelle Infos: www.menorca.es, www.balearsculturaltour.net

Text & Fotos: Lars Bargmann