Für Kulturhungrige ist sie nichts, die Insel Boavista. Christoph Kolumbus landete hier 1498 auf seiner dritten Amerikareise, es gab den Salzhandel, wie andernorts auf den Kapverden auch, 1878 legte man auch hier dann mal die Sklaverei ad acta, und Ende des 19. Jahrhunderts errichteten jüdische Geschäftsmänner eine Ziegelfabrik – noch gilt der Schornstein als Wahrzeichen der Insel. Boavista allein ist eher was für Ruhesuchende, der afrikanische Inselstaat Kapverden indes ist sehr wohl ein intensiver, inspirierender Kultur-Trip.

Endlos lange Sandstrände

 

Nur 12.000 Menschen leben auf Boavista, die meisten in der Hauptstadt Sal Rei – man stirbt aber nicht, wenn man die links liegen lässt. Boavista, das ist vielmehr Karibik-Flair im Zentralatlantik – die Insel liegt rund 450 Kilometer westlich vom Cabo Verde im Senegal. Schier endlose Sandstrände, meist weht ein ordentliches Lüftchen, Surfer mit und ohne Kite komme auf ihre Kosten. Eine geführte Quadtour von Rabil aus ist auch sehr kurzweilig, weil es anspruchsvolle Passagen gibt und der Traumstand Santa Monica mit seinen Höhlen so einfach am besten zu erreichen ist. Wer mag, kann auch die höchste Erhebung, den Santo António, erwandern. Allein: Einen Naturkick gibt es hier oben nicht.

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Den aber gibt es auf den anderen 15 kapverdischen Inseln sehr wohl – es ist ein Archipel der Antagonismen, dem der unermüdliche Freiheitskämpfer Amílcar Cabral posthum 1971 die Unabhängigkeit beschert hatte. Wer auf Boavista war, kann sich Sal sparen – es sei denn, er möchte in Buracona das blaue Auge sehen oder den raumgreifenden Salzkrater an der Ostküste. Aber Santo Antao, Fogo oder Sao Vicente lohnen. Egal, ob man Kultur- oder Natur-Fan ist. „Jede Insel hat ihre eigene Identität und manche sogar ihre genetische Besonderheit“, weiß Guide Tutu: „Auf Fogo siehst du viele Leute mit helleren Haaren und blauen Augen, auf Santiago und Brava haben sie hellere Haut.“ Auf Fogo hatte sich im 19. Jahrhundert der französische Graf Armand Montrond niedergelassen und dem war offenbar äußerst selten langweilig: Der Montrond-Clan zählt viele hundert Nachfahren, auch unser Bergführer trägt seinen Namen.

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Auf Santiago, der am meisten afrikanischen Insel, leben mehr als die Hälfte der knappen halben Million Kapverdier. In Praia leben noch heute 2000 Rebelados – fernab moderner Errungenschaften. Die älteste Stadt des Archipels ist Ribeira Grande de Santiago oder auch Cidade Velha, wo mit der Igreja Nossa Senhora do Rosario auch die 1495 gebaute und damit älteste Kirche steht. Ob Kolumbus sie gesehen hat, ist unklar. Wer sie sieht, sollte unweit der Kirche ein paar Minuten am Pranger (Pelourinho) verweilen, an den die gefesselten Sklaven wie Kleider über einen Haken gehängt worden waren: Santiago war im 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts die Drehscheibe des transatlantischen Sklavenhandels. In Praia residiert auch seit vier Jahren der Präsident der Kapverden, Jorge Carlos Fonseca.

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Eine knappe Flugstunde entfernt liegt Fogo mit der Hauptstadt Sao Filipe und ihren pastellfarbenen Kolonialstilbauten. Der Pico de Fogo ist mit 2829 Metern nach dem Teide auf Teneriffa mit 3718 der zweithöchste Berg im Atlantik. Erst im vergangenen November begann der Vulkan wieder zu speien, er begrub zwei komplette Ortschaften in der Hochebene Cha de Caldeira – wo auf 2000 Metern Wein und Granatäpfel wuchsen – unter der Lava. Die Menschen, die hier lebten – wo der Unterzeichner vor drei Jahren in der Casa Marisa beim Deutsch-Türken Mustafa und seiner Frau Marisa übernachtet hatte –, was sie heute machen?

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Weiter könnte es gehen nach São Vicente mit der Musikstadt Mindelo und der großen Hafenanlage oder – noch unverzichtbarer – nach Santo Antão, die merkwürdige Insel, die im Süden von schroffen Felsen dominiert wird und nach dem Überqueren einer Berggruppe plötzlich an einen Regenwald erinnert. Ganz oben, an der Engstelle Delgadim zwischen dem Bergdörfchen Corda und Ribeira Grande, ist ein für die Inseln der Gegensätze symbolischer Ort: Wo man eben noch durch karge Felsformationen und dürre Steppe gefahren ist, schweift hier das Auge über üppigste Vegetation, große Bäume, fruchtbare Felder. Santo Antão ist die Wanderinsel der Kapverden, bewegende Ausblicke im Paúl-Tal, Drachenbäume, Mango, Zuckerrohrplantagen.

 

Text & Fotos: Lars Bargmann