Zu Besuch bei Freiburgs einzigem Schamanen

Medizinmann, Wahrsager, Voodoo-Zauberer, Seelenheiler – das Kind muss beim Namen genannt und so Benjamin Maier als Schamane bezeichnet werden. World-of-Warcraft-Fans werden allerdings enttäuscht sein: Maier ist vom wilden Erscheinungsbild des Schamanen im Computerspiel weit entfernt. Er trägt weder große Wolfschädel-Schulterpanzer noch Knochen-Fetische oder Fell mit glühenden Bernsteinscherben. Der 31-Jährige braucht keine Verkleidung, um das Vertrauen der Klienten zu gewinnen. In seiner Praxis im Freiburger Gewerbegebiet Haid bietet der New-Age-Heiler Sitzungen, Seminare, Workshops, Vorträge und mehrjährige Ausbildungen an und berät gerne auch per Telefon oder via Skype. Tradition und Moderne sind bei ihm unter einem Dach vereint.

 

Es ist ruhig. Eine sanft lächelnde Buddha-Statue, eine Panflöte und ein aufgeschnittener Amethyst, dessen Glanz den Raum in sanftes violettes Licht hüllt, schmücken den selbst gebastelten Altar. Daneben steht eine afrikanische Trommel, gegenüber wacht ein hölzerner Drache. An der Wand hängen indianische Traumfänger, japanische Reiki-Symbole und gemalte Bilder, die die vier Elemente zeigen. Willkommen in Freiburgs einziger Schamanenpraxis.

Benjamin Maier: New-Age-Heiler- Sitzungen in der Praxis auf der Haid.

 

Hier lässt Benjamin Maier schamanistische Traditionen aus dem Sibirien des 17. Jahrhunderts wieder aufleben. Aber nicht nur diese, wie er selbst betont: „Ich bin nicht engstirnig, sondern sondiere, was es auf der ganzen Welt gibt. Esoterischer Buddhismus gehört zur östlichen Magie, dabei wird hundertprozentig schamanisch gearbeitet. Und aus dem Christentum kommen ursprünglich alle schamanische Rituale.“

 

Magie, Rituale, Schamanismus: Maier hat auch eine andere Seite, er ist ein Meister der Ninja-Kampfkunst Ninjutsu und sieht nicht gerade wie ein Bilderbuchzauberer aus. Ein langärmliges Hemd, Shorts, graue Wollsocken, ein Hipster-Bart. Lediglich die langen, zum Pferdeschwanz geflochtenen Haare haben noch ein wenig Mystisches an sich.

 

Tradition spielt bei ihm aber eine untergeordnete Rolle. Was sich – zu Maiers Glück – auch an seinem Werdegang ablesen lässt: Als Kind wurde er nicht aus seinem sozialen Umfeld gerissen, unter Drogen gesetzt und isoliert von den Eltern zu einem älteren Zauberer gebracht, der ihn schließlich ausbildet. So wie es vor 400 Jahren bei angehenden Schamanen durchaus üblich war.

 

Rückblickend betrachtet er sich als „normales Kind“. Zu dieser Normalität gehörte für ihn allerdings schon der Kontakt zu Tiergeistern: „Nachts haben mich immer Wölfe besucht und ein Spirit, der aussah wie eine Art Känguru. Das war sehr real für mich. Ich wusste, dass das echt war und hatte auch Angst davor, weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte.“ Maier ist überzeugt, dass jedes Kind einen Zugang zu übernatürlichen Fähigkeiten hat.

 

Was ihn aber schlussendlich auf den Weg in seine berufliche Zukunft getrieben hat, war sein Hang, den Menschen zu helfen, ihr Überleben in der Gesellschaft zu sichern und ihre persönlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten zu entfalten. Er sei schon früh sehr empathisch gewesen, schon in seiner Jugend hätten ihn „alle möglichen Leute immer um Rat gefragt“. Die Menschen hätten sehr schnell gespürt, dass er ein guter Zuhörer war. Hinzu kamen philosophische Fragen, die sich der heutige Geistheiler schon als Junge stellte: Wie ticken die Welt und die Menschen, wie kann das Leben schöner werden?

 

Dem ehemaligen Psychologie-, Philosophie- und Heilpraktiker-Studenten wurde sehr bald klar, dass er sich seine Brötchen einmal auf einem speziellen Weg verdienen würde: „Schon drei Jahre vor meinem Abitur war ich überzeugt, später keinen normalen Beruf ergreifen zu wollen.“

 

Dabei ist Schamanismus heute wirklichkeitsbezogener als es im ersten Moment klingen mag. Maier beschäftigt sich weniger mit den traditionellen Aufgaben eines Geistheilers wie etwa der Krankenheilung, Ritualen um Tod und Sterben, der Abwehr „böser Geister“ oder Weissagungen. Vielmehr zeigt er sich als Schamane des 21. Jahrhunderts: Paarberatung ist voll im Trend, Hilfe bei der beruflichen Selbstfindung ebenso. „Personen, die sich anstrengen, beruflich etwas völlig anderes zu machen als das, wofür sie eigentlich auf der Erde geboren sind, werden eines Tages von einem Unfall oder einer schweren Krankheit gestoppt. Wir nennen das dann Schicksalsschlag“, beschreibt der hagere Mann die Kräfte, denen er sich bereitwillig entgegenstellt. Pro Stunde berechnet er dafür bis zu 90 Euro.

hölzerner Drache

 

Um gegen das Schicksal in den Kampf zu ziehen, versetzt er sich mit unterschiedlichen Methoden in Trance: Trommeln, Singen, Tanzen. „Trance ist ein Zustand eingeschränkter Aufmerksamkeit, in dem wir uns auf ein bestimmtes Element fokussieren, das ist ein ganz alltägliches Phänomen, eigentlich sind wir ständig in einer Trance.“ Ist er auf der richtigen Ebene angekommen, ruft er die sogenannten Krafttiere und Hilfsgeister der Klienten an – Wesen, die einem Schutzengel in Tiergestalt entsprechen.

 

Früher war es nur dem Schamanen möglich, zwischen der Unterwelt, dem Hort der Toten und Dämonen, der mittleren Welt, wie wir sie in unserem Alltag erleben, und der Oberwelt im Himmel hin und her zu wandern. Im Neo- oder Neuschamanismus der 60er Jahre hingegen hatte plötzlich jeder die Fähigkeit zu solch spirituellen Trips, die auch Astralreisen genannt werden. „Jeder kann schamanisch arbeiten, wenn er großes Interesse an schamanischer Weisheit hat und sich ihr widmet“, erklärt Maier.

 

Um seine Berufung zu leben, hat der gebürtige Emmendinger sich zunächst mit sich selbst auseinandergesetzt. Diese Aufgabe, in der östlichen Magie auch „Erleuchtungsweg“ genannt, dauert aber ein Leben lang. Dafür offenbart er sein komplexes Wunderrezept mit folgenden Zutaten: Jahrelange Selbstbeobachtung, Wahrnehmungstraining, Entwicklung übernatürlicher Fähigkeiten, eine intensive spirituelle Lehrer-Schüler-Beziehung mit ständiger Supervision, Beschäftigung mit Psychologie, Philosophie, persönliche Entwicklungsarbeit durch Nachdenken, gedankliche Umstrukturierung, Meditation, magisch-schamanische Rituale, Geistheilung, Wille, Mut und Hingabe. Oder um es mit Xavier Naidoo zu halten: Dieser Weg wird kein leichter sein.

 

Maier stellt sich den Herausforderungen, wie er beschreibt: „Wenn eine Angst auftaucht, nehme ich sie an der Hand wie ein Kind und zeige ihr, wie schön das Leben ist. Wenn sie sehr tief sitzt, nutze ich meine geistheilerischen Fähigkeiten. Mich mit meiner Berufung zu zeigen, war die größte Angst, die ich überwinden sollte. Das war ein anstrengender Weg, der sich gelohnt hat.“

 

Um als Schamane hauptberuflich zu arbeiten, hat er seine Jobs als „Lightjockey“ in einer Disko und als Pflegehelfer im Altenheim gekündigt. Jetzt sitzt er in seiner Praxis und berät seine Klienten – auch via Skype oder Mail. Schamanismus 2.0.

 

Seine moderne Einstellung zum Schamanismus bringt ihm auch schon mal den Unwillen von Klienten ein, die aus Workshops enttäuscht von dannen gezogen sind. „Manche sind der Meinung, ein Schamane solle im Dschungel wohnen, nackt und drogensüchtig ums Feuer tanzen und dazu eine Adlerfederkrone tragen“, lacht der junge Mann. Das könne schon allein deshalb nicht stimmen, weil wenn alle Schamanen eine Adlerfeder hätten, gäbe es wohl keine Adler mehr. 

 

Text & Fotos: Anaïs Lauvergeon