„Sie ist meine Schwester“

Was es so Neues gebe, wurde Sängerin Annett Lousian in den vergangenen drei Jahren immer wieder gefragt. „Alles außer Liebe“, antwortete die 36-Jährige trotzig, weil man von ihr immer nur Liebeslieder erwarte. Also wollte sie auch ihr neues Album so nennen. Es ist inzwischen das sechste, das die Wahl-Hamburgerin innerhalb von zehn Jahren veröffentlicht. Letztendlich hat sie es aber „Zu viel Information“ genannt, weil sie ihren Vorsatz „Alles außer Liebe“ dann doch nicht befolgt hat. Im Interview spricht die Sängerin mit der verführerischen Chanson-Stimme über den Starrummel und überwundene Ängste, neue Herausforderungen und über ihre Pläne für die Zukunft.

Nahm sich eine kleine Auszeit: Zwischen dem letzten Album "In meiner Mitte" von Annett Louisan und dem neuesten Werk "Zu viel Information" liegen drei Jahre, in denen die 36-Jährige sich anderen Dingen widmete. Sie probierte sich als Synchronsprecherin aus und war Jury-Mitglied bei der KI.KA-Sendung "Dein Song".

 

chilli: Mit „Stars“ haben Sie ein Lied an den Anfang Ihres neuen Albums gesetzt, das kein schönes Bild von Ruhm und Popularität zeichnet …
Annett Louisan: Ich würde sagen, dass es ein melancholisches Bild ist. Ruhm kann sehr tragisch enden – in der Vergangenheit war das auch oft der Fall. Und sicherlich hat er seine Schattenseiten mit dunklen Momenten, mit Traurigkeit, Misserfolg und Einsamkeit. Es gibt aber auch Licht, Glanz, Schönheit und Glücksgefühle. Diese Extreme wollte ich mit „Stars“ beschreiben.

 

chilli: Ihre ersten fünf Alben erschienen innerhalb von sieben Jahren, nun ließen Sie drei Jahre verstreichen. Nahmen Sie sich Zeit, um Ihre Karriere zu reflektieren?
Louisan: Ja, allerdings sehe ich nicht nur die drei Jahre Abstand, sondern die gesamten zehn Jahre meiner Karriere. Zehn Jahre, in denen ich Erfahrung auf der Bühne, aber auch dahinter in diesem Medien-Zirkus sammeln konnte. Ich wäre nicht die, die ich heute bin, hätte ich das nicht erlebt.

 

chilli: Was wäre denn aus Ihnen sonst geworden?
Louisan: Ich kann das nicht genau sagen. Der Ruhm prägte mich natürlich sehr. Im Gegensatz zu früher nehme ich das inzwischen aber sehr viel mehr an: Ich bin die, die ich bin. Ich habe verschiedene Erfahrungen in dieser Branche gemacht. Es gibt Leute, die bodenständig geblieben sind und sich auf ihrer Suche nach einem Sinn für Schönheit und Kunst nicht haben beirren lassen. Ich lernte aber auch den Zwiespalt und Kampf zwischen Kunst und Kommerz kennen. Auch die Traurigkeit, die darin steckt. Zugleich habe ich noch immer eine wahnsinnige Angst, dass sich irgendwann mein Ego verselbstständigt, dass ich irgendwann nicht mehr ohne das Im-Mittelpunkt-Stehen sein kann.

 

chilli: Zehn Jahre sind in der Musikindustrie eine sehr lange Zeit …
Louisan: Ja, das stimmt. Ich bin jetzt 36, damals – 2004, als „Das Spiel“ herauskam – war ich 26. In dieser Phase ist wahnsinnig viel passiert. Auf der einen Seite habe ich sehr viel gesehen und dazugelernt, auf der anderen Seite sind ein paar Dinge an mir total verkümmert. Und die versuche ich zu pflegen.

 

chilli: Was sind das für Dinge?
Louisan: Ich versuche, nach meinen Tourneen ins ganz normale Leben einzutauchen und nicht, im goldenen Käfig zu sitzen. Es gibt andere Leute, die leben dieses Popstar-Leben komplett, aber das verändert einen stark. Menschen behandeln einen anders, und man verhält sich anders in der Öffentlichkeit. Was ich aber am schlimmsten finde, ist, dass ich mit Fremden nicht mehr so offen und ehrlich sein kann. Ich unterhielt mich früher oft mit wildfremden Menschen. Man kann da viel ehrlicher sein als mit seinen besten Freunden, weil man nicht so viel zu verlieren hat. Das fehlt mir manchmal. Ich bin sehr froh, dass ich noch ein paar Freunde habe, die mich bereits vor dem Ruhm kannten.

"Ruhm hat sicherlich seine Schattenseiten mit dunklen Momenten, mit Traurigkeit, Misserfolg und Einsamkeit. Es gibt aber auch Licht, Glanz, Schönheit und Glücksgefühle", erklärt Annett Louisan.

 

chilli: Es gibt also noch diesen Konflikt zwischen öffentlicher Person und Privatperson bei Ihnen?
Louisan: Ich würde sagen, Annett Louisan ist meine Schwester. Es steckt sehr viel von mir in ihr. Aber ich weiß, dass viele Menschen mich und die Sängerin Annett Louisan gleichsetzen. Dennoch: Ich war nie auf der Suche nach Öffentlichkeit, sondern wirklich nach Musik. Ich bin Sängerin und ich liebe das. Singen macht mich wahnsinnig glücklich, in vielen Momenten ist das auch so eine Art Meditation für mich. All das Drumherum, das musste ich erst lernen. Ich bin kein Typ für den roten Teppich. Aber ich liebe es, auf die Bühne zu gehen.

 

chilli: Im Vorfeld dieses Albums sagten Sie: „Musik ist ein Filter, um die Realität zu verarbeiten“. Wie verarbeiten sie denn die Realität?
Louisan: Wenn der Mensch in der Lage wäre, die Realität komplett aufzunehmen, bräuchten wir die Kunst wahrscheinlich gar nicht mehr. Diese Filter sind dennoch sehr wichtig, und jeder hat seine eigenen Kriterien, nach denen er das Erlebte verarbeitet. Mir fällt das leichter, meine Sicht auf die Dinge und Menschen durch die Musik zu beschreiben und auszudrücken.

 

chilli: Sie machten in den vergangenen Jahren nicht nur Musik, sondern waren auch Synchronsprecherin für die Kinderserie „Der Kleine Prinz“ und Jury-Mitglied bei der KI.KA-Sendung „Dein Song“. Hatten Sie genug vom Singen?
Louisan: Ich muss mich immer selbst fordern. Wenn ich merke, dass ich unterfordert bin, dann entsteht eine Überforderung, so paradox sich das anhört. Über Weihnachten machte ich zum Beispiel meinen Tauchschein. Ich bin eigentlich ein sehr ängstlicher Mensch, und das muss ich ein wenig angehen und überwinden. Das versuche ich mit meinen Ausflügen wie etwa einem Hildegard-Knef-Abend, einer Brecht-Lesung oder auch diesen Synchronrollen. Ich brauche diese Herausforderungen. Das befreit mich unglaublich und hilft mir bei meiner Arbeit.

 

chilli: Haben Sie weitere Ambitionen, vielleicht in Richtung Schauspielerei?
Louisan: Ja, das interessiert mich sehr. Das ist aber auch ein Handwerk, das man können muss, und da bin ich sehr selbstkritisch. Wenn mir irgendwann die richtige Rolle und der richtige Regisseur über den Weg laufen, dann würde ich das nicht ablehnen. Im Grunde ist das, was ich auf der Bühne mit meinen Liedern mache, etwas Verwandtes.

Sängerin Annett Louisan verarbeitet Geschichten, Gedanken, Erlebtes in ihrer Musik: "Wenn der Mensch in der Lage wäre, die Realität komplett aufzunehmen, bräuchten wir die Kunst wahrscheinlich gar nicht mehr."

 

chilli: Was sollen die nächsten zehn Jahre bringen?
Louisan: Die nächsten zehn Jahre in der Musikbranche werden sehr interessant werden. Ich bin mir ganz sicher, dass sich mehr verändern wird als in den vergangenen 30 Jahren. Das werde ich mit Spannung beobachten. Ich persönlich möchte in zehn Jahren natürlich noch auf der Bühne stehen. Zumindest hoffe ich das … (überlegt) Naja, in zehn Jahren werde ich es wissen. (lacht)

 

Text: Sebastian Srb / Fotos: © 105 Music / Sony
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

Annett Louisan auf Deutschland-Tournee:

28.03., Timmendorfer Strand, Maritim Seehotel
30.03., Wahlstedt, Kleines Theater am Markt
31.03., Lüneburg, Vamos! Kulturhalle
01.04., Frankfurt, Alte Oper
03.04., Neunkirchen, Neue Gebläsehalle
04.04., Karlsruhe, Stadthalle
05.04., Bremen, Musical Theater
06.04., Emden, Nordseehalle
08.04., Gera, Kultur- und Kongresszentrum
09.04., Cottbus, Stadthalle
10.04., Berlin, Tempodrom
11.04., München, Philharmonie
13.04., Bamberg, Konzert- und Kongresshalle
15.04., Erfurt, Theater Erfurt
16.04., Stuttgart, Liederhalle
17.04., Hannover, Theater am Aegi
28.04., Hamburg, Kampnagel
04.05., Bonn, Beethovenhalle
05.05., Düsseldorf, Tonhalle
06.05., Essen, Lichtburg
07.05., Kiel, Kieler Schloss
09.05., Dresden, Alter Schlachthof
11.05., Chemnitz, Stadthalle
12.05., Leipzig, Gewandhaus
13.05., Halle/Saale, Georg-Friedrich-Händel-Halle
14.05., Osnabrück, OsnabrückHalle
14.06., Köln, Philharmonie
25.07., Nürnberg, Stadttheater