Welch eine Energie: Aus Andreas Gabalier sprudeln die Worte im gut einstündigen Interview nur so heraus. Aber wahrscheinlich sagt eine unfreiwillige Unterbrechung des Gesprächs am meisten aus über den kernigen Shootingstar aus der Steiermark, denn sein Handy-Klingelton geht so: „I keep a close watch on this heart of mine. I keep my eyes wide open all the time …“ – Johnny Cashs sonores „Walk The Line“ tönt durch den Raum, und alle Fragen nach Ursprung und Authentizität von Gabaliers „Volks-Rock’n’Roller“-Attitüde erübrigen sich damit eigentlich. Mit Lederhosen und Elvis-Tolle war Gabalier in Nashville, Tennessee, um sich einen Jugendtraum zu erfüllen und einige Songs für seine neue CD „Home Sweet Home“ aufzunehmen. Die steckt voller Hits und ist zweifellos ein weiterer Meilenstein für den Abräumer, dem der Hype um seine Person erstaunlich wenig anzuhaben scheint. „Beinhoate Arbeit“ stehe hinter dem Erfolg, versichert er, und ein Blick auf sein Pensum bestätigt dies. Beinahe jeden zweiten Tag ist er irgendwo im TV zu sehen – unter anderem heute Abend bei „Verstehen Sie Spaß?“ (ARD).

"Das Interesse an meiner Person war einfach sensationell": Andreas Gabalier sorgte in Nashville durchaus für Aufsehen.

 

chilli: Sind Sie sehr enttäuscht, dass keine Frau zum Interview kommt?
Andreas Gabalier: (lacht) Ganz im Gegenteil: Ich freue mich über die Abwechslung. Stimmt schon, ich werde inzwischen auffällig oft von jungen Damen interviewt. Und eine charmanter als die andere – total verrückt.

chilli: Kriegen die mehr aus Ihnen raus als ihre männlichen Kollegen?
Gabalier: Überhaupts net. Denn die Mädels sind oft so übereifrig, dass sie sich die Antworten gleich selber geben. Außerdem versuchen Frauen meistens, das Interview auf eine besondere Ebene zu hieven …

chilli: Sie meinen, da wird geflirtet?
Gabalier: Ja, und so was kann auch ganz lustig sein. Aber die Frage ist halt, wie man am Ende rüberkommt. Ich will ja nicht als Playboy dastehen, denn ich bin ja koana.

chilli: Gibt es so etwas wie die klassische von Frauen gestellte Interviewfrage?
Gabalier: Ja: „Jetzt mal ehrlich: Wie viele Mädchen warten nach dem Konzert in deinem Hotelzimmer?“ Es läuft oft auf diese Groupie-Sache hinaus. Und meine Antwort ist immer gleich langweilig (lacht).

chilli: Also gut: Wie lang ist die Liste Ihrer Liebschaften – glaubt man dem Lied „Die Beichte“ auf der neuen CD, nimmt das geradezu Iglesias’sche Dimensionen an?
Gabalier: Um Gottes willen. Der Song ist eine reine Kabarettnummer. Ein Stück, das für die Liveauftritte gedacht ist, das die Leute zum Schmunzeln und Mitsingen bringen soll. Ansonsten muss sich jeder seinen Teil denken. Wissen Sie, wie viele Beziehungen mir schon angedichtet wurden! Und immer wieder fragen Ihre Kolleginnen danach, da sind die knallhart (lacht).

Mit der Reise nach Nashville, Tennessee erfüllte sich Andreas Gabalier einen Traum.

 

chilli: Und wir dachten, die wollen vielleicht nur wissen, ob das „Volks-Rock’n’Roller-Tattoo“ an Ihrer linken Wade echt ist … Solche Sachen.
Gabalier: Nö, eigentlich nicht. Wahrscheinlich ist das noch gar keinem so richtig aufgefallen.

chilli: Und: Ist es echt?
Gabalier: Sicher. Das war die Idee meines besten Freundes Andreas Frühwirth, den ich seit meiner Kindheit kenne. Als er sagte, dass er sich das stechen lassen will, konnte ich ihn doch unmöglich damit alleine lassen. Jetzt sind wir so was wie Blutsbrüder.

chilli: Sind Freundschaften gerade dann wichtig, wenn man so schnell auf der Überholspur unterwegs ist wie Sie?
Gabalier: Unbedingt. Dafür versuche ich auch, mir so viel Zeit wie möglich freizuschlagen. Ich schalte immer noch daheim am besten ab. Bei der Familie. Bei der Halben Bier mit alten Freunden. Und beim Sport, beim Wandern, Klettern, Skifahren, Touren gehen. Ich brauche diese Bindung zur Heimat – und die Bewegung.

chilli: Ab Herbst 2012 waren Sie in Deutschland omnipräsent. Ein TV-Auftritt folgte dem anderen. Wie platt waren Sie am Ende wirklich?
Gabalier: Es war extrem, und ich war schon ziemlich fertig. Ich hätte mir auch dringend mal eine längere Auszeit gewünscht, aber die Zeit war einfach nicht da. Im Gegenteil: Der Winter war besonders stressig, weil ab Anfang Januar das Studio gebucht war und ich bis Weihnachten noch keinen einzigen Titel aufgenommen hatte. Ich hatte zwar viele Song-Ideen, aber aufgrund des turbulenten Jahres 2012 fand ich bis dahin keine Zeit, um daraus Demos zu machen.

chilli: Demo heißt?
Gabalier: Ganz primitiv: Ich singe, nur von meiner Rhythmusgitarre begleitet, direkt ins Mac-Book hinein. Aber auch da brauchst du ungefähr einen Tag für einen Song. So saß ich im Dezember oft bis 5 Uhr früh daheim bei mir im Wohnzimmer, um an den Songs zu basteln, und danach war ich meistens so aufgekratzt, dass an Schlaf auch nicht zu denken war. Anfang Jänner ging es erst nach Berlin ins Studio, bevor wir dann, ab dem 20., nach Nashville flogen, wo wir fünf Nummern aufnahmen.

chilli: Die Erfüllung eines Traumes?
Gabalier: Auf jeden Fall. Coole Sache, einmal selbst dort Songs aufnehmen zu dürfen, wo schon Elvis, Johnny Cash, Dolly Parton und Co. waren. So etwas sündhaft Teueres wäre früher nicht mal im Traum für mich denkbar gewesen. Die Aufnahmen liefen dann extrem strukturiert und hochprofessionell ab. Von der Disziplin der Amerikaner, der Techniker und Studiomusiker, war ich wirklich überrascht. Das war so ganz anders als in Berlin, wo wir die Studioarbeit eher lässig angehen.

"Es ist beinhoate Arbeit": Andreas Gabalier (28) packt's an, auch wenn es manchmal an die Grenzen der Belastbarkeit geht.

 

chilli: Wie haben die Amerikaner auf den Volks-Rock’n’Roller reagiert?
Gabalier: Lustig war’s. Ich hatte oft die Lederhosn an, und schon durch mein Outfit erregte ich enormes Aufsehen. Das Interesse an meiner Person war einfach sensationell. Insgesamt eine tolle Erfahrung, ich denke, das hört man auf einigen Songs des Albums heraus.

chilli: Also besteht Wiederholungsgefahr?
Gabalier: Auf jeden Fall. Louisiana reizt mich zum Beispiel. Vielleicht nehme ich auch noch mal drüben auf: Eine Platte mit meinen Blues-Favorites im Gabalier-Style – warum nicht?

chilli: Haben Sie häufig Fernweh?
Gabalier: Nein, eher Heimweh. „Home Sweet Home“ – so heißt das Album ja nicht umsonst. Im Herzen bin ich immer noch der Bauernbua aus der Steiermark, den es immer wieder nach Hause zieht.

chilli: Ist an Auftritte und Vermarktung in den USA gedacht?
Gabalier: Momentan nicht, obwohl es vereinzelte Anfragen gibt. Aber ich spiele Anfang September ein paar Konzerte in Singapur – bei einer Art asiatischem Oktoberfest, sozusagen zum Warmspielen für die am 26. September beginnende Deutschland-Tour.

chilli: Haben Sie wirklich Fans in Asien?
Gabalier: Ja. Die fahren total drauf ab. Ich weiß das von Bekannten, die dort leben. Wir sehen das auch an den Zugriffs-Statistiken auf meiner Homepage und staunen immer wieder, wo die Leute überall herkommen. Sogar in China habe ich einen leidenschaftlichen Fan sitzen.

chilli: Einen?
Gabalier: Naja, da gibt es zumindest diese Frau aus Peking, glaube ich, die mir seit drei Jahren regelmäßig Fanpost schreibt. Neulich hat sie mir ein Foto von ihrer kleinen Wohnung geschickt, die sie offenbar mit ungefähr 15 Leuten teilt – überm Bett hängt ein Riesenposter von mir. So was ist schon sehr rührend.

Am Samstag, 22. Juni, 20.15 Uhr, ist Andreas Gabalier zu Gast bei "Verstehen Sie Spaß?" im Ersten.

 

chilli: Sind es eher solche kleinen Dinge, die für Sie den Erfolg ausmachen, oder doch die großen Events und Auszeichnungen wie Echo oder Bambi?
Gabalier: Wenn ich auf die letzten Monate zurückblicke, fällt mir sofort ein Meilenstein ein: die Ski-WM in Schladming im Februar.

chilli: Mit „Go For Gold“ steuerten Sie den offiziellen Song bei …
Gabalier: Ja, drei Wochen auf Platz eins der österreichischen Charts. Aber ich meine eher das Gefühl, vor 50.000 Ski-Fans aufzutreten, im Zielhang zu stehen, irgendwie ein Teil der ganzen Veranstaltung zu sein. – Ich als Steirer Bua durfte bei unserer WM in der Steiermark mitmachen, das machte mich wirklich stolz.

chilli: Weil Sie so heimatverbunden sind?
Gabalier: Ja, und weil ich ein leidenschaftlicher Skifahrer bin. Als Kind träumte ich von einer Karriere im Skisport. Ich bin als Skifahrer eh viel besser als als Musiker (lacht). Für den Wettkampf hat es aber leider nicht gereicht – die Konkurrenz bei uns ist enorm. Aber ich hatte eigentlich immer das Skifahren im Kopf in der Jugend, die Musik war bis vor vier Jahren wirklich nur ein schönes Hobby.

chilli: Welches Hobby steht nun an erster Stelle, da die Musik Ihr Beruf geworden ist?
Gabalier: Das Motorradlfahren. Ich habe eine 1200er-BMW. Mit sieben, acht Freunden plane ich gerade meinen Sommerurlaub: Über Kärnten, Südtirol und die Schweiz geht’s ab nach Südfrankreich – gemeinsam in die Freiheit reiten. Drücken wir die Daumen, dass mein Terminkalender das hergibt!

chilli: Stichwort: BMW-Motorrad. Erfüllen Sie sich nun mit Ihrem Geld viele solcher Träume?
Gabalier: Überhaupts net. Ich freu mich wie ein Kind, wenn ich daheim bin und ein Butterbrot mit einem Stückerl Käs’ vor mir habe.

chilli: Das klingt jetzt aber zu schön, um wahr zu sein!
Gabalier: (lacht) Auch wenn’s aufgesetzt wirkt: Ich mach’ mir wenig aus materiellen Dingen, ich träume nicht vom schnellen Sportwagen, da gibt es keine Sehnsüchte, ehrlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit drei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen bin und immer viel für mein Auskommen gearbeitet habe, oft auch am Abend in Bars. Früher habe ich die Jean drei Jahre ständig getragen, bis sie auseinanderfiel, heute kaufe ich mir einfach eine, wenn mir mal am Flughafen danach ist. Obwohl: Das Gwandl kriege ich inzwischen meistens sowieso gestellt. Der Luxus besteht eher darin, über Geld nicht mehr viel nachdenken zu müssen. Die BMW kaufte ich mir vor vier Jahren mit 10.000 Kilometern gebraucht, jetzt hat sie 42.000 auf dem Tacho, und ich möchte sie auch in Zukunft nicht missen.

Andreas Gabalier war in Nashville und sagt: "Coole Sache, einmal selbst dort Songs aufnehmen zu dürfen, wo schon Elvis, Johnny Cash, Dolly Parton und Co. waren. So etwas sündhaft Teueres wäre früher nicht mal im Traum für mich denkbar gewesen."

 

chilli: Ist das Leben als Star nun so, wie Sie sich das früher vorgestellt haben?
Gabalier: Nein, es ist komplett anders. Es ist beinhoate Arbeit.

chilli: Dann geben Sie doch mal eine kleinen Einblick in die Welt eines Superstars!
Gabalier: Heute morgen ging mein Wecker um 4 Uhr. Vom Flughafen Graz ging’s nach München, wo ich nun seit 8.30 Uhr Interviews gebe. Und das Programm dauert noch bis 23 Uhr. Morgen geht’s um 5 Uhr raus – ab zum Frühstücksfernsehen, am Abend sitze ich in der „NDR-Talkshow“ … So geht’s munter weiter, im Schnitt alle zwei Tage eine Fernsehsendung, dazwischen stundenlange Autofahrten, Interviews, Promo-Termine … Es wird net fad, aber von nichts kommt nichts!

chilli: Schließlich geht es darum, eine Deutschlandtour durch die größten Konzerthallen zu promoten …
Gabalier: Richtig. Im letzten Jahr hatte ich davor einen Riesenbammel, weil ich nicht genau wusste, ob meine Mundartmusik von der breiten Masse angenommen wird. Jetzt bin ich schon ruhiger – auch wenn die meisten der 20 Konzerte vielleicht nicht ganz ausverkauft sein werden, läuft der Vorverkauf super. Für den 8. November in der Münchner Olympiahalle sind schon 10.000 Karten weg – so gut wie ausverkauft, ein Wahnsinn. Jetzt gilt es, die Erwartungen zu erfüllen.

chilli: Fehlt eigentlich nur noch eine eigene Fernsehshow!
Gabalier: Es gab schon Ideen und Anfragen, die in die Richtung gehen, aber daran ist momentan überhaupt nicht zu denken. Ich will einen Schritt nach dem anderen machen, es geht mir sowieso schon alles zu schnell. Auch ob ich nicht mal schauspielen möchte, werde ich hin und wieder gefragt. Irgendwann werde ich das bestimmt mal machen.

chilli: Wie reagieren eigentlich die Kollegen aus der volkstümlichen Musikszene auf den neuen Megastar?
Gabalier: Gute Frage. Egal bin ich, glaub’ ich, keinem, obwohl ich ja irgendwie nicht zu der Szene gehöre und auch gar nicht hineinpasse. Die meisten klopfen mir auf die Schulter, aber man merkt bei einigen auch, dass es ihnen richtig wehtut, dass sie sich denken: „Warum kommt jetzt dieser Rotzbua aus der Steiermark daher und räumt alles ab?“ Es gibt Neider, gerade im Internet fühlen sich einige herausgefordert, gegen mich zu hetzen. Aber solche Reaktionen sehe ich als Kompliment. Alles erreicht (lacht)!

Fotos: Michael Mey / Electrola / Universal Musik, SWR / Koch Universal Musik / Thomas Bittera
Quelle: teleschau – der mediendienst