Die Verletzung der sicheren Hülle

Was für ein fordernder Jahresauftakt für Anja Kling: Nach ihrer Rolle als Bettina Wulff im Dokudrama „Der Rücktritt“ spielt der 44-jährige TV-Star ein weiteres Mal eine Eingeschlossene. Diesmal sind es nicht die Mauern von Schloss Bellevue, die ihr das Leben zur Hölle machen. Stattdessen erzählt der ZDF-Montagsfilm „Kein Entkommen“ (24. März, 20.15 Uhr) von einem seelischen Trauma, das Anja Klings Figur nach einer Gewaltattacke gefangen hält. Den Übergriff von Jugendlichen hält die junge Frau im Film vor sich selbst, dem Ehemann und den Kindern verborgen. Wie man sich denken kann, keine allzu gute Idee. Die in Potsdam lebende Schauspielerin spricht im Interview über die perfiden Mechanismen der Jugendgewalt und die menschliche Scham nach einer Verletzung der eigenen, sicheren Hülle.

Anja Kling als traumatisiertes Gewaltopfer im ZDF-Film "Kein Entkommen". Die Schauspielerin ist "überzeugt davon, dass man so ein Erlebnis ohne professionelle Hilfe überhaupt nicht verarbeiten kann".

 

chilli: Machten Sie selbst schon einmal Erfahrung mit Gewalt – oder hatten Sie zumindest Angst vor einem Übergriff?
Anja Kling: Nein, Gott sei Dank nicht. Ich habe so etwas noch nicht einmal beobachtet. Damit scheine ich aber fast schon in der Minderheit zu sein. Als ich in meinem Bekannten- und Freundeskreis von diesem Film erzählte, hatte fast jeder eine persönliche Geschichte zum Thema beizutragen. Das fand ich schon ziemlich erschreckend.

 

chilli: Haben Sie sich noch anderweitig ins Thema eingearbeitet?
Kling: Meine Vorbereitung war nicht anders als sonst. Ich habe mich in das Thema eingelesen, in diesem Fall Texte über Jugendkriminalität und Opferschutz. Und darüber, wie sich das bei uns in den letzten Jahren entwickelt hat. Viel wichtiger war jedoch das Gespräch mit dem Regisseur. Das ist für uns Schauspieler eigentlich immer die Hauptrecherche. Weil man da gemeinsam überlegt, was und wie man etwas über eine Figur erzählen will. Dabei gilt es stets zu beachten: In Filmen wird immer ein individueller Fall erzählt und keine Statistik bebildert.

 

chilli: In „Kein Entkommen“ wird eine selbstbewusste Frau und Mutter zweier Kinder brutal zusammengeschlagen. Was will uns dieser Fall erzählen?
Kling: Zum Beispiel, dass traumatisierte Opfer nicht alles richtig machen. Traumatisiert zu sein, heißt auch, dass sich viele Betroffene verstecken und verstellen. Meine Figur stürzt sogar ihre ganze Familie in die Krise. Einfach nur, weil sie so weitermachen will wie bisher. Weil sie sich keine Hilfe sucht. Diesen Fehler kann man einem Opfer jedoch nicht vorwerfen. Die Reaktion meiner Figur auf den Gewaltakt ist eine, die man bei den Opfern oft vorfindet. Sie scheinen unbeschadet aus der Sache hervorzugehen und erst mit der Zeit entdeckt man, wie groß die seelische Verletzung eigentlich ist.

Kein Erbarmen, kein Entkommen: Anna (Anja Kling) liegt am Boden und muss Schläge und Tritte über sich ergehen lassen.

 

chilli: Worin besteht die seelische Verletzung?
Kling: Im Falle meiner Figur ist es so, dass sich die Frau bloßgestellt und nackt fühlt. Damit kommt sie nicht klar. Deshalb schlägt sie auch jede Hilfe aus und spricht noch nicht einmal mit ihrem Mann darüber. Auch zum Therapeuten geht sie nicht. Dabei bin ich überzeugt davon, dass man so ein Erlebnis ohne professionelle Hilfe überhaupt nicht verarbeiten kann.

 

chilli: Ein wichtiger Erzählstrang des Films ist die Art und Weise, wie das Schweigen über das, was passiert ist, auf die Kinder des Opfers wirkt – nämlich ziemlich verstörend. Beschwichtigen wir unsere Kinder zu oft, wenn es uns schlecht geht?
Kling: Ich glaube, da spielt das Alter der Kinder eine wichtige Rolle. Deshalb ist es vielleicht ganz interessant, dass ich im Film einen Teenagersohn und eine kleinere Tochter habe. Vor kleineren Kindern finde ich es okay, dass man eine solch traumatische Geschichte in der Erzählung entschärft. Der pubertierende Junge hätte aber wohl mit der Wahrheit besser umgehen können als mit einer Lüge. Ihn hätte man miteinbeziehen müssen. Aber die Fehler des Opfers sind eben auch Thema des Films. Wir, als Nichtbetroffene, wissen natürlich, was man alles hätte besser machen können: die Familie einbinden, zur Therapie gehen und so weiter. Aber wissen wir, ob wir als Opfer so vernünftig wären? Ich finde, das ist reine Spekulation.

 

chilli: Hat das Schweigen und Fehlverhalten der Opfer womöglich auch mit Scham zu tun?
Kling: Komischerweise schämen sich Opfer von Gewalttaten immer. Das hat auch die beratende Psychologin unserem Regisseur erzählt. Offensichtlich geben sich die meisten auch eine gewisse Schuld am Geschehen, selbst wenn einem das als neutraler Beobachter des Falles völlig grotesk erscheint. Die Scham führt zum Schweigen. Und das oft auch vor Gericht. Dabei geht es manchmal weniger um die Angst vor den Tätern als vielmehr darum, dass man die Geschichte einfach loswerden, sie verdrängen will.

Sekunden vor dem feigen Angriff: Anna - gespielt von Anja Kling - ist ihren Peinigern hilflos ausgeliefert. "Kinder, die gewalttätig werden, kommen oft aus zerrütteten, sozial schwachen Familien", ist sich die Schauspielerin sicher.

 

chilli: Haben Sie einen Verdacht, wo diese Scham der Opfer herrührt?
Kling: Ich glaube, wenn der eigene Körper angegriffen wird, wenn es um die Verletzung der eigenen, sicheren Hülle geht, empfinden wir das als traumatische Grenzüberschreitung. Da wird man plötzlich durchlässiger, als man es für möglich hielt. Ich denke, aus diesem Gefühl heraus kommt auch die Scham.

 

chilli: Am Ende des Films erzählt uns eine Texttafel, wie viele Menschen in Deutschland pro Jahr Opfer einer solchen Gewalttat werden. Und dass die Täter immer jünger werden …
Kling: Ich habe mir diese Statistik auch noch einmal angesehen. Es ist wohl so, dass die Jugendkriminalität in den letzten Jahren nicht zugenommen hat, aber tatsächlich die Täter immer jünger werden. Manche beginnen ihre kriminelle Laufbahn bereits mit acht Jahren. Für mich ist dieser Text am Ende des Films vor allem ein Appell, dass wir die Ursachen für diese Entwicklung herausfinden müssen. Alle müssen zusammenarbeiten: Elternhaus, Jugendschutz, Pädagogen, Polizei. Wir müssen Kindern Perspektiven bieten, damit sie nicht diesen Weg der Gewalt einschlagen.

 

chilli: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Täter immer jünger werden?
Kling: Es hat natürlich mit dem Umfeld zu tun. Kinder, die gewalttätig werden, kommen oft aus zerrütteten, sozial schwachen Familien. Dort entsteht Gewalt aus Wut über die eigene Lebenslage. Diese Wut entsteht auch im empfundenen Kontrast zur heilen Welt und jenen Erfolgsmodellen, die einem in den Medien vorgespielt werden. Eines ist ganz wichtig, denke ich: Man muss den Familien als Ganzes helfen und nicht nur den Einzelnen. Nur wenn man das gesamte Umfeld einbezieht, kann man etwas gegen den Frust und die Gewalt in unserer Gesellschaft unternehmen.

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © ZDF / Britta Krehl / Miriam Knickriem
Quelle: teleschau – der mediendienst