In der Südsee eine große Party feiern

Als Altenpflegerin Carmen sagt Anna Loos zu Beginn der Alterskomödie „Die letzten Millionen“ (Freitag, 3. Oktober, 20.15 Uhr, ARD) aus dem Off lauter vernünftige Sachen. Dass wir im Alter immer öfter Schwierigkeiten beim Lesen des Beipackzettels hätten und uns auf der Treppe immer wieder die Luft ausgehe. Aber, fährt die sanfte Stimme fort, „natürlich ergeben wir uns nicht kampflos“.

Anna Loos, 1970 in Brandenburg an der Havel geboren und 1988 aus der DDR geflüchtet, kann Komödien wie diese, in der es die Alten krachen lassen, weil sie im Lotto gewonnen haben und noch einmal so richtig leben wollen. Sie selbst, die hier versucht, Vernunft zu zeigen, sagt aber, sie sei so recht eher im Drama zu Hause. Schon mehrfach hat sie Hauptrollen in Filmen gespielt, die für ein Altern in Würde plädierten. Doch mit Filmen wie „Die Frau von früher“ oder „Mörderische Dünen“, aber auch mit der Krimireihe „Helen Dorn“ (ZDF) ist sie – im Nebenberuf übrigens Sängerin – längst auch im Genre des Thrillers oder Krimis zu Hause. Ihr nächster „Helen Dorn“-Film („Unter Kontrolle“) wird bereits am Samstag, 27.09., 20.15 Uhr, ausgestrahlt.

"Helen Dorn - Das dritte Mädchen" war die erfolgreiche Auftaktfolge zur neuen ZDF-Samstagskrimireihe mit Anna Loos als LKA-Ermittlerin Helen Dorn, die in Nordrhein-Westfalen ermittelt. Am Samstag, 27. September, löst die Kommissarin ihren nächsten Fall.

 

chilli: Die Komödie „Die letzten Millionen“, in der eine Lottogemeinschaft im Altenheim immerhin 30 Millionen Euro gewinnt, ist Ihr dritter Film innerhalb relativ kurzer Zeit, der für ein Altern in Würde plädiert. Ist das gewollt oder eher zufällig?
Anna Loos: Das waren einfach drei schöne Projekte, drei Drehbücher, die mir gefielen. Alle drei Filme haben ganz unterschiedlichen Charakter. „Wohin mit Vater?“, wo es um eine Überforderung geht, ist ein Drama, „Komm, schöner Tod“ eine Science-Fiction-Sozialstudie. „Die letzten Millionen“ ist nun eine Komödie, die man mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen kann. Die schönsten Komödienstoffe haben ja immer einen traurigen Hintergrund. Charlie Chaplin zum Beispiel war ein Meister der traurigen Komödie.

 

chilli: Sehen Sie für sich in der Komik das eigentliche Metier? Immerhin haben Sie ja mal mit kabarettistischen TV-Sketchen begonnen.
Loos: Nein, richtig zu Hause fühle ich mich im Drama. Natürlich drehe ich gerne auch mal eine Komödie. Aber mit den vielen Drehbüchern für Komödien kann ich gar nichts anfangen, ich verstehe sie nicht, ich teile den Humor nicht. Klingt vielleicht etwas hart, aber ich tue mich wirklich sehr schwer mit den Komödien.

 

chilli: Sie sind auch Sängerin. 2006 gingen Sie mit der ehemaligen DDR-Band Silly erstmals auf Tournee, bei Song-Contest-Ausscheidungen belegten Sie mehrfach vordere Plätze. Bleiben Sie der Band und dem Singen treu?
Loos: Na klar mache ich das. Wir sind eine Profiband und verdienen damit unser Geld. Es ist meine Leidenschaft und mein zweiter Beruf. Wir arbeiten seit Januar an unserem neuen Album und haben gerade die letzten Konzerte unserer Kopf an Kopf-Tour gespielt. Wir, das sind nicht nur sieben Musiker, wir sind ein sehr großes Liveteam, ein kleiner Familienbetrieb, und für all diese Menschen tragen wir auch die Verantwortung.

Als Altenpflegerin Carmen kümmert sich Anna Loos in der ARD-Komödie "Die letzten Millionen" nach dem Millionen-Lottogewinn auch um das schwule Pärchen Jakob (Ulrich Pleitgen, links) und Otto (Joachim Bliese).

 

chilli: Den Vorwurf, eine Art Ostalgie zu betreiben, würden Sie sicher weit von sich weisen?
Loos: Ja! Ich leide nicht an einem Identitätsverlust. Ich weiß, wer ich bin, und ich weiß, wo meine Wurzeln sind und woher ich komme. Ich habe keine Sehnsucht nach dem Staat DDR. Was Silly angeht: Wir haben eben die selben Wurzeln und auch eine Art ähnliche Lebensweise. Wir passten alle gut zusammen, vielleicht auch, weil wir eben gerade diese Herkunft teilen.

 

chilli: Sie sind 1988 mit 17 aus der DDR geflohen. Wie sind, spontan gesagt, ihre persönlichen Erinnerungen?
Loos: Ich hatte eine tolle Kindheit und eine Superfamilie. Aber irgendwann war einfach der Punkt erreicht, an dem ich bestimmte Sachen nicht machen konnte – kein Abi, nicht an die Musikhochschule gehen. Bekleidungsfacharbeiterin oder Kindergärtnerin sind ehrenhafte Berufe, aber das war eben nichts für mich, das wollte ich nicht werden. Ich war jung, naiv und wütend genug, um einfach abzuhauen, weil ich meine Zukunft selbst bestimmen wollte.

 

chilli: Erinnern Sie sich an die Flucht – über Ungarn nach Tschechien?
Loos: Ja, aber ich erzähle es nicht. Sonst würde man mir vielleicht ein Bonbon schenken wollen danach. Ich bin damals abgehauen, eine von Hunderten und gut.

 

chilli: Im Westen fassten Sie dann gleich Fuß.
Loos: Irgendwie schon, ich bin zu meinem Onkel und meiner Tante nach Wedel gegangen, sie haben mich wirklich sehr großherzig aufgenommen, dort hab ich das Gymnasium besucht. Ich habe in Hamburg schnell Kontakt zu Musikern gefunden und später Leute kennengelernt, die Schauspiel studierten. Das wollte ich zum Leidwesen meiner Eltern dann auch. Für mich war dieser Beruf unglaublich spannend und erfüllend, ich dachte, wenn ich einen Beruf mein Leben lang gern ausüben möchte, dann diesen.

Komödie, Drama, Thriller oder Krimi: Anna Loos kann alles. Am Samstag, 27. September, ist sie wieder als Kommissarin "Helen Dorn" zu sehen (20.15 Uhr, ZDF).

 

chilli: Lesen Sie eigentlich Kritiken, auch nach TV-Filmen?
Loos: Ich lese alles und finde es manchmal toll, wenn es gut geschrieben ist. Allerdings trennt sich auch da die Spreu vom Weizen. Aber es ist gut, ein Feedback von Menschen zu bekommen, die nicht in die Produktion involviert sind und in der eigenen Soße schmoren. Die besten Kritiker sind ohnehin die normalen Leute, für die man es gemacht hat. Die frage ich gerne danach, wie sie es fanden – was für sie funktioniert hat, und was nicht.

 

chilli: Sie und Ihr Mann Jan Josef Liefers gelten als Traumpaar unter den Schauspielern, aber Sie ziehen sich sehr zurück.
Loos: Traumpaar – dieses Wort ist wie eine Hauptspeise aus Zuckerguss und Marzipan. Wir ziehen uns sicher zurück, aber das macht doch privat jeder – meine Eltern tun das auch. Wir leben in unserer kleinen Welt mit Ausflügen und wachsamen Sinnen für die große Welt draußen.

 

chilli: Sie haben zwei Töchter, fast zwölf und sieben Jahre alt und sind beide viel beschäftigt – als Schauspieler und Sänger. Wer kümmert sich mit Ihnen um die Kinder: Großeltern oder Kindermädchen?
Loos: Unsere Eltern helfen, wo sie können, und ohne sie wären wir geliefert. Und wir haben eine Kinderfrau angestellt, auch sie ist eine sehr verlässliche Größe in unserer kleinen Welt. Aber es gibt Momente, da wirft ein Ding die Planung um, und dann wird’s bei uns auch mal eng, und dann schaffen auch wir nicht alles wie geplant. Ich bin nicht gerne unpünktlich, aber wenn ein Kind krank wird, dann kann das schon mal vorkommen. Dann komme ich eben mal zu spät.

 

chilli: Abschließend muss die Frage gestellt werden: Was würden Sie mit so vielen Millionen machen, wie sie die Protagonisten im neuen TV-Film gewinnen?
Loos: Ich habe das schon preisgegeben: Ich würde auf jeden Fall ein Hilfsprojekt für Kinder in Deutschland, also so etwas wie die „Arche“, und ein Entwicklungsprojekt in Afrika fördern, aber auch für meine Kinder etwas zurücklegen. Und auf jeden Fall Familie und Freunde auf eine Südseeinsel einladen und dort eine große Party feiern. Bis auf ein paar wenig schlaue Dinge würde ich den größten Teil des Geldes wahrscheinlich verschleudern. Ich spiele kein Lotto, und ich glaube auch, dass das Geld, welches man nicht selbst verdient hat, Geld ist, zu dem man keinen Bezug hat. Man geht damit anders um, und vielleicht ist es gar nicht so ein großer Segen, wie man immer glaubt.

 

Text: Wilfried Geldnern / Fotos: © ZDF / Martin Valentin Menke / ARD Degeto / Arvid Uhlig
Quelle: teleschau – der mediendienst