Die Zeitreisende

Wie ist es, jung zu sein in Deutschland, und wie war es früher? Das Dokuspiel „Junges Deutschland“ (Montag, 21.04., 18.30 Uhr, im Ersten) rekonstruiert junges Leben über mehr als ein Jahrhundert. Wovon träumten Jugendliche in Ersten Weltkrieg, wie fühlten sie bei Hitlers Machtübernahme, und hatten Popper im Westen der 80-er gänzlich andere Wünsche als gleichaltrige Punks im Osten? Für die Spielszenen, die diesen Fragen über 90 Minuten nachgehen, schlüpfte der 28-jährige Kino- und TV-Star Anna Maria Mühe in zahllose Kostüme und Zeitstimmungen. Kann sie das Jungsein danach besser erklären?

Anna Maria Mühe, 28, spielt in "Junges Deutschland" Mädchen und Frauen, die zwischen 1900 und 2010 Geschichte erlebten.

 

chilli: „Junges Deutschland“ versucht etwas Neues im Fernsehen. Sie sind gleichzeitig Moderatorin und verkörpern die Rollen unterschiedlicher junger Frauen in verschiedenen Jahrzehnten. Was war schwieriger?
Anna Maria Mühe: Ganz klar – das Moderieren. Als Schauspielerin bin ich es nicht gewohnt, direkt in die Kamera zu sprechen. Man lernt das als eine der ersten Grundregeln: „Guck bloß nie in die Kamera! Am besten, du vergisst, dass das Ding da steht.“ Insofern brauchte ich ein bisschen Übung, um diese Art der Kamerascheu zu überwinden.

 

chilli: Die von Ihnen und Kostja Ullmann gespielten jungen Charaktere sollten im Film aussehen, als wären Sie Teil alter dokumentarischer Bilder und Filmaufnahmen. Spielt man da anders als in einem normalen Film?
Anna Maria Mühe: Wir wussten, was die Filmemacher vorhaben. Dass Sie versuchen würden, uns so in die alten Aufnahmen reinzukopieren, dass es möglichst wie echtes altes Material aussieht. Ich fand diesen Ansatz sehr spannend und von Requisite und Maske war auch alles mit viel Liebe gemacht. Aber wie echt die Bilder am Ende aussehen würden, konnten wir uns da natürlich noch nicht vorstellen.

 

chilli: Welches Jahrzehnt dieser 100-Jahre-Reise hat sich für Sie am besten angefühlt?
Anna Maria Mühe: Toll fand ich die 20er-Jahre. Das liegt aber daran, dass ich diese Zeit schon immer gerne mochte. Es war eine Epoche mit viel Stil, tollen Autos und wunderbarer Musik. Für eine Szene durfte ich den „Charleston“ lernen – allein dafür hat sich der ganze Film schon gelohnt (lacht).

Schülerreisen zwischen DDR und BRD: Anna Maria Mühe als "Klassenreisende".

 

chilli: Die Spielszenen sind sehr kurz, dann geht es weiter zur nächsten Epoche. Bereitet man sich da überhaupt ernsthaft auf eine Rolle vor?
Anna Maria Mühe: Natürlich sind diese kurzen Spielsequenzen nicht vergleichbar mit echten Charakteren, die man für eine Rolle vorbereitet. Dennoch steckt Vorbereitungszeit in diesen Szenen. Man beschäftigt sich mehr mit der Zeit an sich. Dabei haben uns die Tagebucheinträge geholfen. Der Film basiert auf dem Buch „Wir wollen eine andere Welt“ von Fred Grimm. Das ist sehr gut recherchiert und erzählt Geschichte anhand von Tagebucheinträgen junger Leute aus verschiedenen Epochen. Am Set selbst helfen dann noch Maske und Kostüm.

 

chilli: Geschichte aus multipler persönlicher Sicht zu erzählen, als Mosaik quasi, scheint gegenwärtig ein Trend zu sein, auch im Fernsehen. Die Reihe „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ von ARD und ARTE funktioniert auf die gleiche Weise. Wo sehen Sie den Vorteil?
Anna Maria Mühe: Es fühlt sich einfach ein bisschen echter an. Man taucht leichter und ziemlich ungefiltert in das Leben der Menschen ein. Als Leser dieser alten Tagebucheinträge fühle ich einfach die gewaltige Authentizität des Geschilderten. Es geht so weit, dass ich mich manchmal fast ein bisschen schäme, weil ich den Menschen so nahe komme. Weil ich etwas lese, das vielleicht nicht unbedingt für andere gedacht war. Schauspielerisch betrachtet war es gut, dass mich das so angefasst hat.

 

chilli: Lernt der Zuschauer mehr aus dieser Form der Geschichtsdarstellung – wenn man das mit den üblichen Historienfilmen vergleicht, sei es nun Fiction oder Dokumentation?
Anna Maria Mühe: Ich glaube nicht, dass man unbedingt mehr lernt. Aber es bringt einem Geschichte deutlich näher. Vielleicht, weil es leichter fällt, sich mit den Menschen zu identifizieren. Ich habe viele unterschiedliche Schulen besucht und hatte eine entsprechend große Zahl an Geschichtslehrern. 80 Prozent von ihnen haben den Stoff einfach so runtergerattert. Das war für uns Kinder und Jugendliche kaum motivierend, sich wirklich mit der Zeit zu beschäftigen. Damals hätte ich mir solche Herangehensweisen wie das mit den Tagebuch-Kollagen gewünscht.

Anna Maria Mühe lauscht 1933 einer Rede Hitlers im Radio.

 

chilli: Wenn man das Lebensgefühl junger Leute über 100 Jahre vergleicht, was überwiegt mehr: Unterschiede oder Gemeinsamkeiten?
Anna Maria Mühe: Natürlich hat jede Zeit ihre eigenen Macken, Bedrohungen und Chancen. Was jedoch immer gleich geblieben ist: Die Jugend war nie zufrieden mit dem, was da war. Selbst heute ist es so, dass man immer mehr will als das, was einem von den Älteren und der Gesellschaft geboten wird. Verglichen mit früheren Zeiten stehen junge Menschen in Deutschland heute ziemlich gut da. Zumindest was die Chancen betrifft, dass man viele Dinge ausprobieren darf. Aber selbst das reicht uns nicht aus …

 

chilli: Die Unersättlichkeit der Jungen als ein wichtiger Motor der Geschichte?
Anna Maria Mühe: Genau darauf wollte ich hinaus. Nicht satt zu sein, bedeutet, dass man einen Ansporn hat. Dieses spezielle Gefühl der Jugend war sicher in jeder Zeit ein wichtiger Motor. Und sei es nur der Antrieb, erwachsen zu werden, um eine neue Stufe zu erreichen.

 

chilli: Welche Art von Jugend ist fruchtbarer: Die in einem repressiven System, die zu Widerstand herausfordert, oder das Aufwachsen im Land der Tausend Möglichkeiten?
Anna Maria Mühe: Die Möglichkeiten, die viele – natürlich nicht alle – Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten bei uns hatten, führen auch dazu, dass sich viele von ihnen in diesen Möglichkeiten verlieren. Sie wissen einfach nicht, wohin mit sich selbst. Manche versumpfen für lange Zeit oder sogar dauerhaft in ihren Findungsprozessen. Trotzdem ist dies natürlich kein Grund, sich das Aufwachsen in einer Diktatur zu wünschen, das will sicherlich niemand. Unter dem Strich sind viele Möglichkeiten von Vorteil. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass man in diesem Alter enge Vertraute braucht, die einem die Richtung weisen.

Zeitreisende durch 110 Jahre "Junges Deutschland": die Schauspieler Anna Maria Mühe und Kostja Ullmann am Set des gleichnamigen Dokuspiels.

 

chilli: Haben Sie eine persönliche Definition, was jung sein bedeutet?
Anna Maria Mühe: Für mich bedeutet jung sein, offen zu bleiben und darauf zu achten, dass man nicht in seinen Rollen und Ansichten feststeckt. Dieser Zustand ist allerdings nicht an ein Lebensalter gebunden. Insofern hoffe ich, dass ich bis an mein Lebensende jung bleibe.

 

chilli: Hatten Sie schon mal das Gefühl, dass Ihre eigene Jugend zu Ende geht? Dass Sie sich irgendwie alt fühlen…?
Anna Maria Mühe: Früher dachte ich immer, wenn ich mal Mutter bin, dann ist es vorbei mit dem jung sein. Jetzt habe ich ein Kind und kann meine eigene Einschätzung von früher nicht bejahen (lacht). Ich fühle mich heute genauso jung wie vor zwei Jahren, als ich noch keine Mutter war. Mutter zu sein, ist ein eigenes Gefühl, auch ein anderes Lebensgefühl. Aber es macht einen keinesfalls älter. Ich habe sogar noch mehr gelernt, mein Leben zu lieben. Auch die vielen spannenden Begegnungen, die mein Beruf bereithält. Ich glaube, als Schauspieler bleibt man immer jung, weil man es auch sein muss. Ohne die völlige Offenheit für Neues hast du in diesem Beruf keine Chance.

 

chilli: Ihre Tochter ist knapp anderthalb Jahre alt. Wie läuft es mit der Vereinbarkeit von Job und Kind?
Anna Maria Mühe: Ich bin sehr zufrieden. Nach einer kleinen Pause fing ich wieder an zu drehen, als die Kleine fünf Monate alt war. „Junges Deutschland“ – das Projekt, über das wir hier gerade reden – war meine erste Arbeit nach der Pause. Als Wiedereinstieg war es perfekt. Ich hatte meine Tochter die ganze Zeit dabei. Die Szenen waren ja eher kurz, und es gab immer wieder Stillpausen. Sie hat das gut mitgemacht. Wäre es anders gewesen, hätte ich nach diesem Dreh erst mal weiter Pause gemacht. Aber es kam anders, und das war für alle in Ordnung.

 

chilli: Ist der Schauspielberuf gut geeignet, um Kinder zu bekommen und großzuziehen?
Anna Maria Mühe: Ja – ich finde, er ist gut geeignet. Familienfreundlich ist er dennoch nicht ganz, weil man Dinge relativ schlecht planen kann. Momentan klappt alles sehr gut. Aber mal sehen, wie es wird, wenn Sie mal irgendwann zur Schule muss. Das soll ja kommen (lacht).

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © NDR / Jan Hinrik Drevs / C-Films GmbH & Stefan Klüter
Quelle: teleschau – der mediendienst