Da geht die Post ab

Sie selbst gewann einst mehrfach den Wettbewerb „Jugend musiziert“, jetzt fördert die Weltstar-Geigerin Anne-Sophie Mutter ihrerseits den Nachwuchs: Mit den Stipendiaten ihrer Stiftung tritt sie etwa im Rahmen der Sendung „Anne-Sophie Mutter live im Club“ (28.6., 23.30 Uhr, ZDF) in einem für klassische Musik eher ungewöhnlichen Ambiente auf, nämlich in einer ehemaligen Industriehalle in Berlin-Friedrichshain. Mutters Interpretationen von Bach, Brahms und Tschaikowsky treffen dort auf jungen, urbanen Charme. Ein Gespräch mit der 52-Jährigen über die Emotionalität der Veranstaltung, den Umgang mit jungen Hochbegabten, die Förderung ihrer eigenen Kinder, selbst auferlegte Mutterregeln und einen ständigen Drang, sich zu verbessern.

So cool kann Klassik sein: Anne-Sophie Mutter - Anfang Mai in den Clubräumen der Neuen Heimat in Berlin.

 

chilli: Frau Mutter, haben Sie heute schon „studiert“?
Anne-Sophie Mutter: Nein, heute habe ich tatsächlich mal einen freien Tag und noch nicht geübt.

 

chilli: Noch gar keine Arbeit angefasst?
Mutter: Na ja, ich habe mir vorhin schon mal die erste Geige eines Nonetts im Auto angeschaut, das ich bald spielen werde. Und ich bin kurz davor, mir die zweite Geige vorzunehmen.

 

chilli: Sie sind schließlich dafür bekannt, immer irgendetwas machen zu müssen.
Mutter: Die Uraufführung des Nonetts ist zwar erst im August, aber ich denke schon ununterbrochen daran. Dazwischen liegt nämlich noch ein Konzert in London, eine Europa Recital-Tournee mit Auftritten in Berlin, Köln, Freiburg, Friedrichshafen, Hamburg, Wien, Bonn, Granada, Mannheim, zurück und Genf, ein weiteres in Salzburg, und so richtig studieren kann ich dann eben nicht. Das kann ich nur jetzt und im Urlaub.

 

chilli: Sie sagen es – im Urlaub! Woher denken Sie kommt dieser Drang, immer weiter zu arbeiten? Hätten Sie ansonsten womöglich ein schlechtes Gewissen?
Mutter: Nein, das nicht. Aber in Zeiten, in denen ich nichts Kreatives zu tun habe, denke ich mir immer: Anstatt, dass ich hier nur blöd herumsitze, schaue ich doch besser in die Noten.

 

chilli: Haben Sie außerhalb der Musik auch so hohe Erwartungen an sich selbst? Im Alltag? Zu Hause?
Mutter: Zumindest versuche ich immer, so gut wie möglich meinen Idealen nachzujagen und mich als Musikerin wie als Mensch ständig zu verbessern oder zumindest zu verändern. Ich brauche einfach immer ein Fragezeichen hinter dem bisher Erreichten. Und es gibt ja auch immer weitere, ungegangene Wege im Leben, auf denen man sich sinnvoll einbringen kann.

 

chilli: Sie wollen immer höher, schneller, weiter kommen?
Mutter: Klar! Als alter Roger-Federer-Fan ist das nur normal (lacht).

Für die "Konzerteinspielung des Jahres - 19. Jahrhundert" von "Dvorák" erhielt Anne-Sophie Mutter gemeinsam mit der Berliner Philharmoniker und Manfred Honeck den Echo Klassik 2014.

 

chilli: Sind Sie zu Ihren Kindern auch sehr streng?
Mutter: Beim Mutter-Sein, besonders als Witwe mit zwei Halbwaisen, geht es um das Finden einer gesunden Balance zwischen dem Aufzeigen von Möglichkeiten und dem von Gefahren. Ich finde, dass jedes Kind ein Recht darauf hat, gefördert zu werden und eine größtmögliche Palette an Hobbys angeboten bekommen muss.

 

chilli: Sie achten also genau darauf, dass Ihre Kinder Fortschritte machen? Oder lassen sie die auch einfach mal ihre Erfahrungen machen?
Mutter: Meine Kinder waren schon in der Schule immer unglaublich selbständig. Mussten sie ja auch, weil ich nicht jeden Abend bei Ihnen sein und die Hausaufgaben ansehen konnte. Ich habe es enorm bewundert, wie sie das oft alleine hinbekommen haben.

 

chilli: Sie sind mittlerweile erwachsen. Gibt’s noch Kontrollanrufe Ihrerseits?
Mutter: (lacht) Als ob das je was gebracht hätte. Wobei ich sagen muss: So eine gewisse Erreichbarkeit meiner Kinder und von mir selbst finde ich immer sehr angenehm.

 

chilli: Sie haben ja auch schon lange einige weitere Jugendliche und junge Erwachsene an Ihrer Seite: Sie leiten ein Stiftung, die Stipendien an junge Musiker vergibt. Wen laden Sie zum Bewerbungsgespräch ein?
Mutter: Ich neige dazu, auch mal einen möglichen Stipendiaten einzuladen, der auf seiner Bewerbungs-DVD noch nicht so ganz vielversprechend gewirkt hat. Ich hoffe dann einfach auf mehr beim persönlichen Treffen. Und was die Bewerber an sich betrifft: Gottes Garten ist groß! Es gibt Bewerber, die wirklich hyperbegabt sind, zum Beispiel eine junge Musikerin, die in Harvard gleichzeitig Musik und Medizin studiert hat und an vier Instrumenten absolut top ist. Solche Überflieger müssen sich irgendwann selbst entscheiden, was sie wollen. Andere sind zwar keine Einsteins, aber extrem auf ihre Instrumente fokussiert und besitzen daran erstaunliche Fähigkeiten.

 

chilli: Sind ab und an auch einige potenzielle neue Anne-Sophie Mutters dabei? Oder wird’s so jemanden wie Sie in der Musikbranche nie wieder geben?
Mutter: Ich hoffe doch sehr, dass Leute dabei sind, die ähnlich viel mitbringen wie ich einst. Es gibt auch viele, die breitgefächert begabt sind und einen cleveren Kopf auf den Schultern tragen. Das alles gibt ihnen aber natürlich keine Garantie auf ständigen Erfolg. Trotz aller Fördermittel, auch individueller, kann nicht alles für die Stipendiaten glatt laufen. Aber das ist ja auch nicht Ziel unserer Stiftung.

 

chilli: Was ist denn Ihr Ziel?
Mutter: In unserer Satzung steht, dass wir solistischen Nachwuchs fördern wollen. Am Ende entscheidet natürlich jeder selbst, was er mit seiner Begabung anfangen möchte. Ich persönlich versuche nur, zu helfen, wann und wo ich kann, um diese jungen Menschen zu eigenständigen, reifen und hoffentlich aufrührerisch denkenden Musiker zu entwickeln. Ich möchte auf keinen Fall, dass sie zu irgendwelchen geradlinigen Werbeträgern werden.

"In der Klassik geht die Post ab!" - Wie, das will Anne-Sophie Mutter in ihrer ZDF-Sendung "Anne-Sophie Mutter live im Club" zeigen.

 

chilli: Sie wollen keine David Garretts züchten.
Mutter: Herrn Garrett möchte ich da jetzt nicht mit reinziehen. Ich möchte einfach keine seichten Slicker.

 

chilli: Welche Regeln sollten die Stipendiaten Ihrer Ansicht nach grundsätzlich beachten?
Mutter: Immer pünktlich und bestmöglich vorbereitet erscheinen. Außerdem: Während der Tour nicht trinken – es herrscht striktes Alkoholverbot! Wobei einige sicher auch noch nach einem Vollrausch bereit wären, enorme Leistungen abzurufen. Eigentlich ist alles wichtig, was zu einer gefassten geistigen Haltung und völligen Fokussierung führt. Dazu gehört zum Beispiel auch Ernährung. Man ist, was man isst – das gilt nicht nur für Athleten, sondern auch für uns Musiker.

 

chilli: Haben Sie sich in der Anfangsphase Ihrer Karriere auch an all das gehalten?
Mutter: Ich hatte und habe jedenfalls immer die Fähigkeit, mich unter den schwierigsten Umständen irrsinnig gut konzentrieren zu können. Und ich habe auf Tour auch immer versucht, vernünftig zu leben. Das ist bis heute so.

 

chilli: Nur auf Tour?
Mutter: (lacht) Ansonsten nicht immer.

 

chilli: Sitzen Sie also später doch mal mit den Stipendiaten zusammen und trinken einen Wein?
Mutter: Ja, nach der Tour schon, wenn die Stipendiaten es denn von sich aus wünschen.

 

chilli: Und warum sollte man die „live im Club“-Sendung im ZDF nun unbedingt anschauen?
Mutter: Weil man einen Abend erleben kann, der von sehr emotionaler Musik erfüllt ist. Zudem ist das Ambiente natürlich ein ganz besonderes: Es gibt nicht die typische Klassik-Aufmachung mit Frack und so weiter. Es geht eher lässig zu, in angenehmer Berliner Club-Atmosphäre. Ich moderiere die Stücke auf der Bühne auch teils an. Dabei ergibt sich eine sehr dichte, familiäre, intensive Stimmung, die man so nicht oft erleben kann. Es ist die Möglichkeit, mal die Emotionalität von Klassik abseits des Klassikradios kennen zu lernen. Dort wird immer gesagt: Klassik ist so entspannend! Wenn ich das schon höre … Klassik hat genauso viel mit Entspannung zu tun, wie andere Musikrichtungen auch. Klassik kann sehr gechillt sein – aber oft wird vergessen: In der Klassik geht die Post ab!

 

Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: © ZDF / Michael Habermehl; Hoederath / Universal Music
Quelle: teleschau – der mediendienst