“Vielleicht ist es ein Tagtraum von jemandem …”

Sein komödiantisches Talent wurde ihm offenbar in die Wiege gelegt: Der amerikanische Schauspieler, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur Ben Stiller kam am 30. November 1965 als Sohn von Jerry Stiller (“King Of Queens”) und Anne Meara (“Alf”) in New York zur Welt. Stiller begeisterte sein Publikum in Komödien wie “Verrückt nach Mary”, “Meine Braut, ihr Vater und ich” oder “Zoolander”. Mit “Das erstaunliche Leben des Walter Mitty” (Start: 1. Januar), seiner nunmehr fünften Regiearbeit, zeigt der zweifache Vater wieder etwas mehr von seiner ernsteren Seite: Das Drama, in dem Stiller auch die Titelrolle spielt, handelt von einem Mann, der die größten Abenteuer erlebt – in seinen Tagträumen.

Walter Mitty erlebt im Film erstaunliche Dinge: " Für mich ging es im Film um einen Tagträumer, aber eben auch um einen Typen, der nach einer besseren Version von sich selbst sucht. Einer Version, die in ihm schlummert", erklärt Regisseur und Hauptdarsteller Ben Stiller.

 

chilli: Mister Stiller, in Ihren Filmen spielen Sie häufig Durchschnittstypen, die eher zufällig in Abenteuer geraten. Was mag das Publikum an diesen Figuren?
Ben Stiller: Ich denke, dass die Zuschauer sich leicht mit ihnen identifizieren können und so schneller eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Mit Gewissheit kann ich das nicht behaupten, aber so gehe ich da ran: Ich versuche, eine Beziehung zu meiner Rolle aufzubauen. Auch zu Walter Mitty: Er ist jemand, der sich seinen Tagträumen hingibt, sehr viel Fantasie besitzt, aber das, was er gerne wäre, einfach nicht in die Realität übertragen kann.

 

chilli: Erinnern Sie sich an einen Walter-Mitty-Moment in Ihrem Leben?
Stiller: Natürlich, es gibt vieles, von dem ich träume, das ich gerne machen würde oder das ich gerne sein würde.

 

chilli: Konnten Sie einige Ihrer Tagträume verwirklichen?
Stiller: Ich bin seit Ewigkeiten ein Fan der Beastie Boys und träumte immer davon, einmal mit ihnen auf der Bühne zu stehen. Vor fünf Jahren wurde der Traum tatsächlich wahr.

 

chilli: Bei welchem Lied durften Sie mitmachen?
Stiller: Es war einer meiner Lieblingssongs, “Root Down”.

Seit 2000 ist Ben Stiller mit Schauspielerin Christine Taylor verheiratet.

 

chilli: James Thurbers Erzählungen und Fabeln kennt in den USA jedes Kind. Wann haben Sie seine Kurzgeschichte “The Secret Life of Walter Mitty”, auf der Ihr Film basiert, zum ersten Mal gelesen?
Stiller: In der Schule, wahrscheinlich in der fünften oder sechsten Klasse. Ich habe sie nie vergessen. Thurber hat eine echte Ikone geschaffen, indem er sich diesem so menschlichen Thema widmete, mit dem jeder etwas anfangen kann. Deshalb wird die Geschichte immer noch gelesen.

 

chilli: Haben Sie die Geschichte mit dem Abstand einiger Lebensjahre anders wahrgenommen?
Stiller: Unbedingt. Das ist aber mit allen Geschichten so, die man in verschiedenen Abschnitten seines Lebens noch einmal liest. Heute erkenne ich darin eher den Gedanken, dass man sich auf das konzentrieren soll, was um einen herum geschieht, anstatt von der Zukunft zu träumen.

 

chilli: Neben seiner Vorstellungskraft hat Walter Mitty die besondere Begabung, unangenehmen Momenten entfliehen zu können. Kennen oder wünschen Sie sich das?
Stiller: Momente im Leben, in denen man nur weg will, gibt es immer wieder, wenn etwas gerade nicht nach Plan läuft. Aber in manchen Situationen kann man nicht weglaufen. Für mich ging es im Film um einen Tagträumer, aber eben auch um einen Typen, der nach einer besseren Version von sich selbst sucht. Einer Version, die in ihm schlummert. Das finde ich viel interessanter, diese Selbstverwirklichung und Entdeckung seiner selbst. Damit beschäftigt sich der Film für mich.

 

chilli: Ihre Eltern Jerry Stiller und Anne Meara sind beide Comedians. Sind die beiden stolz auf Ihre Filme?
Stiller: Ja, ich denke schon! Es ist nicht so, dass ich sie nach jedem Film frage, aber als Eltern haben sie mich sehr unterstützt. Ohne sie wäre meine Karriere nicht möglich gewesen. Sie verstanden, was dazugehört, wenn man Schauspieler werden will. Sie kennen das und wissen, wie schwer es ist, immer weiterzumachen.

Bei der Premiere in Berlin schrieb Ben Stiller fleißig Autogramme.

 

chilli: Man las von Ihnen, dass Sie das Motorradfahren für Ihre Kinder aufgegeben haben. Wie kam es dazu?
Stiller: Das war ein Entwicklungsprozess. Man kommt an einen Punkt, an dem man verantwortungsvoller mit sich umgeht. Ich war leider auch kein besonders großartiger Motorradfahrer. Vielleicht war es deshalb keine schlechte Idee – auch für die Sicherheit der anderen.

 

chilli: Hat es auch mit einer Vorbildfunktion für Ihre Kinder zu tun, nicht der Typ auf dem Motorrad sein zu wollen?
Stiller: Meine Kinder müssen das irgendwann alles selbst entscheiden. Ich werde ihnen davon erzählen, wie es war, aber auch, dass es nichts ist, was man unbedingt gemacht haben muss. Ich wäre ein Heuchler, wenn ich ihnen erzählen würde, dass ich etwas darf, sie aber nicht.

 

chilli: Können Ihre Kinder trennen, wenn sie Sie auf der Leinwand in einer Rolle sehen?
Stiller: Unbedingt. Sie sehen mich immer zuerst als Dad und das, was sie von mir im Kino sehen, als meinen Job. Bei einigen der Filme haben sie Spaß, aber als Dad bin ich ihnen lieber.

 

chilli: Nach einiger Zeit haben Sie erstmals wieder Regie geführt. Wie kam es dazu?
Stiller: Es ist fünf Jahre her, aber man erinnert sich schnell daran. Man steckt da eine Menge rein. Ich brauche immer recht lange, bis ich soweit bin, einen Film auch zu machen. Ich will in Zukunft öfter Regie führen. Ich liebe es. Es macht mir am meisten Spaß.

 

chilli: Sie wollen also künftig mehr hinter der Kamera als davor arbeiten?
Stiller: Letztendlich schon. Ganz sicher will ich mehr Filme machen, in denen ich nicht selbst mitspiele. Seit ich zehn Jahre alt war, wollte ich Regisseur sein. Schon als ich 1994 “Reality Bites” gedreht habe, war das so. Schon damals bin ich auch selbst im Film gelandet. Ein Hin und Her, das sich durch meine ganze Karriere zieht.

 

chilli: Zu einem Ihrer Regiewerke, “Zoolander”, ist seit Längerem eine Fortsetzung im Gespräch. Werden wir Derek Zoolander wieder auf dem Laufsteg sehen?
Stiller: Möglicherweise. Wir haben das Drehbuch für die Fortsetzung und denken darüber nach. Ich hoffe es klappt, aber es geht darum, die Bausteine richtig zusammenzusetzen.

 

chilli: Sie werden immer wieder als eine Art Anführer des Frat Packs bezeichnet, einer Schauspielerclique, zu der unter anderem auch Owen Wilson, Vince Vaughn und Jack Black gehören. Existiert diese Gruppe überhaupt?
Stiller: Ich habe keine Ahnung. Ich habe gehört, dass es sie geben soll und was sie sein soll, aber mir wäre nicht bewusst, dass sie tatsächlich existiert. Vielleicht ist es ein Tagtraum von jemandem …

 

Text: Denis Demmerle / Fotos: 2013 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst