Seit drei Jahrzehnten schreiben Bon Jovi Rockgeschichte. Die Bilanz: mehr als 5.000 Konzerte, 130 Millionen verkaufte Alben, zahlreiche Hits aus insgesamt elf Studioalben, diverse Musikpreise und Live-Auftritte mit Gänsehaut-Atmosphäre vor über 30 Millionen Fans. Die schlechte Nachricht: Diejenigen, die die Band aus New Jersey für ihre kommerziellen Rocksongs verschmähen, bekommen auch diesmal Grund zu meckern. Denn das neue Werk „What About Now“ ist voll mit eingängigen Melodien, die in jedes Stadion passen. Im Interview erzählt Bandboss Jon Bon Jovi (51) von optimistischer Musik, seinem Restaurant „Soul Kitchen“, familieneigenen Pastasaucen und dem eigenen Tod als Falschmeldung im Internet.

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chilli: Im Jahr 2011 wurden Sie im Internet für tot erklärt. Sie haben daraufhin ein Foto von sich über Twitter veröffentlicht mit den Worten „Der Himmel sieht sehr nach New Jersey aus“. War die Falschmeldung trotzdem ein Schock?
Jon Bon Jovi: Oh ja. Besonders schockierend war es, wie schnell so ein Gerücht die Runde macht. Ich war zwar nicht der Erste, dem so was passiert ist – bei Patrick Swayze war es viel schlimmer, denn der war wirklich dem Tode nahe -, aber wenn es sich um dich selbst dreht, lachst du auch nur eine Sekunde. Der nächste Gedanke ist: Du musst das richtigstellen.

chilli: Und dann haben Sie das Foto getwittert …
Bon Jovi: Ich probte gerade für eine Charity-Show gegenüber von meinem Haus. Ein Fotograf war anwesend, und meine Tochter Stephanie hat mein Bild dann von Zuhause bei Twitter hochgeladen. Ich fühlte mich ein bisschen wie im falschen Film. Es hatte allerdings auch etwas Gutes.

chilli: Da sind wir aber gespannt!
Bon Jovi: Zeuge seines eigenen Todes gewesen zu sein, können nicht viele von sich behaupten! Man fragt sich doch hin und wieder: Wer wird wie trauern? Ich war dabei, ich konnte es erleben! Es war überall in den Medien, und mein Handy hörte nicht auf zu bimmeln. Die Menschen waren sehr freundlich. Haha, das war ziemlich toll!

chilli: Wäre ja auch schade um Sie gewesen, wo Sie viel Gutes tun für wirtschaftlich benachteiligten Menschen – etwa mit dem Bau einer Häusersiedlung für Arme in Philadelphia. Warum ist Ihnen dieses Engagement so wichtig?
Bon Jovi: Ich denke, es hat einfach mit einem ethischen Grundverständnis bei mir zu tun. Mir wurde die Möglichkeit gegeben, die Welt zu sehen – arm und reich, Glamour und Abgründe inklusive. Irgendwann kommt man an einen Punkt im Leben, an dem man andere Dinge tun will, als nur in einer Rock’n’Roll-Band zu spielen.

chilli: Langweilen Sie sich als Rockstar?
Bon Jovi: Ach nein, denn natürlich ist das Rock’n’Roll-Geschäft eine großartige Art, sein Geld zu verdienen. In deinen Zwanzigern und Dreißigern versuchst du herauszufinden, wer du sein willst und was dein Karriereweg ist. Wenn du 40 bist, blickst du zurück und fragst dich, ob du die Ziele erreicht hast. Jetzt mit 51 geht es mir darum, ein Vermächtnis aufzubauen – deshalb tue ich es! Denn ich stehe heute mit niemanden mehr in Konkurrenz, außer vielleicht mit mir selbst.

chilli: Hat das auch mit dem schlechten Gewissen eines Rockstars zu tun?
Bon Jovi: Nicht wirklich. Ich habe kein Problem damit, nachts in meinen Privatjet zu steigen und bequem nach Hause transportiert zu werden. Ich liebe mein Flugzeug. Ich arbeite hart dafür.

chilli: Entsprach es immer schon Ihrer Karriereplanung, vom Sexsymbol zum verantwortungsvollen Wohltäter und Businessmann zu mutieren?
Bon Jovi: Ganz so strategisch bin ich nun doch nicht. Aber eines war mir schon früh klar: Selbst als ich 25 war, wusste ich, dass ich mir mit 50 nicht meine Fingernägel schwarz lackieren und „Bitch“ auf meinen Bauch tätowieren will.

chilli: Was ist falsch an schwarz lackierten Fingernägeln?
Bon Jovi: Ich wollte einfach nie so ein Klischee-Rockstar sein! Das hat mich nie angezogen. Ich kann solchen Typen auch nichts abgewinnen. Wenn die mit 50 keine besseren Botschaften haben, als ihre lackierten Fingernägel in Kameras zu halten, sind sie nicht mein Fall.

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chilli: Apropos Botschaften: Wollen Bon Jovi mehr sein als Musik – vielleicht sogar die Stimme des Volkes?
Jon Bon Jovi: Warum nicht? Wenn die Politik das nicht mehr schafft. Ich bin gern der Posterboy des Optimismus. Wenn es das ist, was Bon Jovi der Welt geben können, ist das mehr als andere Bands tun. Mir erzählen Leute, die in der früheren Sowjetunion oder in Kuwait während des Golfkrieges aufgewachsen sind, dass unsere Songs sie als Teenager auf gewisse Art gerettet haben. Sie waren Zufluchtsort. Das ist es, was den ermutigenden Aspekt von Musik ausmacht. Sie überwindet jede Sprachbarriere oder religiöse Glaubenseinstellung. Sie richtet sich nicht nach Flaggen.

chilli: Die neue Platte klingt auch sehr ermutigend!
Bon Jovi: Das hoffe ich doch! Die Leute brauchen Optimismus in diesen Zeiten, nicht wahr? Und dabei kommt es nicht darauf an, ob du in Deutschland oder New Jersey wohnst. Wenn ich mich mit einfachen Leuten unterhalte und sie frage, wie es ihnen gerade geht, dann sagen die, dass sie dies oder jenes planen zu tun. Aber was ist mit dem Hier und Jetzt? Die Frage stelle ich mir in „What About Now“. Das Album widmet sich aber auch jenen Leuten, die nicht kapieren, warum sie selbst etwas tun müssen, um ihre Situation zu verbessern. „Because We Can“ ist darauf meine Antwort.

chilli: Obama hat Sie 2010 höchstpersönlich in ein Gremium ins Weiße Haus berufen. Was machen Sie da genau?
Bon Jovi: Meine Aufgabe ist es, für Teenager, die ihren Job verloren und keinen College-Abschluss haben, eine Lanze zu brechen und ihnen die Wiedereingliederung zu ermöglichen. Das sind Teenager, die vielleicht Cannabis geraucht haben, festgenommen wurden und deshalb keine Arbeit mehr bekommen.

chilli: Wie sieht das in der Praxis aus?
Bon Jovi: An meinen freien Tagen reiste ich von Küste zu Küste, besuchte Notunterkünfte, ging zu Fortbildungseinrichtungen, sprach mit den Kids, die mir sagten, woran es mangelte: an Vorbildern, Mentoren und an ordentlichen Papieren! Ich bemühte mich, Firmen davon zu überzeugen, diesen Kids eine zweite Chance zu geben. Und ich habe bei den Politikern in Washington Report abgelegt, wie es da draußen wirklich zugeht – denn die wissen alles nur aus Büchern. In dem Moment war ich in der Tat die Stimme des Volkes!

chilli: Was schätzt Obama an Ihnen?
Jon Bon Jovi: Die Substanz! Du kannst der größte Celebrity sein, aber wenn du geistlos bist und keine Meinung zu irgendwas hast, dann bist du ungeeignet für Obamas Team. Du musst die Botschaft auch repräsentieren können. Das können nur wenige. Von den Geistlosen gibt es sehr viel mehr im Showbiz als von Typen wie mir.

chilli: Gibt Obama Ihnen High Five?
Bon Jovi: Das habe ich noch nicht ausprobiert! Es hört sich immer so an, als würde ich jeden Tag mit ihm abhängen, als wären wir Freunde. Aber ich würde mir gar nicht erlauben, zu behaupten, dass ich ein Freund des Präsidenten der Vereinigten Staaten bin. Auch wenn ich ihn schon sehr oft getroffen habe, sagt man so was doch nicht über seinen Präsidenten.

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chilli: In New Jersey eröffneten Sie das Gemeinde-Restaurant „Soul Kitchen“, in dem Gäste für Ihr Essen einen Spendenbeitrag leisten oder arbeiten können. Kommen auch befreundete Stars zum Essen vorbei?
Bon Jovi: Manchmal. Der Sänger von The Gaslight Anthem war da. Ex-Präsident Bill Clinton auch, nachdem ich mal mit ihm und Barack Obama eine Runde in der Limousine mitgefahren bin. Aber ich lade nicht eigens Promis ein. Es ist kein Hard Rock Cafe! Es sollte niemand dorthin kommen und erwarten, dass ich für Fotos posiere. Das hat da keinen Platz. Denn die Menschen kommen zu uns, um zu arbeiten und zu essen.

chilli: Ihre Familie hat auch Ihre eigene Pasta-Sauce namens „Bongiovi“.
Bon Jovi: Genau genommen ist es die Sauce von meinem Dad und meinen Brüdern. Die Soße ist superlecker und hervorragend. Das meine ich ganz ehrlich. Wenn sie nicht gut wäre, wäre es mir peinlich, dass unser Name auf dem Etikett steht. Die Sauce ist unglaublich erfolgreich. Ein echter Renner der Bongiovis!

chilli: Das Rezept soll noch von Ihrer Urururgroßmutter stammen, die damit Ihre Nachbarn versorgte. Mit Ihrem Restaurant tun Sie auf gewisse Weise dasselbe.
Bon Jovi: Mag sein, aber es ist ja nicht meine Sauce! Wir servieren sie auch nicht in der „Soul Kitchen“. Sie ist kein Mittel zum Zweck. Als der Sturm Sandy wütete, haben wir aber eine Ausnahme gemacht. Denn Pasta lässt sich einfacher zubereiten.

chilli: Können Sie selbst gut kochen?
Bon Jovi: Nein, ich bin gar nicht gut in der Küche.

Bon Jovi auf Deutschland-Tournee:
18.5., München, Olympiastadion
18.6., Berlin, Olympiastadion
21.6., Stuttgart, Cannstatter Wasen
22.6., Köln, Rhein-Energie-Stadion

Fotos: David Bergman / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst