„’Summer of 69′ handelt von Sex!“

Treffen mit Bryan Adams in seinem Londoner Büro im vornehmen Stadtteil Chelsea: Im Flur liegen stapelweise Hefte des „Zoo Magazine“, das der kanadische Rockstar und Fotograf seit 2003 herausbringt. Auf dem Klo hängen eine Platin-Schallplatte für seine „Anthology“-Compilation von 2005 und eine Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der er lässig vor einer Wand steht. Adams selbst steht in kurzen Hosen in der Küche und brüht Tee. Für so etwas wird der umtriebige 54-Jährige demnächst eher wenig Zeit haben. Mit dem neuen Cover-Song-Album „Tracks Of My Years“, der „Reckless 30th Anniversary“-Tour im Dezember und einem Auftritt bei „Wetten, dass..?“ am Samstag, 4. Oktober, meldet sich Adams nach einer langen (Tee-)Pause zurück. Ein Gespräch über Fanbriefe, lange Haare und seine Anfänge.

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chilli: Sechs Jahre sind seit Ihrem letzten Studioalbum vergangen. Sich mit einem Cover-Album zurückzumelden, ist eigentlich ein bisschen mau, oder?
Bryan Adams: Man hat mich dazu überredet! Denn eigentlich arbeite ich längst an neuen Songs. Das Album dazu erscheint dann 2015. Auf dem Cover-Album gibt es aber auch ein bisher unveröffentlichtes Stück mit dem Titel „She Knows Me“. Das spiele ich am Samstag bei „Wetten, dass..?“. Ich liebe es nun mal, zu singen. Auch diese Platte zu machen, war ein Riesenspaß. Sie ist anders, ungewöhnlich, stellenweise richtig amüsant.

 

chilli: Wie haben Sie die Stücke für „Tracks Of My Years“ ausgewählt?
Adams: Das war gar nicht mal so einfach. Auf der Platte sind nicht zwingend meine Lieblingslieder, sondern eher Stücke, die im Radio gespielt wurden zu der Zeit, als ich mich entschloss, Musiker zu werden. Letztendlich hat mir YouTube bei der Auswahl geholfen: Du guckst ein Video und bekommst Vorschläge für andere Lieder. Ich habe dort The Everly Brothers eingegeben, und das führte mich dann zu anderen Stücken, die ich längst vergessen hatte. Und so ging das immer weiter.

 

chilli: Bedeuten Ihnen die Lieder trotzdem etwas?
Adams: Ja, jedes einzelne. Das ging sogar soweit, dass ich John Fogerty von Creedence Clearwater Revival einen Fanbrief geschrieben habe, nachdem ich sein Stück aufnahm. Seine Band gehörte in meiner Jugend zu denen, die ich absolut liebte. Fogertys Songs sind einfach großartig.

 

chilli: Hat er Ihnen denn geantwortet?
Adams: Das hat er – erst vor kurzem. Aber er kennt meine Version von „Down On The Corner“ noch nicht. Ich muss sie ihm also noch schicken. Vermutlich höre ich dann nie wieder von ihm …

 

chilli: In dem Lied geht es um einen armen Musiker, der auf der Straße sitzt und auf ein paar Münzen hofft. Waren Sie jemals in solch einer Situation?
Adams: Nein, bei mir war das anders. Weil ich wusste, dass es bessere Gitarristen als mich gibt, versuchte ich überall, Studiojobs als Sänger zu bekommen. Ich durfte oftmals die Background-Vocals für Künstler machen oder Werbespots einsingen. Das reichte, um über die Runden zu kommen.

"Mein Gitarrist ist der Frauentyp in der Band" - Bryan Adams kann auch bescheiden.

 

chilli: Und so haben Sie sich einen Namen gemacht?
Adams: Ja, es dauerte aber. Ich erinnere mich noch gut an eine Audition, für die mich eine Sängerin als Background-Vocalist engagiert hatte. Sie sollte vor den Entscheidungsträgern der Plattenfirmen auftreten. Ich stand also im Hintergrund mit der Band und sang die Harmonien. Am Ende der Audition kam der Chef von CBS zu mir und fragte mich, wie ich heißen würde. Ich sagte: „Bryan Adams.“ Er gab mir seine Karte und meinte, ich solle ihn anrufen, wenn ich in Los Angeles bin. Er hatte die Sängerin nicht mal eines Blickes gewürdigt. Ich rief ihn tatsächlich an, aber zu der Zeit hatte ich schon woanders einen ganz üblen Vertrag unterschrieben, aus dem ich nicht mehr rauskam. Den Vertrag habe ich heute noch! (lacht)

 

chilli: Entstand in der Zeit das Foto des langhaarigen Bryan Adams vom „Tracks Of My Years“-Album-Cover?
Adams: Nein, das Foto entstand, als ich 15 war. Zu der Zeit, als mir klar wurde, dass ich Musiker werden wollte. Ich wusste nicht, ob ich gut darin sein würde. Ich wusste nur, dass Musik das war, was ich machen wollte. Ich musste mich übrigens gegen den Widerstand der Plattenfirma durchsetzen, die das Bild nicht auf das Cover nehmen wollte.

 

chilli: Wirklich? Dabei ist es das beste Album-Cover, das Sie je hatten!
Adams: Das finde ich auch. (lacht)

 

chilli: Das Faszinierende ist, dass der junge Typ auf dem Bild noch gar nicht weiß, welch großartige Karriere ihm bevorsteht.
Adams: Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich überhaupt Hoffnungen darauf hatte. Ich hatte aber die Wahl: Schule oder Musik. Da fiel die Entscheidung leicht. Außerdem bekam ich relativ schnell Jobs, als ich entschied, nicht nur Gitarrist zu sein, sondern auch Sänger. Es gibt kaum gute Rocksänger. Aber es gibt Tausende von Gitarristen. Jeder war also ein verdammter Gitarrist, aber keiner wollte vors Mikrofon. Ich war der einzige Dumme, der sagte: „OK, ich mach das.“

 

chilli: Warum haben Sie sich geopfert – wegen der Mädchen?
Adams: Wenn es die Mädchen gewesen wären, auf die ich es abgesehen hätte, wäre ich Gitarrist geblieben! Mein Gitarrist Keith ist der Frauentyp in meiner Band. Es gibt da eine lustige Karikatur im Internet: Sie zeigt ein Mikrofon und zwei Mädchen. Dann eine Gitarre und fünf Mädchen. Und der Keyboard-Spieler bekommt nur eine Katze. (lacht) Genauso ist das!

 

chilli: Waren Sie Heavy-Rock-Fan?
Adams: Ich liebte Hard Rock! Und ich meine damit den lautesten, härtesten, aggressivsten Rock, den es zu hören gab. Es ist ja auch ein Led-Zeppelin-Cover von „You Shook Me“ auf der Platte. Das lässt erahnen, wie ich damals drauf war.

Auf dem Cover-Album "Tracks Of My Years" versammelt der Kanadier die Radio-Hits aus seiner Jugend.

 

chilli: Auf Ihrem Cover-Album toben Sie sich nun sogar im Piano-Jazz aus.
Adams: Sie meinen meine Version von „God Only Knows“ von den Beach Boys? Ich wollte den Song so umsetzen, wie es der Jazz-Pianist Bill Evans und Crooner Tony Bennett ihrerzeit getan haben. Mein Produzent fiel fast vom Stuhl, als ich ihm das sagte. Aber wenn ich schon ein Cover-Album mache, dann will ich auch was riskieren.

 

chilli: Der Song „Help Me Make It Through The Night“, im Original von Kris Kristofferson, wurde inspiriert von einer Aussage Frank Sinatras. Der antwortete nämlich auf die Frage, womit er die Nacht überstehe: Alkohol, Weiber und eine Bibel. Was hätten Sie geantwortet?
Adams: Auch bei mir war es nicht CNN. So viel ist sicher. Ich war aber auch nie wirklich der Versuchung von Drogen und Alkohol erlegen. Ich mochte das nie. Aber ich habe Marihuana geraucht. Den Song wollte ich einfach auf der Platte haben, weil ich Kristoffersons Songwriting schätze. Als ich anfing mit der Musik war ich ein großer Janis-Joplin-Fan. Ich hatte zuvor noch niemanden gesehen, der so aussah wie sie. Schau dir das Album-Cover an, dann weißt du, dass mich Janis zu dem Look inspiriert hatte. Sie hatte einen sehr bekannten Song namens „Me and Bobby McGee“. Und unter den Credits auf der Schallplatte stand der Name Kris Kristofferson.

 

chilli: Und so wurden Sie zu seinem Fan?
Adams: Genau. Und wenn jemand was über betrunkene Frauen weiß, dann er. Kurz vor den Aufnahmen der Platte war ich mit meinen Kumpels und einem Mädel aus. Irgendwann fingen sie an, den Mittelteil von „Help Me Make It Through The Night“ zu singen. Sie waren alle betrunken, und ich dachte nur: „Ja, sie kennen den Song. Den werde ich mit auf die Platte nehmen.“

 

chilli: Im Dezember kommen Sie für einige Hallen-Shows nach Deutschland. Freuen Sie sich schon?
Adams: Ja, aber erwarten Sie da bitte nicht von mir, dass ich Cover-Songs singe! Es ist eine Tour, um das 30-jährige Jubiläum meines Albums „Reckless“ zu würdigen. Die Platte sorgte dafür, dass ich aus den beschissenen Clubs rauskam und endlich in großen Hallen spielen durfte. Sie ging auf Platz eins in Amerika. Damals bedeutete das noch was. Es war der Moment, in dem ich wirklich diese Wucht des Erfolgs spürte. Obwohl der größte Hit der Platte, „Summer Of ’69“, immer falsch verstanden wurde: Das ist kein Song über das Jahr 1969, sondern es geht darin um Sex. Um die ersten Erfahrungen, die man so macht. Aber lassen wir sie ruhig im Glauben …

 

chilli: Sie sind Rockstar, angesehener Fotograf, mittlerweile auch zweifacher Familienvater. Gelingt Ihnen auch mal etwas nicht?
Adams: Nein! Aber ehrlich gesagt, habe ich das alles nicht alleine geschafft. Ich hatte viel Hilfe von anderen Leuten. Wenn ich ein Fußballspieler geworden wäre, wäre ich vermutlich auch ein guter Kapitän gewesen. Aber ohne mein Team wäre es nicht gegangen. Man braucht Leute, die mit dir in die gleiche Richtung arbeiten. Ich war in der Lage, Gleichgesinnte um mich zu versammeln, mit denen man richtig gut zusammenarbeiten kann. Vielleicht war auch das Zufall. Nun bekomme ich all den Ruhm und die Ehre, die eigentlich andere Leute verdienen.

 

Text: Katja Schwemmers / Fotos: © Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Bryan Adams auf Deutschland-Tournee:

03.12., Berlin, o2 World
04.12., Stuttgart, Schleyer-Halle
09.12., Köln, Lanxess Arena
10.12., München, Olympiahalle