Das lustige Mädchen

Es geht also doch: ein Gespräch mit Carolin Kebekus zu führen, ohne dass gleich wieder Skandalträchtiges durch die Luft schwirrt und eher unter der Gürtellinie angesiedelte Wortgruppen überstrapaziert werden. Sie sei doch nur „ein lustiges Mädchen“, erklärt die 34-Jährige in erstaunlich seriöser Diktion: „Mein ganzes Konzept ist im Grunde, dass ich so auf die Bühne gehen kann, wie ich bin.“ Jedenfalls ist Carolin Kebekus ohne Frage das, was man eine rheinische Frohnatur nennt, sie provoziert gerne und kennt dabei kein Tabu – aber sie hat offenbar keine Lust, sich als bloße Skandalnudel abstempeln zu lassen. Zu vielfältig ist ihr Talent, was der Comedy-Star nun endlich auch in einer eigenen großen Fernsehshow unter Beweis stellen darf. In der ersten Folge von „PussyTerror TV“ sang, spielte, parodierte und persiflierte sich das 1,64 Meter große Energiebündel mit so viel politisch inkorrekter Verve durchs aktuelle Zeitgeschehen, dass die Vorfreude auf Folge zwei (Samstag, 18. April, 21.45 Uhr) groß ist.

In ihrer WDR-Show "PussyTerror TV" widmet sich Carolin Kebekus gemeinsam mit ihren prominenten Gästen schonungslos und trotzdem charmant den Ereignissen der vergangenen Wochen, Tabubrüche inklusive.

 

chilli: Sie sagen in Ihrem Programm: Es gibt nur noch Fernsehen von, für und mit Assis. Schauen Sie eigentlich viel fern?
Carolin Kebekus: (lacht) Erwischt. Ja, natürlich bin ich Fernsehjunkie. Gerade habe ich zum Beispiel „Leschs Kosmos“ im ZDF für mich entdeckt. Harald Lesch ist so durchgeknallt, dem Typen könnte ich stundenlang zuhören – da macht es auch nichts, dass ich am Ende jeder Sendung Kopfschmerzen habe. Grundsätzlich finde ich, das Fernsehen ist deutlich besser als sein Ruf. Die Vielfalt macht’s!

 

chilli: Also gehören Sie nicht zu jenen, die das gute, alte Fernsehen schon zu Grabe tragen wollen?
Kebekus: Absolut nicht. Das Fernsehen verändert sich – eher zum Guten, finde ich. Es gibt immer mehr Sparten, wird spezieller, vieles verlagert sich ins Digitale, in die Mediatheken, was mir als Nutzer doch nur Vorteile bringt: Die Auswahl wird größer, und ich kann mir bequem das Programm aussuchen, auf das ich Bock habe. Der Zuschauer wird freier in seiner Entscheidung, was er wann und wo schaut.

 

chilli: Der Unterhaltungskünstler, der sich breit aufstellt, der nicht nur im Fernsehen, sondern auch online stattfindet, ist heute klar im Vorteil, oder?
Kebekus: Kann man schon so sagen. Auf jeden Fall ist das Fernsehen nicht mehr die einzige große Bühne, um breite Aufmerksamkeit zu bekommen – Themen werden auch über die sozialen Medien gesetzt. Aber ich bin sowieso in einer Super-Situation, weil meine Arbeit auf der Bühne so gut läuft, dass ich das Fernsehen nicht zwingend brauche. Also klar und deutlich: Ich mache Fernsehen nicht, weil ich es muss, sondern nur, weil ich’s will! (lacht)

 

chilli: Sind Sie vor einem TV-Auftritt nervöser als auf Tour?
Kebekus: Auf jeden Fall. Beim Fernsehen bin ich viel aufgeregter, weil es sich unberechenbarer anfühlt. Auf der Bühne habe ich die Zügel fest in der Hand, wenn da einer verkackt, dann bin ich das. Beim Fernsehen mischen viele Leute mit, es gibt reihenweise Unwägbarkeiten.

 

chilli: Jedenfalls hatte Ihre neue WDR-Show bei der Premiere einige forsche Ansätze: Eine Sendung nackt in der Badewanne sitzend zu beginnen, und das Ganze auch noch zusammen mit Anke Engelke, darauf muss man erst mal kommen … Wer hatte die Idee?
Kebekus: Meine Wenigkeit. Ich wollte die Szene von Anfang an nur mit Anke machen. Ich konnte mir niemanden sonst vorstellen, das hätte wohl auch niemand sonst mitgemacht. Es war auf jeden Fall eine geile Erfahrung.

 

chilli: Geil?
Kebekus: Geil war, dass Anke den Spaß überhaupt mitgemacht hat. Man sah im Fernsehen ja nur die drei Minuten – aber wir hockten insgesamt vier Stunden zusammen nackt in der Wanne, drumherum ein Dutzend Mitarbeiter. Total lustig und außergewöhnlich in mancherlei Hinsicht (lacht).

 

chilli: Die „PussyTerror TV“-Premiere war mit 1,2 Millionen Zuschauern im Dritten ein Erfolg, beim WDR zeigte man sich jedenfalls zufrieden. Waren Sie es auch?
Kebekus: Ach, es gibt immer Luft nach oben. Die Kritiken waren gemischt, und das passte auch zu meinem Gefühl. Es ist bei der ersten Sendung nicht alles perfekt gelaufen – aber ich bin grundsätzlich ja nie die, die sich selbst bejubelt, sondern eher überkritisch. Beim nächsten Mal wollen wir ein paar Dinge ändern.

 

chilli: Interessieren Sie sich für die Quote?
Kebekus: Ja, natürlich schaue ich drauf. Ich bin seit 16 Jahren beim Fernsehen, da weiß man, was für eine Wissenschaft daraus gemacht wird. Auch wenn mir der WDR vorher gesagt hat, dass das erst mal keine Rolle spielt und ich Zeit haben soll, um die Sendung zu entwickeln.

"Wenn ich sage, dass auch ich als Mädchen mal meine schüchterne Phase hatte, glaubt mir das natürlich kein Mensch", sagt Carolin Kebekus. Am Samstag, 18. April, 21.45 Uhr, steht im WDR-Fernsehen die nächste Ausgabe ihrer Show "PussyTerror TV" auf dem Programm.

 

chilli: Nachdem Sie sich 2013 mit dem WDR überworfen hatten, weil der Sender sich geweigert hatte, Ihr, vorsichtig formuliert, kirchenkritisches Video zu zeigen, verwundert es etwas, dass man Ihnen nun das uneingeschränkte Vertrauen aussprach …
Kebekus: Mag sein. Aber zwischen dem WDR und mir ist alles cool. Es gab natürlich die Absprache, dass wir unsere Ideen erst mal vorlegen sollen. Aber ehrlich: Wir haben null mit Schere im Kopf gedacht, sondern nur das gemacht, worauf wir Lust hatten. Und wir haben mit der Redaktion vom Sender super zusammengearbeitet, es gab keine Reglementierung.

 

chilli: Ohne die ganz lange Leine würden Sie sich auch kein Stück bewegen, oder?
Kebekus: (lacht) Nee, dann verharre ich einfach in der Schockstarre. Eine Sendung mit inhaltlichen Einschränkungen würde ich ohne jedes Zögern ablehnen.

 

chilli: Haben Sie die WDR-Verantwortlichen lange bitten müssen?
Kebekus: Nein. Nach dem Ärger wegen meiner Kruzifix-Nummer hat sich der neue WDR-Intendant Tom Buhrow bei mir gemeldet, und so waren wir schon 2013 schnell wieder im Gespräch und wollten etwas zusammen machen. Ich brauchte nur etwas Zeit, musste mich ein bisschen sammeln. Da kam die ausgedehnte Tour mit dem Bühnenprogramm gerade recht. Aber jetzt habe ich wieder Bock auf Fernsehen.

 

chilli: Immerhin begannen Sie schon 1999 als Praktikantin bei den „Freitag Nacht News“ von RTL. Es heißt, der damalige Mitproduzent der Sendung, Hugo Egon Balder, habe Sie in die TV-Karriere gelotst?
Kebekus: Ja, Hugo hat mich ermutigt und gesagt: „Du musst mehr drehen!“ Er war auf jeden Fall einer von vielen Kollegen, die mir am Anfang wertvolle Tipps gaben. Ich war 19 Jahre alt, kam frisch vom Abi und war ja noch völlig grün hinter den Ohren.

 

chilli: Andere gehen dann erst mal auf die Uni!
Kebekus: Wollte ich ja auch! Ich war kurz davor, mich für Theaterwissenschaften einzuschreiben. Hat nur nicht geklappt, weil der NC seinerzeit so unglaublich streng war – 1,7, glaube ich … Ich hatte ein 2,9er-Abi, klassischer Durchschnitt. Aber was macht man dann damit?

 

chilli: Ganz klar: irgendwas mit Medien!
Kebekus: (lacht) Auf genau diese Idee kam auch mein Vater, der mir riet, es doch mal mit einem Praktikum hier in Köln zu versuchen. Ich wollte das erst mal nicht: Bäh – Medien! Zu viel Computer, dachte ich, da hatte ich keinen Bock drauf. Ich ging dann also ohne jede Lust und Zuversicht zum Vorstellungsgespräch der Produktionsfirma in Hürth, und, wie auch immer, ich habe den Job gekriegt – vielleicht haben die damals auch einfach nur jeden genommen.

 

chilli: Und dann war’s doch ganz toll?
Kebekus: Ja, das gute Gefühl kam nach und nach mit der Arbeit, und als ich auch ein bisschen spielen durfte, war ich natürlich begeistert. Nur: Ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass das ein richtiger Beruf sein soll. Ich dachte mir: So was kannst du doch nicht dein Leben lang machen, du musst was Vernünftiges lernen, geht doch nicht!

 

chilli: Das passt: Sie sind Stier, ein Sternzeichen, das angeblich nach beruflicher Sicherheit strebt …
Kebekus: Da ist was dran! Ich habe mich jedenfalls erst für den Beruf entschieden, als ich mir ganz sicher sein konnte, dass das eine vernünftige Entscheidung ist: als ich bei „Was guckst du?!“ mit vier Drehtagen pro Woche fest engagiert war.

 

chilli: Klingt aber jetzt alles in allem gar nicht nach der üblichen romantischen Geschichte, vom großen Kindheitstraum, der sich verwirklicht hat …
Kebekus: Nein (lacht). Ganz ehrlich: Ich wollte nie unbedingt auf die Bühne. Das hat sich eher so ergeben.

 

chilli: Wie denn?
Kebekus: Ich habe schon immer gerne Geschichten erfunden und erzählt. Auch Witze. Als Kind habe ich Witze auch nach der Pointe weitererzählt, wenn keiner gelacht hat. Allerdings musste man mich schon ein Stück weit zwingen, bis ich damit auf die Bühne ging.

"Per Mail, auf Facebook oder so wird mir schon oft Geschlechtsverkehr angeboten": Carolin Kebekus sagt, sie kann sich nicht beklagen.

 

chilli: Waren Sie eigentlich schon immer so selbstbewusst?
Kebekus: Ganz ohne geht’s natürlich nicht, wenn man auf einer Bühne steht. Auch der Talentierteste hat keine Chance, wenn er einem gewissen Druck nicht standhält. Aber ich würde heute sagen, dass das auch viel mit Erfahrung zu tun hat. Im Grunde habe ich meinen Beruf auch erst erlernen müssen – so wie alle anderen Leute auch. Wenn ich sage, dass auch ich als Mädchen mal meine schüchterne Phase hatte, glaubt mir das natürlich kein Mensch. War aber so.

 

chilli: Auf jeden Fall nimmt das schüchterne Mädchen von einst heute ziemlich häufig das Wort „Pussy“ in den Mund.
Kebekus: Dabei gehört das noch zu den netteren Worten, die ich auf der Bühne so von mir gebe …

 

chilli: Würden Sie sich freiwillig die Show eines männlichen Comedians ansehen, wenn diese, sagen wir, „Schwanz-Attacke“ heißen würde?
Kebekus: (lacht) Nein. Die Kebekus als Mann? Ich denke nicht, dass so ein Programm erfolgreich wäre. Vielleicht weil ein Mann niemals diesen selbstironischen Bruch hinbekäme, ohne den auch meine Show kaum funktionieren würde. Außerdem habe ich ja durchaus auch ein gewisses feministisches Anliegen, ich habe meine harten Themen – Frauenthemen, auch wenn bei mir auch sehr viele Männer im Publikum sitzen.

 

chilli: Warum eigentlich?
Kebekus: Weil sie lachen wollen. Denn vordergründig geht es natürlich auch bei mir um die pure Freude an der Provokation. Ich kenne grundsätzlich kein Tabu und keine Skrupel. Wenn ich das Gefühl habe, ich muss einen Finger in die Wunde legen, dann mache ich das. Wenn ich damit mal bei den Fans von Tokio Hotel und Helene Fischer oder gar den Pius-Brüdern anecke, umso besser.

 

chilli: Eine Provokation ist in Ihrem Fall ja bereits die bloße Erscheinung: Da steht so ein nettes Mädel und fängt an, aufs Unflätigste vom Leder zu ziehen.
Kebekus: Klar, mein Programm lebt auch von einem gewissen Überraschungseffekt. Das Spiel mit den Erwartungen ist schon immer ein Hobby, das ich mit großer Leidenschaft betreibe. Aber sich alleine darauf zu verlassen, wäre zu wenig. Das nutzt sich ab.

 

chilli: Also, worauf bauen Sie in erster Linie?
Kebekus: Darauf, dass ich ein lustiges Mädchen bin. Mein ganzes Konzept ist im Grunde, dass ich so auf die Bühne gehen kann, wie ich bin.

 

chilli: Kriegen Sie viele Avancen von Männern?
Kebekus: Ja. Ich kann mich nicht beklagen: Per Mail, auf Facebook oder so wird mir schon oft Geschlechtsverkehr angeboten. Im richtigen Leben aber eher nicht. Da trauen sich die Kerle wohl nicht an mich ran (lacht).

 

Text: Frank Rauscher / Fotos: © WDR / Frank Schoepgens (M, A. Fußwinkel) / Axel Klein
Quelle: teleschau – der mediendienst