Für immer 18

Er ist einer der erfolgreichsten Sänger aller Zeiten: Sir Cliff Richard verkaufte bislang rund 250 Millionen Tonträger. Der britische Popstar ist zudem der einzige Künstler, dem Nummer-Eins-Hits in fünf Jahrzehnten gelungen sind. Zu den größten Erfolgen von Sir Cliff, der bürgerlich Harry Rodger Webb heißt, gehören „Lucky Lips“, „Living Doll“ und „We Don’t Talk Anymore“. Unter dem Titel „The Fabulous Rock’n’Roll Songbook“ hat der 73-Jährige gerade sein 100. Album veröffentlicht – im Mai wird er damit in Deutschland auf Tournee gehen. Im Interview gibt sich ein irgendwie immer noch jugendlich wirkender Cliff Richard vital, aufgeweckt und offen, als er von seinem Sir-Titel, seinen Anfängen im Rock’n’Roll und der Konkurrenz mit der Boyband One Direction erzählt.

Seine 73 Jahre merkt man Cliff Richard nicht an: "Wenn ich meine erste Single 'Move It', die ja auch eher Rock'n'Roll war, auf der Bühne singe, fühle ich mich immer noch wie 18", sagt der Sänger.

 

chilli: Sir Cliff Richard, seit 35 Jahren veröffentlichen Sie jedes Jahr einen Kalender mit neuen Fotos. Stimmt es, dass Sie nach diesem Jahr Schluss damit machen?
Cliff Richard: Nein! Das stimmt nicht! Die Sache ist die: Für viele Jahre war mein jährlicher Kalender immer die Nummer eins in den Kalender-Charts. Aber dieses Jahr stehen One Direction an der Spitze. Deshalb wurde ich gefragt, ob das nun mein letzter Pin-up-Kalender ist. Und ich sagte: Vielleicht ist er das. Aber ich weiß insgeheim ohnehin, dass er es nicht sein wird. Ich mache mindestens noch zwei oder drei. Wir haben nämlich schon Ideen dafür gesammelt.

 

chilli: Ist das nicht ganz schön stressig in Ihrem Alter, immer gut auszusehen und in Form zu sein?
Richard: Ach, das ist okay. Ich würde mich so oder so fit halten. Aber vielleicht sollte es mir wirklich zu denken geben, dass One Direction mich zum ersten Mal übertrumpften. Bisher sagte ich mir immer: Okay, aber ich bin immer noch Nummer zwei! Es ist aufregend für mich, immer noch mit so jungen Bands in Konkurrenz zu treten. Ich bin jetzt 73 Jahre alt, sie müssen mit mir mithalten! Und es ist doch schön, dass sie mich das eine oder andere Mal überholen. Das Lustige ist: Wir haben auch einen Cliff-Richard-Trinkbecher. Und mein Trinkbecher verkauft sich besser als ihr Kalender!

 

chilli: Und das macht Sie stolz?
Richard: Natürlich! Ich bin immer noch Teil des Wettbewerbs. Und das ist nicht selbstverständlich. Denn das Radio lässt es eigentlich nicht mehr zu. Egal, wie hoch deine Platte in die Charts einsteigt, es gibt keine Garantie mehr, dass du gespielt wirst. 2010 veröffentlichte ich mein Album „Bold As Brass“, es erreichte Platz drei in der britischen Hitliste. Als ich auf Tour war, traf ich einige junge Leute in einem Coffeeshop. Sie baten mich um ein Autogramm und meinten, ihre Mütter würden mich lieben. Einer fragte mich plötzlich: „Machen sie eigentlich immer noch Musik?“ und ich sagte: „Hey, meine Platte ist gerade auf Platz drei in den Charts. Aber es ist nicht deine Schuld, dass du sie nicht kennst.“

 

chilli: Da Sie es gerade erwähnen: Mit „The Fabulous Rock’n’Roll Songbook“ ist nun Ihr 100. Album erschienen. Können Sie sich überhaupt an alle Songs und Albumcover erinnern?
Richard: Nein, nicht wirklich. Aber im Internet gibt es eine Radiostation nur mit meiner Musik und die meiner Band The Shadows. Irgendein amerikanischer DJ stellt dort das Programm zusammen. Ich höre mir das manchmal auf meinem iPad an. Und bei so manchem Lied denke ich: Was ist das? Ich habe keinen blassen Schimmer. Dann höre ich meine Stimme und erinnere mich wieder. Auf die Art entdeckte ich schon einige meiner Songs wieder, die ich gern mal wieder live singen würde.

 

chilli: Und das mit dem 100. Album ist kein reiner Marketinggag?
Richard: Nein, als ich diese Platte in Nashville aufnahm, hatte ich das gar nicht auf dem Zettel. Dann kam ich zurück nach England, und mein Label sagte zu mir: „Wir glauben, dass es dein 100. Album ist. Das ist doch eine schöne Geschichte.“ Und ich meinte: Glauben heißt nicht wissen. Sonst wird’s peinlich, wenn ich in Interviews darüber spreche.

 

chilli: Und wie wurde die Frage dann geklärt?
Richard: Die Plattenfirma setzte gleich mehrere Leute an die Recherche. Ein Typ namens Victor Rust veröffentlichte gerade ein Buch über jede Studiosession, die ich jemals machte. Und dann waren da noch zwei andere Männer, die vor zehn Jahren so was Ähnliches getan hatten. Wenn also jemand die Richtigkeit des 100. Albums bestätigen kann, dann diese drei. Die Liste inkludiert meine Soundtrackalben, meine Werke für Westend-Shows, Livealben von Konzerten in Tokio oder in England, Best-Of-Sammlungen sowie natürlich alle meine Studiowerke. Es ist offiziell das 100. Album, das ich je über eine Plattenfirma veröffentliche.

Zurück zum Artikel Für immer Rock'n'Roll: Im Mai 2014 geht Sir Cliff Richard mit seinem Coveralbum "The Fabulous Rock'n'Roll Songbook" auf Deutschland-Tournee.

 

chilli: Sie sind unglaubliche sechs Jahrzehnte im Musikgeschäft. Fühlt es sich auch so an?
Richard: Nein. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich die Jahre spüre, ist, wenn ich wie heute von Barbados nach Europa eingeflogen komme und Jetlag habe. Das merke ich körperlich. Sonst überhaupt nicht. Die Jahre sind so schnell vergangen. Wenn ich meine erste Single „Move It“, die ja auch eher Rock’n’Roll war, auf der Bühne singe, fühle ich mich immer noch wie 18. Es fühlt sich exakt so an, wie damals, als ich das Lied zum ersten Mal sang.

 

chilli: Mit dem neuen Cover-Album besinnen Sie sich auf Ihre frühen Musikertage …
Richard: Ja, das war der Plan. Ich fühle mich absolut wohl mit den Liedern. Denn als Teenager hatte ich all diese Songs als Originale in den Plattenläden gekauft. Ich war damals noch Schüler und sparte wochenlang dafür. Was aber nicht heißen soll, dass ich in den Wettbewerb mit den Originalen treten will – denn die sind ikonenhaft! Es ist eher ein Tribut an die Rock’n’Roll-Musik von einst, die so viele Leben veränderte – meines eingeschlossen. Aber auch die des Publikums! Die Leute fanden neue Wege, auf Musik zu reagieren. Sie kreischten, tanzten, hatten eine gute Zeit. Diese Musik veränderte die Welt. Und ich war ein Teil davon.

 

chilli: Ab wann wussten Sie, dass Sie auch Sänger sein wollten?
Richard: Ich dachte immer, das wäre so mit 14 gewesen. Aber vor Kurzem schickte mir eine Dame aus Australien eine Kopie eines Briefes, den ich ihr vor 60 Jahren geschrieben hatte. In der Schule wurden wir dazu animiert, Brieffreundschaften zu pflegen. Ich hatte ihr also geschrieben: „Hallo Elisabeth, mein Name ist Harry Rodger Webb, ich bin zwölfeinhalb Jahre alt und gehe in Cheshunt in Hertfordshire in die Schule. Ich spiele gerne Fußball, und mein Ziel ist es, ein berühmter Sänger zu werden!“ Unterschrieben von Harry Webb. Nicht schlecht, oder? Die meisten Leute wollen jemand sein oder werden. Aber es gibt keine Garantie, dass dein Traum wahr wird.

 

chilli: Posierten Sie damals auch vor dem Spiegel?
Richard: Na, klar. Elvis tauchte auf, und er war eine große Inspiration für uns alle. Mein Vater tat damals etwas, das er nie zuvor getan hatte: Er kaufte auf Pump eine Gitarre. Sie kostete 27 britische Pfund – das war damals wahnsinnig viel Geld. Er kaufte sie trotzdem.

 

chilli: Dann glaubte er wohl an Sie …
Richard: Absolut. Er war aber auch vorsichtig. Er warnte mich: „Du willst wirklich Musiker werden? Okay, aber wenn nichts daraus wird, musst du auch so ein Leben haben. Es geht dann auch ohne diesen Traum.“ Als dann der Erfolg gleich mit der ersten Platte kam, war er überglücklich und ein großer Unterstützer.

 

chilli: Irgendwann haben Sie es dann sogar zum Sir-Titel gebracht …
Richard: Ja, und ich war der erste Rock-Musiker überhaupt, dem der Titel verliehen wurde! Davor waren es nur Politiker, Schauspieler oder wichtige Geschäftsmänner.

 

chilli: Sorgte das für Neid bei den Kollegen im Musikbiz?
Richard: Nein, denn ich erhielt den Titel für meine Wohltätigkeitsaktionen, die für mich selbstverständlich waren. Nach mir bekamen dann auch Elton John und Paul McCartney ihren Sir-Titel.

 

chilli: Gibt es so etwas wie ein Clubtreffen der Sirs?
Richard: Nein, weil wir alle in anderen Ecken unterwegs sind. Ich kaufte mir aber das neueste Album von Elton, und ich hoffe, das von Paul schenkt mir jemand. Ich stehe immer noch auf CDs, mag keine MP3s. Sonst kaufe ich es mir selbst in Amerika bei Starbucks und trinke einen Kaffee auf Pauls Wohl.

 

Cliff Richard auf Deutschland-Tournee:

 

13.05.2014, Hamburg, O2 World
14.05.2014, Berlin, O2 World
16.05.2014, Oberhausen, KöPi Arena
20.05.2014, München, Olympiahalle
30.05.2014, Frankfurt, Festhalle

 

 

Text: Katja Schwemmers / Fotos: Allen Olley / Warner
Quelle: teleschau – der mediendienst