„Erwachsen? So ein bisschen vielleicht“

Erst kurz bevor Cro zum Interview bat, gab es nach Monaten ein erstes Lebenszeichen des jungen Schwaben auf YouTube. Ein kurzes Video namens „Higher“, in dem er seine Sachen packt und am Flughafen ein Ticket für Venedig drucken lässt – unterlegt nur mit einem unbekannten Beat. Und schon war er wieder zu spüren, der Hype um den Panda-Rapper. Die sozialen Medien und deren Kommentarfelder glühten. Zwar ging es am Ende der sechsteiligen Videoreihe in erster Linie um ein dreiteiliges Konzert am Bodensee.

Schnell wurde aber auch klar, dass gleichzeitig auch die zweite offizielle Veröffentlichung des 24-Jährigen ansteht. Für „Melodie“ hat sich Carlo Waibel, so sein richtiger Name, abermals in Mutters Keller eingeschlossen und das ganze Album in Eigenregie aufgenommen. Zeit für ein Gespräch über die Furcht davor, totgehört zu werden, über das Erwachsenwerden und die Verantwortung gegenüber seinen jungen Fans.

Cro kann sich zurücklehnen. Die Single "Traum" stieg auf Platz eins ein und dem Album "Melodie" wird es erwartungsgemäß ähnlich ergehen.

 

chilli: Sie geizen ja nicht gerade mit Output. Nach und vor Ihrem ersten Album „Raop“ gab es jeweils kostenlose Mixtapes im Internet. Hatte Ihr Label Angst, dass Sie in Vergessenheit geraten?
Cro: Nein, ganz und gar nicht, ich bin voll und ganz mein eigener Chef. Ich lass mir von denen doch nichts sagen (lacht). Die haben von Noten doch ohnehin keine Ahnung, außer von Banknoten vielleicht (lacht). Nee, Quatsch: Mit Angst hat das nichts zu tun. Vor meinem ersten Album kannte mich keiner. Da war das „Easy“-Mixtape sehr wichtig. Genau ein Jahr nach „Raop“ haben wir dann „Raop+5“ herausgebracht. Das war das alte Album mit fünf neuen Tracks. Für die Fans, die das Album schon hatten, haben wir deswegen das „Sunny“-Mixtape rausgegeben. Wir arbeiten eben sehr nachhaltig. Mit Nachhaltigkeit hat das zu tun.

 

chilli: Keine Angst, dadurch totgehört zu werden?
Cro: Das ist alles Fluch und Segen zugleich. Es ist schon geil, wenn jeder dein Zeug kennt. Und diesen Radiooverkill bekomme ich persönlich ja auch gar nicht weiter mit. Aber zu viel Output macht auch angreifbar, das stimmt. Sieht man ja bei Samy Deluxe. Ich war immer riesiger Fan. Aber der ist einfach nicht mehr fett. Und dann nennt er sein Album auch noch „Perlen vor die Säue“ und sich selbst Herr Sorge. Das tut als Fan schon arg weh.

 

chilli: Also ist erst einmal Müßiggang nach „Melodie“ und der dazugehörigen Tour angesagt?
Cro: Das nehme ich mir immer vor. Und dann juckt es nach einem Monat wieder in den Fingern, und ich muss Klavierspielen oder so.

 

chilli: Es ist also ein Fluch, so kreativ zu sein?
Cro: Schon irgendwie. Ich verkomme immer mehr zu einer Musikmaschine. Das steckt einfach im Kopf, und man überlegt ständig, macht sich Sprachnotizen, muss alles aufschreiben. Wenn ich eigentlich nur rumhänge und chillen will, und ich höre oder sehe etwas Tolles, möchte ich immer gleich sofort loslegen. Die Leute um mich herum sagen dann schon mal: „Hör mal auf, jetzt!“ (lacht).

 

chilli: Die sagen auch, Sie sollen erwachsener werden? Zumindest behaupten Sie das auf Ihrem Album.
Cro: Ja, das stimmt schon. Aber das wird auch schon langsam besser. Tief in mir bin ich aber noch voll der Kindskopf, der nur Faxen im Kopf hat. Ich hatte es bis hierhin halt auch einfach leicht. Alles hat irgendwie geklappt. Schule, Ausbildung – alles ohne lernen zu müssen oder mich groß anzustrengen. Und auch privat: Der Ernst des Lebens ist bei mir noch nicht so angekommen. Meine Kohle habe ich gut angelegt, da muss ich mir auch so schnell keine Sorgen mehr machen. Alles gut soweit.

 

chilli: Also können Sie das Rockstarleben in vollen Zügen genießen.
Cro: So ist es (lacht). Aber wenn es sein muss, bin ich auch da. Ich kann auch pünktlich und ernsthaft sein. So langsam aber sicher werde dann sogar ich erwachsen (lacht).

 

chilli: Die Themen auf „Melodie“ sind es zum Großteil auch ernster als auf „Raop“.
Cro: Das stimmt. Bei „Raop“ war das ja auch einfach nur so ein Gefühl: Ich bin gut drauf, alles toll, zwölf Lieder und fertig. Das kann ich ja nicht immer wieder machen. Anfangs war es schon schwierig. Ich wusste so ungefähr, wo es hingehen soll, auch mit Storytelling und so. Letztendlich ging es dann aber doch schnell und mir kamen gute Ideen. In Zukunft wird das alles wohl etwas anstrengender werden, gleichzeitig dadurch aber auch anspruchsvoller.

"Melodie" ist das zweite Album von Cro. Sein Output ist mit Mixtapes und Freetracks aber noch um einiges größer.

 

chilli: Sie blicken in Ihren neuen Songs auch viel zurück. Schwingt da ein bisschen Wehmut mit?
Cro: Nein, gar nicht. Ich bin froh, alles so hinbekommen zu haben. Da war immer viel Zufall dabei. Ich hätte eher Schiss zurückzugehen. Könnte ja sein, dass nicht alles wieder so eintrifft, wie es jetzt ist.

 

chilli: Nicht nur die Themen, auch der Sound von „Melodie“ ist streckenweise ein anderer also beim Vorgänger.
Cro: Ja, im Mittelteil wird es vielleicht etwas Rap-lastiger. Aber insgesamt bleibt es dann doch mein Stil, also Raop. Ich kann gar nicht anders. Alle um mich herum, mein Bruder, Kollegen, meine Freundin, fordern schon ewig ein pures Rap-Album. Und ich hätte auch Bock darauf. Raus kommt am Ende aber immer dieser Cro-Sound. Außerdem verkauf’ ich dann ja nur 100.000 Einheiten, wenn ich nur die Rapfans glücklich mache. Aber wir wollen ja eine Million verkaufen und auch die Muttis im Boot wissen (lacht). Dafür braucht man dann halt diese „Get Luckys“ und „Happys“ auf seinem Album (lacht).

 

chilli: Mit einem Rap-Album würden Sie aber vielleicht auch Respekt aus der Rap-Szene bekommen, in der man ja nicht allzu gut auf Sie zu sprechen ist.
Cro: Ach, das ist mir egal. Obwohl: Beim Splash! Festival (größtes Rap-Festival in Deutschland, Anm. d. R.) bin ich da rumgelaufen und da waren Kids mit T-Shirts, auf denen ein Panda mit Messer im Kopf zu sehen war. So etwas find’ ich scheiße. Kein Plan, was die für ein Problem haben. Ich bin halt auch voll der HipHop-Fan, das fing mit sechs schon an. Ich hab alles von meinem großen Bruder aufgesaugt, Beginner, Freundeskreis und Samy Deluxe eben. Aber später halt auch Bob Dylan und die Beatles. Vielleicht ist das der Unterschied: Viele Rapfans machen ihren Kopf nicht für anderes auf. Und auf der anderen Seite: Ich bekomm von vielen Leuten, die selber Musik machen, eben auch Respekt. Eigentlich ist alles gut.

 

chilli: Ergebnis bei Ihnen sind dann aber all die Minderjährigen im Publikum, die von Rap keine Ahnung haben.
Cro: Ach wissen Sie, die mögen halt die Musik, und dann ist das doch schön. Ich finde es toll, wenn ich die beim Erwachsenwerden begleiten kann. Viele schreiben mir auch ewig lange Briefe und Mails, was sie alles mit meiner Musik erlebt haben und verbinden. Das macht mich stolz. Und so von oben herab beim Ferrero-Rocher-Essen sagen: „Die haben von Rap keine Ahnung“, ist ohnehin kindisch.

 

chilli: Mit einem solch jungen Publikum wächst aber auch Ihre Verantwortung.
Cro: Naja, da mache ich mir wenig Gedanken. Ich benutze ja auch keine krassen Schimpfwörter und achte schon auf meine Außendarstellung. Einen Maulkorb verpasse ich mir aber deswegen nicht.

 

chilli: Deshalb kommt auch noch das Thema Kiffen auf „Melodie“ vor.
Cro: Moment. Ich sage in „Bad Chick“, dass ich überhaupt gar nicht kiffe. Und das stimmt. Kiffen hat mich immer nur nachdenklich und traurig gemacht. Brauch’ ich nicht.

"Wir wollen eine Million Einheiten verkaufen", gibt Cro seine Erwartungen für "Melodie" zu Protokoll - allerdings nicht ohne Augenzwinkern.

 

chilli: Also ist Cro etwas für die ganze Familie?
Cro: Wie gesagt, das spielt bei mir keine große Rolle. Cro bin zuallererst ich. Auch wenn ich jetzt diese Maske aufsetze, ist das immer noch Carlo und keine Kunstfigur. Und die Leute mögen eben meine Musik oder auch nicht. Außerdem sind es ja nicht nur die Kids, die dazu feiern und auf meine Konzerte kommen. Da sind auch immer noch die Clubgänger, Cocktailschwinger und Hipster-Girls zu sehen. Und ein paar Rapfans verirren sich auch immer wieder (lacht). Außerdem: Sido und sogar Bass Sultan Hengzt klingen auf einmal ganz schön nach Radio-Mucke. Die mögen meine Musik wohl auch (lacht).

 

chilli: Und die bekommt man alle unter einen Hut?
Cro: Das weiß ich nicht. Aber ich mache mir da eben auch gar nicht so arg Gedanken. In erster Linie muss die Musik mir selbst gefallen. Die Dinge, die ich sage, müssen von mir kommen. Aber so groß hat sich ja jetzt auch nichts verändert. Die Leute scheinen immer noch drauf zu stehen. Die erste Single „Traum“ läuft ja auch schon wieder hoch und runter.

 

chilli: Darin erzählen Sie, noch nicht die Richtige gefunden zu haben. Das findet ihre Freundin bestimmt gar nicht so toll.
Cro: Ja, sie hasst den Song. Aber das sind alles so Gefühle, die man ab und an mal hat. Es gibt Zeiten, da liebt man sich wahnsinnig, und dann schreibe ich ein Lied wie „Du“. Und dann gibt’s mal wieder schlechtere Abschnitte. Ich erzähl da keine Storys, das bin alles ich.

 

chilli: Haben Sie überhaupt genügend Zeit für eine Freundin?
Cro: Das geht schon irgendwie. Ich bin schon viel unterwegs, im Tourbus und in Hotels. Aber zum Teil wohne ich auch bei ihr.

 

chilli: Und zum Musikmachen geht es immer noch zu Muttern.
Cro: Ich hatte mich in Stuttgart schon mal richtig in einer eigenen Wohnung eingerichtet und hatte auch meine Studio-Einrichtung dabei. Aber meinen Mitbewohnern war ich dann zu laut, wenn ich nachts um drei Mucke machte. Das ist jetzt alles wieder bei Mutti im Keller, da kann ich machen, was ich will.

 

chilli: Und Mutti freut sich, auch mal wieder was von ihrem Sohn zu haben.
Cro: Naja, die kriegt mich da eher weniger zu Gesicht (lacht). Ich bin dann rund um die Uhr am Musikbasteln und komm nur zu Weihnachten oder so mal aus dem Keller hervorgekrochen (lacht).

 

Cro auf Deutschland-Tournee:

08.11., Mannheim, Maimarktclub
09.11., Frankfurt, Festhalle
13.11., Berlin, Max Schmelling Halle
14.11., München, Olympiahalle
15.11., Nürnberg, Arena
18.11., Dresden, Messe
19.11., Bremen, Halle 7
21.11., Hamburg, o2 World
26.11., Hannover, Swiss Life Hall
27.11., Köln, LANXESS Arena
28.11., Freiburg, Rothaus Arena
06.12., Stuttgart, Schleyerhalle

 

Text: Max Trompeter / Fotos: © Chimperator / Delia Baum
Quelle: teleschau – der mediendienst