Einfach machen!

Mit Sicherheit ist sich der aus der Gothic-Szene kommende Unheilig-Kahlkopf, der sich nur „Der Graf“ nennt, Anfang 2010 vorgekommen wie im falschen Film: Du hast seit über zehn Jahren eine Band, spielst hunderte von Konzerten, veröffentlichst Album um Album, ohne dass außerhalb der Schwarzkittelfraktion auch nur Notiz davon genommen wird, und dann, praktisch über Nacht, wirst du plötzlich doch noch zum Superstar. Seit dem Über-Hit „Geboren um zu leben“ ist für den aus Aachen stammenden Musiker nichts mehr wie es war. Hinter dem Sänger, den heute jedes Kind kennt, liegen vier intensive Jahre, die ihn heftig durchgeschüttelt haben. Ein Interview über 15 Jahre Unheilig (zum Jubiläum erscheint am 14. März das Best-Of-Album „Alles hat seine Zeit“).

 "Ich brauche das, ich kann nicht anders": Unheilig-Frontmann Der Graf sagt, dass er immer Musik machen wird.

 

chilli: 15 Jahre Unheilig! – Mit welcher Vision hoben Sie Ende der 90er-Jahre das Projekt aus der Taufe?
Der Graf: Ich wollte mit meiner Musik auf eigenen Füßen stehen – wenn man so will, ist das schon die ganze Geschichte meines Lebens (lacht).

 

chilli: Träumten Sie schon als Teenager von der Künstlerkarriere?
Der Graf: Von der großen Karriere nicht unbedingt, dazu war ich viel zu schüchtern. Aber ich begriff früh, wieviel mir das Singen bedeutet. Ich stotterte schon immer und hatte in der Kindheit schwer darunter zu leiden. Als ich mit zwölf Jahren zum ersten Mal in der Schule vorsingen musste, merkte ich aber, dass plötzlich etwas anders ist: Die anderen hörten auf, mich auszulachen, man schenkte mir Gehör. Von da an wusste ich, dass das Singen mein Weg ist. Auch wenn ich noch viele Jahre mit meiner Schüchternheit zu kämpfen hatte, war das ein besonderer Moment: Es entwickelte sich ein Gefühl, das ich heute noch in mir trage. Ich verliebte mich in die Musik. Hört sich kitschig an, oder?

 

chilli: Total!
Der Graf: Aber so war es. Heute sage ich: Die Musik ist die Liebe meines Lebens. Ich wollte nie etwas anderes machen. Aber wie das Leben so spielt, nahm auch ich ein paar Umwege …

 

chilli: Sie begannen nach der Schule eine Ausbildung …
Der Graf: Eine Zahntechniker-Lehre. Dann kam die Bundeswehr, danach erlernte ich das Handwerk des Hörgeräteakustikers und arbeitete in diesem Beruf. In verschiedenen Konstellationen hatte ich zwar schon in den 90-ern Musik gemacht, aber immer stand dahinter auch die Überlegung, dass ich gleichzeitig etwas Vernünftiges brauche, weil man doch von der Musik allein nicht leben kann … – Bis ich doch endlich den Mut fasste, es mit einem eigenen Projekt zu versuchen. Ich wollte mit meiner Musik unabhängig sein – von einem normalen Beruf und von den Eltern. Das war immer mein Ziel.

 

chilli: Der große Erfolg ließ allerdings auf sich warten.
Der Graf: Ja, es dauerte im Grunde zehn, elf Jahre, bis wir mit Unheilig im kommerziellen Sinn wirklich Erfolg hatten. Sicher, wir erarbeiteten uns recht schnell einen Platz in der Gothic-Szene, spielten viele Hundert Konzerte, es gab Aufs und Abs. Manchmal wundere ich mich selbst, dass wir so lange durchhielten. Aber wir verzeichneten unter dem Strich eben auch Jahr für Jahr einen kleinen Fortschritt, der uns bestärkte und immer weitermachen ließ. Dass es auf einmal so knallen würde, wie es dann 2010 passiert ist, konnte natürlich keiner ahnen.

"Manchmal wundere ich mich selbst, dass wir so lange durchhielten": Die ersten zehn Jahre waren für Unheilig nicht immer unkompliziert.

 

chilli: 2010 kam der Durchbruch mit dem Hit „Geboren um zu leben“. Wie schön ist nach all den Jahren so ein Moment?
Der Graf: Es ist schwer in Worte zu fassen. Ich werde auch oft gefragt, wie es ist, plötzlich Popstar zu sein. Aber ich weiß es nicht – es ist eigenartig, und es strengt extrem an. Ich kann mir heute vieles leisten, aber ich habe wenig Zeit. Seit 2010 ist nichts mehr, wie es war. Maßgeblicher als dieser große Durchbruch war für mich persönlich ein ganz anderer Moment: als ich 2008 „An deiner Seite“ veröffentlichte, das Lied, das ich in Erinnerung an meinen verstorbenen besten Freund geschrieben hatte. Die Reaktionen waren derart überwältigend, dass ich zum ersten Mal überhaupt begriff, dass ich ein gewisses Talent besitze. Nämlich dass ich mit meiner Musik, mit meiner Stimme und nicht zuletzt mit meiner Sprache eine Emotionalität ausdrücken kann, die andere Menschen berührt. Wahrscheinlich war das die entscheidende Phase für mich als Künstler.

 

chilli: Unheilig, die Band, die so lange ein reines Szene-Phänomen war, kennt heute jedes Kind. Sie haben über 1,7 Millionen Facebook-Likes ?
Der Graf: Unfassbar, ja. Aber ich trage meinen Erfolg nicht als Trophäe mit mir herum, die wäre mir auch viel zu schwer auf Dauer. Das Komische an der Situation ist ja, dass ich nicht das Gefühl habe, dass ich mich groß verändert habe, aber die anderen Menschen, sogar Freunde, Verwandte, Bekannte, reagieren anders auf mich als früher.

 

chilli: Können Sie verstehen, warum das so ist?
Der Graf: Inzwischen ja. Es ist nur menschlich. Auch mir geht es ja so, dass ich aufgeregt bin, wenn ich bei einer Fernsehshow hinter der Bühne auf einen Menschen treffe, der sehr bekannt ist. Du stehst beim „Echo“ herum und kommst dir vor wie Alice im Wunderland – da sind all die Typen versammelt, die du aus dem Plattenregal kennst: Depeche Mode, a-ha, Robbie Williams, Herbert Grönemeyer … Und die Stars sagen dir wie selbstverständlich Guten Tag! Man ist auf Augenhöhe – doch ich bekam keinen Ton raus bei solchen Begegnungen. Inzwischen hat es sich etwas gebessert, und ich sage schon mal Sachen wie: „Hey, ich finde deine Musik so toll!“ – Blödsinn, aber was soll man machen, wenn man so aufgeregt ist (lacht)?

 

chilli: Haben Sie sich selbst wirklich nicht verändert?
Der Graf: Doch, sicher. Ich bin reifer geworden in all den Jahren, auch wenn sich das abgegriffen anhört.

 

chilli: Inwiefern?
Der Graf: Ich wurde selbstbewusster. Das hat sicher auch mit all den kleinen Scharmützeln zu tun, die man auszutragen hat. Sie glauben nicht, gegen wieviele Versuche der Einflussnahme man sich zur Wehr setzen muss, wenn man plötzlich erfolgreich ist. Die einen sagen dir, du sollst dich in eine Quizshow setzen, die anderen wollen, dass du einen bunten Anzug anziehst … Es ist unglaublich, was alles an einen herangetragen wird – von Leuten, die du vorher noch nie gesehen hast. Da brauchst du vor allem ein stabiles Umfeld mit Menschen, denen du vertraust. Nach zehn Jahren im Musikgeschäft war ich in dieser Hinsicht aber zum Glück schon gut aufgestellt. Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte ich meinen Durchbruch mit Anfang 20 erlebt … Ich glaube, da gehst du unter.

 

chilli: Was half Ihnen in den letzten Jahren am meisten?
Der Graf: Immer die Menschen, die mir ganz klar die Meinung sagten, mein privates Umfeld. Und man darf eines nicht unterschätzen: Du reflektierst dich als bekannter Künstler sehr, sehr häufig, und jedes geführte Interview hat etwas Psychologisches. Manchmal ist so ein Gespräch wie eine Therapiesitzung. Und ich habe wirklich Millionen Interviews gegeben. – So, jetzt fragen Sie mich noch mal, ob ich mich verändert habe (lacht).

 

chilli: Denken Sie bei all der Selbstreflexion manchmal noch darüber nach, warum Unheilig plötzlich derart in der gesellschaftlichen Mitte angekommen ist, warum Ihre Lieder von so vielen Menschen gemocht werden?
Der Graf: Ja, natürlich. Ich kann es nicht genau erklären, aber ich vermute, dass es daran liegt, dass ich immer nur das singe, sage und schreibe, was ich wirklich fühle. Das spüren die Menschen. Es klingt pathetisch, aber die Musik ist bei mir lediglich ein Spiegelbild für alles, was in mir vorgeht. Und möglicherweise ist ja das meine Begabung: dass ich wie ein Schwamm alles aufsauge, was mir an Gefühlen, Geschichten und Eindrücken begegnet. Und irgendwann muss ich diesen Schwamm eben ausdrücken – sonst fühle ich mich unwohl. Musik ist meine Therapie. Deshalb weiß ich, dass ich immer Musik machen werde – auch wenn sie eines Tages vielleicht keiner mehr hören will. Ich brauche das, ich kann nicht anders.

 

chilli: Ist es also die emotionale Tiefe, die den Erfolg ausmacht?
Der Graf: Ja und Nein. Ich dachte auch lange, dass es nur die traurigen Lieder sind, die Texte, die vom Abschied handeln, mit denen wir die Menschen in besonderer Weise berühren. Aber auf den Konzerten wurde mir klar, dass es mindestens im gleichen Maße auch ums Feiern geht. Es gibt zwei Unheilig-Welten. Ich erlebe immer wieder Augenblicke, in denen sich die Menschen in den Armen liegen und sich gegenseitig die Taschentücher reichen und es auch mich auf der Bühne noch packt, dass ich bei bestimmten Songs feuchte Augen bekomme. Auch wenn da 10.000 Menschen beim Open-Air stehen, entsteht in solchen Momenten eine Nähe, die mir Gänsehaut macht. Und fünf Minuten später ist wieder wilde Party angesagt. So ist das, und ich finde das toll.

 

chilli: Die Bühne ist Ihre Welt – die Auftritte im Fernsehen eher nicht, oder?
Der Graf: Das ist schon richtig. Wir zogen 2011 und 2012 komplett durch, ich wollte auf allen Hochzeiten tanzen, überall dabei sein und jedem ein Interview geben. Das war auch in Ordnung so – du kannst nicht zehn Jahre auf den Erfolg warten und dann sagen: So, ich bin dann erst mal zu Hause. Aber Ende 2012 war ich durch. Ich sagte für 2013 auch fast alles an Radio- und Fernsehauftritten ab, weil mich diese Termine einfach in besonderer Weise anstrengen – als Stotterer habe ich vor so einem Auftritt jedesmal aufs Neue Angst.

 

chilli: Wie charakterisieren Sie eigentlich selbst Ihren Sprachfehler?
Der Graf: Es ist einfach so, dass ich zwei, drei Dinge auf einmal sagen will, und dann bleibe ich hängen. Das hört man – aber es gehört eben zu mir. Nur ist es nicht so leicht, wenn man in einem solchen Moment weiß, dass einem ein paar Millionen Menschen zusehen. Andererseits ist es jedes Mal schön, wenn ich mich überwinde und es schaffe, ruhig zu bleiben. Ich suche solche Situationen ja auch, weil ich gerne gefordert werde. Einfach machen – das ist schon immer mein Motto.

 

Text: Frank Rauscher / Fotos: © Erik Weiss / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst