Gefühlskalt, wunderlich, sozial gehemmt: Sie ist schon eine besondere Frau, diese Sonya Cross. Die Polizistin vom El Paso Police Department löst in der Serie „The Bridge – America“ (ab Samstag, 14.09., 20.15 Uhr, beim Pay-Sender Fox, danach immer donnerstags, 21.45 Uhr) Gewaltverbrechen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze und hat das Asperger-Syndrom. Eine angeborene Persönlichkeitsstörung, die der jungen Frau den zwischenmenschlichen Umgang enorm erschwert. Interessant wird es, als die Einzelgängerin mit einem mexikanischen Kollegen zusammenarbeiten muss. „Bei einer 08/15-Krimiserie hätte ich nicht mitgemacht“, erklärt „The Bridge“-Hauptdarstellerin Diane Kruger beim Interview in München. Es ist der einzige Promo-Termin der FX-Network-Produktion außerhalb Amerikas. Akkurat, aber dezent geschminkt und im rückenfreien schwarzen Top wirkt das 35-jährige Ex-Model so professionell und stilsicher wie man es von Deutschlands schönstem Hollywood-Export (geboren im niedersächsischen Algermissen) gewohnt ist.

Sie ist derzeit die wohl international gefragteste deutsche Schauspielerin: Diane Kruger.

 

chilli: Frau Kruger, wie oft sind Sie eigentlich noch in Deutschland?
Diane Kruger: Selten. Zwei-, dreimal pro Jahr vielleicht. Zuletzt war ich an Weihnachten zu Hause, und morgen gibt es ein Wiedersehen. Meine Oma wartet schon.

chilli: Hat Ihre Familie „The Bridge – America“ schon gesehen?
Kruger: Mein Bruder liebt es, meiner Mutter ist es zu grausam. Am Telefon drängt sie mich dann aber doch, ihr endlich zu verraten, wer der Mörder ist.

chilli: Wie viel bekommen Sie von der deutschen Film- und Fernsehlandschaft mit?
Kruger: Ich muss zugeben, nicht besonders viel, aber ich habe auch kein deutsches Fernsehen zu Hause. Welche Serie ist denn zum Beispiel gerade besonders angesagt?

Stilsicher auf jedem Parkett: Das ehemalige Model Diane Kruger zeigte auf dem roten Teppich in München Haut.

 

chilli: Schwer zu sagen. Alle deutschen Schauspieler, die etwas auf sich halten, spielen beim „Tatort“ mit.
Kruger: Was, echt?! Das ist doch der Typ mit den dicken Brillengläsern.

chilli: Das war „Derrick“. Ihr Kollege Til Schweiger spielt seit kurzem einen der „Tatort“-Kommissare. Wussten Sie das?
Kruger: Nein, das ist mir völlig neu. Ich kenne Til aber noch aus der „Lindenstraße“. Meine Mutter hat das jede Woche geschaut. Wissen Sie, ich bin aus Deutschland so früh weggegangen und habe hier ja auch nie als Schauspielerin gearbeitet. Mein Fokus liegt in Amerika und Frankreich.

"Tatort'? Das ist doch der Typ mit den dicken Brillengläsern": Von der deutschen Film- und Fernsehlandschaft bekommt die in Niedersachsen geborene Diane Kruger nicht mehr viel mit.

 

chilli: „The Bridge – America“ ist eine komplexe Serie. Einerseits was den politischen Inhalt betrifft, andererseits spielen Sie auch einen sehr komplexen Charakter. Welcher dieser beiden Aspekte hat Sie mehr gereizt?
Kruger: Ich habe nie davon geträumt, eine amerikanische Polizistin zu spielen, und bei einer 08/15-Krimiserie hätte ich auch nicht mitgemacht. In erster Linie war es das Original (die dänisch-schwedische Krimiserie „Die Brücke – Transit in den Tod“, d. Red.), das mich überzeugte. Ich wusste also schon vorher, in welche Richtung das Ganze gehen würde und wie sich mein Charakter in etwa entwickelt. Und nicht zuletzt sind die Themen, die die Serie behandelt, in Amerika hochaktuell.

chilli: Die amerikanische Immigrationspolitik ist ein heißes Eisen. Kannten Sie sich schon vor „The Bridge“ mit dem Thema aus?
Kruger: Ich weiß so viel darüber wie jeder andere US-Staatsbürger. An dem Thema kommst du nicht vorbei, ob du willst, oder nicht. Gerade in Los Angeles ist der mexikanische Einfluss sehr groß, weil die Stadt nahe an der Grenze liegt. Es gibt Gegenden, in denen man an jeder Ecke Mexikaner – oder andere Einwanderer – sieht, die darauf warten, einen Tagesjob zu ergattern.

"Menschen mit dieser Krankheit sind oft sehr allein und fühlen sich fremd und unverstanden": Diane Kruger verbrachte sechs Monate damit, das Asperger-Syndrom besser zu verstehen.

 

chilli: Ihre Rolle in „The Bridge“ ist ungewöhnlich. Wie viel wussten Sie vor dem Dreh über das Asperger-Syndrom?
Kruger: Ich wusste gar nichts über Asperger und auch sehr wenig über Autismus. Es hat lange gedauert, bis ich diese Krankheit einigermaßen verstanden habe. Nach meinen Recherchen im Internet und in Büchern konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, diese Frau zu spielen, die durch ihre Persönlichkeit im Alltag so großen Herausforderungen gegenübersteht. Ich wollte Sonya nicht der Lächerlichkeit preisgeben, indem ich sie zum Beispiel mit bestimmten Ticks spiele.

chilli: Wie sind Sie also vorgegangen?
Kruger: Der Knoten platzte, als der Sender mir Alex Plank von der Organisation Autism Speaks als Berater vorstellte. Alex ist 27 und hat Asperger, außerdem ist er Filmstudent und versteht daher genau, welche Art von Vorbereitung für mich als Schauspielerin wichtig ist. Fast sechs Monate lang verbrachte ich beinahe jeden Tag mit Alex, durfte ihn in den verschiedensten Situationen beobachten und ihm alle Fragen stellen, die mir auf den Nägeln brannten – auch sehr intime.

Auf dem Rückweg vom Filmfestival in Venedig machte Diane Kruger (mit Sebastian Höffner) Station in München - zum einzigen Promo-Termin von "The Bridge - America" außerhalb der USA.

 

chilli: Gibt es Eigenschaften an Sonya, die Sie mit ihr gemeinsam haben?
Kruger: Vielleicht die, dass wir Deutschen – zumindest im Vergleich mit den Amerikanern – ein wenig kühl und distanziert wirken. Ansonsten ist mir Sonya nicht besonders ähnlich, weshalb ich sie anfangs auch nicht so sehr mochte. Je mehr ich über Menschen mit Asperger lernte, desto mehr Sympathie entwickelte ich für Sonya. Menschen mit dieser Krankheit sind oft sehr allein und fühlen sich fremd und unverstanden. Ich brauchte diesen theoretischen Input, um sie zu mögen. Jetzt ist sie wie eine Schwester für mich.

chilli: Abgesehen von einigen Gastauftritten ist „The Bridge“ Ihre erste TV-Rolle. Was hat Sie dazu bewogen, dem Kino vorübergehend den Rücken zu kehren?
Kruger: Es ist derzeit die Goldene Ära des amerikanischen Kabelfernsehens. Geschichten wie in „The Bridge“ oder in „Breaking Bad“ findet man nicht im Kino. Die großen Studios investieren in Blockbuster und Komödien, weil sich das eben besser verkauft. Für intime Charakterdramen ist im Moment eher das Kabelfernsehen zuständig. David Fincher für Netflix und Steven Soderbergh für HBO: Es gibt einen riesigen Trend in diese Richtung. Sie werden kaum einen Schauspieler in Hollywood finden, der nicht Teil einer solchen Produktion sein möchte.

In der Krimiserie "The Bridge - America" löst Diane Kruger als Ermittlerin Sonya Cross vom El Paso Police Department Gewaltverbrechen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.

 

chilli: Wie sieht es mit einer zweiten Staffel aus?
Kruger: Es ist noch nicht offiziell, aber die Serie läuft erfolgreich, und wir haben sehr gute Kritiken bekommen. Insofern rechnen wir alle mit einer Fortsetzung.

chilli: Ihr „The Bridge“-Partner Demián Bichir ist in seinem Heimatland Mexiko ein Star. Wie war die Zusammenarbeit?
Kruger: Super! Demián und ich wollten schon früher mal einen Film zusammen machen, der dann aber nicht zustande kam. Für uns war es quasi Fügung, dass wir jetzt für „The Bridge“ zusammenarbeiten. Er ist ein richtiger Mexikaner, kommt morgens gerne mal etwas zu spät, ist wahnsinnig charmant, und alle Mädels am Set fliegen auf ihn.

Lebt mit Schauspielkollege Joshua Jackson ("Fringe") zusammen: Diane Kruger (hier in "Der Nächste, bitte!").

 

chilli: Sie leben gleichzeitig in Paris und Los Angeles. Wie muss man sich das vorstellen?
Kruger: In Paris habe ich eine Stadtwohnung, in Los Angeles ein Haus mit Katze und Gemüsegarten. Wo ich wohne, ist immer abhängig von den Projekten, an denen ich gerade arbeite.

chilli: Wie verbringen Sie Ihre Freizeit am liebsten?
Kruger: Wenn ich nur einen Tag frei habe, schlafe ich so lange wie möglich und koche abends für Freunde. Wenn ich mehr Zeit habe, reise ich sehr gerne, am liebsten Abenteuerurlaub mit Rucksack und Zelt. Zuletzt war ich in Chile, eines der schönsten Länder, die ich je gesehen habe. Auf meiner Liste steht noch Neuseeland – und Peru: Ich möchte unbedingt die Ruinenstadt Machu Picchu sehen.

Text: Teresa Groß / Fotos: API / Michael Tinnefeld, FX Network / Jordin Althaus, Universum
Quelle: teleschau – der mediendienst