„Heimat ist da, wo die Familie ist“

Er scheint wirklich so grundsympathisch zu sein, so geerdet und bescheiden, wie es in all den Büchern und Berichten über ihn geschrieben steht. Das zeigt sich bereits, als sich Dirk Nowitzki auch noch beim finalen Interview eines langen Presse-Tages in Frankfurt am Main aus seinem Stuhl hebt, artig Hände schüttelt und dem Gegenüber Wasser anbietet. Der Basketballstar hat wegen der Dokumentation „Nowitzki – Der perfekte Wurf“ (Start: 18.09.) seinen Heimaturlaub unterbrochen. Filmemacher Sebastian Dehnhardt begleitete den NBA-Champion von 2011 und Kapitän der Dallas Mavericks für den Film zwei Jahre lang. Im Interview erzählt der 36-Jährige von seinem Verhältnis zur Heimat, zur Familie sowie zu Geld und Ruhm.

Mit "Nowitzki - Der perfekte Wurf" kommt am 18. September eine würdige Dokumentation über Dirk Nowitzki ins Kino.

 

chilli: Zwei Jahre war die Kamera Ihr steter Begleiter – sind Sie jetzt bereit für Promi Big Brother?
Dirk Nowitzki: Nee, es war mir schon wichtig, dass wir nicht auf Reality Show machen. Die hasse ich wie die Pest, sie sind der Untergang unserer Kids. Dieses Format mag ich überhaupt nicht, und davon wollten wir so weit wie möglich fernbleiben.

 

chilli: Klare Grenzen also …
Nowitzki: Ich habe gesagt, ich mache nur mit, wenn es respektvoll zugeht. Wenn ich auch Abstand haben kann, wenn ich das will. Und Sebastian Dehnhardt wollte mir auch nie zu nahe treten. Nur so konnte ich auch vergessen, dass ich gefilmt werde und ganz normal sein.

 

chilli: Als großer Basketballstar in den USA haben Sie ohnehin wenig Ruhe, oder?
Nowitzki: Meine Frau und ich können abends in Dallas Essen gehen, das ist kein Problem. Total einsperren will man sich ja auch nicht. Und wenn ich nachmittags mal ein Sandwich brauche, dann hole ich mir einfach eins. Dann muss man halt mal 15, 20 Leuten ein Autogramm schreiben. Aber die Amis sind ja ein relaxtes Volk.

 

chilli: Und in der Heimat?
Nowitzki: Wenn ich im Sommer zu Hause bin, verbringe ich viel Zeit bei meiner Familie. Ich war noch nie der Typ, der durch die Innenstadt schlendert. Und aufs Volksfest in Würzburg muss ich auch nicht mehr unbedingt gehen.

 

chilli: Ist Würzburg noch die klare Heimat für Sie?
Nowitzki: Ich fühle mich schon eine lange Zeit verdammt wohl in Dallas. Deutsches Brot und deutsches Bier gibt’s dort auch. Aber Heimat ist immer da, wo die Familie ist. Ich bin immer gerne bei meinen Eltern, das ist verdammt wichtig für mich. Deshalb bleibe ich auch stets „Frrrangge“.

 

chilli: Und wie sieht er dann aus, ein solcher Heimaturlaub?
Nowitzki: Ach, da geht es vor allem darum, sich von der Mama verwöhnen zu lassen. Das ist wie vor 30 Jahren.

"Nowitzki - Der perfekte Wurf" zeichnet ein sehr sympathisches Bild von Superstar Dirk Nowitzki. Seit 1998 spielt er in der nordamerikanischen Profiliga für die Dallas Mavericks.

 

chilli: Im Film heißt es, Ihre Mutter gebe Ihnen dann wieder Taschengeld.
Nowitzki: (lacht) Ja, das stimmt. Wenn ich zum Beispiel ein paarmal Tanken oder Essen war, dann geht die Mama in die Stadt und holt ein bisschen Nachschub.

 

chilli: Geld scheint bei Ihnen ansonsten keine große Rolle zu spielen.
Nowitzki: Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Geld hat mir nie so viel bedeutet. Aber es ist natürlich schön, dass ich mir nie mehr im Leben darüber Gedanken machen muss. Ich muss mit 40 keinen Job annehmen, auf den ich keine Lust habe. Ich spare so viel wie möglich, damit meine ganze Familie einfach für lange Zeit gut leben kann.

 

chilli: Goldringe oder Pelzmäntel waren bei Ihnen nie ein Thema?
Nowitzki: Pelzmäntel? Klar, ich hab’ ein schönes Auto und ein schönes Haus, aber Pelzmäntel brauche ich ganz sicher nicht. Genauso wenig wie eine Kette, die ein paar hunderttausend Dollar kostet. Das wäre nicht ich.

 

chilli: Vielleicht keine Kette, aber den Ohrring aus Ihren ersten NBA-Jahren ist in Rückblicken im Film aber auch noch zu sehen.
Nowitzki: Oh ja, ganz schlimm. Und dazu noch dieser brutale Mittelscheitel. Am kleinen Finger trug ich auch noch einen Ring. Das war echt schlecht. Aber ich dachte wirklich, ich sei der Coolste.

 

chilli: Mussten Ihre amerikanischen Kollegen Sie erst aufklären?
Nowitzki: Ja, die haben schon gerne ihre Kommentare abgegeben und mir einiges ausgeredet. An dem Ohrring aus dem Kaugummiautomaten habe ich aber leider lange festgehalten. Der wurde dann schon irgendwann grün unter der Dusche.

 

chilli: Mit Ihrer Vertragsverlängerung bei den Dallas Mavericks im Juli haben Sie, so heißt es, auf eine Menge Geld verzichtet. Wie kommt das?
Nowitzki: Nur so konnte mein Verein gute neue Spieler holen. Die Dallas Mavericks waren immer so loyal zu mir, haben mich von Beginn an unterstützt. Ich war jetzt sechs Jahre lang der bestbezahlte Spieler der Mannschaft. Da kann man auch mal zurückstecken. Wir haben einen guten Mittelweg gefunden: Ich spüre noch immer den Respekt der Klub-Oberen und das Team kann sich weiterentwickeln.

 

chilli: Geht es in der NBA nur um die große Kohle?
Nowitzki: So hart würde ich das nicht ausdrücken. Ich wäre auch in die Liga gewechselt, wenn ich nur 50.000 Dollar verdient hätte. Ich habe mit 13, 14 nicht mit dem Basketballspielen angefangen, um damit ein Vermögen zu verdienen oder Mercedes zu fahren. Mein Ziel war immer, in der besten Liga der Welt zu spielen. Ruhm und Geld standen nie im Mittelpunkt.

2011 feierte Dirk Nowitzki mit seinen Dallas Mavericks die Meisterschaft in der NBA. Und das, obwohl er "nur ein einfacher Junge aus Würzburg" sei.

 

chilli: Aber nun ist der da, der Ruhm.
Nowitzki: Ja, daran musste ich mich natürlich erst gewöhnen. Ich habe mich nie als etwas Besonderes angesehen. Ich war einfach nur ein Junge aus Würzburg, der seinen Traum verfolgen wollte. Dass ich mit ein bisschen Basketball diesen Status erreiche, hätte ich mir nie träumen lassen. Jetzt gibt es sogar einen Film über mich, Wahnsinn.

 

chilli: Ihre erste Reaktion auf das geplante Filmprojekt war angeblich: „Ein Film über mich? Da gibt es doch gar nichts zu erzählen.“ Warum haben Sie sich dann doch davon überzeugen lassen?
Nowitzki: Das dachte ich auch noch, als die Kameras schon liefen. Aber vielleicht sitze ich irgendwann mit meinen Kids oder Enkeln auf der Couch und kann sagen: „Guckt mal, was der alte Mann damals gemacht und wie er gelebt hat.“ Vielleicht begreife ich es ja dann.

 

chilli: Was können denn gerade Kinder aus dem Film mitnehmen?
Nowitzki: Von nichts kommt nichts: Talent spielt eine große Rolle, aber das alleine genügt nicht. Das ist in jedem Job so: Ganz nach oben schafft man es nur mit harter Arbeit.

 

chilli: Ihre hart erarbeitete Karriere neigt sich dem Ende zu. Nach Vertragsende 2017 soll Schluss sein. Was kommt danach?
Nowitzki: Ach, das weiß ich noch nicht. Wohl vor allem Kinder großziehen. Aber der Basketball hat mir so viel gegeben. Ich kann mir schon gut vorstellen, dass ich im Sport bleibe.

 

chilli: In Deutschland oder in den USA?
Nowitzki: Darüber ist noch keine Entscheidung gefallen. Meine Frau ist ja Schwedin. Aber sie wohnt auch schon seit zehn Jahren drüben. Wir versuchen, dass unsere Tochter alle drei Sprachen lernt. Wäre super, wenn das klappt. Und dann sieht man weiter.

 

Text: Max Trompeter / Fotos: © NFP / Anne Wilk
Quelle: teleschau – der mediendienst