Der innere Kampf

Edin Hasanovic kennt man in der Rolle des kriminellen Jugendlichen, des unkontrollierten Schlägers, kurz: als den bösen Jungen. Den spielt er nun auch im ARD-Fernsehfilm „Weit hinter dem Horizont“ (Fr., 29.11., 20.15 Uhr). Darin ist Hasanovic der junge Straftäter Kai, der im Rahmen eines Resozialisierungsprojektes in Südafrika familiären Halt finden soll. Warum Hasanovic immer wieder den Bad Boy gibt, wo er die Inspirationen für seine Rollen hernimmt und weshalb er sich freut, im nächsten Film als sympathischer Romantiker zu überraschen, erzählt der 21-jährige Berliner im Interview.

 

chilli: In „Weit hinter dem Horizont“ spielen Sie jetzt einmal mehr den schwer zu bändigenden Jugendlichen. Haben Sie Ihr Abo auf die aggressiven Rollen ganz bewusst verlängert?
Edin Hasanovic: Nein, nicht bewusst. Ich merke natürlich, dass die Caster, Regisseure und Produzenten mich oft in diesen Rollen sehen. Aber je öfter ich die Rolle des Schlägers spielen soll, umso seltener tue ich es.

Das Sozialdrama "Schuld sind immer die anderen" (2012, Regie: Lars-Gunnar Lotz) wurde unter anderem mit dem Günter Rohrbach Filmpreis 2013 ausgezeichnet. In der Hauptrolle: Edin Hasanovic. Er wurde im April 1992 in Bosnien Herzegowina geboren und lebt in Berlin.

 

chilli: Seit wann bekommen Sie die Schläger-Rollen angeboten?
Hasanovic: Seit ich in „Schuld sind immer die anderen“ mitspielte, habe ich mehrere Anfragen für Rollen von Jugendlichen bekommen, die resozialisiert werden sollen.

 

chilli: Anfragen zu Ihrer Freude?
Hasanovic: Einerseits sind diese Rollen natürlich unfassbar interessant, man kämpft da immer einen inneren Kampf mit sich. Aber ich muss nicht unbedingt den Bösen spielen. Mir ist es vor allem wichtig, dass mich eine Rolle fordert, und das kann die Rolle des bösen Jungen genauso wie die des total sympathischen.

 

chilli: Muss es immer das Extrem sein?
Hasanovic: Nein, das nicht. Ich mag es nicht, wenn eine Rolle nur böse oder nur supernett ist. Das Eindimensionale liegt mir nicht. Ich möchte lieber einen Bogen spielen.

 

chilli: Was die bösen Rollen betrifft, haben Sie einmal erklärt, Sie würden sich auf sie in der Berliner U-Bahn oder auf den Straßen der Stadt vorbereiten …
Hasanovic: Wo ich mir dann wirkliche Vorbilder suche, die dort auch ganz leicht zu finden sind. Wenn ich jemanden entdeckt habe, beobachte ich ihn ganz genau und fange an, ihn nachzumachen. Das musste ich bei der Rolle des Kai in „Weit hinter dem Horizont“ aber nicht mehr unbedingt, weil Kai wesentliche Charakterzüge des Jungen hatte, den ich in „Schuld sind immer die anderen“ gespielt habe. Den Rest, also dass Kai auch eine weiche Seite hat, habe ich mir dann einfach dazu gedacht.

 

chilli: Neben harter Rockmusik und Boxsport hat Kai einen Hang zur Kunst. War das Ihre Idee, oder stand das bereits im Drehbuch?
Hasanovic: Das stand schon so im Buch, und ich fand das auch sofort super: diesen Widerspruch, dass da jemand sehr finster dreinblickt und trotzdem singt, tanzt und malt. Eine solche Rolle kannte ich bis dahin noch nicht.

 

chilli: Wie haben Sie diesen Widerspruch schauspielerisch gelöst?
Hasanovic: Ich habe versucht, eine Brücke zu schlagen, indem ich Kais Unsicherheit mit Ironie und Sarkasmus überspiele. Er fühlt sich ja immer nur dann wohl, wenn er über den Dingen steht. Dadurch wird schnell klar, dass er auch diese sanfte Seite hat. Die zeigt er später ja auch, als er sich verliebt.

In "Weit hinter dem Horizont" spielt Edin Hasanovic (rechts) gemeinsam mit Hannes Jaenicke und Anneke Kim Sarnau.

 

chilli: Wenn Sie die potenziell bösen Typen in Berlin beobachten, überlegen Sie sich auch, welche sanften Seiten die haben könnten?
Hasanovic: Auf jeden Fall! Erst neulich habe ich jemanden gesehen, der unheimlich stolz durch die Gegend gelaufen ist, mit weit herausgestreckter Brust. So was wirkt selten natürlich, man merkt schnell, dass da irgendetwas ist, das dieser jemand versucht, zu überspielen. Dass er nicht ganz im Reinen mit sich ist, sich selbst nicht voll und ganz okay findet. Er will extrem cool sein, schafft das aber nicht, weil seine Pose einfach zu aufgesetzt wirkt. Man kann sich denken, dass das Selbstwertgefühl bei ihm nicht stimmt.

 

chilli:Kai im Film schafft es dadurch mit sich selbst ins Reine zu kommen, dass andere auf ihn zugehen und ihm dabei helfen. Ist das auch ein Appell an die Gesellschaft, jugendliche Straftäter nicht für immer und ewig abzustempeln?
Hasanovic: Wenn man jemanden auf der Straße sieht, der so ist wie Kai, ist man immer sehr schnell mit dem be- und verurteilen. Es wäre natürlich toll, wenn sich bei dem ein oder anderen Zuschauer durch den Film etwas ändern würde, was diese Vorurteile betrifft.

 

chilli: Wie hat sich Ihre persönliche Haltung gegenüber kriminellen Jugendlichen aufgrund der Filmrollen verändert?
Hasanovic: Ich durfte schon während der Vorbereitung auf „Schuld sind immer die anderen“ einige dieser Jugendlichen kennenlernen. Und meine Erfahrung ist, dass man die Jungs nicht so schwarz-weiß sehen darf, wie viele sie sehen. Man darf sie nicht so einfach in Schubladen stecken, nach dem Motto: Der hat was verbrochen, der ist für immer ein schlechter Mensch. Das ist viel zu einfach. Zu einfach ist es aber auch, aus Sicht der Jugendlichen zu sagen: Ich bin so und so aufgewachsen, deshalb bin ich jetzt kriminell. Auch das geht natürlich nicht. Ich selbst hatte nicht die leichteste und beste Kindheit, und trotzdem würde ich sagen, dass ich auf einem guten Weg bin und etwas aus mir wird.

 

chilli: Wie sollte also der Umgang mit den kriminellen Jugendlichen bestenfalls aussehen?
Hasanovic: Man sollte sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen. Und man sollte ihnen mehrere Chancen geben.

 

chilli: Am Ende des Films sitzen Kai und seine südafrikanische Familie zusammen im Auto und singen gemeinsam ein Lied von Rammstein. Ist das nicht doch etwas zu kitschig und naiv?
Hasanovic: Die Familie hat bis dahin ja schon sehr viel Zeit mit Kai verbracht, in der sie jede Furcht vor ihm verloren hat. Ich glaube schon, dass dann auch ein solcher Moment möglich ist. Klar, es ist ein Happy End, das zusammen mit den Afrika-Panoramabildern ein wenig den Zweifel unterstützt, ob das wirklich alles so geht. Aber ausschließen würde ich es nicht.

 

chilli: Welche Rolle werden Sie denn in Ihrem nächsten Film spielen? Wieder eine vermeintlich böse?
Hasanovic: Ich werde zwar in der nächsten Rolle auch noch mal kriminell, doch das hat dann einen anderen Grund: Liebe. Aber es ist auch eine ganz andere Rolle, ganz anders angelegt, ganz anders gespielt. Ich trage eine Brille, lache die ganze Zeit und flirte sogar. Überhaupt nicht zu vergleichen mit irgendetwas, das ich bis jetzt gespielt habe. Ich hoffe, dass man mir den sympathischen Typen auch abnimmt.

 

chilli: Möchten Sie denn ab sofort gerne öfter den sympathischen Typen spielen?
Hasanovic: Es ist jetzt nicht so, dass ich nur noch nette Rollen spielen möchte. Ich möchte spannende Rollen spielen. Rollen, die einen Wandel aufzeigen – ob böse oder nett oder beides zugleich, das ist mir dabei eigentlich egal.

 

 

Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: SWR / Laura Schleicher & ARD Degeto / Boris Guderjahn
Quelle: teleschau – der mediendienst