„Ich hätte nie in einer Versicherung arbeiten können“

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die etwas Großes ins Rollen bringen können. Im ARD-Mittwochsfilm „Die Freischwimmerin“ (4. Juni, 20.15 Uhr im Ersten) ist es eine türkische Schülerin. Sie trägt auf einmal ein Kopftuch. Und das Große folgt: Fragen nach Integration, Religionsfreiheit, Toleranz und Respekt. Schauspielerin Emily Cox spielt ihre Lehrerin im Film. Die 29-Jährige hat selbst schon erlebt, wie aus einer Kleinigkeit etwas Großes wird: Ein delikates Bild von ihr fand sich plötzlich in der auflagenstärksten Zeitung Deutschlands. Wegen einer Kleinigkeit. Im Gespräch erzählt sie nun davon, wie es war, als sie die Zeitung aufschlug und sich nackt sah, wie sie sich mit britischem Pass fühlt und dass es manchmal einfach Vertrauen braucht, um seinen Weg zu finden.

Emotionale Nacktheit ist für Emily Cox privater als körperliche: "Ich finde es viel intimer, wenn man vor der Kamera weint."

 

chilli: In „Die Freischwimmerin“ werden Themen wie Integration, Toleranz und Respekt angesprochen. Fürchten Sie nicht, dass heikle Diskussionen entstehen?
Emily Cox: Ich finde es sehr wichtig, dass man über diese Themen offen spricht. Und ohne Angst. Damit man herausfinden kann: Wo gibt es Probleme, wo können Lösungen gefunden werden?

 

chilli: Sie selbst wuchsen zweisprachig auf …
Cox: Genau, laut Pass bin ich Britin. Meine Mutter ist Irin, mein Vater Engländer. Englisch und Deutsch lernte ich aber gleichzeitig, ich lebte ja mein Leben lang im deutschsprachigen Raum.

 

chilli: Fühlen Sie sich denn britisch?
Cox: Ich hab mich das letztens auch gefragt. Ich weiß aber gar nicht, als was ich mich fühlen soll, weil ich ja nie in Großbritannien gelebt habe. Es ist schön, unterschiedliche Einflüsse zu spüren. Als Kind fand ich es halt cool, einen britischen Pass zu besitzen, weil den sonst niemand hatte.

 

chilli: In den USA lebten Sie auch nie?
Cox: Nein, leider nicht. Ich wohne momentan in Berlin und in Wien.

 

chilli: Dabei haben Sie als Muttersprachlerin beste Voraussetzungen für internationale Film- und Fernsehprojekte.
Cox: Ich habe tatsächlich jetzt auch meinen ersten Film auf Englisch gedreht: „The Silent Mountain“ – „Der stille Berg“. Das ist eigentlich eine österreichische Kinoproduktion, aber weil William Moseley, der bei „Die Chroniken von Narnia“ mitgespielt hat, die Hauptrolle übernahm, sprachen wir alle Englisch. Der Film hat auch einen amerikanischen Verleih und wird im Sommer in den USA Premiere feiern. Da will ich auch ganz gerne hin.

 

chilli: Das heißt, die internationale Karriere beginnt jetzt?
Cox: Keine Ahnung. Das wäre natürlich schön. Aber ich denke man kann diese Dinge nicht planen. Ich bin schon sehr dankbar darüber, dass ich in Deutschland und Österreich so gut zu tun habe. Wenn jetzt auch noch Projekte in England oder Amerika dazu kämen, würde ich aber nicht Nein sagen.

 

chilli: Wie kamen Sie zur Schauspielerei?
Cox: Meine Eltern sind Pianisten. Da war es für mich schon immer normaler, etwas Künstlerisches anzustreben, als in der Versicherung zu arbeiten oder Bänkerin zu werden. Diese Berufe waren für mich immer viel weiter weg, weil ich viel weniger wusste, was für ein Leben damit verknüpft ist. Ich war eigentlich immer irgendwie von Künstlern umgeben.

 

chilli: Musik ist aber doch ein wenig von der darstellenden Kunst entfernt.
Cox: Gar nicht so weit, wie es scheint. Sowohl beim Spielen als auch in der Musik geht es um eine authentische Auseinandersetzung mit sich und der Welt – und darum, das auch mit anderen zu teilen. Nach dem Abitur bewarb ich mich am Max Reinhardt Seminar, ohne mir groß Gedanken zu machen. Dann wurde ich angenommen und war da plötzlich drin. Ich begriff erst danach so richtig, was das für ein Beruf ist – und dass es genau das ist, was ich machen möchte.

 

chilli: Sie sprangen ins kalte Wasser?
Cox: Ich traf mich schon mit einer Schauspielerin im Vorfeld, weil ich wirklich gar keine Ahnung hatte. Das schon. Aber im Grunde war es tatsächlich so, dass ich ins kalte Wasser sprang. Da hatte ich einfach Glück.

 

chilli: Und dann waren Sie recht schnell im Fernsehen zu sehen …
Cox: Ja, 2008 in „Dutschke“ von Stefan Krohmer. Ich spielte Gretchen Dutschke, die Frau von Rudi Dutschke. Und es war einfach ein unglaubliches Gefühl: Nicht nur, weil ich eine echte Person spielen durfte – ich traf Gretchen Dutschke im Vorfeld auch -, es war auch meine erster große Rolle. Ab dem Zeitpunkt habe ich gemerkt, dass ich wahnsinnig gerne davon Leben möchte. Glücklicherweise hat das bislang gut geklappt.

 

chilli: Glück ist ein gutes Stichwort: „Dutschke“ war als viel beachteter Fernsehfilm ein beeindruckender Start für eine Karriere. Wie kam’s dazu?
Cox: Man braucht eben diesen ersten Menschen, der einem die Chance gibt und einen besetzt, auch wenn man davor noch nichts Großes gemacht hat. Da bin ich Stefan Kromer und der Casterin Nina Haun total dankbar, dass sie sagten: Die hat zwar noch nicht viel gedreht, aber sie spielt jetzt die weibliche Hauptrolle. Sie haben mir da großes Vertrauen entgegengebracht.

Für Emily Cox war es immer schon normaler, "etwas Künstlerisches anzustreben, als in der Versicherung zu arbeiten oder Bänkerin zu werden".

 

chilli: Einen Blick auf die Schattenseiten des Geschäfts konnten Sie bereits erhaschen: 2010 druckte die „Bild“ eine Nacktaufnahme von Ihnen aus dem „Polizeiruf 110: Zapfenstreich“ ab.
Cox: Das war total absurd. Für mich ist Nacktheit im Film kein großes Thema, wenn es inhaltlich Sinn macht. In dem Film war das auch nur eine ganz kurze Einstellung, bei der wir zu dritt unter der Dusche standen. Die Kamera war relativ weit weg und nahm die Szene in der Totalen auf. Ich habe mir dabei nichts gedacht. Am Tag nach der Ausstrahlung hat mich dann ein Freund angerufen und mir gesagt, dass ich in der „Bild“-Zeitung bin. Die haben ein Bild der Duschszene stark vergrößert abgedruckt. Und sogar einen Pfeil dazu gestellt, der auf meinen Busen deutet. (lacht)

 

chilli: Wie nahmen Sie das auf?
Cox: Das Komische daran ist, dass man das Gefühl hat, das hat mit einem selbst nichts zu tun. Weil ich mich ja niemals ausziehen würde, nur damit man meinen nackten Körper sehen kann, sondern weil das Teil einer Figur im Film ist. Ich finde es beispielsweise viel intimer, wenn man vor der Kamera weint.

 

chilli: Weil man eine emotionale Nacktheit zeigt?
Cox: Genau, da entblößt man sich ja auch. Das hatte also so eine Absurdität, weil ich das zwar auf dem Bild war, aber eben gleichzeitig auch eine Figur. Die Geschichte ging aber noch weiter. Eine andere Zeitung hat das Bild dann übernommen und ein Zitat von mir daruntergesetzt, das ich aber so nie gesagt habe. Da stand dann auf einmal: „Gestern sahen Millionen Menschen Emily Cox nackt beim Duschen: ‘Dadurch ging für mich ein Traum in Erfüllung.“ (lacht)

 

chilli: Wie reagierten Sie darauf?
Cox: Ich habe gelacht – weil jeder, der mich kennt, weiß, dass ich so einen Blödsinn niemals sagen würde.

 

chilli: Haben Sie sich die Seite aus der „Bild“ eigentlich aufgehoben?
Cox: (lacht) Nein, habe ich nicht.

 

chilli: Es soll ja Leute geben, die sich so etwas einrahmen lassen würden …
Cox: Jedem das seine … (lacht)

 

Text: Sebastian Srb / Fotos: © Stefan Klüter & Nadja Klier
Quelle: teleschau – der mediendienst