Keine brasilianische Pauschalreise

Fernanda Brandão war mit 15 Jahren eine der jüngsten lizensierten Fitness-Trainerinnen Deutschlands. Sie tanzte in Videos von Popstars wie Pink und richtete über jene, die es werden wollten – als Jurorin von Dieter Bohlens Gnaden in der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“. Nun darf die 31-jährige Hamburgerin zeigen, dass ihr Horizont deutlich breiter ist als der einer TV-Hupfdole. Brandão, die im Alter von neun Jahren von Rio de Janeiro nach Deutschland auswanderte, berichtet während der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014 als ARD-Reporterin über ihr Herkunftsland und seine Bewohner.

Dieser bunte Ball wird während der Fußball-WM in Brasilien von vielen Millionen Augen verfolgt werden. ARD-Straßenreporterin Fernanda Brandão könnte allerdings auch zu den Hinguckern des Turniers werden.

 

chilli: Frau Brandão, wer wird Weltmeister?
Fernanda Brandão: Ich hoffe, Deutschland oder Brasilien. Als Brasilianerin, die mit neun Jahren nach Deutschland gekommen ist, identifiziere ich mich mit beiden Ländern etwa gleich stark. Insofern habe ich bei Fußball-Weltmeisterschaften immer zwei Eisen im Feuer, was ja nicht schlecht ist (lacht).

 

chilli: Würden Sie sich als Fußball-Expertin bezeichnen?
Fernanda Brandão: Nein, die Bundesliga verfolge ich beispielsweise nicht. Bei Weltmeisterschaften mutiere ich jedoch stets zur echten Fußball-Fanatikerin.

 

chilli: Und wenn Deutschland gegen Brasilien spielt – was passiert dann mit Ihnen?
Fernanda Brandão: Vielleicht werde ich dann verrückt. Zumindest entgleiten mir bei diesem Spiel wohl die Gesichtszüge (lacht). Ich bin da wirklich zu 100 Prozent gespalten. Als Brasilianerin gehört Fußball zu meiner nationalen Identität. Fußball ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Ich kann mich nur an wenige Szenen erinnern, in denen ich meinen Vater oder meinen Opa weinen gesehen habe. Ich glaube, es hatte immer mit Fußball zu tun.

 

chilli: Können Sie sich noch daran erinnern, warum Ihr Vater weinte?
Fernanda Brandão: Es hatte bestimmt mit Cruzeiro zu tun. Er ist ein riesiger Fan dieses Klubs aus Belo Horizonte. Dort bin ich auch geboren. Im Alter von drei Jahren bin ich allerdings nach Rio gezogen. Ein paar Jahre später ging es dann mit meiner Mutter nach Hamburg.

 

chilli: Nun kehren Sie nach Brasilien zurück, um für die ARD über Land und Leute zu berichten. Was genau werden Sie machen?
Fernanda Brandão: Ich werde viel herumreisen, was ja auf alle zukommt, die von der WM berichten. Deutschland passt 23-mal in die Fläche Brasiliens hinein. Hinzu kommt, das Logistik und Transport immer ein Problem sind in Brasilien. Die Flughäfen streiken gerne mal, mein Job ist also mit einem gewissen Abenteuer verbunden. Ich werde aber auch viel in Rio sein. Während die Fußball-Experten von ihrer Hochhaus-Dachterasse an der Copacabana berichten, werde ich viel auf der Straße unterwegs sein. Bei Public Viewings erwartet man rund um den Strand etwa zwei Millionen Menschen – wenn Brasilien spielt. Auch dieser Teil der Arbeit dürfte also abenteuerlich werden.

 

chilli: Ist der Job der Straßenreporterin während eines Brasilienspiels in Rio 2014 sogar gefährlich?
Fernanda Brandão: Angst habe ich keine, aber durchaus ein Ziel. Ich möchte den Leuten mehr zeigen, als sie auf einer Pauschalreise angeboten bekommen. Ich möchte auf jeden Fall auch mal von einem Public Viewing in der Favela berichten. Oder im Wohnzimmer einer Familie sitzen, die in einer Favela lebt. Egal wohin ich für die ARD reise – ich möchte nicht diese Art Bilder liefern, die man von Brasilien sowieso erwartet.

Brasilien-Reporterin Fernanda Brandão möchte den Deutschen mehr als nur Fußballfieber und Samba aus ihrer Heimat näher bringen.

 

chilli: Welches Brasilien-Klischee stimmt und welches ist falsch?
Fernanda Brandão: Es stimmt, dass wir gerne feiern und das meiste leicht und locker nehmen. Es stimmt auch, dass wir am Ende ganz hektisch werden, wenn es darum geht, die eigenen Ziele doch noch auf den letzten Drücker zu erreichen. Welches Klischee jedoch nicht stimmt: dass Brasilien nur aus Samba und Fußball besteht. Brasilien ist ein Land mit vielen jungen Menschen, die sehr aufgeschlossen und bildungshungrig sind. Ich bin sehr stolz auf diese neue Generation. Natürlich ist sie stark vom Internet und den sozialen Netzwerken geprägt, die in Brasilien übrigens wahnsinnig intensiv genutzt werden. Es ist diesen jungen Brasilianern aber auch sehr wichtig, sich eine eigene Meinung zu bilden und dafür einzustehen – weshalb sich politisch gerade sehr viel tut in diesem Land.

 

chilli: Tatsächlich gibt es viele Proteste in Brasilien gegen die gesellschaftlichen Missstände. Viele nehmen an, dass dieser Protest in der Zeit des Turniers verstärkt auftreten wird. Worum geht es den Menschen vor allem?
Fernanda Brandão: Die Brasilianer wollen das fehlende soziale Gleichgewicht, das die Gesellschaft dort schon so lange ausmacht, einfach nicht mehr hinnehmen. Brasilien wird immer wieder zum Land des Aufbruchs und der vielen Möglichkeiten stilisiert. So wird es nun auch wieder zur WM der Fall sein. Das Problem ist nur, dass weite Teile der Bevölkerung von diesem Aufbruch nichts mitbekommen. Früher war Brasilien nur ein Paradies für Reiche – was unter anderem der Grund dafür war, dass meine Mutter mit mir nach Deutschland gegangen ist. Aber so ein Brasilien, wie ich es aus meiner Kindheit kenne, will ich auch nicht mehr haben. Insofern unterstütze ich viele Anliegen, die von den Demonstranten in Brasilien vorgebracht werden.

 

chilli: Sie sind mit Ihrer ganzen Familie nach Deutschland ausgewandert?
Fernanda Brandão: Die Familie, das waren in meinem Fall nur meine Mutter und ich. Meine Eltern waren schon immer getrennt. Dass ich ein Einzelkind geblieben bin, ist hingegen für brasilianische Verhältnisse untypisch. In Hamburg, wo wir hingegangen sind, gab es zwei Großtanten, die schon lange dort lebten. 1990 hatten sie uns in Brasilien besucht und nach dem Ausscheiden Brasiliens während der WM in Italien für Deutschland gejubelt. Da dachten wir: Es kann nicht so schlecht dort sein (lacht).

 

chilli: Was führte Sie und Ihre Mutter ausgerechnet nach Hamburg?
Fernanda Brandão: Meine Großtanten lebten schon 30 Jahre in Hamburg, als wir kamen. Sie arbeiteten beim Otto-Versand. Meine Mutter machte dann eine Ausbildung in einem Restaurant. Später ging sie zurück nach Brasilien, und ich bin hier geblieben. In Brasilien nahm meine Mutter ihr Studium wieder auf, und jetzt ist sie Psychopädagogin. Gestern haben wir lange telefoniert. Jetzt will sie wieder nach Deutschland kommen und ihren Master machen. Ich ziehe meinen Hut vor dem Lebensweg, den meine Mutter gegangen ist.

 

chilli: Wie oft sind Sie in Brasilien pro Jahr?
Fernanda Brandão: Seit meine Mutter dort wieder lebt – wie auch meine übrige Verwandtschaft – fahre ich sehr regelmäßig hin. Im letzten Jahr war ich dreimal dort. Im Jahr davor habe ich sogar beim Karneval von Rio de Janeiro mitgemacht. Das war ein alter Traum von mir.

Zwischen den Fußball-Experten Matthias Opdenhövel (links) und Mehmet Scholl soll sich Fernanda Brandão unter anderem um Stimmungsberichte von der Straße kümmern.

 

chilli: Als was haben Sie mitgemacht?
Fernanda Brandão: Na, oben auf dem Wagen – als Papagei!

 

chilli: Muss man dafür nicht Mitglied einer Sambaschule sein und immer bei den Proben dabei sein?
Fernanda Brandão: Das trifft nur für die zu, die Teil einer Choreografie sind. Um auf dem Wagen mitzufahren, kann man sich ganz normal bewerben. Auch Sie könnten das tun. Man muss nur ein Kostüm kaufen. Das Kostüm ist sozusagen die Eintrittskarte.

 

chilli: Als attraktive Brasilianerin, die in Deutschland prominent ist, haben Sie mit Ihrer Bewerbung sicher die besseren Chancen …
Fernanda Brandão: Vielleicht denkt man das, aber da kommen wir wieder zu den Besonderheiten Brasiliens. Keiner weiß, ob die Dinge tatsächlich so laufen, wie man es erwarten würde oder gar wie sie geplant wurden. Ich hatte erst drei Stunden vor Beginn der Parade mein Kostüm und damit die definitive Erlaubnis, oben auf dem Wagen stehen zu dürfen. Zuvor hatte ich tagelang Blut und Wasser geschwitzt, ob es klappen würde. Wenn du aber auf dem Wagen stehend um die Ecke ins Sambadromo von Rio einbiegst, ist das schon ein erhabener, ja total euphorischer Moment. Man kann ihn eigentlich gar nicht beschreiben.

 

chilli: Welche Träume haben Sie sonst als junge Brasilianerin, abseits von Fußball und Sambawagen?
Fernanda Brandão: Ich träume von Loyalität und dem Ende dieser elenden Korruption in Brasilien. Sie muss hart bestraft werden, was momentan noch nicht der Fall ist. Die Armut muss bekämpft werden, Bildung ist der Schlüssel dazu. Nur so kann Brasilien irgendwann ein Happy End erleben.

 

Text: Eric Leimann / Fotos:
Quelle: teleschau – der mediendienst