Wie sie wieder aussieht – ihre Haare, ihre neuen Klamotten und dann noch dieses extrovertierte Auftreten. Alina Süggeler musste sich in ihrer kurzen Karriere als Musikerin schon viel über ihr Äußeres anhören. Sie polarisiert alleine schon dadurch, dass sie vom Modemagazin „Grazia“ zu einer der zehn schönsten Frauen der Welt gekürt wurde und sie durch ihren Job als Sängerin von Frida Gold automatisch im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Dabei genießt die 28-Jährige aus dem Ruhrgebiet gar nicht so sehr das Spotlight, sondern könnte sich auch vorstellen, die Fronten des Business zu wechseln. Doch bis es so weit ist, haben die Wahlberlinerin und ihre Band noch einiges vor. Ihre aktuelle Single „Liebe ist meine Rebellion“ läuft derzeit im Radio rauf und runter, und nun erscheint mit „Liebe ist meine Religion“ das dazugehörige Album. Im Interview mit Alina Süggeler und Frida-Gold-Bassist Andreas Weizel geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, den respektvollen Umgang miteinander und die Probleme ihrer Generation.

"Ich möchte nicht, dass meine Rolle als Frontfrau mich komplett einnimmt." Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler kann sich durchaus vorstellen, das Rampenlicht irgendwann bewusst zu meiden.

 

chilli: Menschen aus dem Ruhrgebiet sagt man nach, dass sie bodenständig sind. Hat Sie Ihre Herkunft auch geerdet?
Alina Süggeler: Das Ruhrgebiet hat uns in unserer Entwicklung mit Sicherheit sehr gut getan. Es half uns, unseren eigenen Weg zu gehen und fernab von Hypes und Trends stattzufinden. Musikalisch muss man sich dort gegen harte Gitarrenwände durchsetzen, und auch menschlich läuft das alles ganz anders ab. Wenn man sich Fremden als Berufsmusiker zu erkennen gibt, wird gleich gefragt, welchen richtigen Job man denn hat (lacht). Das kostete uns anfangs unglaublich viel Kraft, da wir permanent angegangen wurden. Aber andererseits prüfte uns das und tat im Nachhinein auch unglaublich gut.

chilli: Können Sie auch mal raubeinig werden oder legen Sie eher Wert auf gute Manieren?
Süggeler: Ich bin dafür, dass man mit Menschen einfach menschlich umgeht und Respekt voreinander hat. Bei Personen, die bewusst anecken und provozieren wollen, wehre ich mich aber auch mal unmanierlich. Grundsätzlich sollte es aber keine Unterschiede zwischen großen Stars und normalen Leuten geben.
Andreas Weizel: Im Grunde ist es genau das: Respekt. Man selbst sollte so viel Empathie aufbringen, wie man sich von seinem Gegenüber auch erwarten würde. Wenn ich jemandem „Hallo“ sage und derjenige mir offen in die Augen schaut, dann wurde bereits die erste respektierliche Ebene gezogen. Es bedarf da keiner Liste, die man abhaken kann, sondern lediglich empathisches Empfinden.

chilli: Empathie und Respekt füreinander gehen durch die ganzen Sozialen Netzwerke aber aber immer mehr verloren, oder?
Süggeler: Definitiv. Offene und klärende Gespräche sind im Laufe der letzten Jahre wirklich verloren gegangen. Man kann dem Ganzen so kritisch gegenüberstehen, wie man möchte. Aber am Ende ertappt man sich dann doch dabei, dass die unmittelbare Vernetzung mit mehreren Menschen gleichzeitig seine Vorteile hat. Im Kleinen kann man dann versuchen, persönliche Bindungen wieder aufzunehmen. Als Band sind wir gar nicht so Facebook- und Twitter-affin. Wir sind da schon gut dabei, wenn wir auf einen Post pro Woche kommen (lacht).

chilli: Verlangen die Fans aber nicht häufiger Kommentare oder Neuigkeiten von Ihnen?
Weizel: Ignorieren darf man das nicht. Facebook macht ja auch Spaß und kann auch unglaublich schön sein. Wenn wir etwa ein Foto aus dem Studio oder von einem Konzert posten und die Leute reagieren sofort darauf und freuen sich darüber, dann ist das schon etwas Tolles. Aber auf einem Konzert ist die Freiheit und das Geben und Nehmen zwischen Fans und Band ungleich höher. Darauf legen wir einen größeren Wert als auf die Pflege unserer Facebook-Seite.

chilli: Das Freiheitsthema sprachen Sie bereits 2011 mit Ihrer Single „Wovon sollen wir träumen“ an, die davon handelt, dass Ihre Generation nicht mehr den nötigen Fokus für wichtige Dinge besitzt.
Süggeler: Ich denke, dass uns allen die falschen Dinge suggeriert werden. Wir sind alle fernab von einem System, das menschengerecht funktioniert. Alle versuchen, nach den Sternen zu greifen, man wird aber auch in diesem System nicht richtig angeleitet, das eigene Individuum zu fördern. Jeder kann Superstar sein, jeder muss Superstar sein, jeder muss Topmodel werden. Diese Dinge befinden sich alle auf der einen Seite, aber auf der anderen mangelt es dann aber an der wirklichen und wichtigen Aufbauarbeit.
Weizel: Es herrscht ein großes Ungleichgewicht, weil vermittelt wird, dass man alles werden kann, ohne selbst etwas investieren zu müssen und ohne anständig gefördert zu werden. Das funktioniert so nicht. Wir haben zum Beispiel etliche Jahre in die Band investiert, bis schließlich dabei was herumkam. Sollte unsere neue Platte floppen, würden wir damit untergehen, das müssen wir so akzeptieren. Das unterscheidet uns aber auch von denjenigen, die sechs Wochen in einer Castingshow auftreten und dann untergehen (lacht).

"Ich bin dafür, dass man mit Menschen einfach menschlich umgeht und Respekt voreinander hat." Alina Süggeler mag kein Zweiklassendenken.

 

chilli: Wie wurden Sie gefördert?
Süggeler: Ich hatte unglaubliches Glück, dass ich an Leute geriet, die mir halfen. Ich bereitete mich damals mit klassischer Musik auf ein Hochschulstudium vor, und meine damalige Lehrerin gab mir viel für meinen Weg mit. Ich kannte das vorher nicht, dass jemand vor mir steht, und absolut alles von mir fordert, will, dass ich alles gebe. Sie gab mir zu verstehen, dass ich, auch wenn ich scheitern sollte, dennoch aufstehen und weitergehen muss. Solche Dinge passierten mir in meinem Leben vorher nicht. Mit meinem Elternhaus und der Schule war alles in Ordnung, aber diese Auseinandersetzung mit sich selbst, seine eigenen Stärken und Schwächen kennenzulernen, ist heutzutage fast völlig abhandengekommen.

chilli: In ihrer aktuellen Single „Liebe ist meine Rebellion“ setzen Sie Liebe und Religion auf eine Stufe. Ist Liebe wie eine Glaubensgemeinschaft?
Süggeler: Wenn ich runterbreche, an was ich persönlich wirklich glaube, dann daran, Nächstenliebe zu predigen. Es geht darum, für die Liebe aufzustehen, Zwischenmenschlichkeit zu fördern und zu akzeptieren. Und da ist es auch egal, ob ich daran glaube, dass da oben jemand sitzt und auf mich achten könnte. Das Spannungsfeld zwischen lauter Rebellion und stiller Religion beinhaltet gleichermaßen Liebe.

chilli: Wie glücklich kann Liebe machen?
Süggeler: Es kommt ganz darauf an, auch auf die persönliche Definition, was einem Liebe bedeutet. Die wirkliche und echte Liebe, die auch viel damit zu tun hat, wie man zu sich selbst steht, die kann sehr erfüllend sein. All das, was wir mit Liebe verwechseln und dennoch so benennen, kann ganz schnell unglücklich machen.

chilli: Für die Single bedienen Sie sich bei der Melodie des 90er-Jahre-Dancefloor-Hits „Freed From Desire“. Nachdem Sie alle Kinder dieser Zeit sind, vermissen Sie irgendetwas von damals?
Weizel: Wir sind wenig nostalgisch veranlagt, wir versuchen schon, das Hier und Jetzt anzunehmen, aber dennoch die Vergangenheit zu wertschätzen.

chilli: Beschäftigte Sie auf dem Schulhof damals nicht die elementare Frage, ob Nintendo oder Sega besser wäre?
Weizel: Diese Frage musste ich leider immer unbeantwortet lassen, da ich das als Kind nicht durfte (lacht). Davon mal angesehen: Ich verstand damals auch nicht so wirklich das Prinzip, warum zwei Konsolen mit verschiedenen Spielen auf den Markt geworfen wurden, die nicht kombinierbar waren. Zwei verschiedene Dinge, die ich beide nicht durfte, das verwunderte mich gleich doppelt (lacht).

"Es herrscht ein großes Ungleichgewicht, indem vermittelt wird, dass man alles werden kann, ohne selbst etwas investieren zu müssen und ohne anständig gefördert zu werden": Frida-Gold-Bassist Andreas Weizel (zweiter von rechts) sieht ein großes Problem in und für die heutige Generation junger Menschen.

 

chilli: Frau Süggeler, in einem Interview sagten Sie einmal, dass Sie in zehn Jahren gerne hinter die Kulissen des Musikgeschäfts wechseln wollen würden. Woher kommt diese Idee?
Süggeler: Ich möchte nicht, dass meine Rolle als Frontfrau mich komplett einnimmt. Ich mag Live-Auftritte sehr gerne, besonders, wenn der Austausch der Energie seinen Höhepunkt erreicht. Das ganze Drumherum ist aber nicht so mein Fall. Songs für andere zu schreiben, wäre eine Option, damit hätte ich irgendwann dann keine Probleme.

Frida Gold auf Deutschland-Tournee:

13.07., Gera, 360 Grad Heimat Festival
20.07., Cuxhaven, Deichbrand Festival
27.07., Metzingen, SWR3 Fashion & Music
02.08., Bad Oeynhausen, Parklichter Open Air 2013
17.08., Bochum, Open Air
07.09., Ziesar, Open Air 2013
14.09., Göttingen, NDR 2 Soundcheck Neue Musik – Das Festival
21.02.2014, Würzburg, Posthalle
23.02.2014, Dresden, Alter Schlachthof
24.02.2014, Magdeburg, Amo
25.02.2014, Erfurt, Stadtgarten
27.02.2014, Leipzig, Werk II
28.02.2014, München, Muffathalle
01.03.2014, Stuttgart, LKA Longhorn
02.03.2014, Saarbrücken, Garage
04.03.2014, Frankfurt, Batschkapp
05.03.2014, Mannheim, Capitol
07.03.2014, Hannover, Capitol
08.03.2014, Hamburg, Docks
09.03.2014, Berlin, Huxleys
11.03.2014, Rostock, Moya
12.03.2014, Bremen, Schlachthof
13.03.2014, Dortmund, FZW
15.03.2014, Köln, Live Music Hall

Fotos: Felix Krüger / Warner
Quelle: teleschau – der mediendienst