Wer hierzulande Reggae sagt, der muss auch Gentleman sagen. Seit nunmehr 20 Jahren steht der Kölner Off-Beat-Künstler, bürgerlich Tilmann Otto, auf der Bühne. Pünktlich zum Live-Jubiläum erscheint nun das neue Gentleman-Album „New Day Dawn“. Ein Gespräch mit dem 39-Jährigen über seine Karriere, Liebe, Glaube und seinen neuen Sinn für Zeit und Ruhe.

Er ist der erfolgreichste Reggae-Künstler Deutschlands: Gentleman veröffentlicht sein neues Album "New Day Dawn".

 

chilli: In diesem Jahr feiern Sie Ihr Bühnenjubiläum: 20 Jahre Gentleman live. Sind Sie schon nostalgisch?
Gentleman: Nein, nur überrascht, wie die Zeit verfliegt. Neulich haben wir uns mit der Band ein paar alte Fotos angesehen und uns darüber amüsiert, was für Bubis wir am Anfang waren. Wie wir damals aussahen!

chilli: Keine Sehnsucht nach den alten Zeiten?
Gentleman: Ich glaube, jeder Moment hat seine Berechtigung, jede Zeit ihre Qualitäten. Ich wünschte höchstens, dass ich einige schöne Ereignisse in der Vergangenheit mehr wahrgenommen und dadurch mehr genossen hätte. Das konnte ich nicht, weil einfach alles unheimlich schnell ging. Die ersten zehn Jahre kommen mir rückblickend vor wie zehn Monate. Heute weiß ich: Zeit ist Luxus.

chilli: Lassen Sie sich deshalb heute auch mehr Zeit? Machen Sie mehr Ruhepausen?
Gentleman: Das ist ein guter Punkt. Ich meine: Ich bin jetzt 39. Ich merke schon, dass ich, aber auch die Leute in meinem Umfeld, automatisch etwas ruhiger werden.

chilli: Fühlt sich das gut an?
Gentleman: Sehr gut! Ich will auch nicht mehr 38 sein. Ich genieße das Älterwerden geradezu. Irgendwann sagt der Körper ja auch: stopp! Früher konnte ich noch eine ganze Nacht lang trinken und kiffen, bis der Arzt kam und war am nächsten Tag trotzdem fit. Das geht heute nicht mehr. So würde ich auch keine Tour mehr durchstehen. Heute brauche ich eine gewisse Grundfitness, um auf der Bühne alles geben zu können.

chilli: Wie halten Sie sich fit?
Gentleman: Ich gehe morgens laufen und nehme mir danach mein Springseil. Mit der Zeit habe ich ein ganz anderes Bewusstsein für meinen Körper, meinen Tempel, erlangt. Auch durch eine bessere Ernährung. Ich habe mich mein Leben lang ziemlich schlecht ernährt, war der typische Junk-Food-Typ. Jetzt weiß ich, wie gut es sich anfühlt, wenn man vernünftig isst und trinkt.

chilli: Tun Sie auch etwas für Ihre geistige Fitness?
Gentleman: Ich dampfe im Moment nicht mehr (lacht). Dadurch fühle ich mich frischer. Ich gehe eher ans Telefon, kontaktiere Leute, bin grundsätzlich kommunikativer. Das muss aber kein permanenter Zustand sein. Es kommen bestimmt wieder Zeiten, in denen ich mich lieber zurückziehen und kleiner machen will.

Gönnt sich nach 20 Jahren Karriere inzwischen mehr Pausen: "Ich merke schon, dass ich, aber auch die Leute in meinem Umfeld, automatisch etwas ruhiger werden", erklärt Reggae-Star Gentleman.

 

chilli: Wie kam es dazu, dass Sie mit dem Kiffen aufgehört haben?
Gentleman: Ich habe nicht gesagt, dass ich aufgehört habe. Ich bin nur abstinent. Ich habe einfach herausgefunden, dass ich in Phasen, in denen ich etwas Bestimmtes machen und erreichen will, es mit dem Kiffen einfach nicht zusammenpasst. Ich war ja auch nie der Typ, der nur abends mal einen gedampft hat. Ich war eher extrem. Und das führte bei mir immer zu so einer Trägheit und Faulheit.

chilli: Ist Ihnen dieses klischeehafte Reggae-Musiker-Leben eigentlich nie langweilig geworden?
Gentleman: Ich bewege mich ja nicht nur in dieser Reggae-Kultur. Es gibt Momente, in denen ich darin total eintauchen kann, aber genauso welche, in denen ich mich distanziere und andere Sachen machen will. Das ist auch ganz wichtig: Ich bin nicht nur Reggae! Aber Reggae ist natürlich etwas, womit ich mich sehr heimisch fühle, und wozu ich immer wieder zurückkomme. Auch nach Jamaika. Ein wahnsinnig interessantes Land. Dort passiert ständig unheimlich viel.

chilli: Wie häufig sind Sie dort?
Gentleman: Unregelmäßig. Es heißt ja immer, ich würde zwischen Kingston und Köln hin- und herpendeln. Das tue ich nicht. Ich lebe in Köln, bin die meisten Tage im Jahr im Tourbus, und hin und wieder fahre ich für längere Zeit nach Jamaika. Ich habe dort viele Freunde und Familie. Jamaika ist wie eine Tankstelle für mich.

chilli: Aufgetankt klingen Sie auch auf Ihrem neuen Album. Die großen Themen darauf sind Reggae-typisch: Glaube, Hoffnung, Zuversicht. Eher untypisch: das Thema Angst, etwa im Titelsong. Wovor haben Sie selbst derzeit Angst?
Gentleman: Ich habe keine Angst.

chilli: Jeder Mensch hat doch Angst.
Gentleman: In einer gewissen Dosierung ist Angst ein Schutz. Aber vor allem ist Angst lähmend. Es gibt schon Momente, in denen ich eine gewisse Schwere fühle, so eine Melancholie, aber Angst eher nicht. Wohl auch deshalb nicht, weil ich einen ganz tiefen Glauben daran habe, dass alles so kommen wird, wie es kommen muss. Dass alles seine Berechtigung hat. Ich habe da so eine Art Ur-Vertrauen.

chilli: Können Sie sich erklären, warum Sie ein so angstfreier Mensch sind?
Gentleman: Ich habe sehr viel Glück gehabt im Leben. Hatte immer ein Elternhaus und ein Umfeld, die sehr gesund waren. Ich habe gelernt, eine bestimmte Kunst zu beherrschen. Nämlich die, ganz genau zu wissen, wer für mich gut ist – und wer nicht. Dafür bin ich – im positiven Sinne – sensibel. Ich erlebe schon auch Enttäuschungen, habe davor aber grundsätzlich keine Angst. Eher mache ich mir manchmal Sorgen.

Gentleman verkneift sich Alkohol und Marihuana auf Tour: "Heute brauche ich eine gewisse Grundfitness, um auf der Bühne alles geben zu können", so der 39-Jährige.

 

chilli: Worüber denn?
Gentleman: Zum Beispiel über meinen Sohn. Ich frage mich, ob er die richtigen Freunde und allgemein seinen Platz in der Welt findet.

chilli: Versuchen Sie ihm, Ihre eigenen Ideale und Tugenden näher zu bringen?
Gentleman: Unbewusst bestimmt. Bewusst versuche ich aber vor allem, ihm verschiedene Optionen aufzuzeigen. Welchen Weg er dann einschlagen wird, muss er selbst entscheiden. Er ist jetzt kurz vor der Pubertät.

chilli: Haben Sie ein Mittel gegen familiäre Sorgen? Vielleicht gegen schwermütige Momente generell?
Gentleman: Mich zieht es in diesen Momenten immer an meinen Flügel im Wohnzimmer.

chilli: Das ist ja fast kitschig!
Gentleman: Klar, ein bisschen Kitsch ist ja auch nicht verkehrt (lacht).

chilli: Genauso wenig, wie Ihre Entscheidung, immer wieder auch ein Liebeslied für Ihre Frau auf Ihren Alben unterzubringen. So auch dieses Mal.
Gentleman: Das ist aber keine bewusste Entscheidung, kein Ritual. Meine Frau begleitet mich einfach immer. Sie ist immer an meiner Seite, gibt mir Kraft, und dafür bin ich sehr dankbar. Es fällt mir leicht, ein Liebeslied zu schreiben und ihr zu widmen. Aber es geht mir dabei auch um die Liebe allgemein. Die Liebe ist der Stoff, aus dem wir alle gemacht sind. Da kann man ruhig auch mal kitschig sein.

Gentleman auf Deutschland-Tournee:
06.07., Köln, Summerjam
13.07., Pforzheim, Happiness
27.07., Paaren, Greenville
08.08., Alzey, Da Capo Festival
14.10., Kiel, Halle 400
15.10., Hamburg, Docks
19.10., Wiesbaden, Kulturzentrum Schlachthof
21.10., Freiburg, Rothaus Arena
22.10., Ulm, Roxy
01.11., Saarbrücken, Garage
02.11., Stuttgart, Liederhalle
14.11., Dortmund, FZW
15.11., Leipzig, Haus Auensee
16.11., Bremen, Aladin-Music-Hall
18.11., Fürth, Stadthalle Fürth
19.11., Berlin, C-Halle
20.11., Hannover, Capitol
07.12., München, Zenith

 

Autor: Erik Brandt-Höge / Fotos: Pascal Bünning / Universal, Morris Swiderski / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst