Wäre es nur nach Götz George gegangen, er hätte diese Rolle nicht gespielt. Lange habe er sich dagegen gewehrt, sagt er. Doch schließlich ließ er sich überzeugen. Der Autor und Regisseur Joachim Lang hatte über Jahre recherchiert, sich immer wieder mit Götz George getroffen. So entstand „George“: ein Doku-Drama über das Leben des großen Schauspielers Heinrich George, den Vater von Götz George (Mo., 22.07., 20.15 Uhr, ARTE; Mi., 24.07., 21.45 Uhr, ARD). Er starb im sowjetischen Lager Sachsenhausen am 25. September 1946. Der Film rückt die Zeit zwischen 1933 und jenem Todestag in den Mittelpunkt und setzt sich intensiv mit der Rolle der Künstler im Dritten Reich auseinander. Immer wieder wurde gerade auch über Heinrich Georges Bedeutung in diesem Zusammenhang diskutiert. Er spielte in Propagandafilmen der Nazis, bot andererseits aber als Intendant des Berliner Schillertheaters den Verfolgten des Regimes einen Zufluchtsort. „George“ wurde als Mixtur aus gespielten Szenen aus dem Leben Heinrich Georges, aus Zeitzeugenberichten und Archivaufnahmen angelegt. So entsteht das hochinteressante Bild eines Künstlers, das vor allem in einem einzigen Satz kulminiert: „Ich bin Schauspieler, kein Politiker.“ Und Götz George ergänzt: „Ich habe in meinem Leben nie einen Menschen gesehen, der so an diesem Beruf hing. Er hat, glaube ich, auch nie losgelassen.“

Götz George spielt in dem Dokumentarfilm seinen Vater Heinrich George.

 

chilli: Herr George, Sie waren sieben Jahre alt, als Ihr Vater starb. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Götz George: Wenn ich zurückdenke, verschwimmt alles, wirkt surreal. Natürlich erinnere ich mich, wie er mit mir spazieren ging, wie er mich in den Arm nahm – eben die Alltäglichkeiten. Das andere Bild, das mir erklärte, wie er als Mensch war, entstand erst nach meiner Kindheit.

chilli: In Gesprächen mit den Menschen, die ihn gut kannten?
George: Ja, ich hörte die Erzählungen von unendlich vielen Kollegen, denen meine Mutter und ich begegneten. Es wurde ja eigentlich nur über „George“ in unserem Haus geredet. Und meist ging es darum, wie fulminant, wie zivilcouragiert er war. Das Bild, das aus den Erzählungen meiner Mutter und seiner Kollegen entstand, trage ich bis heute in mir.

chilli: Ihr Vater wollte nicht, dass Sie Schauspieler werden …
George: Stimmt. Aber meiner Mutter war es letztendlich recht, sie hat es mir überlassen. Wenn mein Vater noch gelebt hätte, hätte ich sicher nicht diese Karriere gemacht. Preußisch genau und redlich – auch mit Hilfe der Mutter, die mich stets an die Besten vermittelte.

chilli: Erkannte Ihre Mutter Berta Drews Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und Ihrem Vater?
George: Ja, aber das sind einfach die Gene. Die spüre ich auch, wenn ich seine Filme sehe. Und jetzt, da ich ihn selbst gespielt habe, merkte ich: Es ging mir eher leichter von der Hand als es womöglich bei einem anderen realen Charakter aus jener Zeit gewesen wäre, Emil Jannings zum Beispiel. Ich spürte gewisse Schwingungen, die ich gar nicht beeinflussen konnte.

chilli: Wie groß war die Verführung für Sie, sich während des Drehs mehr als sonst in die Aufnahmen einzumischen? Schließlich wussten Sie mehr über Ihren Vater als jeder andere, der dabei war.
George: Das war nicht nötig. Es ist ein sehr genau gearbeitetes Buch von Joachim Lang und dem Autoren Kai Hafemeister. Ich wollte es so behandeln wie jedes andere auch.

Heinrich George (Götz George) wartet alleine in seiner Zelle.

 

chilli: Und das gelang?
George: Das musste gelingen. Da durften keine Privatismen einfließen. Es gibt viele Szenen, die sehr anrührend sind, die dich übermannen könnten. Aber ich durfte keine Sentimentalitäten zulassen. Damit wäre meinem Vater am wenigsten geholfen. Es galt für mich, das Thema beim Dreh wertfrei zu behandeln. Zumal mein Vater auch kein sentimentaler Mensch war.

chilli: Während der Zeit des Dritten Reichs musste er sich mit den Nazis arrangieren, um weiter arbeiten zu können. Wie würden Sie ihn in dieser Zeit beschreiben?
George: Er war ein aufrechter Mann, das Wort trifft es am besten. Natürlich: Er ging Kompromisse ein. Wobei er diese Zeit sicher am allerwenigsten gemocht hat: Sie war diktatorisch, sie war unkünstlerisch, sie war fürchterlich. Und als Schauspieler mit sensiblen Antennen merkte er das früh.

chilli: Welche Rolle spielt ein Künstler in der Diktatur?
George: Künstler sind sicher eitel. Wenn du ein angenommener Volksheld bist, dann gehst du Kompromisse ein, wie es ja auch mein Vater tat. Sicher, in diktatorischen Ländern gibt es Schauspieler, die für Monate oder Jahre ins Gefängnis gehen. Er wusste, dass er dafür büßen musste, weil er sich tatsächlich falsch verhalten hat.

chilli: Gab es den einen Schlüsselmoment, in dem er sich entscheiden musste?
George: Ich denke nicht, es gab doch keine Alternative für ihn. Als Schauspieler, mit dem Ruf, den er sich seit den 20er-Jahren erarbeitet hatte, konnte er gar nicht anders als weiter Theater zu spielen. Er war ein Künstler, der seine Sprache so sehr liebte und beherrschte – Schiller, Goethe, Kleist. Als Maler konntest du andernorts weiterarbeiten, als Schauspieler ist das aber viel schwieriger.

chilli: Goebbels berief ihn zum Intendanten des Schillertheaters in Berlin.
George: Zu jenem Zeitpunkt wurde ihm klar, dass er da seine eigene kleine Zelle bauen konnte. Goebbels warf ihm ja auch vor, dass es in seinem Theater keinen Nationalsozialisten gab. Stattdessen Juden, Sozialdemokraten … auch dessen war sich mein Vater genau bewusst. Es war ihm klar, dass er hier helfen konnte. Und das hat er redlich ausgenutzt. Auch deswegen wurde er von den Russen 1998 offiziell rehabilitiert.

Heinrich George (Götz George) spielt den "Prinz von Homburg".

 

chilli: Dennoch gilt Ihr Vater bis heute als umstrittene Persönlichkeit. Worauf führen Sie das zurück?
George: Ein Problem für ihn war, dass er zu früh gestorben ist. Und auf die Toten lässt man die Gülle eben herab. Wenn er überlebt hätte, hätte er gute Argumente gehabt. Oder womöglich gar keine gebraucht. Vielleicht hätten ihn andere verteidigt. Er hätte sicher Fehler eingestanden. Aber wie viele andere seiner Generation eben auch eine neue Chance bekommen.

chilli: Wen meinen Sie zum Beispiel, wenn Sie an jene denken, die eine zweite Chancen erhielten?
George: Ach, viele sind ja aus der Asche aufgestiegen. Denken Sie an Werner Krauß, Gustaf Gründgens, Heinz Rühmann, sie waren alle verstrickt. Werner Krauß hat ja auch wie mein Vater in „Jud Süß“ gespielt. Nach dem Krieg bekam er eine Weile Spielverbot, und dann war es das. Neben meinem Vater war er der größte Schauspieler damals. Aber er hatte die Chance weiterzuspielen und war so atemberaubend, wie man sich das heute nicht mehr vorstellen kann.

chilli: Gehört das auch zu den Gründen, warum Sie diesen Film nun drehen wollten?
George: Dieses Filmprojekt ist wirklich nicht auf meine Veranlassung hin entstanden.

chilli: Sie taten es trotzdem.
George: Es war ein schleichender Prozess. Der Autor und Regisseur Joachim Lang war immer wieder bei mir, mit der Idee, dann mit dem ersten Treatment. Ich bat ihn, doch jemand anderes zu nehmen. Aber Joachim Lang blieb hartnäckig. Mein Bruder Jan übrigens auch. Und das Buch wurde immer dicker und dicker. Am Ende fand ich es wirklich gut. Ich konnte darin meinen Vater verstehen. Es wurden tolle Interviews mit Zeitzeugen geführt, wurde gut recherchiert. Die Mischform aus Spiel- und Dokumentarszenen ist bestens geeignet für das Thema. Schließlich gingen mir die Argumente aus.

chilli: Aber Sie hätten ihr Veto einlegen können …
George: Nein, das kam dann nicht mehr in Frage. Es steckt so viel Arbeitszeit von vielen Beteiligten drin. Es wundert mich, dass Sie nach dem „Warum?“ fragen. Denken Sie, der Film sei überflüssig?

Die Paraderolle: Heinrich George (Götz George) spielt Götz von Berlichingen.

 

chilli: Nein. Aber Sie haben sich stets gegen Fragen zu diesem Thema gewehrt und verwiesen stattdessen auf Biografien über Ihren Vater. In diesen Büchern sei doch alles gesagt …
George: Das ist ja kein Widerspruch. Irgendwann zogen eben meine Argumente nicht mehr. Viele Menschen, die es gut meinten, verbrachten viele Jahre ihres Lebens mit den Vorbereitungen auf diesen Film, richteten sich auch nach meinen Anmerkungen. Zumal die Geschichte meines Vaters eben auch ein spannendes Schicksal eines Menschen aus jener Zeit ist.

chilli: Sie gehen damit aber auch selbst ein Risiko als Schauspieler ein. Es ist eine schwierige Rolle und Sie selbst sind in besonderer Weise involviert.
George: Mir war von Anfang an klar: Am Ende habe ich den Schwarzen Peter. Wenn einer Schelte für den Film bekommt, dann bin ich es. Das ist es eben so in unserem Land. Sicher: George ist zwiespältig, die Zeit war zwiespältig, durchwurzelt von Denunziation und Bösartigkeit. Und trotzdem hat er seine Burg darin aufgebaut. Und Kunst gemacht. Und die Leute kamen, um sie zu sehen. Ich habe in der letzten Zeit viele Briefe von Menschen bekommen, die das genau so sehen.

chilli: Hat dieser Film Ihre Sicht auf Ihren Vater noch einmal verändert?
George: Nein, was ich darin spiele, wusste ich immer. Ich machte mir vielmehr Gedanken darum, wie ich ihn spielen sollte.

chilli: Der Film vermittelt auch, welch große Bedeutung Künstler generell in der Gesellschaft einmal hatten. Bedauern Sie es, dass diese besondere Sicht auf die Künstler später, auch in der Zeit, in der Sie Ihre Karriere machten, verloren ging?
George: Ach, im Gegenteil: Ich war froh. Anders als mein Vater, der gerne mit seiner Popularität spielte, war ich das genaue Gegenteil: Ich wollte immer einfach ein guter Schauspieler werden. Aber wenn du gut bist, dann wirst du populär. Das lässt sich nicht ändern.

chilli: Wie ging damals Ihr Vater damit um?
George: Er konnte eben auf die Menschen zugehen, das kann ich nicht. Wenn Menschen mich erkennen, werde ich auch nach all den Jahren immer noch ungerecht. Mein Vater war da lockerer. Wobei man nicht vergessen darf, dass das Publikum ihn und viele seine Kollegen als Halbgötter wahrnahm und die Menschen eine andere Distanz hielten. Heute kommen sie auf mich zu, legen den Arm um mich und sagen: „Komm, lass uns mal ein Foto machen.“ Früher gab es durch die Leinwand und auch durch die Bühne immer einen natürlichen Abstand.

Die letzten Tage seines Lebens verbringt Heinrich George (Götz George) in Haft.

 

chilli: Am 23. Juli werden Sie 75 Jahre alt. Es wird viel los sein in der Presse.
George: Ach, ich kaufe mir keine Zeitung, ich lese keine Kritiken. Und ich habe auch was gegen Komplimente. Ich will wertfrei sein, ich will entscheiden. Wenn ich aus einer Produktion gehe, weiß ich selbst am besten, ob ich gut oder schlecht war.

chilli: Wie werden Sie Ihren Geburtstag verbringen?
George: In meiner zweiten Heimat Sardinien. Es wird nur ein Fest mit Freunden.

Fotos: SWR / Thomas Kost
Quelle: teleschau – der mediendienst