Herr Scooter, wie waren die 90-er?

 

Hans Peter Geerdes ist Ostfriese und 50 Jahre alt. Klingt ziemlich durchschnittlich. Unter seinem Pseudonym H.P. Baxxter hat er jedoch Popgeschichte geschrieben. Mit über 30 Millionen verkauften Tonträgern und mehr als 20 Top Ten-Hits ist Baxxters Band Scooter („Hyper, Hyper“) die erfolgreichste deutsche Band aller Zeiten. Ihr Aufstieg, der 1993 begann, ist eng mit jenem Jahrzehnt verknüpft, in dem elektronische Tanzmusik vom Underground-Phänomen zum Massenhype wurde. Nun moderiert der zweimal geschiedene Musiker den „Summer of the 90s“ beim Kultursender ARTE. Los geht’s am Samstag, 19. Juli.

Hits über Hits: H.P. Baxxter von Scooter ist der erfolgreichste deutsche Musiker aller Zeiten.

 

chilli: Haben wir schon Abstand genug, um über die 90-er als Ganzes zu reden?
H.P. Baxxter: Ich denke, ja. Allein deshalb, weil ich die 90-er als sehr weit weg empfinde. Und das, obwohl in den Nullerjahren im Pop kaum etwas Neues passierte.

 

chilli: Wissen Sie noch, ob Sie sich 1989 auf die 90-er gefreut haben?
H.P. Baxxter: Wahrscheinlich … irgendwie. Ich hatte schon immer einen Faible für die Zukunft. Für das Aufregende und Neue. Ans Ende der 70-er kann ich mich noch gut erinnern. Es war klar, die 80-er würden aufregend werden, sie waren mein Jahrzehnt als junger Mann. Es gab einen Song von Yazoo namens „Goodbye 70s“, der brachte alles, was ich fühlte, auf den Punkt. Auch ich wollte nichts mehr von den 70-ern wissen. Ähnlich ging es mir mit dem Wechsel von 1989 zu 1990, wenn auch nicht ganz so extrem. Auch da war klar, das viel Neues passieren würde: In den 80-ern waren es New Wave und Punk. Und in den 90-ern Techno und vielleicht Grunge. Ich finde, dieses Neue ist in den Nullerjahren erstmals ausgeblieben.

 

chilli: Sie stehen nicht alleine mit dieser Meinung. Popkritiker nennen die Nullerjahre das Jahrzehnt der „Retromania“, in dem man sich alles nur noch aus der Vergangenheit zusammenbastelte.
H.P. Baxxter: Genau! Ich hab’s schon vorher gewusst, und deswegen brachten wir zum Jahreswechsel von 1999 zu 2000 eine Single raus, die hieß „Fuck The Millennium“. Damit war alles gesagt …

 

chilli: Was verbinden Sie mit den 90-ern?
H.P. Baxxter: Für mich war es ein sehr aufregendes Jahrzehnt. Mein Leben hat sich komplett verändert. Vorher war alles sehr normal: Schule, Ausbildung, zwischendurch habe ich sogar mal kurz studiert. Dann kam der Erfolg mit Scooter, quasi über Nacht. Plötzlich wurde das Leben auf den Kopf gestellt. Nicht nur bei mir, sondern auch gesellschaftlich – durch die Maueröffnung. Unsere ersten Diskoauftritte in den neuen Bundesländern waren richtig abenteuerlich. Da sind wir mit dem Kombi am Wochenende losgefahren, hinten auf der Ladefläche die Keyboards, auf dem Rücksitz die Tänzerinnen. So tingelten wir von Disko zu Disko.

 

chilli: Was hatte mehr Energie: Die Diskos von damals oder die großen Stadien von heute?
H.P. Baxxter: Jede Zeit, jede Phase im Leben hat ihr Für und Wider. Wenn ich jetzt noch mal so eine Tour wie damals machen müsste, würde ich denken: Um Gottes willen, was tue ich hier? Aber zu dieser Zeit, da gab es diese Anfangseuphorie, da war es genau richtig so. Ich war immer froh, dass Scooter anfangs nicht so gehypt wurden. Dass wir nicht von null auf hundert beschleunigten und gleich so riesige Konzerte spielen mussten. Das hätten wir wahrscheinlich gar nicht hinbekommen. Alles bei uns hat sich ganz natürlich entwickelt. Heute liebe ich es auch, auf großen Bühnen zu stehen. Ich denke aber gern an die alten Zeiten zurück.

 

chilli: Wenn Sie abseits persönlicher Erlebnisse an prägende Ereignisse der 90-er denken, was fällt Ihnen ein?
H.P. Baxxter: Als Prinzessin Diana gestorben ist. Die Nachricht war für mich so unwirklich. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass sie tatsächlich tot war. Und dann eben diese Diskussion hinterher, dass sie durch die Paparazzi in den Tod getrieben wurde. Da entstand erstmals ein Bewusstsein, was Medien machen können. Es war ein Fingerzeig, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln würde.

Endlich wieder sexy, die Mädels! Das Topmodel Naomi Campbell war ein Gesicht - und Körper -der 90-er.

 

chilli: Wenn wir schon bei den Medien sind: Kritiker und die „ernsthafte“ Popszene belächelten Ihre Band in den 90-ern als Trash. Heute ist es selbst unter Intellektuellen Kult, sich eine Scooter-Show reinzuziehen. Was ist passiert?
H.P. Baxxter: Dieses Phänomen gab es nicht nur bei Scooter. Wenn ich an meine Jugend denke: Wer damals AC/DC gut fand, wurde auch meist belächelt. Für die hochstehende Musikkultur waren das irgendwelche Wilden aus Australien, die nicht weiter beachtet wurden. Heute gibt es – durch alle Schichten – fast niemanden, der AC/DC nicht toll findet. Selbst Depeche Mode wurden anfangs verlacht! Ich habe das erlebt in meinem eigenen Freundeskreis. Ich hab’ Depeche Mode richtig gefeiert, fand sie Anfang der 80-er richtig toll und innovativ. Andere sagten: „Was ist denn das? Die stehen mit einer Tonbandmaschine auf der Bühne und spielen ja gar nichts live – das ist ja furchtbar.“ So hat man damals geredet.

 

chilli: Was muss man also tun, um von Kritikern gehasst zu werden?
H.P. Baxxter: Da gibt es verschiedene Wege. Ich bleibe mal beim Beispiel Depeche Mode. Die galten damals als Teenieband, weil es in der „Bravo“ jede Woche eine Doppelseite mit Dave Gahan und Martin Gore gab, öfter auch mit Poster! Heute sind Depeche Mode wie ein Heiligtum, die erwachsenen Fans wie eine Sekte. Die Depeche Mode-Gemeinde eben. So ändern sich Dinge. Ganz so extrem war es bei Scooter sicher nicht. Weil wir eben auch bewusst partyorientierte Musik machen. Es ging bei uns immer ums Abschalten, Feiern und Vollgas geben. Darum, dem Alltag zu entfliehen. Auch das wurde von einigen vielleicht nicht ganz verstanden und deshalb mit Argwohn betrachtet.

 

chilli: Im „Summer of the 90s“ läuft auch eine Dokumentation über Eurodance, einem der prägenden aber auch meistgehassten Musikstile der 90-er. Wissen Sie, was die Leute damals daran begeistert hat?
H.P. Baxxter: Für mich war die Eurodance-Szene zu platt. Die Musik funktionierte immer nach demselben Schema: ein männlicher, in der Regel schwarzer Rapper für die Strophe, eine Sängerin für den Refrain. Und dann dieser einfache Beat drunter … Gut, ich muss zugeben, es gab viele Songs, die fand ich selbst auch gut. Aber im Großen und Ganzen wollten wir uns da bewusst nicht eingliedern. Unser Problem mit Scooter war ja immer, dass wir zwischen den Stühlen saßen. Da gab es die Techno-Szene, die uns nicht akzeptiert hat. Und dann gab es die Eurodance-Szene, die fanden selbst wir zu kommerziell (lacht). Aber es gab da sicherlich qualitativ gute Sachen beim Eurodance: Snap oder Culture Beat, die waren super produziert.

 

chilli: Hatte Eurodance eine Fankultur?
H.P. Baxxter: Ich glaube, das waren ganz normale Jugendlichen. Eurodance lief im Radio und tat niemandem weh. Auf den Partys, wo ich am Wochenende war, wurde das sicherlich nicht gespielt. Das waren Raves, Techno-Veranstaltungen. Eurodance lief im Radio rauf und runter. Was schön war Anfang der 90-er: Es gab viele neue, junge Radiosender. Man gründete echte Jugendsender, wie bei uns im Norden N-Joy Radio. Das war wirklich innovativ. Dort wurde Musik gespielt, die man sonst eben nicht im Radio hörte, richtig schnelle Sachen. Selbst wir mit Scooter waren da ständig auf Rotation, was heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Irgendwann ist das leider alles wieder verwässert. Heutzutage ist es fast beliebig, welchen Radiosender man einschaltet. Es läuft überall in etwa das Gleiche: Musik, die nicht beim Bügeln stört.

 

chilli: Sie haben gesagt, bei Scooter ging es immer um die Party. Ist es als Musiker auf Dauer erfüllend, immer nur Partys zu feiern?
H.P. Baxxter: Natürlich gibt es auch bei Scooter-Shows eine Dramaturgie, in der Tempo und Stimmung variiert werden. Aber es macht schon Spaß, wenn man ein Konzert spielt und die Leute sind wirklich von der ersten bis zur letzten Minute in Ekstase (lacht). Also wirklich: alle Hände oben! Wenn ich bei einem anderen Konzert bin, denke ich manchmal: Ja, Mensch, ist eigentlich ja gar nicht viel los hier. Was ist denn? Das liegt eben daran, dass man es gewohnt ist, dass die Leute bei uns von Anfang bis Ende alles rauslassen und am Ende sagen: „Ach, das war mal gut.“ (lacht)

 

chilli: Haben Sie früher mit Musik Stress abgebaut?
H.P. Baxxter: Ich weiß es noch, in der Schulzeit, wenn ich viel Stress hatte – schlechte Noten, Ärger mit den Eltern und so weiter – dann war es immer wie Medizin, mich in meinem Zimmer zu verbarrikadieren und den Lieblingssong bis zum Anschlag aufzudrehen. Das war dann für mich wie eine innere Reinigung, danach ging es mir wieder gut. In den 90-ern war es nicht viel anders: Wenn ich auf einem Rave war, habe ich halt getanzt. Die ganze Nacht durch. Es war ein Ventil. Und ich glaube, für viele Leute, die zu Scooter-Konzerten gehen, ist das heute noch so.

Die ravende Generation: In den 90-ern entwickelte die Jugend ein "unendliches" Bedürfnis zu tanzen.

 

chilli: Die 90-er werden als Jahrzehnt der Dance Music bezeichnet. Gibt es einen Grund, warum die Leute in diesem Jahrzehnt so tanzwütig waren?
H.P. Baxxter: Um 1990 herum hat sich das ganze Lebensgefühl verändert. Auch durch die Grenzöffnungen, die ganzen politischen Folgen. Man hatte dieses ganze „No Future“ satt, das Depressive aus den 80-ern. Es kam eben eine neue Generation junger Leute. Jede Generation will immer ihr eigenes Ding machen. Und plötzlich war sie da, diese neue, elektronische Tanzmusik. Erst flackerte sie kurz auf als Acid House, da dachte man schon: Oh, ein kurzer Hype. Und dann kam das so richtig aus dem Underground hoch, diese Techno-Faszination. Mit allem, was dazugehörte: Raves und Partys in einer Dimension, die man vorher nicht kannte. Früher ging man in seine Disko oder den Club, und das war’s. Plötzlich gab es riesige Events in jeder Großstadt. Raves mit den tollsten DJs. Die DJs wurden zu Superstars. Das war ein riesiger Umbruch.

 

chilli: Hätte diese Kultur auch ohne Drogen funktioniert?
H.P. Baxxter: Also, das ist jetzt so eine Grundsatzfrage: Hat jemals irgendeine musikalische Evolution ohne Drogen funktioniert? Hätte in den 60-ern die Psychedelic-Szene, hätte Woodstock ohne Drogen funktioniert? Vielleicht. Dennoch gab es in jeder Epoche, in jeder Szene Drogen, die gerade „in“ waren. Zum Glück ist dieser Kelch an mir vorübergegangen. Deshalb sitze ich heute noch hier.

 

chilli: Wie stark mussten Sie dafür sein?
H.P. Baxxter: Na ja, ich habe viel beobachtet. Gerade in dieser Rave-Anfangsphase wurden sehr viele Pillen eingeworfen. Ich hatte immer Schiss davor, hab’s deshalb nie probiert. Einfach, weil ich mich selber kenne und weiß: Alles, was mir gefällt, da habe ich Schwierigkeiten, das loszulassen. Ich habe es einfach gelassen, und bei mir hat es auch wunderbar ohne funktioniert. Ich glaube aber, dass viele Leute, die nicht so von der Musik gepackt wurden wie ich, die aber das ganze Drumherum toll fanden, sich mitreißen haben lassen. Die fanden es einfach toll, sich auf Droge in irgendeine andere Dimension einzuklinken.

 

chilli: Was finden Sie peinlich an den 90-ern, wenn Sie es heute sehen?
H.P. Baxxter: Jedes Jahrzehnt hat im Nachhinein betrachtet sehr viele peinliche Aspekte. Außer die 60-er, komischerweise. Die fand ich immer wahnsinnig stylisch (lacht). Selbst die 70-er, wenn man diese Plateauschuhe sieht und was da alles dazugehörte – ziemlich lächerlich. So war es auch in den 90-ern. Da gab es zu viel Lack, zu viele bunte Farbe und ebenfalls schreckliche Schuhe. Müssen Sie mal drauf achten!

 

chilli: War auch etwas gut an der Mode der 90-er?
H.P. Baxxter: Es gab einen Aspekt, den ich super fand: Die Mädels liefen richtig sexy rum. In den 80-ern gab es ja noch diese aufgeblasenen Kleider mit extremen Schulterpolstern, dazu eine fiese Dauerwelle. Man vergisst ja diese ganzen skandalösen Zustände! In den 90-ern wurde es sehr viel besser. Die Frauen hatten Hot Pants an und tanzen nur mit ‘nem BH im Club. Also das fand ich schon … eine deutlich schöne Entwicklung, als Mann betrachtet. Auf jeden Fall war es viel frischer und frecher als in den 80-ern.

 

chilli: Gibt es einen Lieblingsfilm aus den 90-ern?
H.P. Baxxter: Vielleicht „Fargo“ von den Cohen-Brüdern. Ich mag ihre Filme sehr. Sie sind irgendwie anders, skurril. Und sie hatten tolle Schauspieler, die man vorher noch nie gesehen hatte, zum Beispiel Steve Buscemi oder William H. Macy. „Fargo“ war der erste Cohen-Film, den ich bewusst gesehen habe. Seitdem bin ich Fan. Es gibt aber noch andere Filme, die ich als typisch für die 90-er empfinde und die ich sehr mag. „Kevin – Allein zu Haus“ ist für mich ein unterschätzter, toller Film. Ebenso „Falling Down“ mit Michael Douglas, der plötzlich in diesem Wahnsinn des Alltags durchdreht.

 

chilli: Gibt es auch ein ikonenhaftes Musikalbum der 90-er für Sie?
H.P. Baxxter: Bei mir war es so, dass das Album in den 90-ern viel weniger relevant wurde. Wichtig waren viel mehr die Maxis. Im Dancebereich kamen ständig irgendwelche neuen Tracks heraus. Es war nicht mehr so: Ich habe die Lieblingsband X und kaufe mir jedes Album von denen. Plötzlich hieß es: Dieser DJ hat ne neue Scheibe und hör dir mal jenen Remix an, von Westbam oder Sven Väth beispielsweise. Es gab spannende, neue „Releases“ jede Woche.

 

chilli: Also ist die Maxi die ikonenhafte Platte der 90-er?
H.P. Baxxter: Ja, genau. Für mich ist das die Platte der 90-er, sozusagen das Format eines Jahrzehnts.

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © ARTE / Robert Grischek / SIPA / Chato/ RBB
Quelle: teleschau – der mediendienst