präsentiert im ZDF die nächste Artenschutz-Doku („Hannes Jaenicke: Im Einsatz für Löwen“, Dienstag, 7. Juli, 22.15 Uhr) „Es macht einfach Sinn“
„Im Vergleich zur Schauspielerei empfinde ich eine andere, ganz besondere Zufriedenheit, weil man mit einer Doku wirklich was erreichen kann“: Hannes Jaenicke wird nicht müde, sich mit spektakulären TV-Dokumentationen für den Artenschutz einzusetzen. Diesmal geht es ihm um die Löwen im südlichen Afrika.

 

„Unser Planet ist unser Zuhause, unser einziges Zuhause. Wo sollen wir denn hingehen, wenn wir ihn zerstören?“ Wer sich auf Hannes Jaenickes Facebookseite umsieht, findet reihenweise Fundstücke wie dieses wohlfeile Zitat des Dalai Lama. Aber auch drastischere Weisheiten der Marke: „Wer mit der Herde läuft, der kann nur Ärschen folgen“ sind dort nachzulesen. Beides passt zu dem engagierten, aber eben auch polarisierenden Tier- und Naturschützer, dem vielbeschäftigen Schauspieler und streitbaren Autor, der sich längst auch als Dokumentarfilmer einen Namen gemacht hat. Vielleicht ist Jaenicke (55) zwischen Unterhaltung und Weltrettung auch nur derart umtriebig, dass er manchem Kritiker reflexartig suspekt ist. Als er 2013 sein Buch „Die große Volksverarsche. Wie Industrie und Medien uns zum Narren halten“ herausbrachte, frotzelte der „Spiegel“, Jaenicke sei der „Indiana Jones der Mülltrenner“ … Ihm sei so etwas herzlich egal, beteuert er im Interview anlässlich seiner neuen ZDF-Artenschutz-Doku („Hannes Jaenicke: Im Einsatz für Löwen“, Dienstag, 7. Juli, 22.15 Uhr): „Es geht in keinster Weise um mich, sondern es macht einfach Sinn, was wir da tun.“

Schauspieler Hannes Jaenicke war in der Serengeti unterwegs.

 

chilli: Herr Jaenicke, Sie mussten anfangs für Ihre ZDF-Dokumentationen kämpfen. Sind Sie stolz darauf, dass Sie es inzwischen geschafft haben, mit Ihren Artenschutz-Filmen eine feste Größe im ZDF zu sein?
Hannes Jaenicke: Stolz ist nicht das richtige Wort, aber sagen wir es so: Im Vergleich zur Schauspielerei empfinde ich eine andere, ganz besondere Zufriedenheit, weil man mit einer Doku wirklich was erreichen kann. Dass wir nach jedem einzelnen der bisherigen Filme in großem Umfang Spenden generieren konnten, ist zum Beispiel ein großartiger Erfolg.

 

chilli: Sehen Sie sich inzwischen mehr als Dokumentarfilmer, als Tierschützer oder immer noch in erster Linie als Drehbuchautor und Schauspieler?
Jaenicke: Das gehört ja für mich alles zusammen und ist mir gleichermaßen wichtig. Es geht mir überhaupt nicht darum, in welcher Weise ich wahrgenommen werde. Ob Unterhaltung oder Doku: Hauptsache, ich finde mit dem, was ich mache, ein Publikum, und die Leute können mit den Themen etwas anfangen.

 

chilli: Bei den Kritikern polarisieren Sie damit. Viele werfen Ihnen vor …
Jaenicke: … dass sich der Schauspieler Hannes Jaenicke jetzt über Dokus profilieren will, ich weiß. Aber dass mich die sogenannten Leitmedien für mein Engagement regelmäßig schlachten, ist mir ziemlich egal. Die sollen mich ruhig als „Vielflieger gegen den Klimawandel“, Gutmensch, Affenversteher oder „Indiana Jones der Mülltrenner“ durch den Kakao ziehen. Ich weiß, dass wir mit unseren Dokus etwas bewegen.

 

chilli: Haben Sie Beispiele parat?
Jaenicke: Mit Hilfe unseres Hai-Films wurde ein internationales Finning-Verbot durchgesetzt, das Haien einen qualvollen Tod erspart, REWE hat nach dem Film seinen Fischeinkauf neu organisiert, nach der Doku über Orang-Utans wurde im siebenstelligen Bereich für die Wiederaufforstung des Regenwaldes gespendet … Das zählt. Es geht in keinster Weise um mich, sondern es macht einfach Sinn, was wir da tun.

 

chilli: Jetzt hatten Sie es mit Löwen im südlichen Afrika zu tun. Was ging in Ihnen vor, als Sie einem solchen Tier zum ersten Mal in der freien Wildbahn gegenüberstanden?
Jaenicke: Angst hatte ich nicht, Respekt schon – aber vor allem empfand ich Bewunderung für ein absolut ästhetisches Lebewesen. Das sind unfassbar schöne Tiere. Die einzigen Großkatzen übrigens, die sich durch ein erstaunliches Sozialleben auszeichnen.

Er ist der König der Tiere: Der Löwe gilt als Symbol für Kraft und Eleganz.

 

chilli: Der Löwe ist in unserer Kultur ein Tier mit einer symbolhaften, ja mystischen Strahlkraft. Aber als bedrohte Art hatten wir ihn bislang gar nicht auf der Agenda …
Jaenicke: Ja, ging mir auch so: Als wir mit der Recherche für den Film begannen, hatten wir keine Ahnung, wie kritisch es um die Löwenpopulationen bestellt ist. Es ist eigenartig: Wir begegnen diesem Tier ständig im Alltag – er ist zum Beispiel auf Schokoriegelverpackungen zu finden, es gibt ihn als Symbol der MGM-Filmstudios, als Musical, als Wappentier von Städten und Fußballvereinen, er taucht als gefährlicher Jäger in Filmen auf, und bestenfalls haben wir wenigstens im Zoo schon mal einen lebenden Löwen gesehen … Aber die Wahrheit, dass diese Art, auch durch unser Zutun, vom Aussterben bedroht ist, kennt keiner. Wir verklären den Löwen – vielleicht weil das Tier omnipräsent ist.

 

chilli: Wie konkret ist die Bedrohung?
Jaenicke: Sehr konkret: Die Weltöffentlichkeit hat inzwischen glücklicherweise kapiert, dass die afrikanischen Elefanten extrem bedroht sind. Doch da reden wir immer noch über 400.000 Tiere – die Zahl der lebenden Löwen ist ein Bruchteil dieses Bestands. In ganz Afrika gibt es nur noch 25.000 bis 35.000 Tiere. Höchste Zeit also, dass das Thema in die Köpfe kommt.

 

chilli: Sie haben wochenlang in Afrika gedreht. Welche Erfahrungen haben Sie dort mit den Tieren gemacht?
Jaenicke: Ich kannte lebende Löwen auch nur vom Zoo oder – leider – aus dem Zirkus. Für mich als Besitzer zweier Katzen war es erstaunlich, wie nah die Löwen im Verhalten und in ihrem Gemüt unseren Hauskatzen sind. Genauso verwundert war ich darüber, dass sie sich für uns Menschen offenbar kein bisschen interessieren. Wir drehten teilweise aus nächster Nähe, aber es gab nicht einen Moment, in dem wir Angst vor ihnen haben mussten. Es ist leider so, dass wir tatsächlich erschreckend wenig über diese Tiere wissen. Aber warum sollte sich daran etwas ändern: Solange die Großwildjagd erlaubt ist und der deutsche Gesetzgeber dem Import von Jagdtrophäen nicht den Riegel vorschiebt, solange sich der bekannteste deutsche Zirkus erlauben kann, Weltrekorde mit 70 dressierten Großkatzen aufzustellen, wundere ich mich über gar nichts.

Hannes Jaenicke erlebt bei den Massai, wie gut die jahrelange Arbeit von Laly Lichtenfeld und ihrem Mann zum Schutz vor Löwen im Dorf ankommt.

 

chilli: Haben Sie eine Idee, was betuchte Europäer dazu treiben mag, in Afrika wilde Tiere totzuschießen?
Jaenicke: Ich habe keine Ahnung, es ist mir nicht im Ansatz nachvollziehbar. Mir fallen da auch keine höflichen Vokabeln ein. Wahrscheinlich sind es Männer mit einem ausgesprochen kleinen Geschlechtsteil und einem noch kleineren Ego, die sich dann fern der Heimat irgendwie austoben müssen. Warum posiert ein Juan Carlos von Spanien oder auch der Thüringer Beamte Udo Wedekind auf Fotos stolz mit abgeschlachteten Elefanten? Was soll das denn für eine Leistung sein?

 

chilli: Es wird wohl mit Abenteuerlust und Adrenalinkick zu tun haben …
Jaenicke: Ach woher. Es sind ja in der Regel nicht mal wilde Tiere, die getötet werden. Diese sogenannten Großwild-Jäger fliegen nach Südafrika und knallen von Menschen und per Flasche großgezogene Löwen ab – Gatterjagd oder „Canned Hunting“ wird immer beliebter. Bis zu 1.000 Löwen werden in Südafrika pro Jahr von diesen Hobbyjägern aus dem Ausland geschossen. Diese Leute legen bis zu 100.000 Euro für ein großes Männchen mit Mähne auf den Tisch.

 

chilli: Was muss geschehen?
Jaenicke: Wir brauchen ein Importverbot für Jagdtrophäen. Im März 2015 hat Australien als erstes Land weltweit ein solches Verbot ausgesprochen. Die USA ziehen nach, aber bei uns kann man sich weiterhin das selbstgeschossene Löwen- oder Eisbärfell vor den Kamin legen. Aber wir sind ja auch eines der letzten Länder, in denen ein Zirkus noch mit großen dressierten Wildtieren arbeiten darf …

 

chilli: Das Problem ist wohl die starke Lobby: Wer so ein Hobby hat, verfügt über viel Geld und Einfluss!
Jaenicke: Richtig. In Botswana, wo die Großwildjagd vor zwei Jahren verboten wurde, wird seitdem heftig Lobbyarbeit betrieben, um das Gesetz rückgängig zu machen. Ich weiß von zahlreichen Umweltschützern dort, dass, wie in anderen afrikanischen Ländern auch, Unsummen eingesetzt werden, damit der illustre Personenkreis aus Europa, den USA, Russland und den Emiraten wieder seinem Hobby frönen kann. In einem armen Land sind die Menschen nun mal besonders empfänglich für Korruption. Und die Lobby der Großwildjäger ist so reich, Geld spielt da keine Rolle.

Die Löwenbabys auf der Zuchtfarm werden sehr früh von ihren Müttern getrennt und auf Menschen geprägt.

 

chilli: Von der deutschen Perspektive abgesehen, wie ist die Situation vor Ort?
Jaenicke: Man ist sich des Problems schon bewusst. Aber in Afrika hat man oft dringlichere Sorgen, und es fehlen die Mittel. Ohne Hilfe geht es nicht. Wir besuchten für den Film deshalb drei internationale Projekte, die sich mit ihrem Engagement hervortun. Sehr erfolgreich ist etwa die amerikanische Biologin Laly Lichtenfeld mit ihrer Einrichtung, die den Massai hilft, ihre Art der Viehzucht betreiben zu können, ohne die Löwenpopulation zu dezimieren. Bisher war es ja so: Eine Kuh war leichte Beute für den Löwen, und was haben die Massai gemacht, wenn eine Kuh angegriffen wurde: Sie haben den Kadaver vergiftet und damit ein komplettes Rudel vernichtet. Wir zeigen, dass das demnächst der Vergangenheit angehört. „Vier Pfoten“ aus Österreich hat ein großartiges Projekt zur Rettung von Löwen aus Zoos, Zirkussen und Zuchtfarmen in Südafrika. Wir wollen den Zuschauer ja nicht depressiv zurücklassen, sondern auch Hoffnung verbreiten.

 

chilli: Wie reagierten die Massai auf das deutsche Filmteam, das in ihrem Gebiet dreht und sich für Löwen einsetzt?
Jaenicke: Diese Menschen sind uns total offen begegnet, sie sind unheimlich gastfreundlich. Die haben auch überhaupt kein Problem mit dem Artenschutz. Ganz im Gegenteil: Sobald sie ihre Herden und damit ihre Existenz in Sicherheit wissen, sind auch sie vehement für den Schutz der Löwen. Die Weiden zu schützen, kostet Geld – und dieses Problem könnte vom reichen Westen gelöst werden. Aber es gibt auch in Deutschland genug Baustellen, über die wir Filme machen könnten.

 

chilli: Woran denken Sie konkret?
Jaenicke: Es gibt eine Studie des Bundesamts für Naturschutz, die vorrechnet, dass jede dritte in Deutschland vorhandene Tierart ausstirbt. Wir leben praktisch so, dass Natur und Tierwelt keine Chance mehr haben. Und das kann man den Leuten mit Dokus mitteilen. Sie sehen, im Grunde ist es egal: Es geht immer um das gleiche Thema, den Artenschutz. Machen wir eben einen Film über den Kuckuck, den Lux, das Rebhuhn.

 

chilli: Oder über Tiere im Zirkus?
Jaenicke: Ich versuche seit Jahren einen Sender zu finden, der uns einen solchen Film drehen lässt. Im Endeffekt ist es das Gleiche: Der Stoßzahn wird dem Elefanten rausgehackt, um Geld zu verdienen. Der Zirkus-Elefant wird aus exakt demselben Grund grausam abgerichtet. Ich bin sogar der Meinung, dass der Elefant, der in der Serengeti geschossen wird, es wohl besser hat, als derjenige, der lebenslang in einem viel zu kleinen Gehege im Zoo oder Zirkus gehalten wird und im letzteren Fall jeden Abend auch noch auftreten muss.

 

chilli: Im Film über Elefanten sagten Sie aber, dass Ihr eigener Zugang zu Elefanten auch durch Zoos und Zirkusse entstanden sei. Schließlich tragen diese Einrichtungen ja auch ihren Beitrag zur Arterhaltung bei.
Jaenicke: Ich bin definitiv kein radikaler Zoo-Gegner, solange man die Tiere halbwegs artgerecht hält. Es gibt Tiere, die haben dort nichts zu suchen: Delfine zum Beispiel. Der Zoo ist andererseits eine großartige Einrichtung, um zu informieren und Kinder an Natur- und Umweltthemen heranzuführen. Und Zirkus ist wunderbar, solange dort keine Tiere auftreten müssen. In Österreich hat man das längst verboten, warum soll das bei uns nicht möglich sein?

 

Autor: Frank Rauscher Fotos: © ZDF / Markus Strobel
Quelle: teleschau – der mediendienst