Die Traumverkäuferin

veröffentlicht „Farbenspiel“ und erhält den „Bambi“ („Bambi 2013“, Donnerstag, 14.11., 20.15 Uhr, ARD)

An einem nieselgrauen Herbsttag bittet die Schlagerkönigin zur Audienz. Berlin, Hotel Waldorf Astoria am Zoo. Helene Fischer, 29, öffnet die King Tower Suite im 29. Stock. Sie trägt eine schwarze Lederjacke mit Fransen und angerissene Jeans. Die blonden Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Durch das riesige Panoramafenster gähnt Berlin herauf. Helene Fischer lächelt. Sie lächelt überhaupt viel. Goldene Hennen, Echos, Volksmusikkronen und eine Goldene Kamera hat sie gewonnen, mit ihrem neuen Album „Farbenspiel“ werden sicherlich noch mehr Auszeichnungen hinzukommen. Beim Interview sitzt Helene Fischer kerzengerade auf ihrem Sessel. Sie will sich keine Blöße geben, lieber keine Fragen zu ihrem Lebensgefährten Florian Silbereisen beantworten. Auf dem Tischchen steht eine Etagere mit Pralinen. Helene Fischer wird keine anrühren.

 

chilli: Frau Fischer, kennen Sie den Roman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf?
Helene Fischer: Nein, den kenne ich nicht.

Helene Fischer wird am 14. November mit dem Medienpreis "Bambi" in der Kategorie "Musik" geehrt. In der Jury-Begründung heißt es: "Sie ist die ungekrönte Königin des deutschen Schlagers, ihr größtes Kapital sind ihr natürlicher Charme und ihre einprägsame, klare Stimme, die an die junge Barbra Streisand erinnert. Helene Fischer singt sich mit ihren Liedern über die Liebe mitten ins Herz ihrer Fans."

 

chilli: Im Roman geht es um einen 14-jährigen Jungen aus gutem Haus, der seine Sommerferien alleine verbringen muss. Freunde hat er nicht. Doch dann taucht „Tschick“ bei ihm auf, ein ziemlich verwahrloster Spätaussiedler aus Russland, der vor Kurzem in seine Klasse gekommen ist. Mit einem geklauten Lada machen sich die beiden auf den Weg …
Fischer: Sie erzählen mir jetzt aber nicht das ganze Buch (lacht).

 

chilli: Nein, aber die Geschichte passt ganz gut. Auch Sie sind Russlanddeutsche, kamen mit Ihren Eltern als Kind aus Sibirien in ein Dorf in Rheinland-Pfalz. „Tschick“ schlägt wie vielen Russlanddeutschen eine Menge Ablehnung entgegen. Erging es Ihnen und ihrer Familie ähnlich?
Fischer: Ich war noch sehr klein und habe keine negativen Erfahrungen gemacht. Auch meine Eltern bekamen keine Vorurteile zu spüren. Jedenfalls erzählten sie mir nichts Derartiges. Sie versuchten, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Ihnen war es sehr wichtig, dass wir zu Hause Deutsch miteinander sprechen. Zum einen, um es selbst noch schneller zu lernen, zum anderen, um sich so deutsch wie möglich zu fühlen.

 

chilli: In „Tschick“ bricht der jugendliche Held aus der ihm vertrauten Welt aus, rebelliert gegen die Regeln der Erwachsenen. Hatten Sie als Teenager auch eine rebellische Phase?
Fischer: Mir wurden von meinen Eltern nie so viele Grenzen gesetzt, ich durfte mich frei entfalten. Deshalb vermisse ich heute auch nichts. Nein, eine Rebellionszeit hatte ich eigentlich nicht.

 

chilli: In Texten von Kollegen fallen im Zusammenhang mit Ihnen fast immer Worte wie „makellos“ und „perfekt“. Ganz schön langweilig, oder?
Fischer: Ach, in solchen Begriffen kann ich mich nicht unbedingt wiederfinden. Da muss ich eher schmunzeln.

 

chilli: Sie kultivieren dieses Image aber schon selbst. Andernfalls würden Journalisten nicht so über Sie schreiben.
Fischer: Natürlich habe auch ich meine Macken. Auf meinem neuen Album gibt es deshalb sogar einen Song, in dem es heißt: „Wir feiern die Schwächen, wer ist schon fehlerfrei?“ Und ich versuche einfach, meinen Job so perfekt wie möglich zu machen, gehe sehr zielstrebig und professionell an meine Arbeit heran. Das hat für mich etwas mit Respekt gegenüber meinem Team und meinem Publikum zu tun. Wenn in der Presse dann am Ende so etwas wie „Miss Makellos“ herauskommt, na gut.

Makellos? Helene Fischer bezeichnet sich selbst lieber als "sehr zielstrebig und professionell".

 

chilli: Journalisten finden einen Künstler mit Bruchstellen eben spannender.
Fischer: (lacht) Ich weiß.

 

chilli: Wäre es für Sie selbst nicht befriedigender, in den Medien weniger glatt zu erscheinen?
Fischer: Was Außenstehende als glatt empfinden, fühlt sich für mich einfach richtig an. Ich bin so wie ich bin und kann nicht plötzlich … (überlegt)

 

chilli: … die Möbel im Hotelzimmer zerschlagen?
Fischer: Zum Beispiel. Oder etwas tun, nur damit die Journalisten zufrieden sind. Natürlich habe auch ich meine Ecken und Kanten.

 

chilli: Wir würden gerne wissen, was Sie antreibt. Was ist Ihre Motivation, Schlager zu singen?
Fischer: In erster Linie, weil mir mein Beruf so viel Spaß macht, mich so sehr erfüllt. Ich stehe wahnsinnig gerne auf der Bühne. Das Publikum, meine Fans – das ist mein größter Antrieb. Ich versuche, sie glücklich zu machen. Und sie machen mich glücklich, wenn ich die Freude in ihren Gesichtern sehe.

 

chilli: Jeder Musiker, jeder Autor gibt dem Publikum etwas über sich selbst preis, oft auch die eigene Verletzlichkeit. Wann sind Sie zuletzt verletzt worden?
Fischer: Natürlich habe ich meine Erinnerungen, meine Bilder im Kopf. Wenn ich singe, krame ich auch in meinem Gedankenschatz, um Gefühle zu transportieren. Ein Teil der Songs auf meinem aktuellen Album sind autobiografisch. In den anderen erzähle ich Geschichten, so wie ich sie empfinde.

 

chilli: Muss eine Schlagersängerin, die über eine unglückliche Liebe singt, dieses Gefühl nicht auch selbst erfahren haben?
Fischer: Ja, aber ich muss trotzdem nicht zwischen zwei Männern gestanden haben oder verlassen worden sein, um dieses Gefühl nachempfinden zu können.

 

chilli: Schlager ist gerade wieder in, gilt sogar als cool. Heino singt auf einmal Rammstein-Songs. Warum surft der Schlager gerade auf einer Erfolgswelle?
Fischer: Das liegt auch an jungen Schlagersängern wie Andreas Gabalier oder Beatrice Egli. Gerade Andreas Gabalier verbindet Heimatgefühl mit rockigen Elementen. Er hat das, was es schon immer in der volkstümlichen Musik gab, modernisiert und für junge Leute zugänglich gemacht. Ich glaube, dass sich der Schlager weiter und noch stärker an Popmusik orientieren wird.

Schlager? Pop? Dance? Helene Fischer kennt auf ihrem neuen Album "Farbenspiel" keine Grenzen.

 

chilli: Das trifft auch auf Ihre Musik zu …
Fischer: Ja, die Songs auf meinem neuen Album sind teilweise sehr dancelastig, weil ich gemerkt habe, dass die Leute Spaß haben, wenn wir zum Beispiel bei meinen Konzerten gemeinsam feiern.

 

chilli: Ist das, was Sie machen, überhaupt noch Schlager?
Fischer: Ich mag dieses Schubladendenken nicht. Ich bezeichne mich als Sängerin und Entertainerin. Ehrlich gesagt, blickt doch keiner mehr durch, wo die Grenzen zwischen Schlager und Pop verlaufen. Am liebsten würde ich einfach als Helene Fischer wahrgenommen werden.

 

chilli: Die Musik ist das eine. Das andere sind Ihre Bühnenshows. Sie orientieren sich schon länger an amerikanischen Popstars wie Beyoncé oder Pink und ihren spektakulären Auftritten. Geht die Musik dabei nicht unter?
Fischer: Ich achte schon darauf, dass die Show nicht die Musik erschlägt, dass mein Publikum auch Helene Fischer bekommt. Es wäre schade, wenn die Fans am Ende einer Show nicht über mich mehr erfahren.

 

chilli: Was erfahren die Fans über Sie?
Fischer: Ich singe ja nicht nur meine Lieder, sondern auch Songs von Künstlern aus anderen Genres. Zu diesen Liedern habe ich eine besondere Verbindung, weil ich mit ihnen groß geworden bin oder weil es eine Geschichte zu ihnen gibt. Ich bringe auch Kinderlieder und Disney-Songs auf die Bühne. Das ist eine Welt, in die ich mich gerne hineinträume. Das biete ich meinen Fans an, und sie sind dankbar dafür.

 

chilli: Sie schreiben Ihre Songs nicht selbst. Empfinden Sie das nicht als Manko?
Fischer: Gar nicht. Es gibt genügend Künstler, die nicht selber schreiben. Viele Singer/Songwriter nutzen das als Therapie. Sie wollen, dass ihr Publikum in ihre Seele blickt. Ich selbst bin ein großer Fan von Künstlern, die das können. Mein innerer Drang, selbst zu texten, war dagegen noch nie so groß.

 

chilli: In einem Ihrer neuen Songs beschreiben Sie den Wunsch, in „zerrissenen Jeans“ um die Häuser zu ziehen. Wann haben Sie das zuletzt gemacht?
Fischer: Solche Texte sind doch eher Bilder. Da beschreibe ich eine Welt, in die sich der Zuhörer beamen kann, so wie bei „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens. An dieses Lied muss ich oft denken, wenn ich den Song singe, den sie gerade ansprechen. Er ist eine Metapher dafür, dass man auch mal ausbrechen will.

Einfach mal ausbrechen? Für Helene Fischer schwierig. Aber: "Den Wunsch, etwas Verrücktes zu tun, habe ich auch hin und wieder", sagt die Sängerin.

 

chilli: Gelingt es Ihnen, auch mal loszulassen und etwas Verrücktes zu tun?
Fischer: Natürlich nicht in der Form wie anderen Menschen in meinem Alter. Ich muss ja aufpassen, was ich mache, sonst steht es am nächsten Tag in der Zeitung. (lacht) Aber ja, den Wunsch, etwas Verrücktes zu tun, habe ich auch hin und wieder.

 

Helene Fischer auf Deutschland-Tournee:

25.09.2014, Riesa, Erdgas Arena
27.09.2014, Frankfurt, Festhalle
28.09.2014, Frankfurt, Festhalle
30.09.2014, Oberhausen, KöPi-Arena
01.10.2014, Oberhausen, KöPi-Arena
03.10.2014, Bremen, ÖVB-Arena
04.10.2014, Bremen, ÖVB-Arena
06.10.2014, Leipzig, Arena
07.10.2014, Leipzig, Arena
09.10.2014, Hannover, TUI Arena
10.10.2014, Hannover, TUI Arena
27.10.2014, Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle
28.10.2014, Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle
30.10.2014, München, Olympiahalle
31.10.2014, München, Olympiahalle
02.11.2014, Köln, Lanxess Arena
03.11.2014, Köln, Lanxess Arena
05.11.2014, Mannheim, SAP Arena
06.11.2014, Mannheim, SAP Arena
08.11.2014, Hamburg, o2 World
09.11.2014, Hamburg, o2 World
12.11.2014, Berlin, o2 World
13.11.2014, Berlin, o2 World

 

Text: Tobias Köberlein / Fotos: Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst