Er kann schon ziemlich komisch sein. Und meistens ist es sogar egal, was Helge Schneider sagt oder tut, die Leute lachen über ihn. Seit er 1993 mit „Katzeklo“ die Charts eroberte, gilt der heute 57-Jährige als einer der genialsten Quatschmacher, begnadetsten Jazzmusiker und größten Entertainer Deutschlands. Er ist ein Multitalent, das zuletzt wieder fleißig war: Er ist in München, um seinen neuen Film „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ (Starttermin: Oktober) auf dem Filmfest zu präsentieren und sein neues Album „Sommer, Sonne, Kaktus!“ vorzustellen. Beim Interview im Hotel Bayerischer Hof ist Schneider dann auch komisch. Seine Antworten sind manchmal schnippisch kurz, meistens trocken, sein Ruhrpott-Dialekt stets schnodderig. Aber zum Lachen ist ihm nicht immer. Etwa wenn es um Themen wie Fernweh und Fernsehen, Luxus und seine Liebe zur Natur geht.

Eines von Deutschlands lustigsten und genialistes Multitalenten: Helge Schneider veröffentlicht sein neues Album "Sommer, Sonne, Kaktus!".

 

chilli: Werden Sie oft von Fernweh geplagt?
Helge Schneider: Ja, ein bisschen. Nicht unbedingt nach der Ferne. Aber so, dass ich weg will.

chilli: „Sommer, Sonne, Kaktus!“ ist ja eigentlich ein Fernwehsong …
Schneider: Ja, Sehnsuchtssongs sind ja auch wichtig. Wie heißt es doch … Wüstensand oder so.

chilli: „Brennend heißer Wüstensand“?
Schneider: So was. Oder „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ (lacht). Das ist ja auch ein Sehnsuchtssong. (lacht)

chilli: Ihr neues Album ist in Ihrem Haus in Spanien entstanden. Flüchten Sie vor dem schlechtem Wetter in Deutschland?
Schneider: Nö, das habe ich nie gemacht. Erst seitdem ich dieses kleine Reihenhaus in Spanien habe, bin ich öfter mal da. Ich bin auch schon zwei, drei Mal Weihnachten und Silvester dagewesen. Aber ich war schon immer ein Weihnachtsmuffel. Für Silvester gilt dasselbe. Denn was ganz sympathisch ist: In Spanien, dort wo ich bin, wird nicht geknallt. Keine Raketen. Auch schön.

chilli: Brauchen Sie Ruhe beim Arbeiten?
Schneider: Ja, da brauche ich innere Ruhe. Und äußere Ruhe. Nicht abgelenkt sein, sondern auf das Wesentliche konzentriert. Und vielleicht wäre ich auch nie auf die Idee gekommen so weit wegzuziehen, wenn ich hier nicht so berühmt wäre. Denn egal, wo ich hinkomme, heißt es immer gleich „Hallo Helge!“, und Leute klopfen mir auf die Schulter. Aber man braucht auch eine normale Welt.

chilli: Ihr letztes Album mit neuen eigenen Songs liegt bereits sechs Jahre zurück. Warum haben Sie vergleichsweise so lange gebraucht?
Schneider: Naja, wenn man schon so viele Songs gemacht hat, dann ist man irgendwann eben auch erschöpft. Dann muss man warten, bis was Neues kommt.

chilli: Also lag es nicht an Ihrer Faulheit, die Sie sich selbst schon unterstellt haben?
Schneider: Nein, ich bin ja gar nicht faul. Ich bin nur von Natur aus faul. Das heißt: Ich mache zwar viel, aber bestimmte Sachen fange ich erst gar nicht an.

chilli: Das müssen Sie erklären …
Schneider: Naja, andere Leute sitzen stundenlang am Schreibtisch und erfinden Texte – und ich mach gar nichts. Ich schreib kurz was auf, gehe dann ins Studio und singe trotzdem etwas Anderes. Das ist es dann. Und das muss ich auswendig lernen. Dabei darf ich dann nicht faul sein. Ich hatte kürzlich einen Auftritt im Fernsehen, da musste ich „Sommer, Sonne, Kaktus!“ singen. Und ich konnte den Text echt nicht noch mal so singen, wie ich ihn im Studio gesungen hatte. Ich musste mir das wirklich hundert Mal anhören, bis ich das auswendig konnte. Aber ich bin insofern dann doch wieder faul, weil ich das auf den letzten Drücker mache.

chilli: Zeigt sich Ihre Faulheit auch privat?
Schneider: Keine Ahnung … Ich räume immer auf und so. Ich hab schon immer gerne Ordnung. Aber ich habe keinen Putzfimmel. Ich putze so, dass es sauber ist.

chilli: Müssen Sie Ihre Kinder zur Ordnung anhalten? Zum Zimmer aufräumen auffordern?
Schneider: Das brauche ich gar nicht. Das machen die von selbst. Aber ich hab das als Kind auch gemacht – Teppiche gerade gerückt und so. Das ist wohl vererbt.

chilli: Lassen Sie Ihren Kindern viel durchgehen?
Schneider: Das weiß ich nicht … Als ich klein war, gab’s viele Sachen, die man nicht durfte. Und die waren so absurd, das einem das heute kaum mehr einfällt. Nach dem Motto: Zieh den Kragen über den Pullover … So was hat man früher eben so gesagt. Man musste nach außen was darstellen. Heute brauchst du nach außen ja nichts mehr darzustellen. (lacht)

chilli: Sie arbeiten nach dem Motto: „Mach etwas, das dir Spaß macht – und steh dazu“. Versuchen Sie das auch Ihren Kindern zu vermitteln?
Schneider: Ja, klar. Wie auch immer – ob mit Worten oder mit der Art, wie ich es vorlebe. Aber ich stelle mich nicht hin und sag: „So und so ist das Leben!“. Das mache ich nicht. Einer hatte kürzlich mal schlechte Noten in Mathematik. Dann sag ich auch: „Mathematik ist nicht wichtig. Aber wenn du was nicht kannst, dann lern es einfach.“ Fertig. Früher war das anders, da hätte man gesagt: „Was? Du bringst ‘ne Fünf nach Hause? Pass mal auf, ich zieh dir jetzt die Ohren lang!“. Prügelstrafe und kein Taschengeld, so was.

Helge Schneider genießt die Ruhe in seinem spanischen Ferienhaus: "Denn egal, wo ich hinkomme, heißt es immer gleich 'Hallo Helge!' und Leute klopfen mir auf die Schulter. Das geht einem manchmal zwar nicht so auf den Wecker, aber man braucht auch eine normale Welt."

 

chilli: Also keine drakonischen Strafen im Hause Schneider?
Schneider: Nein. Aber da fällt mir ein: Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt Taschengeld gibt. (lacht)

chilli: Gibt es etwas, das Sie im Nachhinein bereut haben?
Schneider: Eigentlich nur im Familienleben. Aber das ist ja praktisch privat. Natürlich denkt man sich da bei manchen Dingen: „Mensch, hätte ich das damals anders gemacht!“. Das ist ja ganz klar. Aber bei beruflichen Sachen finde ich so eine Einstellung schnöselig. Man muss zu seinen Fehlern stehen. Das gehört einfach zu einer Entwicklung.

chilli: Das passt zu einer Aussage von Ihnen. Sie sagten mal, dass Eindrücke, die man nicht konserviert, letztendlich nachhaltiger sind …
Schneider: Auf jeden Fall! Nur ein Beispiel dafür: Ich ging neulich durch Wien. Vor mir war ein Japaner, der alles fotografierte. Er hatte sein Auge ständig hinter dem Apparat. Ich hab dann überlegt: Wenn sie ihm jetzt den Chip klauen, und er ist wieder zu Hause, dann hat er von Wien keine Erinnerungen. Das ist alles weg.

chilli: Nervt Sie das auch bei Konzerten …
Schneider: Ja, furchtbar. Diese Idioten mit ihren Handys! Manchmal muss ich darauf hinweisen, und trotzdem halten sie die Dinger weiter hin. Das ist für das Konzert nicht gut und für die Leute ist es noch schlechter.

chilli: Sie sagten mal, dass Sie Dinge, die Sie nerven, einfach nicht mehr machen. Galt das auch für Ihre Talkshow beim WDR, die nur zwei Folgen lang lief?
Schneider: Ja.

chilli: Gab’s einen Grund?
Schneider: Ich hatte keine Lust.

chilli: Generell aufs Fernsehen?
Schneider: Im Fernsehen bin ich manchmal, wenn ich eingeladen bin, ganz gerne. Leute kennenlernen und so. Aber der große Showmaster sein? Da habe ich keine Lust zu. Ich bin eher Kino. Denn es ist eine künstlerische Arbeit, einen Film fertigzustellen. Das ist sehr verwandt mit dem, was ich auf der Bühne mache.

chilli: Was bietet Ihnen der Film, was die Bühne nicht kann?
Schneider: Auf der Bühne kann ich fantasieren. Ich kann Bilder hervorrufen, die ich im Film nicht zeigen kann. Filme mache ich gerne, um auszureizen, was möglich ist. Da kann ich zu den Bildern Musik und Töne dazubringen. Das kann ich wiederum auf der Bühne nicht. Aber es ist unschlagbar, auf der Bühne eine Geschichte zu erzählen. Es ist so, als ob man ein Buch liest: Auf der Bühne kann die Fantasie frei wirken. Wenn man sich dann noch als Plattform für diese Fantasien hinstellt, dann macht das unheimlichen Spaß, wenn die Leute zum Beispiel lachen.

chilli: Und die Leute lachen eigentlich immer über Sie. Sie genießen absolute Narrenfreiheit beim Publikum und scheinen dabei den Luxus zu genießen, nur das zu tun, was Sie wollen …
Schneider: Da verneine ich mal. Ich muss zum Beispiel Tourneen machen, um Geld zu verdienen. Weil ich Steuern zahlen muss. Und dann ist man in dieser Mühle drin. Ich kann nicht sagen, dass ich genug Geld habe, um mich zur Ruhe zu setzen. Ich muss arbeiten. Ich muss auf Tournee gehen. Denn wenn ich einen Film mache, verdiene ich daran nichts. Da geht viel Geld weg. Und auch für die Instrumente. Da hab ich ja ein Faible dafür. Da kauf ich mir hier eine neue Gitarre, da einen neuen Flügel, das kostet ja einen Haufen Geld. Und auf eine gewisse Weise bin ich nur ein Arbeiter. Ich mache nur mein Handwerk sehr gut und verdiene dafür sehr viel mehr Geld als andere Leute, die auch Klavier spielen. Ich gebe zwar auch Geld für irgendeinen Humbug aus. Aber ich muss auch wahnsinnig viel Steuern zahlen.

chilli: Aber das dient ja auch dem Gemeinwohl …
Schneider: Natürlich! Ich bin heute schon gefragt worden, ob ich für die Flutopfer spende. Aber ich bin sehr zurückhaltend, was das angeht. Ich möchte meine Aufgabe als Künstler in dieser Gesellschaft erfüllen und nicht von links oder rechts angequatscht werden, ob ich jetzt mal was spenden will. Wenn ich was spende, dann sollte das geheim sein. Ich würde das nie öffentlich machen, um „der gute Helge“ zu sein.

chilli: Was ist Luxus für Sie?
Schneider: Sachen, die man echt nicht braucht. Das ist Luxus.

chilli: Besitzen Sie Sachen, die Sie nicht brauchen?
Schneider: Ich hab neulich mal eine komische Werbung gesehen, die hatte mit Luxus zu tun. Irgendwie mit einem Auto. Es ging darum, dass Luxus komfortabel sein muss. Und ich dachte mir: „Uh, dann kann ich mir ja einen unheimlichen Sportwagen kaufen, denn der ist ja nicht komfortabel und somit kein Luxus!“ (lacht).

chilli: Also ist Luxus nur eine Definitionssache?
Schneider: Ja, nehmen sie zum Beispiel diese Zeitschrift hier auf dem Tisch, die heißt „Luxos“. Man braucht nur mal reinzuschauen (schlägt die Zeitschrift auf, d. Red.) … Hier ist so ein silberner Rolls-Royce drin, so einen hatte der Mooshammer auch. Ich hab ihn sogar mal darin gesehen und dachte: Tolles Auto! Aber ist das Luxus oder nicht, sich einen Rolls-Royce zu kaufen? Ich weiß es nicht. Wenn man 200.000 Kilometer im Jahr fährt, kann es auch Luxus sein, diese Strecke zu Fuß zu gehen. Ich glaube, Zeit ist Luxus. Zeit an sich.

chilli: Den Luxus, mit Ihrer Kunst Geld zu verdienen, hatten Sie nicht immer. Sie arbeiteten in Ihrer Jugend als Straßenfeger, Maurer … Was war Ihr schlimmster Job?
Schneider: Keiner. Höchstens der anstrengendste. Um Bordsteine zu setzen, habe ich nicht die richtige Figur (lacht). Und Mauern war anstrengend für die Hände, weil man eigentlich nicht mehr Klavier spielen kann, wenn man das längere Zeit macht. Aber die Arbeit als Landschaftsgärtner – die ist das Anstrengendste, was man sich vorstellen kann. Das wissen viele Leute nicht, aber Gärtner ist einer der anstrengendsten Berufe.

chilli: Sie gelten als naturverbunden. Wäre Gärtner ein Job für Sie gewesen?
Schneider: Nein, ich hörte damals auch schnell wieder auf, weil ich merkte, dass da andere Gesetze gelten. Und zwar die Gesetze der Ordnung im Straßenverkehr. Das passt einfach nicht zu meiner Vorstellung von dem, was ein guter Gärtner macht. Es gab bei uns daheim so ein verwildertes Tal, in dem wir als Kinder oft gespielt hatten. Irgendwann wurde es planiert, der alte Baumbestand musste weg, neue Bäume wurden gepflanzt, ein Bach wurde begradigt. Und wenn man das heute sieht, nach 40 Jahren, dann sieht man nur einen gepflanzten Garten, der verwildert ist. Ich finde, so etwas ist nicht der Sinn der Sache. Wenn man Landschaftsgärtner ist, muss man nicht unbedingt naturverbunden sein. Das ist ein Beruf wie Reifen-Galvanisateur oder Feinmechaniker. Nichts gegen diese Berufe.

Vor 20 Jahren schaffte Helge Schneider mit "Katzeklo" seinen Durchbruch. das Lied bedeutet ihm heute "viel Freiheit für mich, um das zu machen, was ich jetzt mache".

 

chilli: Ihren Durchbruch als Musiker feierten Sie schließlich mit „Katzeklo“. Das war vor genau 20 Jahren. Was bedeutet Ihnen das Lied heute?
Schneider: Es bedeutet viel Freiheit für mich, um das zu machen, was ich jetzt mache. Und ich spiele das Lied auch immer noch gern bei Konzerten, ich modulier das ja auch immer.

chilli: Bei allem Quatsch sind Sie ja auch ein versierter Jazzmusiker. Würden Sie sich freuen, wenn Sie Ihre Fans durch Ihre Musik auch Jazz näherbringen?
Schneider: Mit Sicherheit. Aber so etwas erfahre ich dann ja nicht. Vielleicht gibt es einen Trend, den man dann mit ins Leben ruft. So was ist schon oft passiert. Dass ich im Nachhinein feststellte, dass etwas, was ich gemacht habe, etwas ausgelöst hat. Zum Beispiel meine Art zu sprechen und so was. Insofern könnte man mich als Trendsetter bezeichnen. (lacht)

Helge Schneider auf Deutschland-Tournee:

16.08., Neubrandenburg, Jahnsportforum
17.08., Schwerin, Freilichtbühne
18.08., Braunschweig, Volksbank BraWo Bühne
21.08., Dresden, Filmnächte am Elbufer
23.08., Köln, Tanzbrunnen
24.08., Hannover, Gilde Parkbühne
25.08., Leipzig, Parkbühne
28.08., Bochum, Zeltfestival Ruhr
30.08., Hamburg, Stadtpark
31.08., Kiel, Krusenkoppel
01.09., Rostock, IGA Parkbühne
05.09., Berlin, IFA Sommergarten unterm Funkturm
06.09., Görlitz, Kulturbrauerei
11.12., München, Philharmonie im Gasteig
13.12., Trier, Arena
14.12., Saarbrücken, Saarlandhalle
15.12., Düsseldorf, Tonhalle
16.12., Aachen, Eurogress
17.12., Siegen, Siegerlandhalle
18.12., Mülheim, Stadthalle
19.12., Mülheim, Stadthalle
20.12., Mülheim, Stadthalle
27.02., Münster, Halle Münsterland
03.03., Frankfurt-Hoechst, Jahrhunderthalle
07.03., Ravensburg, Oberschwabenhalle
09.03., Karlsruhe, Schwarzwaldhalle
15.03., Bremen, Halle 7

Text: Stefan Weber / Fotos: Michael Zargarinejad / Universal Music
Quelle: teleschau – der mediendienst