Vom Arbeitsamt auf die große Weltbühne – diesen Weg legte das britische Synthie-Popduo Hurts quasi über Nacht zurück. Sowohl mit ihrer Single „Wonderful Life“ als auch mit dem Debütalbum „Happiness“ gelang es Sänger Theo Hutchcraft und Keyboarder Adam Anderson 2010, in Deutschland Platz zwei der Charts zu erobern. Am 8. März erscheint nun ihr zweites Album „Exile“. Ihren gut gescheitelten Haaren und schwarzen Anzügen sind die beiden Musiker weiterhin treu, das Gefühl, ein Verlierer zu sein, prägt Hurts immer noch. Und das, obwohl sich ihr Privatleben durch den Erfolg radikal veränderte: Hutchcraft datete das britische It-Girl Alexa Chung, war kurz mit Burlesque-Star Dita Von Teese liiert. Ein Gespräch über alten und neuen Luxus, berühmte Fans, verrückte Reisen und teure Frauen.

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chilli: Können Sie Ihren Hit „Wonderful Life“ überhaupt noch hören?
Theo Hutchcraft: Na klar! Ich singe ihn immer noch gerne. Er bedeutet heute mehr als damals, denn es kleben Erinnerungen daran.
Adam Anderson: Und die Stimmung des Songs repräsentiert immer noch bestens, wer wir sind. Davon haben wir uns nie verabschiedet.

chilli: Vor drei Jahren hat Sie der Song von arbeitslosen Verlierern zu erfolgreichen Popstars katapultiert. Wie bewerten Sie das rückblickend?
Hutchcraft: Es fühlt sich an, als wäre das Ewigkeiten her. Aber es ist immer noch Teil davon, wer wir sind. Wir sind immer noch Verlierer im Herzen!
Anderson: Selbst als wir das neue Album schrieben, war das Gefühl, die Verlierer vom Dienst zu sein, wieder da. Es ist uns stets präsent, was alles schiefgehen kann.
Hutchcraft: Aber wir können den Erfolg trotzdem genießen und gaben uns auch wirklich viel Mühe, keine Party auszulassen! (lacht) Die letzten Jahre waren in der Tat ein wundervolles Leben, das wir uns nicht besser hätten erträumen können.

chilli: Fühlen sich Hurts respektiert von anderen Popstars?
Hutchcraft: Für mich ist es ehrlich gesagt immer eine Überraschung, wenn ein anderer Künstler, den wir lieben, zu uns kommt und uns Komplimente macht. Ein Teil von mir glaubt diesen Menschen nie und will dann fragen: „Wirklich? Aber warum zum Teufel magst du uns denn, du bist doch so cool?“
Anderson: Ich glaube es nie!

chilli: Bei wem war das denn zuletzt der Fall?
Anderson: Bei Noel Gallagher – und es fühlte sich merkwürdig an. Aber wer weiß, vielleicht mag er uns auch nur, weil seine Freundin uns mag.

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chilli: Geld müssten Sie ja inzwischen genug haben. Müssen Sie überhaupt noch Musik machen?
Hutchcraft: Ja, immer!
Anderson: Auf das Geld kommt es uns doch gar nicht an.
Hutchcraft: Das Komische ist ja: Wir hatten als arme Schlucker genauso viel Spaß am Musikmachen und arbeiteten genauso hart dafür. Das Geld lässt uns also nicht mehr Spaß haben. Es bedeutet nur, dass wir uns keine Sorgen machen müssen.
Anderson: Theo isst seinen Thunfisch übrigens immer noch mit der Gabel aus der Dose.

chilli: Wofür haben Sie Ihr Geld denn ausgegeben?
Anderson: Für teureres Brot!
Hutchcraft: Schuhe, Drinks und Taxis. Ich fuhr auch viel in Urlaub und lud Leute zu Verabredungen ein – das geht ins Geld.

chilli: War Ihre Ex-Freundin, Burlesque-Star Dita Von Teese, denn so teuer?
Hutchcraft: (lacht) Ja, genau! Alle Frauen sind teuer!

chilli: Hilft es eigentlich, Songs mit gebrochenem Herzen zu schreiben?
Hutchcraft: Ich denke schon. Es hilft, etwas zu wollen oder nach etwas zu suchen. Man muss ein wenig am Rande der Verzweiflung sein, um Songs zu schreiben. Wir schreiben jedenfalls immer die besten Lieder, wenn wir so sind oder uns so fühlen.

chilli: Wie viele Lieder haben Sie denn 2012 nach Ihrer Trennung von Dita Von Teese geschrieben?
Anderson: (lacht) So um die 63 würde ich mal schätzen?
Hutchcraft: Dafür brauche ich keine Dita! Ich werde auch immer von Leuten, die mich gut kennen, gefragt, ob dieser oder jener Song gewisse biografische Vorkommnisse behandelt. Aber so ist es nicht.

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chilli: Worum geht es dann auf dem neuen Album „Exile“?
Hutchcraft: Ich denke, wenn unser Debüt die Liebe zum Thema hatte, behandelt „Exile“ nun eher Sex und Tod. Das ist mir allerdings auch erst aufgefallen, nachdem die Platte fertig war. Die Themen sind schwerer und teilweise viel extremer. Es wird sich für die Zukunft nicht mehr so viel ersehnt und erhofft – das Album ist eher eine Momentaufnahme.

chilli: Wie erklären Sie sich diesen Wandel?
Hutchcraft: Es ist definitiv ein Spiegel unserer Leben in den letzten Jahren. Jeden Tag gab es großes Theater! Deshalb fühlt sich diese Platte lebendiger und aufregender an. Songs wie „Mercy“, „Cupid“ oder die Single „Miracle“ haben etwas Wildes, was sicherlich damit zu tun hat, dass wir viel live spielten und herumreisten und auch Abgründe gesehen haben. Das Album ist dramatisch, dunkel und intensiv.
Anderson: Unser Debüt „Happiness“ war noch ziemlich kontrolliert. Es wäre für uns nicht authentisch gewesen, dasselbe Album noch einmal zu machen. Denn wir sind auch nicht mehr arbeitslos. Das heißt aber nicht, dass wir jeden Tag glücklich sind. Wir haben immer noch unsere Hochs und Tiefs wie jeder Mensch. Drei Jahre diese verrückten Reisen rund um den Planeten gemacht zu haben, musste Stoff für die neuen Songs liefern – und das tat es auch. Und natürlich hat es auch geholfen, dass wir bessere Musiker geworden sind.

chilli: Einige Stücke klingen, als wollten Hurts die nächsten Depeche Mode werden …
Hutchcraft: Es ist unmöglich, in ihre Fußstapfen zu treten!
Anderson: Wir hatten vor Jahren wirklich mal eine Phase, in der wir versuchten zu analysieren, wie sie verdammt noch mal diesen Sound hinbekommen. Aber dann kam uns der eigene Durchbruch dazwischen.
Hutchcraft: The Cure, Nine Inch Nails, Björk und Depeche Mode – das sind Bands, die wir lieben und denen wir immer auf gewisse Weise nacheifern werden. Sie klingen nicht unbedingt wie wir, aber sie machen dunkle, interessante Musik auf poppige Art. Das ist auch unser Anliegen.

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chilli: In dem vorab veröffentlichten Video zu „The Road“ gibt es S&M-Szenen zu sehen. Wollten Sie damit bewusst irritieren?
Hutchcraft: Für uns gingen Musik und Videos immer Hand in Hand. Die visuelle Repräsentation ist für unsere Band existenziell. Das sah man seinerzeit im Clip zu „Wonderful Life“. Wir haben uns weiterentwickelt und verändert, deshalb gibt es ein neues visuelles Element, das definiert, wer wir heute sind. Es ist extremer.

chilli: Aber den Second-Hand-Anzügen bleiben Hurts treu?
Hutchcraft: Nein, wir tragen nun Klamotten, die halten! Wir haben Leute gefunden, die die besten schwarzen Klamotten der Welt fertigen. Wir bekommen von jedem Teil gleich einen ganzen Schwung. Ich habe diese Hose hier fünf Mal. Es ist viel einfacher so.
Anderson: Vielleicht werden wir irgendwann doch mal kurze Hosen und T-Shirts tragen, um alle zu überraschen. Oder Hawaii-Hemden für einen Tag.
Hutchcraft: So wie in „Pulp Fiction“ – das wäre ein Spaß!

chilli: Vor Ihrem Durchbruch hatten Sie kaum Erfahrung mit Liveauftritten. Wie empfinden Sie das heute?
Hutchcraft: Nun, es ist immer noch merkwürdig, wenn man auf die Bühne geht. Denn es bedeutet, dass du nicht mehr für dich da bist, sondern für alle anderen. Es ist ein großartiges Gefühl, dort zu stehen, um Leute zu unterhalten und ihnen die Person zu geben, die sie sich von dir wünschen. Aber wenn man mal einen schlechten Tag hat, ist es schwierig, das alles in Einklang zu bringen.
Anderson: Bei mir bringen Konzerte das Beste und das Schlimmste zum Vorschein. An den meisten Tagen habe ich die Zeit meines Lebens, und es ist das Beste überhaupt. Doch manchmal ist es eine so introspektive Erfahrung, dass ich es fast nicht mehr genießen kann. Ich habe sogar mal auf der Bühne geweint, aber ich glaube, da war ich betrunken. Ich bin auch schon dort oben eingeschlafen, das war in Kiew. Immerhin habe ich mich dafür entschuldigt.

chilli: Und Theo hat Sie dann aufgeweckt?
Anderson: Ja, sein Gesang war auf Dauer dann doch etwas zu laut.

 

Hurts auf Deutschland-Tournee:
14.03., Köln, Essigfabrik
15.03., München, Theaterfabrik
16.03., Hamburg, Uebel & Gefaehrlich

Fotos: Lawrence Ellis / Sony
Quelle: teleschau – der mediendienst