“Um Schwäche zu zeigen, braucht man Mut”

Mit weltweit 17 Millionen verkauften Alben und 20 Millionen Singles gehört der Brite James Blunt zu den erfolgreichsten Songwritern der Gegenwart. Mit „You’re Beautiful“ und „Goodbye My Lover“ gelangen dem mit zwei Echos dekorierten Künstler nicht nur Welthits, er lieferte damit auch die derzeit beliebtesten Lieder für Hochzeiten und Beerdigungen. Nun meldet sich der 39-Jährige mit seinem vierten Album „Moon Landing“ (VÖ: 18.10.) zurück. Lässig in Jeans, Turnschuhen und mit schwarzer, runder Sonnenbrille, die er höflicherweise abnimmt, kommt er zum Gespräch im Hotel Waldorf Astoria in Berlin. Dass es sein letztes Interview an einem langen Tag ist, merkt man dem ehemaligen Soldaten nicht an. Munter und schlagfertig erzählt er vom Mannsein, vom Jungsein und von Leuten, die ihm nicht gut gesonnen sind.

 

chilli: Haben Sie eigentlich Angst, dass Menschen genervt sind, wenn Ihre neue Single „Bonfire Heart“ vom Radio zu Tode gespielt wird? Bei „You’re Beautiful“ war es ja so …
James Blunt: Ach nein, und wenn schon …

Einer der erfolgreichsten Singer/Songwriter der Gegenwart: James Blunt veröffentlicht "Moon Landing".

 

chilli: Stören Sie die Nörgler etwa nicht?
Blunt: Sie meinen Menschen, die finden, dass meine Musik zu viele Emotionen hat und zu romantisch klingt? Nein! In der Kunst geht es um echte Emotionen. Außerdem bin ich nicht in einer Band, ich bin Solokünstler. Allein auf der Bühne vor 80.000 Leuten zu stehen oder wahlweise vor zehn Millionen Fernsehzuschauern und dort seine Seele zu entblößen, Schwächen zu zeigen, sich selbst und das Publikum nicht zu belügen, dazu braucht man viel Stärke und Selbstbewusstsein. Und es braucht Mut. Das sollten die Nörgler wissen.

 

chilli: Was ist denn da schiefgelaufen mit Ihrem Image?
Blunt: Genau genommen habe ich zwei Images: Einerseits das des ernsthaften, traurigen Klagemannes, was sich wohl vorrangig durch meine Musik transportiert. Ich werde als Balladentyp gesehen. Das sage ich nicht ohne Grinsen. Über Midtempo kam ich selten hinaus. Das liegt auch an der Art, wie ich Songs schreibe. Ich sitze allein mit der Gitarre da oder am Klavier, denke an meine Freunde, die gerade Spaß haben, und dann kommen automatisch diese melancholischen, reflektierenden Lieder heraus, die manchem übel aufstoßen.

 

chilli: Und was ist die andere Seite?
Blunt: In den Klatschblättern bin ich der Party-Löwe und Playboy, der in Ibiza mit den Models abfeiert. Aber die Leute, die das schreiben, kennen mich ja nicht wirklich.

 

chilli: Gingen Sie immer so relaxt damit um?
Blunt: Nein. Aber da kommt man hin, wenn man den Job eine Weile macht.

 

chilli: Ihre neue Platte bezeichnen Sie als Indie-Album.
Blunt: Ja, denn dies ist die Platte, die ich gemacht hätte, wenn sich mein Debüt „Back To Bedlam“ nicht verkauft hätte.

 

chilli: Heißt das auch, Sie wollen die Kontrolle über Ihre Karriere zurückgewinnen?
Blunt: Ich verlor die Kontrolle eigentlich nie. Ich traf diesmal einfach eine andere Wahl – aufgrund der explosionsartigen Erfolge der Vergangenheit. Ja, es stimmt, ich schrieb Songs für Riesenhallen, denn dort bin ich angekommen. Auf meinem letzten Album sind Stücke, die absolut cool sind, um sie live vor einem Riesen-Publikum zu spielen, was mir auch Spaß macht. Aber diesmal sagte ich: Lass uns Songs schreiben, die nicht für die große Bühne sind. Ich wollte ein Album für mich selbst machen – mit meinem ersten Produzenten Tom Rothrock als einziger Unterstützung. Er im Kontrollraum, ich im Studio und dazwischen eine Glasscheibe. Ganz so wie bei „Back To Bedlam“.

 

chilli: Und das Publikum war Ihnen egal?
Blunt:Im Studio musste es mir egal sein. Denn was weiß ich dort über das Publikum? Ich kann es nicht sehen. Ich weiß nicht, ob es gerade glücklich oder traurig ist. Ich nahm einfach Songs auf, die so sind wie der Blick in den Spiegel: Du schaust rein, siehst dich selber und kannst dich nicht belügen oder dir selbst etwas vormachen. Das Ergebnis ist ein einsames, isoliertes Album, das „Moon Landing“ heißt.

Zu gefühlige Songs? James Blunt versteht seine Kritiker nicht: "Echte Emotionen sind das, worum es in der Kunst geht!".

 

chilli: Sie behaupten, auf Ihrer neuen Platte wären Ihre persönlichsten Songs. Es ist offensichtlich, dass es darin viel um Liebe geht.
Blunt: Es handelt von Verbindungen, die wir als Menschen untereinander haben. Wir alle brauchen Beziehungen. Wir werden geboren, leben unsere Leben alleine, aber sind auf der Suche nach irgendeiner Art von Verbindung – ob das nun Freundschaft oder Liebe ist. Wir wollen, dass sich jemand um uns kümmert und dass wir uns um jemanden kümmern können. Das ist die menschliche Natur. „Bonfire Heart“ handelt nur davon. Im Text heißt es, dass wir nicht viel mehr im Leben brauchen als eine menschliche Verbindung, die das Feuer in unseren Herzen entfacht.

 

chilli: In dem Song „Heart To Heart“ singen Sie: „You make me feel like a boy, not like a man.“ Wann fühlen Sie sich wie ein kleiner Junge?
Blunt: Ach, ich bin immer einer. Ich bleibe so jung wie ich nur sein kann. Deshalb lebe ich in Ibiza – denn da gibt es das junge Leben. Auch das Leben auf Tour ist ein Spiel der kleinen Jungen. Wenn du mit einer Horde von Männern unterwegs bist und jeden Tag woanders, ist man weit entfernt vom Verhalten eines Erwachsenen.

 

chilli: Mit Ihrer neuen Kurzhaarfrisur sehen Sie übrigens tatsächlich jünger aus!
Blunt: Ich glaube, Sie haben Recht. Meiner Mutter gefällt sie auch.

 

chilli: Aber die besagte Zeile machen Sie nicht an einer bestimmten Situation fest?
Blunt: Wie gesagt, es sind alles echte Situationen. Es gibt nun mal Momente in meinem Leben, wo ich mir kindisch vorkomme, albern und jungenhaft.

 

chilli: Wann zuletzt?
Blunt: Ich fing gestern mit den Interviews fürs neue Album an. Vermutlich also den Tag davor, als es sich noch unbeschwerter lebte.

 

chilli: Ist Ihre Freundin Sofia ein Fan Ihrer Musik?
Blunt: Sie kommt zumindest ständig zu meinen Konzerten! Alle meine Freunde und meine Familie bezeichnen sich als meine Nummer-Eins-Fans. Aber sind sie ehrlich? Das habe ich noch nicht herausbekommen.

 

chilli: Haben Sie den Siegeszug von akustisch klingenden Bands wie Mumford & Sons in den letzten Jahren verfolgt?
Blunt: Nicht wirklich. Für mich war das schon immer der Stil, mit dem ich mich am wohlsten fühlte. Akustische Musik hat etwas Menschliches. Was mir aber während der Studiozeit in Los Angeles dämmerte und mich erschütterte, ist die Tatsache, dass es in Amerika gerade mal acht Leute sind, die 95 Prozent der Musik im US-Radio schreiben. Diese acht Leute feiern sich selbst. Es ist unglaublich traurig, dass an der Musik, die so vorherrschend ist, nur so wenige Leute beteiligt sind. Und wenn du diese Musik anhörst, ist es nicht mal ein Mensch, der sie gemacht hat, sondern ein Computer. Doch Kunst muss von Menschen gemacht werden. Ein Computer generiert keine Emotionen.

James Blunt fühlt sich nicht als sexy Performer: "Ich stehe auf einer Bühne, um mit den Leuten etwas zu teilen. Und ich bin ziemlich klein."

 

chilli: Meinen Sie denn, das Publikum hört den Unterschied?
Blunt: Ich denke schon. Wenn ich Musik mache, reicht es nicht, nur einen Knopf zu drücken. Ich muss das Instrument hochnehmen, es in meinen Händen halten und fühlen. Ich benutze oft Vintage-Instrumente, die haben eine ganze eigene Magie an sich. Und die Art, wie ich das Instrument spiele, wird anders sein als die Art, wie jemand anderes es spielen würde. Das ist die Schönheit daran. Handgemachte Musik überbringt echte menschliche Emotionen.

 

chilli: Im vergangenen Jahr gab es eine Falschmeldung, dass Sie einem Herzstillstand erlegen seien.
Blunt: Wenn man den News glauben würde, wäre ich schon drei Mal gestorben. Meine Antwort dazu auf Facebook war, dass der Himmel sehr wie London aussieht. Ich konnte nicht glauben, dass einige Zeitungen diese Fake-Meldung druckten.

 

chilli: Aber ein Schock war es nicht?
Blunt: Ach, das ist die Seite meines Jobs, die unter das Wort Unterhaltung fällt. Ich mache Musik, und nebenan lauert immer die Entertainment-Welt, die ihrer blühenden Fantasie freien Lauf lässt. Ich lass sie machen. Es kümmert mich nicht, so lange es sich nur um mich und nicht um meine Familie oder Freunde dreht. Denn in dem Fall wäre sofort mein Beschützergen geweckt.

 

chilli: Fühlen Sie sich eigentlich sexy, wenn Sie auf einer Bühne stehen und vom Publikum bewundert werden?
Blunt: Definitiv nicht. Ich stehe auf einer Bühne, um mit den Leuten etwas zu teilen. Und ich bin ziemlich klein. Wenn ich also nicht auf einer Bühne stände, wären sie gar nicht in der Lage, mich zu sehen.

 

James Blunt auf Deutschland-Tournee:

03.03., Berlin, O2 World
04.03., Hamburg, O2 World
05.03., Oberhausen, König-Pilsener-Arena
06.03., Frankfurt, Festhalle
08.03., Köln, Lanxess Arena
09.03., Lingen, Emsland Arena
10.03., Hannover, TUI Arena
11.03., Leipzig, Arena
13.03., München, Olympiahalle
14.03., Kempten, bigBox Allgäu
15.03., Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung
22.03., Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle

 

Text: Katja Schwemmers / Fotos: Warner
Quelle: teleschau – der mediendienst