„Ich bin ein Popschwein!“

Irgendwie schaffte Jan Delay stets den Spagat. Schon zu Beginn seiner Karriere, als Teil der Hamburger HipHop-Formation Absolute Beginner, war er gesellschaftkritischer Rapper und unterhaltsame Rampensau gleichermaßen. Er kritisierte Konsum, Konzerne und künstlerischen Ausverkauf, äußerte Verständnis für die links-autonome Szene seiner Heimatstadt. Gleichzeitig avancierte er dank seiner großartigen Funk-, Soul- und Reggae-Soloalben und mit Majorlabel-Unterstützung zum Massenphänomen. Er wirkte dabei stets glaubhaft. Man verzeiht ihm sogar in seiner Heimatstadt, dass er bekennender Fan von Werder Bremen ist. Denn Delay ist einer von den Guten, einer, den man uneingeschränkt mögen darf. Oder? Mit seinem neuen Album „Hammer und Michel“ veröffentlicht Jan Delay nun eine „Rockplatte“, die nicht nur Geschmacksfragen aufwirft. Ein Gespräch über coole und uncoole Rockmusik, das Verhältnis zwischen purem Entertainment und politischem Engagement und den neuesten Spagat, den der 38-Jährige zu bewältigen hat: gleichzeitig Popstar und Vater einer kleinen Tochter zu sein.

Feiner Zwirn statt Lederjacke: Auch auf seinem Rockalbum "Hammer & Michel" bleibt Rapper Jan Delay ganz der coole Entertainer.

 

chilli: Woher kommt eigentlich Ihre Begeisterung für Rockmusik? War das die Musik Ihrer Eltern?
Jan Delay: Nein, nicht wirklich. Aber sie hatten einen geilen Musikgeschmack. Und eine tolle Plattenkiste, an die ich immer ran durfte. Da gab’s keinen Spießerpapa, der sagte: Finger weg. Ich durfte mir die Musik aussuchen und mein eigener DJ sein. Mein Vater ist ein riesiger Frank-Zappa-Fan, meine Eltern hörten überhaupt intelligente, coole, geile Musik. Natürlich auch Soul, auf den ich dann abgefahren bin. Nur den Jazz, den mein Vater hörte, fand ich immer doof. Aber Kinder finden Jazz auch doof.

 

chilli: Und an welcher Stelle kam die Rockmusik dann ins Spiel?
Delay: Naja, in der Plattenkiste war eben auch diese eine Ramones-Platte, „Road To Ruin“, von der ich nicht weiß, wie sie da reinkam. Aber die feierte ich wegen ihres Comic-Cover ziemlich ab und hörte sie oft. Und die erste Nina-Hagen-Platte war auch drin, immer noch eine der besten deutschsprachigen Platten. Meine erste selbstgekaufte Platte war dann „Sündenknall“ von Udo Lindenberg. Ein klein bisschen Rockmusik hörte ich also tatsächlich.

 

chilli: Trotz Ihrer Sozialisation: Wenn Sie jetzt als Rapper eine Rockplatte machen, sind Missverständnisse dann nicht vorprogrammiert?
Delay: Ach, bei den HipHop-Fans gilt: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Die würden sich ja auch nicht wundern, wenn ich plötzlich eine Tango-Platte mache. Abgesehen davon: Ich bin bis ans Ende meines Lebens ein HipHopper. Und es wird ja auch wieder eine Beginner-Platte geben. Die HipHop-Fans kann ich nicht verschrecken.

 

chilli: Aber vielleicht alle anderen, die es anmaßend finden, wenn Sie behaupten, jetzt Rockmusik zu machen.
Delay: Das könnte natürlich sein. Und wenn ich sowas mache, will ich auch, dass die echten Rockvögel zumindest anerkennend eine Augenbraue hochziehen. Und nicht sagen: Rockplatte? Alles klar, Digger, geh mal nach Hause! Aber im Prinzip will ich die Musik machen, auf die ich gerade Bock habe.

 

chilli: Mit den Bezügen zu „uncooler“ deutscher Rockmusik werden viele das Album auf Ironie hinterfragen …
Delay: Wahrscheinlich. Aber mir war ganz wichtig, und ich glaub, wenn man die Platte hört, dann kommt das auch rüber, dass ich mich zu keinem Zeitpunkt irgendwie lustig machen will. Es war mir wichtig zu zeigen, dass ich einen ganz großen Respekt vor dieser Welt habe, dass ich mich davor auch verneige. Ich wollte auch keine lustigen Foto-Sessions mit Langhaarperücken und Spandexhosen oder so. Den Eindruck einer Parodie oder so etwas wollte ich vermeiden.

 

chilli: Hat deutsche Rockmusik einen schlechten Ruf?
Delay: Das ist definitiv so. Aber man muss auch die Eier haben, dazu zu stehen, dass man das mag. Das gehört zum Rock auch dazu. Ich meine, ich habe eine Lieblingsplatte, „Schweißperlen“ von Klaus Lage, die feierte ich als Kind total ab. Und ich möchte die Eier haben können zu sagen: Ey, ich weiß, diese Platte ist das Uncoolste auf der Welt, aber das sind einfach geile Songs und mir macht das Spaß. Überhaupt: Cool ist auch so ein beschissenes Wort. Was ist schon cool? Vielleicht ist es genau das, sich nicht mit seinem Geschmack in den Wind zu hängen.

"Keine lustigen Foto-Sessions mit Langhaarperücken und Spandexhosen": Jan Delay will mit seiner Rockplatte "Hammer & Michel" keine Parodie abliefern.

 

chilli: Sie sagten auch, dass Sie nach dem letzten Album irgendwann einen „Fickt euch alle“-Moment hatten. Wie äußerte sich das?
Delay: Ich hatte zunächst mehrere Punkrock-Songs, in denen ich meinen Frust rausließ. Einer davon heißt „Der Teufel trägt Jack Wolfskin“ und richtet sich gegen Leute mit Fahrradhelmen. Aber der Song war mir dann für meine Platte einfach ein bisschen zu eng. Und ich merkte, dass es zwar Spaß macht, so etwas mal zu machen, dass ich aber nicht zwölf solche Songs auf meinem Album haben will.

 

chilli: Warum?
Delay: Ach, das wäre mir viel zu anstrengend. Außerdem hab ich eine viel zu geile Band, ich habe einen viel zu eklektischen Musikgeschmack. Ich bin ja ein Popschwein, ich mag Metal-Balladen, ich möchte auch versuchen, eine Country-Nummer zu machen, ich will Gitarrensoli, einen AC/DC-Track, eine Rage-Against-The-Machine-Nummer. Deswegen mache ich jetzt einfach alles, was ich an Rock mag.

 

chilli: Mit „St. Pauli“ haben Sie eine überraschend nostalgische Hymne geschrieben …
Delay: Das stimmt wohl. Das St. Pauli, das ich da besinge, das gibt es nicht mehr. Es gibt es noch, wenn man Hamburger ist und weiß, an welcher Ecke für drei Monate ein illegaler Laden existiert. Aber als normaler Gast wird man das nicht finden. Leider.

 

chilli: Sie bedauern das offensichtlich, sprechen das aber im Song nicht an …
Delay: Ich weiß schon, manche meinen, ich müsste über die Gentrifizierung und so singen. Aber denen sage ich: Wenn man ein Lied über Liebe macht, muss man auch nicht gleichzeitig über Liebeskummer singen. Man kann auch über die Schönheit der Liebe singen. Und St. Pauli, von dem ich da singe, ist für mich einer der schönsten und wichtigsten Orte der Welt. Darüber wollte ich ein Lied machen.

 

chilli: Wenn man Ihre „Scorpions-Ballade“ hört, könnte man ohnehin meinen, dass es große Themen mit gesellschaftspolitischer Sprengkraft nicht mehr gibt …
Delay: Doch, die gibt es! Nur es gibt viel weniger fruchtbaren Boden, auf denen sie fallen könnte. Wenn ein Song eine Sprengkraft entwickeln soll, dann braucht es ja auch immer Leute, die das konsumieren, zitieren und nach außen hin verkörpern. Aber ich merkte schon vor zehn, 15 Jahren, dass es einer politischen Sache oder einer Aussage viel mehr bringt, wenn bei einem guten Rapsong ein oder zwei geile Zeilen mit Statement drin sind. Wenn die gewitzt und gut sind, dann erreicht man auch Leute, die sich sonst keine politischen Songs anhören.

 

chilli: Die Verpackung muss also stimmen.
Delay: Ja! Wenn man solche Aussagen in so eine Art trojanisches Pferd steckt, dann haben sie viel mehr kritischen Wert. Abgesehen davon bin ich in allererster Linie Entertainer. Natürlich bin ich ein bewusster und kritischer Mensch, und es gibt immer Themen, die mir wichtig sind. Aber wenn ich keine geilen Reime finde, keine unterhaltende Geschichte zu erzählen habe, dann fällt das Thema halt flach.

"Es geht nur um den Zwerg da": Als frischgebackener Vater lernt Jan Delay gerade, sein Ego zurückzustellen.

 

chilli: Welches Thema wäre Ihnen denn noch wichtig gewesen?
Delay: Ich wollte zum Beispiel etwas über diese ganze virtuelle Welt schreiben. Darüber dass Fühlen, Schmecken, Anfassen, dass diese Dinge immer weniger wichtig sind. Darüber dass man sich nicht mehr unterhält und anguckt, sondern nur noch krüppelige SMS schreibt und nur noch digitale Freunde hat. Aber alles, was ich schrieb, war oberflächlich und klang nach Rosenstolz, also schmiss ich es weg.

 

chilli: Sind Sie eigentlich gelassener als früher? Merken Sie, dass Sie älter werden?
Delay: Ja, manchmal schon. Bei Interviews etwa, wenn ich merke, dass mich der Gesprächspartner provozieren will. Vor ein paar Jahren hätte ich den dann wahrscheinlich des Raumes verwiesen. Aber das Spiel spiele ich nicht mehr mit. Ach ja, etwas ist auch anders: Man geht nicht mehr raven. (lacht)

 

chilli: Und setzt wahrscheinlich andere Prioritäten. Sie sind seit Kurzem Vater einer Tochter …
Delay: Ja, man teilt sich die Zeit anders ein. Jetzt im Moment bin ich unterwegs und mache das, was ich immer machte. Meine Freundin ist alleine in Berlin, die Arme, und muss das alles selbst machen mit meiner Tochter. Aber sie macht das großartig. Und das Vatersein ist so gut. Denn wenn ich da bin, ist natürlich alles anders. Es ist die krasseste Anti-Ego-Therapie. Du bist einfach erst mal egal, es geht nur um den Zwerg da. Im Gegenzug kriegt man natürlich auch unglaublich viel wieder. Aber es krempelt das ganze Leben komplett um.

 

Text: Stefan Weber
Fotos: © Paul Ripke & Nils Müller / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Kommende Konzerte:

08.06., Nürburgring, Rock am Ring
09.06., Nürnberg, Rock im Park
19.07., Cuxhaven, Deichbrand
16.08., Hockenheimring, Rock´N`heim
17.08., Schloß Holte-Stukenbrock, Serengeti Festival
24.09., Dresden, Eventwerk
25.09., Leipzig, Haus Auensee
26.09., Würzburg, S.Oliver Arena
27.09., Kassel, Stadthalle
01.10., München, Zenith
04.10., Neu-Ulm, Ratiopharm Arena
05.10., Mannheim, Maimarktclub
06.10., Frankfurt, Jahrhunderthalle
07.10., Bremen, ÖVB Arena
09.10., Berlin, Max-Schmeling-Halle
10.10., Flensburg, Flensarena
11.10., Lingen, EmslandArena
12.10., Hannover, Swiss Life Hall
14.10., Stuttgart, Schleyerhalle
15.10., Dortmund, Westfalenhalle
16.10., Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
17.10., Hamburg, O2 World