Ledermantel statt Uniform

Seine Fans waren schockiert, als Volksschauspieler Jan Fedder im Oktober 2012 eine mehrmonatige Drehpause ankündigte. Die Diagnose der Vorstufe zum Gaumenkrebs hatte den heute 58-Jährigen dazu gezwungen, auch beim „Großstadtrevier“ auszusteigen – jener ARD-Kultserie, in der das Hamburger Original seit 22 Jahren die Hauptrolle spielt. Am 25. November, läuft die erste Staffel „Großstadtrevier“ (montags, 18.50 Uhr, im Ersten) nach Fedders Pause an, und auch dessen Alter Ego, der Polizist Dirk Matthies, möchte nach Krankheit und Auszeit, die ihm das Drehbuch verordnete, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Jan Fedder über Neuerungen in „seiner“ Serie und ein paar Lehren, die er aus seiner schweren gesundheitlichen Krise gezogen hat.

Zurück im "Großstadtrevier": Schauspieler Jan Fedder nach seiner Erkrankung.

 

chilli: In der neuen Staffel „Großstadtrevier“ hängt Dirk Matthies seine Uniform nach 22 Jahren an den Nagel. Ihre Idee?
Jan Fedder: Nein, das war eine Idee der Autoren und der Redaktion, um einfach mal was Neues zu probieren. Die große Wende passiert in den Folgen neun und zehn. Da erschießt Dirk im Dienst einen jungen Mann, was ihm natürlich sehr auf die Psyche schlägt. Als er auch noch seinen geliebten Streifenwagen 14/2 schrottet, hat er einfach die Schnauze voll. Da sagt er: Ich hör’ auf. Er geht aber nicht ganz aus dem Dienst raus, sondern wird – ohne Uniform – Milieuermittler. Die es – im übrigen – auch wirklich gibt.

 

chilli: Fühlt sich das bei der Arbeit nicht ein bisschen komisch an – Dirk Matthies ohne Uniform?
Fedder: Ach, das geht schon. Zumal wir ihm eine Art neue Uniform verpasst haben: einen extrem klischeefreien langen Ledermantel (lacht). Damit läuft er dann über den Kiez, sitzt mal in dieser, mal in jener Kneipe und hört sich um. Da geht’s dann auch darum, präventiv Verbrechen zu verhindern. Dennoch behält Dirk als Milieuermittler seinen Schreibtisch im Revier. Es bleibt also auch einiges beim alten – keine Sorge.

 

chilli: Sie sagen, die Serienmacher wollten mal was ausprobieren.
Fedder: Ja. Und ich bin auch ganz offen für neue Ideen. Wenn die Zuschauer sagen, das ist okay, bekommt die Serie dadurch einfach eine neue Farbe. Sollte das nicht der Fall sein, ziehe ich die Uniform eben wieder an. Ich mag alle Konzepte, die die Serie erfrischen. Deshalb war ich auch mal zwei Jahre Chef auf der Wache. Wir probieren einfach hin und wieder mal was aus. Muss man ja auch, wenn etwas seit über 20 Jahren läuft.

Ungewohnter Anblick 2013: Dirk Matthies (Jan Fedder) tauscht die Uniform gegen einen Ledermantel - in der neuen "Großstatdrevier"-Staffel.

 

chilli: Sie haben im April 2013 nach Ihrer Krankheit wieder mit dem Drehen begonnen. Wie geht es Ihnen heute?
Fedder: Sehr gut! Der Professor ist hocherfreut, wenn er mich sieht. Zu 90 Prozent, sag ich mal, ist wieder alles voll in Ordnung.

 

chilli: Sie haben Ihr Leben verändern müssen – zum Beispiel das Rauchen aufgegeben. Sind Sie da eisern geblieben?
Fedder: Ja, bin ich. Das ist auch sicherlich gut, aber manchmal vermisse ich die Qualmerei schon. Ich werde nie ein hundertprozentig überzeugter Nichtraucher sein. Das geht meiner Meinung nach auch nicht, wenn man 40 Jahre lang genussvoll geraucht hat. Soll ich sagen, diese 40 Jahre waren ein Irrtum? Diese Ex-Raucher und Wendehälse, die nach dem Aufhören wie verrückt gegen das Rauchen wettern, die haben mich schon immer genervt. Ich rieche Tabak immer noch gerne und würde mich freuen, ihn ab und zu mal genießen zu können. Aber was nicht geht, geht nicht. Und fertig.

 

chilli: Haben Sie nach der Krankheit noch anderen Dinge in Ihrem Leben verändert?
Fedder: Nein, ich habe vorher und hinterher immer so gelebt, als wäre es mein letzter Tag. Man kann es auch so sagen: Ich habe immer sehr gut gelebt, damit ich nichts verpasse. Insgesamt wird man ein wenig ruhiger mit dem Alter. Mit 58 muss ich nicht mehr jeden Abend durch die Kneipen ziehen. Ich bin sehr gern zu Hause.

 

chilli: Bei vielen Leuten schrillen die Alarmglocken, wenn jemand sagt, dass er jeden Tag so lebt, als wäre es sein letzter. Einfach, weil das nach Exzess klingt und davor fürchten sich viele Menschen…
Fedder: Nein, für mich hat dieser Satz überhaupt nichts mit Exzess zu tun. Er sagt nur aus, dass ich schon immer – im Beruf wie im Privaten – das gemacht habe, was ich machen wollte. Damit bin ich unter dem Strich auch immer gut gefahren.

Die neue Uniform des Milieuermittlers Dirk Matthies (Jan Fedder): ein langer Ledermantel.

 

chilli: Ist Ihre Lebenseinstellung vielleicht sogar die perfekte Methode, um gesund zu werden und zu bleiben? Dass man einfach auf sein Inneres hört und den eigenen Wünschen folgt?
Fedder: Vielleicht. Das mit den Wünschen ist bei mir allerdings so eine Sache. Ich habe nämlich keine mehr. All meine Wünsche wurden längst alle erfüllt. Der einzige Wunsch, den ich heute noch habe, ist in der Tat der, dass ich gesund bleibe.

 

chilli: Welche Wünsche, die Sie früher hatten, wurden erfüllt?
Fedder: Ach, meine ganzen Häuser und die alten Autos. Das größte Geschenk war natürlich, dass ich Marion kennenlernen durfte. Mit der bin ich ja jetzt auch schon 13 Jahre verheiratet. Sie ist für mich die tollste und liebste Frau, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Wir lieben uns über alles, haben aber auch getrennte Wohnungen. Das ist ein Teil des Geheimnisses (lacht) – sonst hätte sie mich bestimmt schon längst rausgeschmissen…

 

chilli: Ihre Schauspielkarriere gehört für Sie nicht zu den erfüllten Träumen dazu?
Fedder: Doch – das auch. Ich glaube, es gibt nicht viele deutsche Schauspieler, die heute sagen können: Ich stehe 45 Jahre vor der Kamera. Genau dieses Jubiläum habe ich nämlich neulich gefeiert.

Dirk Matthies (Jan Fedder), noch von seiner Krankheit gezeichnet, ist zurück aus Kanada. Im Verlauf der 27. Staffel wird er seine Uniform bis auf Weiteres ausziehen.

 

chilli: Anlässlich dieser 45 Jahre gab es neulich in einem Hamburger Kino eine Feierstunde, bei der die allererste und eine neue Folge „Großstadtrevier“ gezeigt wurde. Was ist Ihnen beim Vergleich der beiden Folgen aufgefallen?
Fedder: Dass man viele Sachen heute im Fernsehen nicht mehr machen kann, die damals normal waren. Dass man zum Beispiel Alkohol trinkt oder raucht, dass man mit den Krankenschwestern flirtet oder auf heftige Art Zeugen beeinflusst – so etwas ging im deutschen Fernsehen vor 22 Jahren noch problemlos. Da würden die Verantwortlichen heute die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Diese erste Folge mit mir war aber auch eine, die von Jürgen Roland stammte. Der durfte damals sowieso alles im Fernsehen. Herrlich! Vieles war auch völlig unlogisch, aber scheiß der Hund drauf. Da gab es dann natürlich auch unfreiwillige Lacher. Aber ich konnte mich köstlich amüsieren mit dem alten Kram…

 

chilli: Fernsehen ist heute also politisch korrekter und logischer – aber auch langweiliger?
Fedder: Genau so ist es, leider!

 

chilli: Wünschen Sie sich beim „Großstadtrevier“ die Ästhetik von 1991 zurück?
Fedder: Was heißt hier Ästhetik, es war ja auch damals nicht alles besser. Aber ein bisschen mehr Anarchie, sag ich mal, könnte nicht schaden. Sie würde uns allen gut tun!

Am 13. November ist Jan Fedder (Szene mit Suzanne von Borsody) in der Siegfried Lenz-Verfilmung "Arnes Nachlass" im Ersten zu sehen. Der Film war vor Fedders Krebsdiagnose entstanden.

 

chilli: Spielen Sie abseits vom „Großstadtrevier“ weiterhin auch andere Filmrollen, oder haben Sie sich vorgenommen, der Gesundheit zuliebe kürzerzutreten?
Fedder: Sowohl als auch. Ich bin ja wie ein altes Zirkuspferd, das immer im Kreis laufen muss, um sich wohlzufühlen. Der Kreis, in dem ich laufe, ist für mich das Drehen. Ohne diese Arbeit, fehlt mir was. Momentan bin ich mit „Großstadtrevier“ ausgelastet. Im Februar werde ich dann den zweiten „Hafenpastor“-Film spielen. Dann, im nächsten Sommer, gucken wir mal weiter – ob noch was Schönes reinkommt…

 

chilli: Jetzt haben Sie aber nicht verraten, wie und auf welche Weise Sie kürzertreten…
Fedder: Ich drehe insgesamt weniger und mache mehr Urlaub. Ich habe mir dieses Jahr erstmals seit ich denken kann vier Wochen Urlaub gegönnt. Davon war ich allein zwei Wochen im Süden, da habe ich mich richtig erholt. Hin und wieder muss man die Langeweile einfach mal auf sich wirken lassen. Meistens merkt man erst später, dass es gut so war.

 

Text: Eric Leimann / Fotos: ARD / Thorsten Jander
Quelle: teleschau – der mediendienst