„Es ist Zeit für einen Film über Transsexualität“

Strahlend blaue Augen, verführerisches Lächeln – kein Wunder, dass Jannik Schümann (22) schon mal als deutscher Ryan Gosling bezeichnet wird. Den Nachwuchsschauspieler lässt das aber kalt: „Aus solchen Vergleichen mache ich mir nicht viel“, sagt er im Interview. Einem größeren Publikum fiel Jannik Schümann erstmals auf, als er 2013 im „Tatort: Gegen den Kopf“ einen eiskalten U-Bahn-Schläger spielte. Jetzt ist Schümann im ARD-Fernsehfilm „Mein Sohn Helen“ zu sehen, in einer Rolle, die gegensätzlicher kaum sein könnte: Schümann spielt Finn, einen transsexuellen Teenager, der als Mädchen leben möchte. Für den Hamburger ist der Film vor allem eins: ein Plädoyer für Toleranz.

"Leider ist es in Deutschland oft so, dass einem Schauspieler gutes Aussehen im Wege steht", klagt Jannik Schümann.

 

chilli: Herr Schümann, ist das deutsche Fernsehpublikum bereit für einen Film über Transsexualität?
Jannik Schümann: Es muss für ein solches Thema einfach bereit sein, es ist Zeit dafür! Von selbst beschäftigen sich die meisten Menschen nicht mit dem Thema Transgender, man muss also auf das Publikum zugehen. Und das machen wir mit dem Film.

 

chilli: Was war Ihr erster Gedanke, als sie das Drehbuch zu „Mein Sohn Helen“ bekamen?
Schümann: Ich war positiv überrascht, dass sich das Fernsehen traut, das Publikum mit einem solchen Thema zu konfrontieren. Das fand ich sehr mutig. Die Rolle als Finn/Helen ist natürlich das größte Geschenk für einen Schauspieler! Weiter entfernt von mir selbst könnte eine Rolle gar nicht sein – das war eine Herausforderung, vor der ich großen Respekt hatte, die aber auch viel Vorbereitung erforderte.

 

chilli: Wie haben Sie sich denn vorbereitet?
Schümann: Ich hatte glücklicherweise viel Zeit, rund ein halbes Jahr. Und diese Zeit habe ich auch gebraucht, denn ich musste mich körperlich stark verändern. Ich habe kein Krafttraining mehr gemacht, um Muskelmasse zu verlieren und so äußerlich einer weiblichen Figur näher zu kommen.

 

chilli: Wie reagierte Ihre Umgebung auf diese Veränderungen?
Schümann: Meine Freunde fanden es total unfair, dass ich nur durch den Verzicht auf Krafttraining so stark abgenommen habe! (lacht) Mir fiel das allerdings gar nicht so leicht, ich liebe es nämlich, Sport zu treiben.

"Ich wünsche mir vor allem, dass sich Eltern mit Heino Ferch, der den Vater von Finn/Helen spielt, identifizieren können und sich fragen: Was würden wir machen, wenn uns unser Kind sagt, dass es transsexuell ist?", sagt Jannik Schümann (links).

 

chilli: Von der körperlichen Verwandlung abgesehen – wie sind Sie zu Helen geworden?
Schümann: Ich habe viele Mädchen beobachtet, um mir weibliche Gesten und Bewegungen anzueignen. Freundinnen haben mir gezeigt, wie man sich richtig schminkt. Ich wollte ein selbstbewusstes Mädchen darstellen, das genau weiß, was es möchte. Helen hat sich sehr lange damit beschäftigt, wer sie ist. Das macht sie so stark, und das gefällt mir an der Rolle so gut. Das habe ich versucht, rüberzubringen.

 

chilli: Wie haben Sie sich in Make-up und Frauenkleidung gefühlt?
Schümann: Das war natürlich ein großer Spaß! Wenn ich an einem Drehtag Helen war, habe ich mich auch wie sie gefühlt – sogar in den Pausen. Da durfte ich dann einen rosafarbenen Mantel tragen – wenn ich Finn war, war der Mantel blau! (lacht)

 

chilli: Trafen Sie zur Vorbereitung auch transsexuelle Menschen?
Schümann: Nein, das hat sich nicht ergeben. Aber ich habe mich ausführlich mit dem Thema beschäftigt und Biografien von transsexuellen Menschen gelesen. Bei den Dreharbeiten bin ich dann erstmals mehreren Transsexuellen begegnet. Das war wahnsinnig interessant, zumal sie sich in verschiedenen Stadien der Transformation befanden: Eine Frau war komplett umoperiert, eine andere hatte sich gerade erst geoutet …

 

chilli: Wie war es, die intimeren Szenen im Film zu spielen – etwa jene, in der Finn/Helen versucht, sich den Penis abzuschneiden?
Schümann: Die Szene mit der Entmannung war eine der schwierigsten, die ich je gespielt habe. Ich musste entblößt dasitzen, mit einem großen Messer in der Hand. Das war unglaublich intensiv, und es ist nicht leicht, nach einer solchen Szene abzuschalten.

In "Mein Sohn Helen" spielt Jannik Schümann die Transsexuelle Helen.

 

chilli: „Mein Sohn Helen“ endet sehr optimistisch. Halten Sie das für realistisch?
Schümann: Ja, auf jeden Fall. Natürlich gibt es Fälle, in denen Eltern ihre transsexuellen Kinder nicht akzeptieren. Aber es gibt immer mehr tolerante Menschen, für die Transsexualität normal ist, und Eltern, die ihr Kind unterstützen. Uns ging es darum, Transgender nicht als Problem darzustellen, sondern als Realität. Natürlich machen transsexuelle Menschen eine schwierige Zeit durch, die zeigt der Film auch. Dennoch wollten wir das Schöne und Positive aus der Geschichte ziehen.

 

chilli: Was erhoffen Sie sich von dem Film?
Schümann: Ich wünsche mir vor allem, dass sich Eltern mit Heino Ferch, der den Vater von Finn/Helen spielt, identifizieren können und sich fragen: Was würden wir machen, wenn uns unser Kind sagt, dass es transsexuell ist? Das wäre ein großer Erfolg für unseren Film!

 

chilli: Sie spielten bislang in eher härteren Rollen: Als U-Bahn-Schläger im „Tatort“, als mobbender Jugendlicher in „Homevideo“ oder als Intrigant Alev in „Spieltrieb“. Warum jetzt diese völlig andere Rolle?
Schümann: Ich arbeitete schon bei „Spieltrieb“ mit Gregor Schnitzler zusammen, der auch bei „Mein Sohn Helen“ Regie führte. Als er mir die Rolle von Finn/Helen anbot, war das eine große Ehre für mich. Denn bislang hat man mich eben noch nicht in solchen Rollen gesehen, er hat es mir aber zugetraut.

 

chilli: Nach Ihrer Rolle als U-Bahn-Schläger im „Tatort: Gegen den Kopf“ hat Sie die Presse als deutschen Ryan Gosling und „schönsten Gewalttäter im TV“ bezeichnet. Wie hat sich das angefühlt?
Schümann: Aus solchen Vergleichen mache ich mir nicht viel. Leider ist es in Deutschland auch oft so, dass einem Schauspieler gutes Aussehen im Wege steht. In den USA hat keiner ein Problem damit, ein Drama mit einem gutaussehenden Schauspieler zu besetzen. In Deutschland hingegen denkt man, einem Schönling könne man beispielsweise nicht abnehmen, wenn er im Film leidet. Aber das ist natürlich Unsinn!

"Freundinnen haben mir gezeigt, wie man sich richtig schminkt", erzählt Jannik Schümann über seine Vorbereitungen zu "Mein Sohn Helen".  

 

chilli: Schon als Neunjähriger standen Sie auf der Bühne, im Musical „Mozart“. Hatten Sie trotzdem eine normale Kindheit?
Schümann: Ja, auf jeden Fall! Ich wuchs auf dem Land auf, noch dazu in einer Familie, in der niemand etwas mit der Schauspielerei zu tun hatte. Meine Familie hat mich natürlich sehr unterstützt, aber niemand hat damit geprahlt, dass ich Schauspieler bin. Ich bin normal zur Schule gegangen – und hatte eine tolle Kindheit! Trotzdem wusste ich schon als Neunjähriger, dass ich Schauspieler werden wollte.

 

chilli: Mit welchem Schauspieler würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten?
Schümann: Mit Anke Engelke! Sie ist einfach eine tolle, intellektuelle und schlaue Komödiantin. Ich würde generell gerne Comedy ausprobieren – das wäre mal etwas ganz anderes!

 

chilli: Über Ihr Privatleben ist wenig bekannt. Warum?
Schümann: Ich versuche, mein Privatleben aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Auch haben die meisten meiner Freunde nichts mit der Schauspielerei zu tun. Ich finde es toll, die pure Realität zu spüren, wenn man von einem Dreh nach Hause kommt.

 

chilli: Sind Sie manchmal von ihrem eigenen Erfolg überrascht? Sie sind immerhin erst 22!
Schümann: Ich habe ja schon seit meiner Kindheit geschauspielert, und das ist im Lauf der Zeit einfach immer mehr geworden. Es freut mich natürlich wahnsinnig, dass ich jetzt davon leben kann und dass es Leute gibt, die mich im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand sehen wollen.

 

chilli: Was sind Ihre nächsten Projekte?
Schümann: Nach „Mein Sohn Helen“ habe ich „Die Diplomatin“ mit Natalia Wörner gedreht. Das wird eine neue Reihe für die ARD. Natalia soll als Diplomatin zwei deutsche Geiseln auf den Philippinen befreien – ich spiele ihren Assistenten.

 

chilli: Gedreht haben Sie aber nicht auf den Philippinen, sondern in Thailand. Wie wie war der Dreh?
Schümann: Einfach großartig! Ich war vier Wochen lang in Bangkok. Die Stadt kannte ich schon von einer Rucksackreise, aber jetzt konnte ich sie richtig kennenlernen – abseits von Touristenorten wie der Khaosan Road. Es war wahnsinnig heiß und anstrengend, aber auch total spannend.

 

chilli: „Mein Sohn Helen“ ist ein TV-Film. Schauen Sie selbst viel fern?
Schümann: Ich habe gar keinen Fernseher! Den „Tatort“ am Sonntag schaue ich bei meinen Eltern auf der Couch oder mit Freunden in einer Kneipe!

 

Text: Sven Hauberg / Fotos: © 2013 Concorde Filmverleih GmbH; ARD Degeto / Britta Krehl
Quelle: teleschau – der mediendienst