Wechseljahre eines Teeniestars

Jeanette Biedermann war kaum volljährig, da landete sie Teen Pop-Hits und war Star der täglichen Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Mit zahlreichen Publikumsauszeichnungen der Marke „Echo“ und „Bravo Otto“ gehörte die erste Hälfte der Nullerjahre sozusagen ihr. Den Drang, als Star in der Öffentlichkeit zu stehen, verspürte die gebürtige Ostberlinerin jedoch nie, wie sie im Interview verrät. Jeanette Biedermann ist heute 34 Jahre und definitiv zu alt für einen Teeniestar auf Augenhöhe. Jene Augenhöhe zum Fan, die vielleicht das Geheimnis ihres Erfolges war. Als Bandmusikerin und Schauspielerin nimmt Jeanette Biedermann nun einen neuen Anlauf für eine Karriere der mittleren Jahre – natürlich nur in Teenagerzeitrechnung gedacht. Jetzt spielt sie sogar in einem ZDF-„Herzkino“-Film mit: „Rosamunde Pilcher: Ghostwriter“ läuft am Sonntag, 11. Januar, 20.15 Uhr.

 

chilli: Sie machen Musik in einer Band, haben zuletzt Theater gespielt und vor zwei Jahren geheiratet. Ist Jeanette Biedermann auf dem Weg zur erwachsenen Künstlerin?
Jeanette Biedermann: Also hören Sie mal, was heißt hier auf dem Weg? Ich bin 34, da sollte man bei den Erwachsenen angekommen sein (lacht).

 

chilli: Also gut: Sieht Ihre Strategie vor, sich künstlerisch mit erwachseneren Dingen zu beschäftigen?
Biedermann: Ich hatte nie eine Strategie, nur den unbedingten Willen, immer ehrlich zu sein. Ehrlichkeit ist immer strategielos. Ich tue in diesem Beruf nur Dinge, die ich liebe. Ich sage, was ich empfinde. Ich gebe zu, dass das heute leichter ist als mit 19. Doch damals hatte ich das Glück, dass sich andere um mich gekümmert haben, die darauf achteten, dass ich nur das mache, was ich möchte.

 

chilli:Biedermann: Ja, ich habe damals in einer Soap gespielt und Teenie-Musik gemacht. Und warum? Weil ich selbst ein Teenie war. Heute bin ich eine erwachsene Frau und interessiere mich für andere Musik, andere Rollen. Das ist, wie ich finde, ein ganz normaler Prozess. Auch, dass ich heute auf Deutsch singe, war ein natürlicher Prozess. Ich hatte das Gefühl, dass ich jene Musik, die ich früher machte, nicht mehr toppen kann und etwas Neues probieren muss. Damals hatte mein Mann Jörg, mit dem ich ja schon seit 1998 Musik mache, den Songschreiber und Produzenten Christian Bömkes kennengelernt. Wir haben uns zusammengesetzt und ein paar Songs geschrieben. Das hat so gut funktioniert, dass wir sagten: ‘Hey, wir müssen ne Band gründen.’ Sie sehen: alles ganz natürlich, wenig Strategie (lacht).

 

chilli: „Indianerehrenwort“ ist Ihr zweites deutsches Album. Wenn Sie die Songs nun mit etwas Abstand hören, erkennen Sie darin ein größeres Thema?
Biedermann: Unsere Musik ist auf jeden Fall fröhlicher geworden, was nicht einfach ist. Ich finde, bei deutschen Liedern ist es ein schmaler Grat zwischen fröhlich und flach. Auf unserem ersten Album war das Thema Tod allgegenwärtig. Jörg hatte seinen Vater verloren, ich meinen Opa und Christian seine Oma. All das passierte in dem Jahr, in dem wir geschrieben haben. „Indianerehrenwort“ ist nun etwas gänzlich anderes. In den Liedern geht es um Freundschaft, Liebe und Ehrlichkeit. Deshalb heißt es ja auch „Indianerehrenwort“. Gerade in unserer Zeit ein schöner Begriff, wie ich finde.

 

chilli: Wie meinen Sie das?
Biedermann: Na ja, heute muss man doch für alles einen Vertrag machen. Wenn man sich stattdessen in die Augen schaut und etwas mit Handschlag besiegelt, auf das man sich dann verlassen kann, ist das etwas Besonderes.

Die Liebe braucht einen Spielpartner und bei Pilcher ein Stück englische Küste: Jeanette Biedermann und Patrik Fichte in "Rosamunde Pilcher: Ghostwriter".

 

chilli: Sie sind seit mehr als 15 Jahren in der Showbranche. Die ist nicht gerade für ihr großes Indianerehrenwort beziehungsweise dessen Gültigkeit bekannt.
Biedermann: Das mag sein, aber bei den Leuten, mit denen ich arbeite, gilt es (lacht). Mein innerer Kreis, das sind die Leute, mit denen ich damals angefangen habe. Allein das sagt doch schon alles. Mein heutiger Mann war der erste Mensch, mit dem ich Musik machte. Mein Manager ist auch immer noch derselbe. Mit ihm arbeite ich jetzt seit 17 Jahren zusammen.

 

chilli: Sie sind sozusagen wertkonservativ.
Biedermann: Ich bin ein treuer Mensch. Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich glaube auch an den Spruch: Never change a winning team. Eine Zusammenarbeit, die mehrere Male gut funktioniert hat, funktioniert wahrscheinlich auch bei nächsten Versuch wieder. Vertrauen zu haben, ist wahnsinnig wichtig für mich. Auch weil ich will, dass man mir sagt, wann etwas scheiße ist. Das können meine Leute auch ganz gut (lacht). Viele Künstler, die abstürzen, haben zu viele Ja-Sager um sich herum. Da herrscht dann eine Atmosphäre des Alles-ganz-toll-Geredes. Nur sagt leider keiner, was er wirklich denkt. Gerade bei großen Stars mit dem entsprechenden Umfeld passiert das ziemlich oft. Nicht selten ist es der Grund für ihren Absturz. Ich bin immer mit Freunden unterwegs und will das auch so beibehalten.

 

chilli: Sie spielen eine Hauptrolle im neuen Rosamunde-Pilcher-Film. Bringt Sie das weiter?
Biedermann: Ich weiß, dass dies natürlich eine Steilvorlage für alle Leute ist, die schon immer wussten, dass ich flache Sachen mache. Mir sind sämtliche Vorurteile bekannt, die es in dieser Hinsicht gibt. Nur versuche ich aber immer, hinter die Fassade zu schauen. Wenn die Pilchers anrufen, ist meine erste Reaktion, dass ich das Drehbuch lesen möchte. Und siehe da: Es ist ein tolles, modernes Buch. Das ZDF will ein bisschen den Staub herunter pusten von jenen Geschichten, auf denen Rosamunde Pilcher draufsteht. Es gibt auch keine Adeligen, Pferde oder Stallburschen in unserer Geschichte. Dafür ist sie sehr komisch. Eine Romantic Comedy, die ich selbst gerne anschauen will, wenn ich meine Seele nach einer harten Woche gestreichelt haben möchte.

 

chilli: Interessieren Sie heute andere Dinge in Ihrem Job als früher?
Biedermann: Es ist eher so, dass mich heute wieder die gleichen Dinge interessieren wie als Kind. Ich habe mit 13 oder 14 gewusst, dass ich Sängerin und Schauspielerin werden will. In Gegensatz zu manchen von Casting-Shows verwirrten Kindern, die lieber gleich sagen: Ich will ein Star werden. Ich wollte das nie. Stattdessen erinnere ich mich daran, dass ich mal ins Einkaufszentrum gegangen bin, nachdem ich bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ angefangen hatte und etwa eine Woche auf Sendung war. Auf einmal kreischte hinter mir eine Gruppe Mädchen. Die haben mich durch das ganze Einkaufszentrum verfolgt. Ich habe totale Panik bekommen. Schließlich bin in mein Auto geflohen und habe geheult. Ich hatte es nicht auf dem Plan, dass so etwas dazugehört. Ich wollte damals einfach nur spielen und singen. So wie heute auch wieder.

 

chilli: Und zwischendurch?
Biedermann: Da gab es auch mal ein paar kleine Abstecher zu Dingen, die ich nur so mittelmäßig gut fand. Und natürlich gab es auch Momente, in den ganz krassen Zeiten, da bin ich dann ein bisschen abgehoben und habe den Boden unter den Füßen verloren.

 

chilli: Wie äußerte sich das?
Biedermann: Ich fühlte mich ausgebrannt und müde. Ich habe damals auch nicht immer geschätzt, wie gut es mir eigentlich geht, da war ich unwirsch und unduldsam. Heute denke ich, das war eine Folge der Müdigkeit. Ich bin mit der Öffentlichkeit groß geworden und musste früh mit dieser Art Stress fertig werden. Das hat mich zwischendurch schon ein bisschen beschäftigt. Heute sehe ich viel klarer und weiß, dass ich wirklich das mache, was ich liebe.

Nein, kein Werbespot für Margarine, Butterblumen oder Windschutz - der neue Pilcher-Film im ZDF zeigt Jeanette Biedermann und Patrik Fichte beim Liebeswerben.

 

chilli: Und das wussten Sie tatsächlich schon als Kind?
Biedermann: Ja, da war ich sechs Jahre alt und in einem Berliner Akrobatik-Verein. Ich erzähle jetzt von DDR-Zeiten. Dem Verein angeschlossen war so ein kleiner Kinderzirkus. Dort haben wir am Wochenende vor anderen Kindern das vorgeführt, was wir unter der Woche einstudiert hatten. Gesungen habe ich da auch schon. Mit 13 oder 14 war mir absolut klar, dass ich Sängerin und Schauspielerin werden will.

 

chilli: Was sagten Ihre Eltern dazu?
Biedermann: Obwohl sie nichts mit dieser Bühnenszene zu tun hatten, fanden sie es super. Sie haben gesehen, dass ich gut singen kann und dass es mich glücklich macht. Das war alles, was sie wollten. Meine Eltern haben mir nur die Auflage erteilt, dass ich noch was Vernünftiges lerne, falls der erste Plan schief geht.

 

chilli: Da haben Sie eine Friseurlehre gemacht …
Biedermann: Na ja, ich fand die Idee ziemlich clever von mir. Ich wollte etwas lernen, das mir in der Showbranche nutzt. Weil ich mir anfangs keine Visagistin leisten konnte, fand ich es gut zu wissen, wie man sich schminkt und die Haare macht. Ich habe die Lehre also angefangen, zwei Jahre später hatte ich dann einen Plattenvertrag.

 

chilli: Wissen Sie, was die Menschen interessant an Ihnen finden?
Biedermann: Nein. Ich kann nur wiedergeben, was die Fans sagen, die ja immer relativ ehrlich sind. Die mögen an mir, dass ich ein lustiger, unkomplizierter und ehrlicher Mensch bin. Wir lachen immer ganz viel, wenn wir uns treffen. Das Schönste ist immer, wenn man etwas gemacht hat, das den Leuten Kraft gibt. Ein Lied beispielsweise oder auch eine Rolle. Jemandem Kraft für sein Leben zu geben, ist das Tollste, was ich mit meiner Arbeit erreichen kann.

 

chilli: Sie sind 34. Wünschen Sie sich eine Familie?
Biedermann: Es ist lustig, darüber wurde viel geschrieben, obwohl ich mich nie dazu geäußert habe. Aber, na klar – ich liebe Kinder und das Thema ist nicht mehr weit weg. Andererseits bin ich eine Frau, die sich nicht unter Druck setzt. Das kann ich auch nur allen anderen Mädchen raten: Wir sollen Karriere machen, aber auch Kinder kriegen. Dabei muss man toll aussehen und eine super Beziehung führen. Das ist ne ganze Menge Druck, wie ich finde. Alles auf einmal geht nicht. Ich habe erst mal Karriere gemacht, und jetzt ist das mit dem Kind nicht mehr weit. Kinder, die kommen wollen, bahnen sich ihren Weg. Da muss man keine Sorge haben. Wir wünschen uns Kinder, aber ich werde es morgen noch nicht schaffen, zu liefern (lacht).

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © ZDF / Jon Ailes; Ben Wolf / Musicstarter
Quelle: teleschau – der mediendienst