Er wirkt wie einer der Männer, die immer mit am Tisch sitzen – und vor denen man sich etwas weniger fürchten muss, wenn die Mafia-Bosse mal wieder zusammenkommen: Der italo-amerikanische Schauspieler Joe Mantegna, 65, der in einfachen Verhältnissen in Chicago aufwuchs, hat zwar mit „Der Pate – Teil 3“, „Body of Evidence“ sowie „Frank, Dean und Sammy tun es“ ein paar große Brocken in der Filmografie. Kinoliebhaber haben ihn aber meist für seine unzähligen kleineren Rollen lieben gelernt – oft als einer der Charakterköpfe, der die ganz großen Stars glänzen lässt. Spätestens seit er erstmals die sporadisch wiederkehrende Figur des „Fat Tony“ in der Kultserie „Die Simpsons“ sprach, hievte der Vater von zwei Töchtern seine Karriere auf ein neues Level. Popkulturelle Breitenwirkung verschafft ihm seit 2007 die Serie „Criminal Minds“ (immer donnerstags, 20.15 Uhr, SAT.) – und eine Art von spätem Weltruhm. Ab Donnerstag, 22. August, 21.15 Uhr, zeigt SAT.1 neue Folgen der achten Staffel. Eine neunte wird bereits produziert. Den Wirbel, den die Serie auslöst, nimmt Mantegna meist ganz gelassen. Vielleicht liegt’s auch daran, dass er sich auf Heimatbesuch bei Verwandten in Sizilien eben erst nach allen Regeln der mediterranen Gastfreundschaft verwöhnen ließ.

"Ich fühle mich den meisten meiner Sizilianer näher als vielen meiner Verwandten in Amerika", sagt der "Criminal Minds"-Star Joe Mantegna. Er wuchs in Chicago auf, stammt aber aus einer italienischen Familie.

 

chilli: Herr Mantegna, Sie haben gerade einen Europa-Besuch, mit Abstecher in Italien, hinter sich. Wie fühlt es sich für Sie an, wenn Sie den Kontinent Ihrer Verwandten und Vorfahren besuchen?
Joe Mantegna: Es ist immer wieder großartig. Ich komme seit 1974 regelmäßig zurück. Damals war ich mit einer Theatertruppe zum ersten Mal in Europa unterwegs – nur dass wir in viel kleineren Hotels übernachteten.

chilli: Diesmal blieb auch Zeit für Ihre Familie …
Mantegna: Ich konnte ein paar Tage bei meinen Leuten in Süditalien verbringen. Das ist einfach toll für meine Kinder. Man kann doch so viel lernen, wenn man aufbricht und sich die Welt anschaut. Jeder sollte ab und an raus aus seinem geschützten Nest – um wirklich einmal eine globale Perspektive auf die Welt von heute zu bekommen. Dann lernt man schnell: Wir Menschen sind uns in vielerlei Hinsicht überall ähnlich. Wir sind irgendwie alle gleich – und doch jeweils unterschiedlich.

chilli: Fast überall kennt man „Criminal Minds“ – und damit Sie.
Mantegna: Stimmt. Was für ein Segen! Ich fühle mich geschmeichelt.

chilli: Macht Ihre enorme Popularität das Reisen für Sie nicht etwas strapaziöser?
Mantegna: Nun ja. Nichts macht dich so sehr bekannt wie das Massenmedium Fernsehen. Sehr wahrscheinlich, dass mich in der Summe mehr Menschen durch „Criminal Minds“ kennengelernt haben als mich durch alle meine Kinofilme zusammengerecht gesehen haben. So ist’s nun mal. Allerdings landet heute jede Art von Produktion sowieso früher oder später im Fernsehen, auf einem Computer – oder auf dem Smartphone.

chilli: Ernüchtert Sie das?
Mantegna: Nicht wirklich. Ich schaue heutzutage nur anders auf die Medien. Für mich gehören alle Formen mittlerweile zusammen – ob’s nun die ganz große Leinwand oder der ganz kleine Bildschirm ist. Für junge Leute macht es heutzutage ohnehin keinen Unterschied mehr, wo sie die Sachen, die sie interessieren, zu sehen bekommen.

chilli: Es muss sich merkwürdig anfühlen, wenn weltweit so viele Menschen meinen, Sie gut zu kennen.
Mantegna: Na klar – vor allem weil es ja kaum eine Gegend gibt, in der „Criminal Minds“ nicht fast rund um die Uhr zu sehen ist. Immer wieder kommen Leute auf mich zu – mit einem eigenartigen Problem: Sie wissen zwar nicht genau woher und warum – sie sind sich aber absolut sicher, dass sie mich kennen. Manche von ihnen sind fest davon überzeugt, dass wir in Wirklichkeit irgendwie verwandt oder angeblich Mitglieder im selben Golfklub sind. Vielleicht liegt’s daran, dass sie spätabends noch im Bett liegen und fernsehen – und mein Gesicht ist das letzte, das sie vor dem Einschlafen sehen.

"Immer wieder kommen Leute auf mich zu - mit einem eigenartigen Problem: Sie wissen zwar nicht genau woher und warum - sie sind sich aber absolut sicher, dass sie mich kennen", sagt Joe Mantegna.

 

chilli: Im Klischee wird im Flugzeug immer wieder nach einem Arzt gerufen. Sie werden aber nicht aufgefordert, ein Verbrechen zu lösen – nur weil Sie zufällig gerade in der Gegend sind?
Mantegna: Kommt schon vor. (lacht) Ab und an sprechen mich die Menschen an und machen den Scherz, ob ich etwa gekommen bin, um sie aufzuspüren und festzunehmen. Zum Glück wissen die meisten dann aber doch, wo die Fiktion aufhört.

chilli: Aber dass Sie auf „Criminal Minds“-Themen angesprochen werden, muss doch oft vorkommen?
Mantegna: Die Leute wenden sich immer wieder mit Fragen an mich, die sich aus den Folgen ergeben. Manchmal wollen sie auch nur wissen, was einzelne Ausdrücke der Fachsprache bedeuten, die wir in der Serie benutzen. Mich freut es, wenn die Leute neugierig sind. Das Schöne an unserer Serie ist, dass sie die Zuschauer zum Denken anregt. Deswegen gefällt mir vieles an unserer Serie auch besser als am sonstigen Fernsehen.

chilli: Wie schwer fiel es Ihnen selbst, sich mit dem Fach-Kauderwelsch eines Kriminalers anzufreunden?
Mantegna: (lacht) Es ist nicht so, dass ich die Ausdrücke privat gebrauchen würde. Aber das bringt das Leben eines Schauspielers eben mit sich: Ich spielte natürlich schon Doktoren – und musste mir ihre Sprache aneignen. Oder einen Obersten Bundesrichter. Man muss eben seine Recherche-Hausaufgaben machen, das gehört zum Job dazu.

chilli: Was bedeutete das für Ihre Arbeit an „Criminal Minds“?
Mantegna: Ich war natürlich in Quantico in Virginia und habe mir die Originalschauplätze genau angesehen, an denen Menschen wie mein Supervisory Special Agent David Rossi arbeiten. Ich bin jetzt sechs Jahre bei der Serie und habe mit vielen Experten gesprochen. Man kann wohl sagen, dass ich mich in dem Thema ziemlich gut auskenne.

chilli: Gehen Ihnen nach all den Jahren die Fälle noch nahe?
Mantegna: Natürlich. Das kommt daher, weil fast alles was wir zeigen, sich auch wirklich so ereignet haben könnte. Oder ereignet hat. Ich habe einen enormen Respekt vor den Leuten, die so etwas hauptberuflich machen. Es gibt Typen, die mit diesen oft grauenhaften Dingen ganz real zu tun haben. Aus Respekt ihnen gegenüber verkneife ich es mir, von Albträumen zu sprechen, die meine Arbeit etwa mit sich bringen könnte. Ich versuche nur, diesen Menschen so aufrichtig und effektiv wie möglich gerecht zu werden. Die Zuschauer sollen doch merken, dass Fürchterliches da draußen passiert – aber dass wir zum Glück erfahrene Leute haben, die sich darum kümmern – und uns beschützen.

SAT.1 zeigt ab 22. August neue Folgen der achten Staffel mit den FBI-Agenten von "Criminal Minds". Special Agent Dr. Spencer Reid (Matthew Gray Gubler), Emily Prentiss (Paget Brewster), Penelope Garcia (Kirsten Vangsness), Special Agent Aaron Hotchner (Thomas Gibson), Supervisory Special Agent David Rossi (Joe Mantegna), Special Agent Derek Morgan (Shemar Moore) und Jennifer 'JJ' Jareau (AJ Cook).

 

chilli: Wie groß ist Ihr persönliches Sicherheitsbedürfnis?
Mantegna: Ich glaube, mir geht’s mittlerweile sehr gut. Und ich muss mir keine Sorgen machen.

chilli: War das anders, als Sie in Chicago aufwuchsen?
Mantegna: Aber sicher. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich in einem furchtbaren Problemviertel zur Welt kam. Aber ich wuchs in einer eher ärmlichen Mittelstandsfamilie auf. Wir hatten nie ein Haus, ich lebte immer in Wohnungen – und spielte meistens auf der Straße. Deswegen kenne ich die Welt, wie sie wirklich aussieht, ganz gut. Meine Kinder könnten vermutlich ein paar Probleme damit haben. Sie sind ein einfach privilegierter aufgewachsen, als ich das tat. Allerdings hat sich die Welt auch verändert. Früher ging ich aus der Schule – und meine Eltern sahen nichts von mir bis kurz vor dem Abendessen.

chilli: Die Freiheiten der Jugend …
Mantegna: Heute wäre das für meine Kinder undenkbar. Außerdem habe ich Töchter. Und ich bin Italiener. (lacht) Schlimmer noch: Sizilianer. Andere Leute sollten sich Sorgen wegen mir machen – nicht ich wegen ihnen.

chilli: Wie eng sind denn die Bande noch, wenn Sie Freunde und Verwandte in Italien besuchen?
Mantegna: Absolut familiär – wie es sein muss. Mein Cousin besitzt ein Agriturismo-Ferienhaus, wo wir zuletzt für fünf Tage ausspannen konnten. Ich fühle mich den meisten meiner Sizilianer näher als vielen meiner Verwandten in Amerika. Gerade weil wir uns nicht allzu oft sehen, ist die Verbindung so stark.

chilli: Und Mantegna-Familientreffen in Süditalien laufen ab, wie man Sie sich vorstellen muss: viel Essen, oder?
Mantegna: Oh mein Gott! Wir saßen fast die ganze Zeit am Tisch. Jede Mahlzeit hat dauerte mindestens fünf Stunden. Als ich wieder abreiste kam es mir so vor, als hätte ich vollkommen verlernt, wie sich so etwas wie Hunger anfühlen kann.

Fotos: SWR / Thomas Kost
Quelle: teleschau – der mediendienst