Ratespiel 2.0

Das ganze Leben ist ein Quiz? – ARD-Rückkehrer Jörg Pilawa (48) jedenfalls kann mit Inbrunst ein Lied davon singen. Mit seiner neuesten Showidee ist der Hamburger Star-Moderator wieder einmal im Vorabendprogramm angekommen: Das „Quizduell“ läuft ab 12. Mai, immer montags bis freitags, um 18.00 Uhr, im Ersten – auf dem Sendeplatz der Serie „Verbotene Liebe“, die für drei Wochen in eine Pause geschickt wird. Der Clou an dem Konzept, das Pilawa selbst recht vorsichtig als ein Experiment bezeichnet, ist die Interaktion mit dem Publikum daheim: Jeder kann mitmachen. Denn als App ist das „Quizduell“ mit fast 17 Millionen Usern schon denkbar weit verbreitet – nun kommt das Spiel als Show ins Fernsehen – zunächst mit 14 Sendungen. Pünktlich zum Start wird es ein Update der App geben, mit der alle User als „Team Deutschland“ beim „Quizduell“ mitspielen und sich mit jeweils vier Kanidaten, die im Studio ein Team bilden, duellieren können.

Deutschlands beliebteste App kommt ins Fernsehen: "Quizduell". In der TV-Ausgabe spielen vier Kandidaten im Studio täglich live gegen die Online Nutzer der App. Jörg Pilawa präsentiert das "Quizduell" ab 12. Mai, immer montags bis freitags, um 18.00 Uhr, im Ersten.

 

chilli: Herr Pilawa, zuletzt war glatt wieder das Wort „Quizonkel“ im Zusammenhang mit Ihrem Namen zu lesen. Schlimm?
Jörg Pilawa: (lacht) Ach was. Ich bin bei meinen grauen Schläfen froh, dass sie nicht „Quiz-Opa“ schreiben, und, ehrlich, den „Traum-Schwiegersohn“ früher fand ich noch schlimmer. Also „Quizonkel“ passt – ich habe über 2.000 Quiz-Sendungen moderiert …

 

chilli: Im März schwelgten Sie mit der Neuauflage von „Einer wird gewinnen“ noch in TV-Nostalgie, nun reden wir über das Fernsehen von morgen: eine neue Quizshow auf Basis einer Smartphone-App. Wie passt das zusammen?
Pilawa: Ganz einfach: Mich trieb bei beiden Formaten die Lust am Experiment an. Und diesmal bin ich nervöser denn je: Wir Fernsehmacher träumen zwar seit jeher von der Interaktion, aber so richtig geklappt hat das als TV-Konzept noch nie. „Quizduell“ könnte zum ersten Mal die Communitys von Fernsehen und Internet auf breiter Basis zusammenbringen – ein Experiment, von dem ich nicht weiß, wie es ausgeht. Genau deswegen wollte ich das unbedingt machen.

 

chilli: Für Sie ist die Sendung auch eine Rückkehr zum Vorabend-Quiz – ein Thema, das Sie schon abgehakt hatten.
Pilawa: Ja, eigentlich (lacht). Aber diesmal ist einiges anders: Früher bespielte ich mit meinem Quiz den 19.20-Uhr-Sendeplatz vor der „Tagesschau“, dessen Gesetzmäßigkeiten mir wohlbekannt sind. Die 18.00-Uhr-Schiene, auf der sonst „Verbotene Liebe“ läuft, kann ich überhaupt nicht einschätzen. Wir wollen es auch nicht übertreiben: Wir haben nur 14 Folgen im Programm, das Experiment ist befristet. Das beruhigt mich – und alle Fans von „Verbotene Liebe“, denen ich sage: Spielt einfach mal drei Wochen bei mir mit, dann geht’s wie gewohnt weiter.

 

chilli: Sie werden also definitiv nicht das neue, alte Vorabend-Gesicht im Ersten?
Pilawa: Nein, da kann ich Sie beruhigen. Aber man musste mich jetzt auch nicht zum Jagen tragen – schließlich hatte ich selbst die Idee zur Sendung.

 

chilli: Wie kommt man auf so etwas?
Pilawa: Keine große Sache: Es war im Oktober des vergangenen Jahres, ich spielte mit meinen Kindern, sie forderten mich beim „Quizduell“ am Handy heraus. Mein spontaner Gedanke war: Das ist ein ganz einfaches Konzept, das Jung und Alt zusammenbringt, und wenn sich Eltern daheim mit ihren Kindern batteln können, ist das vielleicht auch im Fernsehen möglich – mal ein Ansatz, um das angegraute Thema Quiz wieder etwas zu entstauben. Ich nahm also Kontakt zu den Entwicklern in Skandinavien auf, sprach mit den deutschen Lizenznehmern ITV über ein TV-Konzept, und dann ging es los.

 

chilli: Die „Quizduell“-App ist bereits ein Riesenerfolg.
Pilawa: Ja, 16,7 Millionen User haben sie sich bisher runtergeladen – eine bessere Plattform für ein solches interaktives Experiment kann es nicht geben. Die spannende Frage ist: Wie viele von diesen Usern spielen bei der Sendung mit und nehmen es mit unseren vier Kandidaten im Studio auf?

 

chilli: Kann so eine Sendung den Weg ebnen für ein neues, interaktives Fernsehen auf breiter Front?
Pilawa: Ja, warum nicht? Auf jeden Fall kann das Format wichtige Erkenntnisse liefern, ob so etwas überhaupt möglich ist – und das, wer weiß, vielleicht sogar eines Tages zur Primetime. Es ist toll, dass es die ARD ist, die so einen Feldversuch startet. Aber auch andere Sender kommen in der nächsten Zeit mit ähnlichen Konzepten. RTL sucht beispielsweise Gesangstalente für Deutschlands erste interaktive Castingshow „Rising Star“ – auch da schaut die Branche gespannt hin. Alle wollen so etwas auf die Beine stellen, aber keiner weiß, wie groß die Schnittmengen zwischen den Paralleluniversen Internet und Fernsehen wirklich sind … Unsere Show kann einen Trend begründen, sie kann sich aber genauso gut als Kopfgeburt entpuppen. Aber ich finde, man darf scheitern – schlimmer wäre, es gar nicht erst zu versuchen.

 

chilli: Sicher geht es bei aller Innovationslust für die ARD am Vorabend auch darum, das überwiegend ältere, nicht unbedingt Smartphone-affine Stammpublikum solcher Quizshows nicht zu vergrätzen.
Pilawa: Sie sprechen mir aus der Seele. Beim Sender bin ich schon als Kulturpessimist verschrien – aber ich werde nicht müde, zu mahnen, dass wir eine solche Sendung auch für Leute machen, die sich noch nie eine App aufs Handy geladen haben – sicher ist das sogar der Großteil des Publikums. Die Sendung muss einfach nur als spannende Quizshow funktionieren. Ein Spagat, dem ich mich mit Ehrfurcht nähere.

 

chilli: Ist die Technik die große Herausforderung, die Frage, wie die interaktive Komponente möglichst griffig in die Show integriert wird, ohne dass sie irritiert?
Pilawa: Natürlich, es kommt viel auf die technische Umsetzung der Idee an. Wir haben das große Glück, dass wir die User sichtbar machen können: Wir werden zum Beispiel eine große Deutschlandkarte haben, auf der wir zeigen wollen, wo der Traffic besonders stark ist, wir können auch Fotos von registrierten Usern einblenden … Wir wollen, dass die anonyme Masse ein Gesicht bekommt. Und ich habe ja noch meine vier Kandidaten im Studio, um jede Menge Emotion zu transportieren.

"Quizonkel' passt - ich habe über 2.000 Quiz-Sendungen moderiert": Moderator Jörg Pilawa (48) moderiert ab 12. Mai das "Quizduell" im Ersten.

 

chilli: Das Thema Quiz funktioniert im deutschen Fernsehen seit einer gefühlten Ewigkeit. Haben uns die Sendungen eigentlich schlauer gemacht?
Pilawa: Ich weiß es nicht. Und in meinem Fall wäre das auch völlig unbeabsichtigt passiert – ich mache ja Unterhaltung, kein Bildungsfernsehen. Dass das Quiz hierzulande tatsächlich so gut funktioniert, wie kaum anderswo auf der Welt, hat sicher auch mit einer gewissen Mentalität zu tun: damit, dass wir die Shows zu Hause ganz entspannt auf der Couch mitverfolgen können, ohne uns anstrengen zu müssen – was bei meiner Sendung durch die Interaktivität ja nun etwas anders werden soll. Ich glaube nicht, dass wir grundsätzlich schlauer oder gebildeter geworden sind, eher ist das Gegenteil der Fall. Das hat aber nichts mit den Quizsendungen zu tun, sondern vielmehr mit Doktor Google – der schnellste und effektivste Weg, eine Frage zu beantworten, gewöhnt uns leider das Denken ab. Wir kommen aus der Übung – ein großes, gesellschaftliches Problem, aber reden wir lieber übers Fernsehen.

 

chilli: Die nächste Show, die Sie im Ersten moderieren werden, heißt „Your Face Sounds Familiar“ – ein international bekanntes Musikformat.
Pilawa: Ja. Die Show ist für den Sommer geplant. Wir lassen Prominente – Schauspieler, Moderatoren, Sportler, Politiker – über fünf Sendungen Woche für Woche in die Rolle eines bekannten Musikers schlüpfen. Dabei werden die Kandidaten von Coaches betreut, komplett verkleidet und für ihren großen Live-Auftritt fit gemacht. In Italien, Spanien, England und den USA ist das Konzept schon ein Hit.

 

chilli: Klar, und je größer die Fallhöhe des prominenten Performers ist, desto lustiger wird das Ganze …
Pilawa: Nein, so will ich die Show nicht verstanden wissen. Vielmehr wollen wir die Zuschauer zum Staunen bringen, was ein relativ unbedarfter Kandidat in kurzer Zeit alles leisten kann, wenn er nur fleißig genug ist und von den richtigen Leuten beraten wird. Das ist positive Unterhaltung, keine voyeuristische. Ein Prominenter bekommt die Chance, sich mal von einer ganz anderen Seite zu zeigen. Überhaupt glaube ich, dass in der Musik zurzeit das größte Showpotenzial liegt, weil die Klammer um den Mainstream heute größer denn je ist.

 

chilli: Und das sagen Sie in einer Zeit, in der alle über das Aus von „Wetten, dass ..?“ reden.
Pilawa: Ja. Es ist sicher eine mutige Entscheidung, eine Sendung einzustellen, die sieben Millionen Zuschauer hat. Ich sehe das durchaus mit einem weinenden Auge: In welcher deutschen Fernsehsendung werden denn zukünftig Cameron Diaz und Co. sitzen? Mir fällt keine ein.

 

chilli: Vielleicht in einer neuen ARD-Sendung mit Jörg Pilawa?
Pilawa: (lacht) Schwierig. Denn im Fernsehen brauchst du Marken – es hatte ja seine Gründe, dass die internationalen Superstars alle zu „Wetten, dass ..?“ gekommen sind. Das ist eine unglaublich starke, emotional aufgeladene Marke.

 

chilli: Sie hätten an der Show festgehalten?
Pilawa: Darauf zu antworten, steht mir nicht zu. Aber wer weiß, vielleicht reden wir in zwei Jahren noch einmal über das Thema – und die Show gibt es dann immer noch oder wieder. Man kann eine Marke und so eine Sendung ja auch mal neu erfinden oder neu aufladen – siehe „Aktenzeichen XY … ungelöst“, heute eine der erfolgreichsten TV-Sendungen überhaupt.

 

chilli: Vielleicht ist „Wetten, dass ..?“ am Ende fürs Fernsehen ja doch genau das, was Ihr HSV für die Bundesliga ist: der unabsteigbare Dino …
Pilawa: (lacht) Ich glaube fest an den Klassenerhalt – aber es wird bis zum letzten Spiel am 10. Mai in Mainz spannend bleiben und wohl nur über die Relegation gehen. Aber wie auch immer: Ich werde mir am 12. Mai in meiner ersten Sendung garantiert nichts anmerken lassen – mit beinahe 50 Jahren wird man eben auch als Fußballfan gelassener.

 

Text: Frank Rauscher / Fotos: © NDR / ARD / Thomas Leidig / Frank Schemmann
Quelle: teleschau – der mediendienst