Wenn die Oma AC/DC hört …

Zeit für einen Exkurs in die TV-Geschichte: Am 25. Januar 1964 begrüßte Hans-Joachim Kulenkampff die Zuschauer im Ersten Deutschen Fernsehen zur ersten Ausgabe von „Einer wird gewinnen“. Die Rate-Show, die die ARD heute „das erfolgreichste Quiz“ aller Zeiten nennt, sorgte in den 60er- und dann noch mal in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren für Furore, tat mit ihrem internationalen Konzept einiges dafür, dass sich die Deutschen „europäischer“ fühlten und machte „Kuli“ (27.04.1921-14.08.1998) zum unvergessenen Liebling der TV-Nation. 50 Jahre später versucht sich Jörg Pilawa (48) an einer Neuauflage: Am Samstag, 1. März, 20.15 Uhr, präsentiert er live aus Berlin die einmalige Show „EWG – Einer wird gewinnen“. Er verstehe sie als Hommage an das Fernsehen jener Zeit, sagt ARD-Rückkehrer Pilawa über seine erste Sendung nach Beendigung seines dreijährigen ZDF-Engagements. Im Interview outet er sich als Nostalgiker, spricht über die TV-Unterhaltung von gestern, heute und morgen und verrät, warum er zur ARD zurückgekommen ist.

"Nostalgie ist ein Faktor": Wie einst Kulenkampff hat Jörg Pilawa acht Kandidaten aus acht Ländern zu seiner Show eingeladen. Allerdings mit einem Unterschied: Bei Jörg Pilawa werden acht Prominente um die 50.000 Euro für einen guten Zweck spielen.

 

chilli: Herr Pilawa, als Sie vor vier Jahren von der ARD zum ZDF wechselten, nahmen Sie sich erst mal eine längere Auszeit. Sie hatten damals über 200 Sendungen pro Jahren moderiert. Wie wollen Sie es nun nach Ihrer Rückkehr zum Ersten angehen?
Jörg Pilawa: Deutlich ruhiger. Schon beim ZDF waren es viel weniger Sendungen, die ich moderierte. Man wird nicht jünger – ich werde nächstes Jahr 50 Jahre alt. Ich habe eine großartige Familie, vier tolle Kinder. Das will ich einfach etwas intensiver genießen.

 

chilli: Also erfolgte der neuerliche Wechsel aus familiären Gründen?
Pilawa: Ja. Die Anfragen, mehr zu machen, waren ja immer da, auch jetzt, was ich als schöne Bestätigung empfinde. Und vor sechs, sieben Jahren hatte ich noch den Sprachfehler, nicht Nein sagen zu können. Den habe ich inzwischen überwunden. Ich habe gelernt: Weniger kann mehr sein, wenn man Wert auf sein Familienleben legt. Nun war es einfach so, dass nach drei erfolgreichen Jahren mein Vertrag beim ZDF auslief. Und dann überlegt man eben … Beim NDR finde ich eine Postleitzahl vor, die meiner privaten Adresse deutlich näher ist als die 55127 in Mainz. Ich fühle mich wohl in Hamburg.

 

chilli: Haben Sie eigentlich Respekt vor der rasant nahenden 50?
Pilawa: Nein, gar nicht. Nervös macht mich nur der Gedanke, dass es dann steil auf die 60 zugeht (lacht).

 

chilli: Welche Träume hat man noch, wenn man schon so viel erreicht hat?
Pilawa: Ich würde gerne ein neues Show-Format entwickeln, das nicht von mir, sondern von einem völlig neuen, jungen Moderator getragen wird und sich dauerhaft als feste Marke im Programm etablieren kann. Denn das ist die große Herausforderung: Ein neues Konzept wird heute erst dann als Event wahrgenommen, wenn es zwei, drei Jahre auf Sendung ist. So etwas würde ich gerne noch mal schaffen.

 

chilli: Haben wir genug Showtalente im Land?
Pilawa: Gute Frage. Es ist enger geworden, seit der Fernsehnachwuchs so gut wie nicht mehr aus den Radiostationen rekrutiert wird, weil heute eben fast nur noch Formatradio gemacht wird und man neuen Gesichtern im TV keine Zeit mehr gibt. Die müssen heute auf den Punkt funktionieren. Wenn nicht, sind sie weg vom Fenster.

 

chilli: Wann ist ein Moderator ein guter Moderator?
Pilawa: Meine Formel lautet: Du musst zu 80 Prozent den Mainstream glücklich machen und zu 20 Prozent die Nischen rechts und links bedienen. Wobei es natürlich so ist, dass du heute bei den Kritikern und Machern auffällst, wenn du es genau umgekehrt angehst: 80 Prozent Nische, 20 Prozent Mainstream. Doch dann hast du ein Problem mit der Quote.

 

chilli: Was halten Sie etwa von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf?
Pilawa: Großartig! Und ich finde es toll, dass Sie bei ProSieben ein Format gefunden haben, das konkret nur die jungen Zuschauer bedient. Ich hoffe aber, dass Joko und Klaas 2.0 einmal so funktionieren, dass sie eines Tages auch Oma Kalupke beim ZDF mitnehmen können.

 

chilli: Wird es denn immer auch um Oma Kalupke gehen beim Öffentlich-Rechtlichen?
Pilawa: Ohne Frage, ja. Aber vergessen Sie nicht, dass die Oma von heute gerne mal AC/DC hört. Also wer weiß, was bei den Omas von Morgen angesagt ist!

 

chilli: Glauben Sie denn noch daran, dass es in Deutschland je wieder eine große Familienshow geben wird, die Jung und Alt begeistert und Quoten im zweistelligen Millionenbereich erzielt?
Pilawa: Sie meinen ein Format wie „Wetten, dass ..?“ in den 80er-Jahren? Nein, ganz ehrlich, das halte ich für alle Zeiten für komplett ausgeschlossen!

 

chilli: Dann lassen Sie uns ein bisschen in die Ursachenforschung einsteigen!
Pilawa: Die Fernsehlandschaft hat sich total verändert, der Zuschauer ist wesentlich heterogener geworden. Das Angebot ist extrem vielfältig und weit aufgefächtert, und in vielen Haushalten steht längst nicht nur ein Fernsehgerät – sofern die Leute überhaupt lineares Fernsehen konsumieren. Ich weiß auch nicht, ob ich mich mit meinen Eltern zusammen vor den Fernseher gesetzt hätte, wenn ich als Jugendlicher die Möglichkeit gehabt hätte, gleichzeitig meine Lieblingsserie auf dem Smartphone anzuschauen oder im Internet zu chatten.

 

chilli: Aber was treibt Sie an, wenn nicht die Hoffnung, doch noch einmal den großen Wurf zu landen?
Pilawa: Natürlich hofft man. Und es passiert ja hin und wieder noch Überraschendes im Unterhaltungsfernsehen. Nehmen Sie nur „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“. Dafür bezog RTL früher Prügel, aber heute schreibt selbst das Feuilleton wohlwollend über das Format, die Sendung bekommt den Fernsehpreis und wird für den Grimmepreis nominiert. Längst schauen mehr Leute dem Treiben im Dschungel zu als dem auf der „Wetten, dass ..?“-Couch. Was ich sagen will: Es gibt immer noch und immer wieder Verschiebungen. Der Glaube an den großen Wurf, an das nächste große Event, die neue TV-Marke, ist absolut mein Antrieb – nur geht es dabei nicht um das Niveau der großen Zeiten des deutschen Showfernsehens.

 

chilli: Sie sind Jahrgang 1965. An was erinnern Sie sich, wenn Sie an das Fernsehen Ihrer Kindheit denken?
Pilawa: An den guten, alten Fernsehschrank! Den Schlüssel hatten die Eltern, und wenn er mal aufgeschlossen wurde, war das immer etwas Besonderes. Fernsehgucken wurde in den 70er-Jahren noch richtig zelebriert. Vor allem am Samstagabend. Und am Montag sprach man darüber – in der Schule, im Büro, am Stammtisch. Es hatten ja alle dasselbe Programm gesehen.

Jörg Pilawa ist zurück im Ersten. In einer Samstagabendshow am 1. März, 20.15 Uhr, präsentiert er live aus Berlin die einmalige Neuauflage des erfolgreichsten Quiz aller Zeiten: "EWG - Einer wird gewinnen". Eine Hommage, die einer Legende des deutschen Fernsehens gewidmet ist: Hans-Joachim Kulenkampff.

 

chilli: Also schauten Sie die großen Shows wie Hans-Joachim Kulenkampffs „Einer wird gewinnen“ schon als Kind?
Pilawa: Natürlich. „EWG“, „Dalli Dalli“, „Am laufenden Band“ … So sieht sie aus, meine Fernseh-Sozialisierung. Das waren Rituale: Wir Kinder kamen frisch aus der Badewanne, es gab Abendbrot, und dann saß die ganze Familie zusammen vor der Kiste. Es war der einzige Tag in der Woche, an dem wir länger aufbleiben durften. Fernsehen hatte einen ganz anderen Stellenwert in dieser Zeit – auch weil es nur maximal ein Gerät pro Haushalt gab und kaum Programmalternativen. Entsprechend stark wirkte das, was man zu sehen bekam, nach.

 

chilli: Schürte diese Zeit etwa schon Ihre Lust auf die Branche?
Pilawa: Nein. Aber ich erinnere mich, dass wir als Kinder immer alles Mögliche aus dem Fernsehen zu Hause nachspielten. Ideal war da „1, 2 oder 3“: Wir falteten einfach drei Doppelseiten aus der Tageszeitung auf, legten sie nebeneinander auf den Boden, schrieben Zahlen drauf – und dann sprangen wir eben hin und her … Auch „Das laufende Band“ war leicht ins Kinderzimmer zu adaptieren – es ging ja nur darum, sich Gegenstände zu merken. Und nach „Einer wird gewinnen“ holten wir immer den Brockhaus aus dem Regal, um noch mal nachzulesen, was wir über die einzelnen Länder gehört hatten. Das Fernsehen jener Zeit war elektrisierend, anders kann ich das nicht sagen.

 

chilli: Waren die Familienshows damals besser? Ist es so einfach?
Pilawa: Ich fragte mich das auch, als ich mit „EWG“ befasste: Verklären wir das in der Erinnerung oder waren diese Shows tatsächlich so überragend? Nun, ich sah mir in den letzten Wochen sehr, sehr viele Shows aus den 70er- und 80er-Jahren an …

 

chilli: Und?
Pilawa: Ich komme zu dem Schluss, dass sich jeder Vergleich verbietet, denn das war eine komplett andere Zeit. Das Fernsehen hatte diesen herausragenden Stellenwert, der auch mit der Verknappung zu tun hatte: Es gab drei Sender, und das Programm begann irgendwann am Nachmittag, nach Mitternacht war Sendepause. Heute läuft die Glotze bei vielen Leuten praktisch rund um die Uhr als Radioersatz. Wir haben 24 Stunden Dauerberieselung und täglich Hunderte von Sendungen. Wenn eine Show gesendet wurde, stand ein entsprechender Aufwand dahinter. Und dann hatten diese Shows vor 30, 40 Jahren natürlich auch ein komplett anderes Publikum, das mit ganz anderen Erwartungen dabei war. Einmal bei solch einer Sendung als Otto-Normalbürger im Saal zu sitzen, war doch das Allergrößte: Die Männer trugen schwarzen Anzug, weißes Hemd und Krawatte. Und die Frauen waren bestimmt schuld am Ozonloch über Deutschland, so viel Spray hatten sie in den auftoupierten Haaren. Und das Gefühl, das man zu Hause beim Fernsehen hatte, war so ähnlich – fast wie ein Theaterbesuch in den eigenen vier Wänden.

 

chilli: Es scheint fast so, als hätten Sie die „EWG“-Neuauflage aus Nostalgiegründen entwickelt!
Pilawa: Zum Teil ist es so. Nostalgie ist ein Faktor. Ich will etwas von damals in die heutige Zeit hinüberretten, die älteren Zuschauer auch ein bisschen in ihrer Meinung bestärken, dass das Fernsehen früher viel, viel, viel besser war (lacht). Die Show wird – 50 Jahre nach der ersten Ausgabe von „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff – also auch eine Hommage. Wir arbeiten mit Einspielern, die an die alten Tage erinnern. Aber natürlich geht es auf der anderen Seite darum, das Ganze ins Fernsehgefühl von heute zu transportieren. Die Schnitte und Kamerafahrten, die Spiele mit den Kandidaten – alles war damals viel langsamer. Wir geben „EWG“ einen sehr modernen Anstrich, was mit der Bühendeko beginnt. Wir haben visualisierte Gaze- und Lichtobjekte und werden, ohne zu viel zu verraten, eine der modernsten Dekos präsentieren, die jemals gebaut wurden.

 

chilli: Die nächste Show, die Sie im Ersten moderieren werden, heißt „Your Face Sounds Familiar“ – ein international bekanntes Musikformat.
Pilawa: Ja. Wir lassen Prominente – Schauspieler, Moderatoren, Sportler, Politiker – über fünf Sendungen Woche für Woche in die Rolle eines bekannten Musikers schlüpfen. Dabei werden die Kandidaten von Coaches betreut, komplett verkleidet und für ihren großen Live-Auftritt fit gemacht. In Italien, Spanien, England und den USA ist das Konzept schon ein Hit.

 

chilli: Klar, und je größer die Fallhöhe des prominenten Performers ist, desto lustiger wird das Ganze …
Pilawa: Nein, so will ich die Show nicht verstanden wissen. Vielmehr wollen wir die Zuschauer zum Staunen bringen, was ein relativ unbedarfter Kandidat in kurzer Zeit alles leisten kann, wenn er nur fleißig genug ist und von den richtigen Leuten beraten wird. Das ist positive Unterhaltung, keine voyeuristische. Ein Prominenter bekommt die Chance, sich mal von einer ganz anderen Seite zu zeigen. Überhaupt glaube ich, dass in der Musik zurzeit das größte Showpotenzial liegt.

 

chilli: Weshalb?
Pilawa: Weil die Klammer um den Mainstream heute größer denn je ist. Nehmen Sie eine Helene Fischer, einen Andreas Gabalier … Ich merke es auch daheim bei meinen vier Kindern, mit denen ich im Auto problemlos AC/DC hören kann – finden die klasse. Was für ein Unterschied zu mir und meinem Vater früher!

 

Text: Frank Rauscher / Fotos: ARD / Frank Schemmann
Quelle: teleschau – der mediendienst