„Man will kein Beiwerk sein“

Scheiden tut weh? Nicht unbedingt. „Wie ein Befreiungsschlag“ habe die Trennung von Jupiter Jones und ihrem Leadsänger Nicholas Müller gewirkt – für beide Seiten. Dieses Statement veröffentlichte die Band auf Facebook, um ihren Fans klar zu machen, dass sie auch ohne Müller weitermachen würde. Seine Angststörung hatte die Mitarbeit in einer Band unmöglich gemacht – zuletzt musste sogar eine lange geplante, große Tour abgesagt werden, bevor Müller die Reißleine zog. Ihr Versprechen haben Jupiter Jones mittlerweile eingelöst: Die ersten Konzerte mit dem neuen Sänger Sven Lauer haben bereits stattgefunden, neue Tourtermine stehen auch schon fest.

Doch nun blicken Jupiter Jones erst einmal zurück: Mit „Glory.Glory.Hallelujah“, einem Live-Album, auf dem 20 Songs ihrer ersten vier Alben versammelt sind – noch mit Müller aufgenommen bei einer kleinen Konzertreihe in Köln. Und die Band gönnt sich momentan keine Pause: Mitten in der Festivalsaison fand Gitarrist und Manager Sascha Eigner trotzdem Zeit für ein Interview.

Zurück zum Artikel Darauf einen Schnaps: Zwischen Jupiter Jones und ihrem neuer Sänger Sven Lauer (zweiter von rechts) stimmt die Bandchemie.

 

chilli: Wie fühlt es sich an, wieder auf der Bühne zu stehen?
Sascha Eigner: Super! Grundsätzlich machen wir Musik, um auf der Bühne zu stehen und nicht um in irgendwelchen miefigen Proberäumen abzuhängen. Gerade fühlt sich ohnehin alles frisch und neu und voller Energie an. Auch weil Sven auf der Bühne ein ganz anderer Typ ist als Nicholas, viel extrovertierter – und diese Energie kommt vom Publikum direkt zu uns zurück. Deshalb sind auch die ersten Festivalauftritte so unglaublich positiv aufgenommen worden.

 

chilli: Ist es für Sie eigentlich noch ungewohnt, die alten Songs mit einer neuen Stimme zu hören?
Eigner: Das war sehr spannend. Nachdem wir beschlossen hatten, es gemeinsam zu versuchen, war die Feuerprobe natürlich, in den Proberaum zu fahren und zusammen die ersten Songs zu spielen. Auf dem Papier klang alles gut, aber ob sich auch eine gewisse Magie im Zusammenspiel ergibt, sieht man eben erst, wenn man wirklich gemeinsam Musik macht. Da hatten wir alle – naja, nicht Angst, aber Respekt. Klar war es am Anfang etwas komisch, aber schon am Ende der ersten Probe sahen wir uns an und sagten: „Krass, dass wir uns jetzt schon daran gewöhnt haben!“

 

chilli: Gut, dass das so schnell ging – so viel Zeit blieb ja gar nicht zum Proben vor den ersten Auftritten …
Eigner: Stimmt. Wir hatten schon harte Zeiten, aber so viel wie in den letzten drei, vier Monaten arbeiteten wir noch nie. Da waren einige schlaflose Nächte dabei. Dazu zogen wir noch aus der Eifel nach Hamburg, mit dem kompletten Proberaum und dem Studio. Wir schrieben sogar neue Songs. Wenn ich jetzt so zurückblicke, weiß ich gar nicht, wie wir das alles schafften. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir in dieser Konstellation so viel Gas geben können, und das quasi von Null an. Fast verrückt.

 

chilli: Ganz von Null an ist es ja nicht – Sie und Sven Lauer sind alte Freunde …
Eigner: Nun ja, wir kennen uns, seit wir drei sind. Wir wuchsen in einem kleinen Eifel-Dörfchen auf und gründeten mit elf oder zwölf unsere erste eigene Band. Und auch wir drei von der Band sind ein eingespieltes Team. Trotzdem kann man nicht einfach so weitermachen, wenn da jemand neu dazukommt. Wir mussten uns schon alle neu aufeinander einstimmen. Das bedurfte einer Menge Proben.

 

chilli: Die intensive Probenzeit trug bestimmt auch viel zum Teamgeist bei …
Eigner: Total. Es war auch zum ersten Mal nach langer, langer Zeit so, dass wir abends nach einer Probe einfach zusammengesessen und gemeinsam noch eine Flasche Schnaps getrunken haben. Das gehört auch einfach zu diesem Bandgefühl dazu.

 

chilli: Sie sind gerade eben sehr offen, das war die ganze Band – sowohl bei der ersten Tourabsage als auch bei Nicholas’ Weggang. Hatten Sie jemals Angst davor, sich so offen zu zeigen?
Eigner: Nein. Wir mussten in den letzten Jahren einige Konzerte absagen. Der Grund war schon damals der, den heute alle kennen. Aber wir sagten das nicht so offen, weil es hier mal um eine Show ging und da mal um ein Wochenende. Da war die Tragweite nicht so groß. Aber kurz vor einer Tour, die komplett geplant ist – vom Veranstalter über uns und die Crew bis hin zu den Leuten, die Karten gekauft und sich auf ein Konzert gefreut hatten – da wussten wir, wir können jetzt keine doofe Ausrede erfinden. Nach sechs Jahren mussten wir mit der Wahrheit raus. Das war ein Bedürfnis von Nicholas, aber auch von uns anderen. Und ich finde das auch gar nicht so schlimm. Im Gegenteil, vielleicht macht das ja anderen Betroffenen Mut, damit offener umzugehen. Es ist eine Krankheit, aber man kann sie bekämpfen. Man muss eben nur offen damit umgehen.

Scheiden tut weh? Nicht unbedingt. Jupiter Jones sind bereit, mit ihrem neuen Sänger Sven Lauer (zweiter von rechts) weiterzumachen: "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir in dieser Konstellation so viel Gas geben können", sagt Gitarrist Sascha Eigner (rechts).

 

chilli: Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Nicholas?
Eigner: Im Moment leider nicht. Das liegt aber daran, dass er erst mal auf die Beine kommen muss. Dafür braucht er seine Ruhe. Und bei uns waren die letzten Monate ohnehin Hölle viel Arbeit, wir mussten erst mal schauen, dass wir die Band wieder auf die Beine bekommen.

 

chilli: Jetzt, wo die Band wieder steht: Was ist die größte Veränderung?
Eigner: Nun, eine Band ist ein Gefüge wie eine Fußballmannschaft. Jeder muss mitarbeiten. Bei Nicholas war es am Ende so, dass jeder ihm etwas abnehmen musste, weil die Belastung sonst zu groß wurde. Er konnte kaum noch an der Band teilnehmen. Jetzt ist da jemand, der hundertprozentig, mit voller Power Gas gibt. Das macht er aber auch für alle sichtbar auf der Bühne: Er ist einer, der von links nach rechts, von oben nach unten, von der ersten bis zur letzten Minute über die Bühne rennt wie ein Wahnsinniger. Runter in den Graben, rauf auf die Balustrade … das gibt uns allen ein super Gefühl. So wollten wir immer auftreten.

 

chilli: In Ihrer Erklärung zu Nicholas’ Weggang hieß es: „In jeder Gang gibt es Menschen, die vorangehen. Die neue und erst einmal verrückte Ideen haben, die immer an vorderster Front kämpfen, die immer für alle Ansprechpartner sind. Und diese Menschen sind noch da.“ Ist es für den Rest der Band schwer, neben dem Leadsänger überhaupt gesehen zu werden?
Eigner: Um auf den Fußball-Vergleich zurückzukommen: Der Sänger ist vielleicht der Stürmer, der den Ball reinmacht und im Blitzlichtgewitter steht. Er kann aber keine Tore schießen, wenn keine Abwehr und keine Mittelfeldspieler alles vorbereiten und ihm den Pass geben. Es ist aber leider oft so, dass in der Öffentlichkeit den Sänger als kreativen Kopf und Chef einer Band ansehen. Das ist teilweise ganz krass. Wir kamen schon nach Konzerten raus zum Publikum, wenn Nicholas nicht mitgehen konnte, und wurden dann gefragt: „Wo ist denn euer Chef?“ Das ist fast schon beleidigend, denn alle anderen werden so zum Beiwerk degradiert. Jeder von uns gibt Gas bis zum Gehtnichtmehr, da will man kein Beiwerk sein.

 

chilli: Das hat sich durch diesen Schritt doch sicher geändert?
Eigner: Ich glaube nicht sehr, die Leute haben immer den Sänger im Fokus. Und das ist auch nicht schlimm. Wir achteten immer darauf, dass wir als Band auftreten. Das trägt jetzt auch dazu bei, dass die Leute uns auch optisch wiedererkennen.

 

chilli: Worauf freuen sich Jupiter Jones jetzt?
Eigner: Darauf, dass der neue Song veröffentlicht wird. Dass alle hören, wie die neue Konstellation klingt. Bisher war alles etwas rückwärtsgewandt. Auch die Live-CD, die wir jetzt veröffentlichen, ist zwar ein schöner Abschluss für die alte Zeit, aber eben für die alte Zeit. Ich freue mich also darauf, endlich ganz in die Zukunft gucken zu können.

 

Text: Sabine Metzger / Fotos: © © Sven Sindt / Sony
Quelle: teleschau – der mediendienst